mini|Teil der Kanzel aus dem Pisaner Dom, heute in der Kathedrale von Cagliari (B)
Guglielmo (italienisch für „Wilhelm“), lateinisch Guilielmus, war ein italienischer Bildhauer des 12. Jahrhunderts.
Er war zusammen mit Biduino einer der Bildhauer, die im 12. Jahrhundert an der Kathedrale von Pisa arbeiteten. Aus den Dokumenten wissen wir, dass er der Kopf einer Gruppe von Bildhauern war, die sich auf figurale Plastik spezialisierte, während eine andere Gruppe, die von Rainaldo geleitet wurde, auf sehr feine ornamentale Arbeiten im arabischen Stil spezialisiert war.
Über Guglielmo ist recht wenig bekannt, abgesehen zum Einen von einer überlieferten, jedoch verlorenen Inschrift der Kanzel (Ambo) für den Dom in Pisa, in der er sich als „erster unter den Modernen“ bezeichnet. Zum anderen sprach ein Epitaph an der Domfassade, wo er begraben wurde, rühmend von ihm als dem Autor des Ambos.Poeschke 1998, S. 10.
Die Marmorkanzel, für die er 1158 den Auftrag erhielt und 1162 fertigstellte, wurde 1311 durch den "moderneren" gotischen Ambo Giovanni Pisanos ersetzt und zerlegt in die Kathedrale Santa Maria di Castello des von Pisa abhängigen Cagliari auf Sardinien gebracht.Poeschke 1998, S. 10 f. Dort stand sie im Hauptschiff, bis sie im Zuge der Barockisierung außer Gebrauch 1670 an die Innenfassade versetzt wurde. Dabei ging seine Inschrift verloren, die an der Unterkante des Kanzelkastens entlanglief und lautete:
Heute stehen zwei unvollständige Hälften mit barocken Ergänzungen an der Wand, während vier Löwen, die ursprünglich vier der sechs Säulen trugen am Geländer der Treppe zum Presbyterium verbaut wurden.Poeschke 1998, S. 141 f.
Guglielmos Werk markiert den Beginn einer äußerst fruchtbaren Zeit der Skulptur in der Toskana.Zarnecki/Deuchler/Hutter 1993, S. 98. Mit seinem Ambo beginnt die Schaffung einer Reihe von Predigtkanzeln nach byzantinischem Schema aus Plattform mit Treppe und Brüstung, von denen es auch schon Beispiele in Apulien gab. Die in Pisa von Nicola Pisano (Baptisterium, 1260) und Giovanni Pisano (Dom, 1311), in Pistoia (1199) und Lucca (um 1235) von Guido da Como geschaffenen Werke waren aber „besser proportioniert“.
In den ehemals mit Mosaik hinterlegten friesartigen Reliefs der Kanzel verarbeitet Guglielmo szenische Motive nach dem Vorbild römischer Sarkophagreliefs mit Anregungen aus der lombardischen Skulptur.Chastel 1961, S. 122. Auch eine „direkte Beziehung“ mit der provencalischen Bildhauerei der Zeit wurde gesehen, ohne entscheiden zu können, von wo die Entwicklung ausging. Weitere Werke aus seiner Hand sind nicht bekannt, doch lässt sich dieser spezifische Zusammenfluss von Stilen auch etwa in Biduinos Reliefs in Pisas San Cassiano (1130), Gruamontes Fassadenskulpturen (1167) von San Giovanni Fuorcivitas in Pistoia und im Taufbecken von San Frediano in Lucca erkennen.
mini|A 1. Paulus mit Titus und Timotheus; 2. Taufe Jesu; 3. Darstellung im Tempel; 4. Verklärung; 5. Anbetung der Heiligen Drei Könige; 6. Heimkehr der Heiligen Drei Könige; 7. HimmelfahrtB 1. Tetramorph; 2. Die Heiligen Frauen am Grab; 3. Auferstehung Jesu; 4. Verkündigung und Heimsuchung; 5. Geburt Christi; 6. Letztes Abendmahl; 7. Judaskuss; 8. Die Heiligen Drei Könige vor König Herodes; 9. Kindermord in Bethlehem
Die Kanzel in Cagliari: rechte Kanzelhälfte und Löwen
Literatur Pietro Toesca: GUGLIELMO, in: Enciclopedia Italiana, via Treccani.it, 1933.
Sara Magister: GUGLIELMO, in: Dizionario Biografico degli Italiani, Band 60, via Treccani.it, 2003.
Weiterführende Literatur Anna Rosa Calderoni Masetti: Il pergamo di Guglielmo per il Duomo di Pisa, oggi a Cagliari. Pisa 2000 (italienisch; von Sobieczky als Referenzwerk bezeichnet).
Einzelnachweise
Kategorie:Bildhauer (Italien) Kategorie:Geboren im 12. Jahrhundert Kategorie:Gestorben im 12. Jahrhundert Kategorie:Mann