Eva M. J. Schmid (geb. 1917 in Koblenz) ist eine deutsche Kunsthistorikerin und Filmkritikerin, Publizistin und Filmvermittlerin. Sie gründete zusammen mit Hilmar Hoffmann die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen und prägte als Kuratorin die deutsche Kurzfilmkultur der 1950er und 1960er Jahre durch ihre langjährige Arbeit an der Schnittstelle von Bildung, Filmkultur und Festivalarbeit. Ihr Archiv ging 1974 an die Ruhr-Universität Bochum.
Frühes Leben und Ausbildung Eva M. J. Schmid hatte 1924 den ersten einschneidenden Kinokontakt und ab 1926 in Berlin einen intensiven Umgang mit Film mit 6–10 Kinobesuchen im Monat. Ab 1932 nahm sie in Leipzig Schauspielunterricht und ab 1936 studierte sie Kunstwissenschaft und Literaturwissenschaft. In studentischen Arbeitsgemeinschaften arbeitet sie zu Filmtheorie und Filmgeschichte und konnte im Reichsfilmarchiv als Studentin unter anderem in NS-Deutschland verbotene Filme sehen. Sie promovierte 1945 in Prag zu einem figuralen Bewegungsmotiv. Filmclubs Eva M. J. Schmid prägte in den 1950er‑ und 1960er‑Jahren die Arbeit mehrerer Filmclubs im Ruhrgebiet, die sogenannte Kulturfilme und wichtige internationale Filme einem breiten Publikum erschlossen und Diskussionen förderten. In Herne organisierte sie an der Volkshochschule Filmdiskussionen mit bis zu 700 Besuchern pro Abend, etwa zu Greta-Garbo-Reihen oder verfilmter Literatur wie Regine nach Gottfried Keller. In Recklinghausen übernahm sie 1954 den Vorsitz des Filmclubs, initiierte Kinder- und Jugendclubs und arbeitete mit Kinobetreibern zusammen, um Filme wie Die ehrbare Dirne oder Nacht und Nebel zu zeigen. Sie experimentierte didaktisch, etwa mit Live-Kommentaren zur Herstellungsweise und zum Schnitt in Film ohne Titel von Rudolf Jugert oder mit Zeichnungen von Bildachsen bei Visconti-Seminaren zu Bellissima und Rocco und seine Brüder. Themen waren Filmgeschichte, -ästhetik, -soziologie und Politik. Sie provozierte Debatten zu Rassismus und Faschismus, kooperierte mit dem Westdeutschen Schulfilm-Verein und trug zur Etablierung von kommunalen Kinos bei.
Gründung der Kurzfilmtage Oberhausen Sie arbeitete mit Hilmar Hoffmann ab 1951 an Karteien zu kulturpolitischen Filmen im Rahmen ihrer Arbeit an der Volkshochschule; dies mündete 1954 in die ersten Westdeutschen Kulturfilmtage Oberhausen (später Internationale Kurzfilmtage). Die Gründung war von der Idee der Erwachsenenbildung und der Demokratisierung nach der gerade zurückliegenden Zeit des Nationalsozialismus. Es wurde versucht, den Film in den Dienst der Aufklärung und Bildung eines tieferen gesellschaftlichen und politischen Bewusstseins zu stellen. Sie leitete rund um die Filmtage bis in die 1960er Seminare, referierte über Filmmusik, Literaturverfilmungen, machte Ausstellungen, organisierte sie Retrospektiven und Filmprogramme.
Haltung Eva M. J. Schmid sah Filmwissenschaft und -kritik als Werkzeuge der Aufklärung und Demokratisierung, eng verknüpft mit Erwachsenenbildung und gesellschaftlichem Bewusstsein. Im Sinne Adornos wollte sie Film „in den Dienst der Aufklärung stellen“, um nach der NS-Zeit ein neues politisches Denken zu fördern – ein Ansatz, den sie mit Hilmar Hoffmann in den Westdeutschen Kulturfilmtagen umsetzte.
In ihrem Gespräch mit Heide Schlüpmann im Jahr 1983 betonte sie die didaktische Funktion: Kritik sollte fachliches Wissen vermitteln, Inhalte diskutieren und ästhetische Mittel analysieren. Sie arbeitete mit empirischer Beobachtung und Publikumsreaktionen und verband ästhetische Analyse mit sozialer Reflexion. Später lehrte sie Filmsemiotik an der Ruhr-Universität Bochum und versuchte dort Filmwissenschaft zu verankern.
In der Rezension dieses Interviews mit Eva M.J. Schmid, die 1985 in medienwissenschaft publiziert wurde, spricht die Autorin Sigrid Weidel von einem lebendigen Eindruck der filmpolitischen Atmosphäre, von Antikommunismus und Geschichtsverdrängung und benennt sie als Akteurin der Nachkriegszeit mit Filmseminaren, Filmclubs und zusätzlich als Mitbegründerin der 'Recklinghausener Filmtage'. Sie benennt als einen zentralen Widerspruch und als Grundstein der Ausbeutbarkeit weiblicher Kulturarbeit die bei vielen Frauen vorhandene Abwehr gegenüber institutioneller Vereinnahmung.
Späte Tätigkeit und Rezeption Ab 1974 bis sicher 1995 hatte sie einen Lehrauftrag für Filmsemiotik an der Ruhr-Universität Bochum.https://www.ruhr-uni-bochum.de/50-jahre-germanistik/PDF/1970er/197474_SS.pdf Später übergab sie ihr Archiv dieser Universität. In Interviews wie 1983 mit Heide Schlüpmann reflektierte sie ihre Arbeit als cinephile Initiative in einem „Entwicklungsland“ der Filmbildung. Ihre Beiträge zur Filmkritik und -pädagogik werden in der Medienwissenschaft als wegweisend gewürdigt und 1987 wurde sie mit der Medaille für besondere Verdienste der Ruhr-Universität Bochum ausgezeichnet.https://kulturarchiv-ruhr.de/media/item/nachspiel-nr-1_oPD6Bfg.pdf
Publikationen, Film- und Videokritiken
Eva M. J. Schmid & Frank Scurla. Werner Schroeter, Filme 1968-1970. Recklinghausen, 1971 Werner Schroeter oder Die heiligsten Güter, Kirche und Film. N. 7, July 1972 Rosa von Praunheim: Filme, 1967–1972. Dokumentation. Hrsg. anlässlich einer Veranstaltung des Studienkreis Film, Filmclub an der Ruhruniversität Bochum, zusammen mit der Volkshochschule Bochum, 1.–6. Mai 1973. Texte von Rosa von Praunheim von Eva M. J. Schmid u. Horst-Diether Kalbfleisch. Odysseus. 1980, Eva M. J. Schmid, Journal Film, Heft 4, S. 27, 28 Versuch zur "Kulturfilm-Definition". In: Heft Nr. 19/20 - Film-Jugend-Schule. Zeitschrift für Filmerziehung und Filmkunde, 1958. Beuys, Magazin R, 6/1981. Eva M.J. Schmid: Film-Kritik. In: Kritik in Massenmedien. Objektive Kriterien oder subjektive Wertung? Hrsg. v. Heiriz-Dietrich Fischer. Köln 1983, S. 175–215. Nostalghia/Melancholia – Jahrbuch Film 1983/84, München 1983, S. 142–159. Tunguska – epd Film 1/1985 (zu Schlingensief). Eva M. J. Schmid: Tunguska. In: epd Film, Nr. 1, Januar 1985 (Zur "Film als Neurose"-Trilogie). Artikel von Eva M.J. Schmid zu Rosi S.M. in der epd Film 6/84, 1984. Erste ungeordnete Überlegungen zum Aussagewert von Kleidung. Frauen und Film, Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt a. M., Heft 38 Mai 1985, ISBN 3-87877-838-4. Uliisses. Protokoll eines Sehens. In: Walter Schobert (Hrsg.), Uliisses: ein Film von Werner Nekes. Mit Textbeiträgen von Bazon Brock, Frieda Grafe, Werner Nekes, Eva M. J. Schmid, Walter Schobert, Andreas Weiland und einem Gespräch zwischen Werner Nekes, Peter Kremski und Detlef Wulke. Köln, Verlag der Buchhandlung Walther König, 1987
Eva M.J.Schmid: Erinnerungen und Fragen, in Reihe Film 39, Andrej Tarkowskij, Hanser München Wien 1987, S. 43 ff. u.a Experimentalfilm’ und Literatur. In: War Effi Briest blond?. Bildbeschreibungen und kritische Gedanken zu vier "Effi Briest"-Verfilmungen. In: Albersmeier, Franz-Josef/Roloff, Volker: Literaturverfilmungen. Frankfurt a. M. 1989. S. 122–154. Zu Blindman’s Ball (Dore O.) – Braunschweiger Filmfest-Katalog, 1989. KINO-KINDHEIT IN NEUKÖLLN ZWISCHEN 1926 UND 1932. In: Fragmentarische Aufzählung als Hilfe, die Bilder zu erinnern. Text, Interview und Redaktion Filmblatt zu Pina Bauschs Film Klage der Kaiserin, 20. internationales forum des jungen films, Berlin 1990, Freunde der Deutschen Kinemathek, Kino Arsenal War Effi Briest blond? In: Wolfgang Gast (Hg.): Literaturverfilmung. Bamberg 1993, S. 75–99. Eva M. J. Schmid: Im Reich der Lichter Beleuchtung, Malerei und Film. In: Die Metaphysik des Lichts Der Kameramann Henri Alekan. Herausgegeben von Heidi Wiese, Schüren Verlag, S. 77.
Einzelnachweise
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