Lomea war eine Phantominsel an der Nordeinfahrt der Straße von Dover, die östlich von Deal (Kent) gelegen haben soll. Die heutigen Goodwin Sands, eine Abfolge von Sandbänken, gelten als mögliche Überreste der untergegangenen Insel.
Legende und Historie Römische Besetzung Britanniens mini|Thanet und Rutupiae als Inseln auf einer Karte aus dem 18. Jahrhundert Der Historiker George Byng Gattie schreibt unter Berufung auf nicht namentliche genannte, ältere Autoren und mündliche Überlieferungen, dass es angeblich um die Zeitenwende drei Inseln vor der Küste von Kent gab, die den römischen Eroberern Britanniens bekannt waren: „Tanatus“ im Norden, „Rutupiæ“ im Süden und südöstlich der beiden eine weitere Insel, genannt „Infera Insula“.George Byng Gattie: Memorials of the Goodwin Sands, and Their Surroundings, Legendary and Historical. W. H. Allen & Co., London 1890. Mit „Tanatus“ dürfte die Isle of Thanet, heute eine Halbinsel, gemeint sein. „Rutupiæ“ ist zweifellos das spätantike Kastell Rutupiae, unweit des römischen Rutupis, des heutigen Richborough. „Infera Insula“ enthält das lateinische Adjektiv inferus mit der Bedeutung von „unten befindlich“, „unter“ oder „unterirdisch“. Frei übersetzt könnte der Name „versunkene Insel“ bedeuten. Der Überlieferung nach soll diese „Infera Insula“ die untergegangene Insel Lomea gewesen sein.Chambers's encyclopaedia, Band V. W. & R. Chambers, London 1901. Allerdings sind diese drei Inseln, namentlich Lomea, in Julius Caesars Werk De bello Gallico nicht erwähnt, das in Buch 5 den Feldzug nach Britannien beschreibt.Julius Caesar: De bello Gallico, Liber V/7 Die Tabula Peutingeriana, eine um 1200 n. Chr. angefertigte Kopie einer spätrömischen Straßenkarte, zeigt weder die „Infera Insula“ noch Lomea und auch sonst keine Insel, die nach ihrer Position Lomea entsprechen könnte.Tabula Peutingeriana.
Der britische Altertumsforscher Edwin Guest (* 10. September 1800; † 23. November 1880) hingegen glaubt nicht, dass Goodwin Sands – oder die Insel Lomea – bereits zu Cäsars Zeiten existierten.Edwin Guest: Origines Celticae, Band II. Macmillan & Co., London 1883, S. 349. Es muss daher zweifelhaft bleiben, ob Lomea den römischen Eroberern Britanniens bekannt war.
Mittelalter Eine in Kent weit verbreitete Legende besagt, dass die Familie Godwin (auch Goodwin, Goodwyn) im Besitz einer Insel namens Lomea war. Sie wird als eine niedrige und fruchtbare Insel beschrieben. König Eduard der Bekenner (englisch: Edward the Confessor) soll Lomea an Earl Godwin von Wessex, den Vater von König Harold II., verschenkt haben, doch sie versank in einer Sturmflut. Diese Legende greift der schottische Historiker Hector Boece in seiner 1526 erschienenen Werk Scotorum historiae a prima gentis origine […] (deutsch: Die Geschichte der Schotten von den Anfängen der Nation an) auf, jedoch ohne den Namen Lomea zu erwähnen:
Die Sturmflut, die Boece hier andeutet, ist die große Flut von 1099, die auch in der Angelsächsischen ChronikAngelsächsische Chronik, Manuskript E, 1121–1154 n. Chr. und weiteren zeitgenössischen Quellen verzeichnet ist.
Einer anderen Legende zufolge befand sich Godwin während eines Feldzuges in den Weald in großer Gefahr, von seinen Feinden überwältigt zu werden. Als er sich versteckte, gelobte er, zu Ehren der Jungfrau Maria einen Kirchturm für die Kirche von Tenterden zu stiften, sollte er je sicher nach Lomea zurückkehren. Godwin entkam, doch vergaß er bald sein Gelübde. Da erfasste der Zorn des Himmels Godwins Besitz und Lomea versank im Meer.Foreign News: The Low Island. In: Time-Magazin, 19. Januar 1948.
Nach einer anderen Version der Sage war der Abt von Canterbury verantwortlich für den Untergang der Insel. Die Güter der Goodwins waren stets durch einen starken Deich vor den Fluten des Meeres geschützt gewesen. Als Wilhelm der Eroberer diese Ländereien, die einst Harold Godwinson gehört hatten, dem Bistum Canterbury übertrug, vernachlässigten die Geistlichen die Pflege des Schutzwalles und verwendeten die zum Unterhalt vorgesehenen Gelder für den Bau des Kirchturms von Tenterden. Die Folge war, dass die schutzlose Insel in einer Sturmflut unterging.
Historische Dokumente Weder Lomea noch ein ähnlich klingender Ort sind im Domesday Book, dem Grundbuch von England aus dem 11. Jahrhundert, enthalten.Charles C. Harper: The Kentish Coast. Chapman & Hall, London 1914.
Soweit bisher bekannt, wurde Lomea erstmals erwähnt in dem Buch De rebus Albionicis (deutsch: Von den Angelegenheiten Albions) von John Twyne (* ca. 1505; † 24. November 1581), einem englischen Schulmeister und Parlamentsmitglied. Das 1590 posthum von seinem Sohn herausgegebene Werk befasst sich mit der frühen britischen Geschichte und ist ein eher auf Tatsachen beruhender Gegenentwurf zu Geoffrey von Monmouths Historia regum Britanniae (deutsch: Geschichte der Könige Britanniens) aus dem 12. Jahrhundert, das weitgehend fiktiv ist und die Legenden um die Sagengestalt des Königs Artus in den Mittelpunkt stellt. Twyne ist der Erste, der eine Beziehung zwischen Lomea und den Goodwin Sands sieht:
Im Jahr 1576 erschien das Buch A Perambulation of Kent (deutsch: Ein Spaziergang durch Kent), eine lokalhistorische Abhandlung der englischen Grafschaft Kent, des Richters und Rechtsgelehrten William Lambarde (1536–1601), in dem ein Kapitel die Überschrift „The Goodwine or Godvvine Sandes.“ trägt. Es befasst sich mit den Besitztümern der englischen Adelsfamilie Godwin. Lambarde schreibt – und beruft sich dabei auf Giraldus Cambrensis –, dass es um die Regierungszeit von König Wilhelm Rufus oder zu Beginn der Herrschaft seines Nachfolgers Heinrichs I.Das müsste zwischen 1087 und 1135 n. Chr. gewesen sein. zu einer verheerenden Flut gekommen sei, durch die ein großer Teil Flanderns und angrenzender Gebiete überschwemmt und verwüstet wurde:
Lambarde erwähnt in der Erstausgabe seines Buches den Namen Lomea nicht. Zwanzig Jahre später, im Jahr 1596, erschien eine Neuausgabe,William Lambarde of Licolness: A Peràmbulation of Kent […] Edm. Bolifant, London 1596. in der das gleiche Kapitel mit ansonsten unverändertem Inhalt den Titel „The Goodwine or Godvvine Sands: Lomea after Twyne“ trägt. Auch Lambarde war nun von einer Verbindung zwischen den Goodwin Sands und Lomea überzeugt.
Die Fakten Ob es die Insel Lomea einst tatsächlich gegeben hat, ist schwer zu beurteilen. Zwar werden auf den Goodwin Sands und am Strand der nahe gelegenen Sandwich Bay gelegentlich Artefakte – Keramikscherben, Beschläge etc. – gefunden, die aber eher von den zahlreichen Schiffswracks stammen dürften. Die Land-Art-Künstlerin Sara Trillo hat sie in ein Kunstprojekt integriert, doch eine systematische wissenschaftliche Aufarbeitung hat bisher nicht stattgefunden. Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Trinity House, die Leuchtfeuerverwaltung für England, Wales und die übrigen britischen Hoheitsgewässer, den Bau eines Leuchtturms auf den Goodwin Sands plante, stellte man bei Probebohrungen fest, dass die Sandbank aus viereinhalb Meter dickem Sand besteht, der auf blauem Ton ruht.Charles Lyell: Principles of geology, being an attempt to explain the former changes of the Earth's surface, by reference to causes now in operation. Band 1, John Murray, London 1830, S. 276.
Die Goodwin Sands gehören zu einem sich ständig im Wandel befindlichen System von langgestreckten Sandbänken in der Straße von Dover, die vor England, Flandern, der Picardie und Nord-Pas-de-Calais meist parallel zur Küste verlaufen. Ihre Länge schwankt zwischen 3 und 70 km und ihre Breite zwischen mehreren hundert Metern und 6 Kilometern. Sie sind, abhängig von den Gezeiten, teilweise überflutet, die höchsten können jedoch bis zu 25 Meter hoch sein.J. W. C. James et al.: Geosynth: a synthesis of the geology and sediments of the Dover Strait and its hinterland. British Geological Survey, Commissioned Report CR/02/078, 2002. Diese Landformen sind äußerst instabil und ändern sich ständig. Es gibt zahllose Beispiele für den Gewinn und Verlust von Land entlang der süd- und südwestlichen Küste Englands. Der Untergang einer solchen Struktur, zum Beispiel in einer Sturmflut, ist daher nicht unwahrscheinlich und könnte zur Bildung der Legende von Lomea beigetragen haben.
Einzelnachweise
Anmerkungen
Kategorie:Phantominsel