Poussi (phonetisch für englisch pussy, entsprechend deutsch etwa „Muschi“ mit der Bedeutung Vulva) ist ein Roman von Cécil Joyce Röski, der 2023 bei Hoffmann & Campe erschienenen ist.

Inhalt Ibli hat ihr bisheriges Leben im „Palast“ verbracht, einem heruntergekommenen Bordell in der fiktiven Großstadt Grindelsta. Erst hat sie dort mit ihrer Mutter gelebt, der Sexarbeiterin Mikta. Der „Palast“ hat damals ihrem Vater Lackschuh gehört, dem Zuhälter von Mikta, der außerdem noch mit Lore verheiratet ist, die außerhalb auf dem Land wohnt. Jetzt ist Ibli selbst eine Sexarbeiterin und hat ein Zimmer im „Palast“, in dem sie zusammen mit ihrem Saugroboter „Fusselfranz“ auf die Freier wartet, die sie „Pois“ nennt. Hübsche Freier heißen „Adoinis“. Der „Palast“ erscheint dabei als eine in sich abgeschlossene Welt, bewohnt von den Sexarbeiterinnen in ihren Zimmern, auf den Gängen die vorüber treibenden Pois. Unterbrochen wird die Erzählung Iblis immer wieder mit der Geschichte der letzten Monate Lackschuhs 12 Jahre zuvor, der zu diesem Zeitpunkt alles verloren hat, im Café Keese vor einem Spielautomaten sitzt und sich in dessen Welt mit den dort herumschwimmenden Delfinen verliert wie in einem Traum.

Irgendwann verlässt Ibli die Welt des „Palasts“. Sie hat sich vor einer Pflichtberatung durch eine Behördenmitarbeiterin gedrückt, weshalb Kala, die Chefin im „Palast“ mit einem Bußgeld belegt wird und deshalb die Zimmer-Tagesmiete für alle von 100 auf 110 Euro erhöht. Zola, Iblis Freundin, empört sich darüber und verlässt den „Palast“. Ibli fühlt sich schuldig und vermisst ihre Freundin, die nun auf sie böse ist. Ibli lässt sich von einem Adoinis namens Tjark aus dem „Palast“ entführen. Mit dem Einnisten im Haushalt von Tjark und dessen Frau wird es aber nichts, Ibli landet auf der Straße, wo sie am Ende ihre Freundin Zola wiederfindet, der es schlecht geht:

Figuren und Orte Hauptorte der Handlung sind in den Ibli-Kapiteln der „Palast“, in den Lackschuh-Kapiteln das Café Keese und danach das Hotel „Excalibur“. „Grindelsta“ wird zwar im Roman nicht als Hamburg identifiziert, aber mehrere Ortsbezichnungen verweisen darauf, so natürlich das Hamburger Café Keese, außerdem „Grindelsta“ und der Ort bzw. Ortsteil „Grindelhorn“ mit dem Hamburger Grindelviertel bzw. Grindelberg.

Weitere Ortsnamen: Mönketal: bessere Wohngegend Brooks; Industrieviertel Enks: Dorf in der Nähe von Grindelsta, Wohnort von Lola, Lackschuhs Frau

Die Figuren erscheinen in den folgenden Auflistungen nach der Reihenfolge des Erscheinens im Roman.

Ibli-Kapitel: Die Altersangaben und Charakterisierungen in Klammern stammen aus dem Roman. Ibli (23, süß): Protagonistin, Sexarbeiterin im „Palast“ Adoinis: Kunde von Ibli, heißt eigentlich Tjark Zola (22, temperamentvoll): Sexarbeiterin im „Palast“, Freundin von Ibli Kala (43, reif): Chefin im „Palast“ Noa (32, liebevoll): Sexarbeiterin im „Palast“ Kaschir: Freier Vroni (28, cool): Sexarbeiterin im „Palast“ Kuffi: Kind von Vroni Flavia (31, erfahren): Sexarbeiterin im „Palast“ Sophia: Tochter von Flavia Lucia (19, jungfräulich): Sexarbeiterin im „Palast“ Thorsten: verstorbener Ehemann von Kala „Warze“: Iblis Name für die Ehefrau von Tjark, dem Adoinis

Lackschuh-Kapitel: Lackschuh: Vater von Ibli, war früher Zuhälter („Exrotlichtgröße, die Zuhälterlegende, der Pate von Grindelsta“) und Besitzer des „Palasts“, arbeitet anfangs als Fahrer für Taxi Mücke, wo er entlassen wird Lore: Frau von Lackschuh Donka: Inhaberin im Café Keese Ibli (11): Tochter von Lackschuh Mikta: Sexarbeiterin, seit 31 Jahren mit Lackschuh zusammen, Mutter von Ibli Trudy: Delfinin in Lackschuhs Phantasie-Unterwasserwelt Vale (66): Taxikundin von Lackschuh, der sie zum Hotel Excelsior bringt, eigentlich heißt sie Britta und ist die Freundin von Zati Zati (45): Besitzer des Hotels Excelsior, ehemals Zuhälter und Boxgegner von Lackschuh Beatle und Werner: Kumpels von Zati, verstorben Boxer: Kumpel von Zati, heißt eigentlich Armin Aimen: Ex-Mann von Donka Izzy und Sonny: Delfine in Lackschuhs Phantasie-Unterwasserwelt

Struktur und Sprache Der Text ist in Kapitel gegliedert, wobei der Fokus abwechselnd auf den Hauptfiguren Ibli und Lackschuh liegt. Die Ibli-Kapitel sind in der Ich-Perspektive im Präsens und die Lackschuh-Kapitel mit einem auktorialen Erzähler in einer 12 Jahre zurückliegenden Vergangenheit abgefasst. Eingebettet in den Text sind zahlreiche Chatverläufe, die mit den typischen Tippfehlern, Abkürzungen („lol“ etc.) und Netzjargon wiedergegeben werden.

In den Ibli-Kapiteln erscheinen relativ häufig für die Protagonistin eigentümliche Worte, wie zum Beispiel durchgängig „Poi“ für „Freier“. Diese Ibli-Privatsprache ist teils kindersprachlich („Schnudelpuhsprache“), teils Anglizismen in phonetischer Schreibung („Bubis“ für „Brüste“ von englisch boobs oder auch boobies). Weitere Beispiele: „Adoinis“ für „Adonis“, Bezeichnung für einen hübschen Freier. „Bebi“ für „Baby“, „Bumseln“ für „Bumsen“, „Fon“ für „Telefon“, „Frise“ für „Frisur“, „jampen“ für „springen“ (to jump), „Kontenonz“ für „Contenance“, „Pöps“ für „Popo“, „smard“ für „smart“, „Zipfel“ für „Penis“, usw.

Röski sagt dazu:

Hintergrund und Rezeption Die Idee zu dem Roman Poussi geht auf ein Seminar von Olga Grjasnowa am Literaturinstitut Leipzig zurück, bei dem Röski über eine Recherche zur Biographie des Großvaters berichtete, der in den 1980er Jahren Teil eines Ludenkartells im Hamburger Rotlichtviertel St. Pauli war und über andere in der Sexarbeit tätig gewesene Familienangehörige.

Das aus dieser Idee entstandene Projekt stellte sie im Rahmen der Jugend-Literatur-Werkstatt Graz vor und wurde dafür mit 2020 den Retzhof-Preis für junge Literatur ausgezeichnet. 2022 erhielt sie dafür ein Arbeitsstipendium des Fritz-Hüser-Instituts für Literatur und Kultur der Arbeitswelt.

Der Roman wurde in Rundfunk und Feuilleton relativ breit besprochen. Immer wieder wurde hervorgehoben, dass es sich nicht um eine Milieustudie zur Sexarbeit handele, dass es vielmehr vor allem die Sprache sei, worauf die Wirkung des Textes beruhe. So urteilte Amira Ben Saoud in Der Standard: „Poussi strotzt nur so von literarischer Kraft, die der Roman vor allem aus seiner außergewöhnlichen Sprache bezieht.“ In einer Rezension im Deutschlandfunk meinte Katrin Schumacher, Röski habe darauf verzichtet, die Sprache des Milieus naturalistisch nachbilden zu wollen, sondern eine Kunstsprache erfunden, die „gerade in ihrer Artifizialität Zugang verschaffe zu der fremden Welt und Subjektivität der Sexarbeiterinnen.“ Der Roman setze sich dabei deutlich sowohl von der „Rotlichtromantik“ männlicher Autoren wie Michel Houellebecq oder Henry Miller ab, als auch vom feministisch inspirierten Realismus französischer Autorinnen wie Virginie Despentes (Baise-moi) oder Leïla Slimani. Parallelen sah sie dagegen zu dem Roman Blutbuch von Kim de l’Horizon.

2024 erhielt Röski für Poussi den 2024 Meißener Literaturfestpreis.

Auszeichnungen 2020 Retzhof-Preis für junge Literatur für das Romanprojekt 2022 Arbeitsstipendium des Fritz-Hüser-Instituts für Literatur und Kultur der Arbeitswelt 2024 Meißener Literaturfestpreis

Ausgaben Erstausgabe: Poussi. Roman. Hoffmann und Campe, Hamburg 2023, ISBN 978-3-455-01550-8. E-Book: Poussi. Roman. Hoffmann und Campe, Hamburg 2023, ISBN 978-3-455-01551-5.

Weblinks

Poussi auf der Website von Hoffmann und Campe.

Einzelnachweise Poussi. Roman. Hoffmann und Campe, Hamburg 2023. „Ich habe mich gefragt: Inwieweit ist Sexarbeit Sorgearbeit?“, Interview zu Poussi von Daniel Schieferdecker vom 17. März 2023 auf Szene Hamburg, abgerufen am 20. April 2026. Cecilia Joyce Röski: „Poussi“, Interview von Katrin Schumacher vom 7. Juli 2023 im Deutschlandfunk (5:15 min Audio; Download 5,1 MB; PDF, 265 kB), abgerufen am 20. April 2026. Cecilia Joyce Röskis Debütroman "Poussi" spielt in einem Bordell, Rezension von Amira Ben Saoud in Der Standard vom 13. Dezember 2023, abgerufen am 3. Mai 2026. Poussi auf der Website von Hoffmann und Campe abgerufen am 3. Mai 2026. Retzhof-Preis, abgerufen am 16. April 2026. Fritz-Hüser-Institut unterstützt vier Stipendiaten, abgerufen am 16. April 2026.

Kategorie:Roman, Epik Kategorie:Prostitution in der Kultur Kategorie:Prostitution (Deutschland) Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Literatur (Deutschland) Kategorie:Literatur (21. Jahrhundert)