Boum ist ein 2022 erschienener Roman der österreichischen Kabarettistin, Poetry-Slammerin und Romanautorin Lisa Eckhart.
Kurzbeschreibung In Paris erschüttert eine Mordserie an Straßenmusikern die Stadt. Die berichtenden Medien, der Terrorexperte Jacques Boum, der ermittelnde Kommissar Tiger Brown und der Bürgermeister liefern sich Deutungs und Machtkämpfe. Die junge Österreicherin Aloisia kommt nach Paris, wird von ihrem französischen Liebhaber betrogen, gelangt einerseits in Kontakt mit der Obdachlosen-Unterwelt des Clochard-Königs Clopin, der die Mordserie zu verantworten hat, andererseits über dessen Ex-Geliebte Madame Edwarda in eine Agentur, die unter anderem Hostessen und Prostituierte vermittelt. Als deren Angestellte findet Aloisia ihre Liebe auf den ersten Blick: den Halb-Vietnamesen Gonthier. Aloisia verstrickt sich in ein Doppelleben und stiehlt in Clopins Auftrag dem Kommissar dessen Fahndungs-Notizen. Clopin nämlich plant einen großen Coup zur Pariser Fête de la Musique. Intrigen und inszenierte Gewalt kulminieren in einem öffentlichen Spektakel, das Chaos und Aufruhr über Paris bringt.
Inhalt Erster Haupthandlungsstrang Dieser „scheinbare Haupt-Handlungsstrang, der aber rasch in Bedeutungslosigkeit versinkt“, berichtet, wie am 21. Juni des ersten Kalenderjahrs der HandlungIm Zuge des Roman-Finales beim Fête de la Musique am 21. Juni des zweiten Kalenderjahrs der Handlung behauptet der Pariser Bürgermeister, die Sängerin sei „genau vor einem Jahr“ ermordet worden (Eckhart, Boum, S. 360). eine „unbekannte Sängerin“ in Paris tot aufgefunden und die Leiche in Szene gesetzt wird, mit einem Kazoo im Rachen. Den vermeintlichen Einzeltäter nennt die Presse La Maestro Massacreur, der mit der Sängerin beginnend vier Straßenmusikanten „binnen eines Monats“ ermordet, bei Tageslicht, an den „bekanntesten und belebtesten“ Plätzen von Paris. Die Leichen werden jeweils sorgsam in Szene gesetzt. Ein Terrorexperte, der unter dem Namen Jacques Boum auftritt, findet, die Mordserie wäre „eindeutig islamistischer Terror“ und tritt damit in Konkurrenz zum eigentlich ermittelnden Kommissar Tiger Brown. „Seit nunmehr einem Monat aber gibt es keinen weiteren Mord“, als die Romanhandlung einsetzt. Doch dann kommt es zu Misshandlung und Mord an zwei Panflötenspielern in den Buttes-Montmartre durch eine fünfköpfige Gruppe vermeintlich behinderter Clochards. Wie immer findet die Polizei keine Zeugen für die Tat von La Maestro Massacreur: „im prallen Sonnenschein rammte er Flöten in Kehlen und Hintern“. Diesmal wurde der Leichenfund, ehe eine Sichtschutzwand errichtet werden konnte, jedoch von einem Straßenmaler festgehalten: Zwei Ausfertigungen des Bildes sind fertig, eine hat Boum gekauft, der sich mit Kommissar Brown um die Zuständigkeit streitet: Mord oder Terror-Tat? Beide jedoch denken, dass es sich entgegen der öffentlichen Meinung nicht um einen Einzeltäter handle. Boum und der Kommissar freunden sich in der Folgezeit an, während der Straßenmaler die Karikatur an die Tageszeitung Paris-Matin verkaufen wird. Die politische Ebene in Form des Pariser sozialistischen Bürgermeisters drängt, als weitere Morde ausbleiben, Kommissar Brown dazu, dass „die Bewohner dieser Stadt weiterhin glauben“ sollen, „dass der Mörder frei herumläuft.“ Doch Kommissar Brown und der Terrorexperte Boum haben auch noch andere Tätigkeitsfelder: „Klassische Musik, um Obdachlose zu vertreiben“, erschallt am Pariser Garde du Nord aus großen Lautsprechern und ruft einen großmaßstäbigen Clochard-Angriff hervor. Bald übertönt der „Lärm der Lautsprecher, die am Asphalt zerschellen“, die Musik. „Die Medien nannten es une émeute. Einen Aufstand. Wie damals in den Banlieues. […] Andere wiederum nannten es Streik. Und nicht wenige kapitulierten vor der eigenen Ratlosigkeit und nannten es Kunst. Jedenfalls wusste niemand genau, was geschah und wer es geschehen ließ. […] Um den Frieden zu wahren, einigte man sich daher rasch auf Terroristen. In den Abendnachrichten bestätigte Monsieur Boum diese These.“ Doch La Maestro Massacreur bleibt weiterhin untätig.
Zweiter Haupthandlungsstrang Noch vor dem Mord an den Panflötenspielern landet die des Französischen nicht mächtige frischgebackene österreichische Maturantin Aloisia auf dem Flughafen Paris-Charles-de-Gaulle. Eigentlich erwartet sie, dass ihr französischer Geliebter Romain sie vom Flughafen abholt, doch tut er das nicht. Stattdessen wird sie dermaßen stark angerempelt, dass sie das Gleichgewicht verliert und auf den Rücken fällt, wo sie ihr schwerer Rucksack fixiert. Und „die Flasche Chianti, welche sie im Duty-Free-Shop gekauft hat, zerbirst mit eindrucksvollem Lärm […]. So ein lauter Knall. Zügig sind sich alle einig. Das hier ist ein Terroranschlag.“ Sofort ist ein Ermittler da: „Das sind diese neuen Geschosse“, behauptet der herbeigeeilte Terrorexperte Jacques Boum: „Die klingen, als ob Glas zersplittert.“ Er bekundet, der ausgelaufene Rotwein sei Blut, in dem die hilflose Aloisia liege. „Die ersten fangen an zu brüllen. Andere wiederum halten das Brüllen für Kampfgeschrei von Terroristen und brüllen darum um so lauter.“ Chaos bricht aus, in dem sich zwar keine Attentäter finden, doch zwei rote Stöckelschuhe samt zugehörigem, stark behaarten Menschen, die Aloisia seitlich stupsen, so dass sie auf die Seite rollt. Aloisia kann sich zu Romains Behausung im Osten des Pariser Zentrums aufmachen. Zunächst einmal geht sie dort in den Innenhof. „Sie klappt eine der Mülltonnen auf und beginnt darin zu wühlen. Dann entledigt sie sich eilig ihrer Schuhe, ihrer Socken, ihrer Hose, ihres Hemds.“ Bei Romains 10-Quadratmeter-Studio ertappt sie Romain, wie er mit einer anderen Frau Sex hat. Jenseits des Innenhofs, am gegenüberliegenden Fenster, sieht ein Hausbewohner die entblößte Österreicherin; später kommt heraus, dass er darob einen Herzinfarkt erlitt. Die enttäuschte Aloisia, inzwischen angekleidet, macht sich davon, weint auf der großen Treppenanlage von Sacré-Cœur de Montmartre heftig wegen des treulosen Romain, wird von weitem Zeugin der Misshandlung der beiden Panflötenspieler und deswegen von einem Teil der Clochard-Täter verfolgt, kann entkommen. Allerdings trifft sie in der Métro auf den Anführer der Mörderbande, Clopin Charlemoindre. Clopin weist sie auf eine freie Wohnung hin. Diese erweist sich als die Wohnung desjenigen Mannes, der Aloisia über den Innenhof hinweg erblickt hatte und daher von einem Herzinfarkt dahingerafft worden ist. Immerhin hat Aloisia nun „eine Bleibe. Und das viel früher als erwartet. Dafür hat sie keinen Freund mehr. Auch viel früher als erwartet. Die Kombination aus beidem dürfte sie allerdings in Bälde mit Geldproblemen konfrontieren.“ Ein Anruf im heimischen Österreich bietet ihr keinen Ausweg: Die Eltern haben sich ein „paar Stunden“ nach ihrer Abreise getrennt und keinen Platz mehr für sie. „Durch einen kleinen Spalt im Vorhang lugt sie hinüber in seine Wohnung“, zu Romain, und entwickelt einen ausgereiften Voyeurismus hinsichtlich ihres Ex-Geliebten und seiner wechselnden Damenbekanntschaften: „Ist es normal, anderen beim Sex zuzuschauen? Wahrscheinlich schon. Aber ist es auch normal, sich dabei nicht anzufassen? So eine Art platonisches Spannen? Ist das normal?“ Da Romain einen regelmäßigen Lebenswandel pflegt und Aloisia immer noch einen Schlüssel zu seiner Wohnung besitzt, geht sie jedes Mal, wenn er die Wohnung verlässt, hinüber und speist dort. „Aloisia hat bislang niemals Geld verdient, sondern immer nur bekommen. Sie fand das nicht schlimm. Im Gegenteil. Sie hat nie recht eingesehen, weshalb da viele einen Unterschied machen. Zwischen verdienen und bekommen.“
Wie soll Aloisia an Geld gelangen? „Sie könnte betteln gehen“, ist dafür „perfekt. Weil sie nicht so aussieht, als hätte sie es nötig“ und gutbürgerliche Geschichten plötzlicher vorübergehender Verarmung von sich geben kann. Sie kennt auch ihre Zielgruppe: „Alte Frauen und junge Männer. Das sind die Spendabelsten. Die einen haben ein weiches Herz, die anderen einen harten Schweif. Und beide lassen sich stets noch ein bisschen mehr erweichen und erhärten.“ Ein Bettelversuch am Gare du Nord endet damit, dass eine Gruppe junger Deutscher ihre erfundene Geschichte platzen lässt und Aloisia in eine brenzlige Situation gerät, aus der sie durch einen vermeintlich extremitätenarmen Clochard gerettet wird: „Der Torso sitzt auf einem Rollbrett, wie man es aus dem Baumarkt kennt. […] An sich nichts Besonderes. Abgesehen von den Seilen, die daran befestigt sind. Sie umgürten den Torso sowie dessen Zugtier. Ein kleiner, doch kräftiger Hund“, der den Torso und Aloisia in rasanter Fahrt erst in die Gänge der U-Bahn und von dort aus in die Katakomben zieht, wo Aloisia abermals auf Clopin trifft, der gerade wegen der reißerischen, mit einer Panflötenspielerleichen-Karikatur eröffneten Berichterstattung der Tageszeitung Paris-Matin dem Serienmorden abgeschworen hat: „Auf jeden, den wir töten, kommen zehn Musikanten nach! Heute sind es mehr denn je!“ Clopin macht Aloisia mit einigen Grundzügen seiner Untergrund-Herrschaft bekannt wie dem, dass man die echten Behinderten ausschließlich als ausbildende Wissens-Multiplikatoren für jene Clochards verwende, die an der Oberfläche dann bettelten. Aus dieser „Hof der Wunder“ genannten Clochard-Zentrale fahren Aloisia und Clopin mittels eines käfigartigen Aufzugs im „Turm der Wunder“ hinauf. In dessen oberen Stockwerken, platziert an der Avenue George V. im Élysée-Arrondissement ist eine Agentur Elite beheimatet, deren Tätigkeiten sich auf drei Geschäftszweige erstreckt, von denen der Mannequin-Geschäftszweig durch Madame Edwarda geleitet wird, einer ehemaligen Geliebten Clopins. Daneben gibt es noch einen Prostituierten-Geschäftszweig, geleitet von Madame Veuve Cliquot, und einen Hostessen-Geschäftszweig, geleitet von Madame Sylvie. Beinahe jede Bewerberin findet bei Elite ein Auskommen. „Je nachdem, was das Talent des jeweiligen Mädchens ist: gehen, liegen oder stehen. […] Für die Kunden ist das äußerst praktisch. Die mussten früher drei verschiedene Agenturen kontaktieren, wenn sie eine Firmenfeier oder ein Bankett abhielten. Denn nicht selten benötigen sie alle drei Sorten von Mädchen.“ Aloisia findet Arbeit bei den Hostessen, „die ruhig etwas hässlich sein dürfen“, und revanchiert sich bei Clopin für diesen schon zweiten Gefallen dadurch, dass sie Clopins Clochards dabei hilft, eine Luxus-Tierhandlung an der Pont Neuf zu überfallen, in der Romain als Wochenend-Nachwächter arbeitet: Da die Bekämpfung der einnahmenschädigenden Straßenmusikanten eingestellt ist, wollen die Clochards durch Mitführen von Tieren die Einnahmen steigern. Die irrige Annahme, dass die Räuber rabiate Tierretter gewesen wären, und die Tatsache, dass Romain verletzt auf der Straße liegt, sorgt dafür, dass Romain als einer der vermeintlichen Tierretter gilt. „Bei dem vielen Lärm, den die Presse gemacht hat“ um die Entführung der Luxus-Tiere, entpuppen sich diese dann allerdings als zu auffällig, so dass Clopin letztlich Aloisia beauftragt, sie zu ersäufen.