ʿAbd al-Qādir ʿAuda ( geb. 1907 im nördlichen Ägypten, gest. 9. Dezember 1954 in Kairo) war ein Anführer und Ideologe der Muslimbruderschaft. Er gilt als einer der bedeutendsten Vordenker der Muslimbruderschaft in den 1940er und frühen 1950er Jahren. Als Jurist beeinflusste er insbesondere ihre staats- und rechtswissenschaftlichen Vorstellungen. Infolge der Repressionen gegen die Muslimbruderschaft nach dem Attentatsversuch auf Präsident Gamal Abdel Nasser wurde er 1954 zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Leben ʿAbd al-Qādir ʿAuda wurde im Jahre 1907 in einem Dorf im nördlichen Ägypten geboren. In manchen Quellen wird die Geburt auf das Jahr 1906 datiert.Joas Wagemakers: The Muslim Brotherhood. Ideology, History, Descendants. Amsterdam University Press, Amsterdam: 2022. Entsprechend der dortigen Tradition fing er in jungen Jahren mit dem Erlernen der islamischen Wissenschaften an. Jedoch entwickelte er in den folgenden Jahren seiner schulischen Bildung eine zunehmende Abneigung gegenüber dem traditionellen Islam. Maßgeblich beeinflusst durch die britische Herrschaft in Ägypten, sah er den Islam als einen der Gründe für die Rückständigkeit der Gesellschaft an.Ebubekir Korkmaz: Önsöz. Vorwort zu sein türkischen Übersetzung von ʿAbd al-Qādir ʿAuda: al-Islām baina ǧahl abnāʾihī wa ʿaǧz ʿulamāʾihī unter dem Titel: Evlatların cehaleti ve alimlerin acizliği karşısında İslâm. Ravza Yayınları, Istanbul: 1998. S. 7–17. Im Jahr 1930 schloss er sein Jurastudium an der Universität in Kairo mit Erfolg ab. Anschließend arbeitete er als Staatsanwalt und später als Richter.Fethi Yeken: Abdülkâdir Ûdeh. In Türkiye Diyanet Vakfı İslâm Ansiklopedisi, TDV Yayınları, Istanbul: 1988, Band I, S. 244–245. Online-Version
In den darauf folgenden Jahren kam ʿAuda mit dem Gründer der Muslimbruderschaft, Hasan al-Bannā, in Kontakt. Nach seiner Begegnung mit ihm vollzog sich bei ʿAuda ein Sinneswandel. Dieser führte zu einer tiefgreifenden Veränderung in seinem Leben und seinen Überzeugungen. Die Ideen al-Bannās überzeugten ihn, weswegen er sich der Muslimbruderschaft im Jahr 1942 anschloss.Gudrun Krämer: Der Architekt des Islamismus: Hasan Al-Banna und die Muslimbrüder. Verlag C.H. Beck, München: 2022. S. 336. Mit großer Hingabe widmete er sich dieser Aufgabe und avancierte schließlich zu einer führenden Persönlichkeit in der Organisation.
Der Aufstieg der Muslimbruderschaft wurde ab dem Jahr 1948 gedämpft. Zunächst verbot Premierminister Mahmud an-Nukraschi Pascha (geb. 1888 - gest. 1948) die Bruderschaft. Daraufhin drohte eine Eskalation der Situation zwischen beiden Seiten. Zuerst wurde an-Nukraschi im Dezember 1948 Opfer eines Anschlages der Muslimbruderschaft. Anschließend wurde Hasan al-Bannā im Februar 1949 ermordet. Es folgte eine Phase der Neuformierung der Bruderschaft. ʿAbd al-Qādir ʿAuda galt als einer der wichtigsten Anwärter für das Amt des Generallenkers (muršid ʿāmm) der Bruderschaft.Muhammet Burak Atalay: Müslüman kardeşler`de ideolojik yönelimler (1945-1970) (Masterarbeit, Politikwissenschaften). Istanbul Universität, Istanbul: 2018. S. 55–56. YÖK Tez-Online Letztendlich wurde aber Hasan al-Hudaibi 1951 zum neuen Führer ernannt, um die Situation zu deeskalieren und zu beruhigen. Denn er hatte eine relativ gute Beziehung zur Regierung und repräsentierte gleichzeitig die gemäßigtere Strömung innerhalb der Bruderschaft.Ana Belén Soage und J.F. Franganillo: The Muslim Brotherhood in Egypt. In Barry Rubin (Hrsg.): The Muslim Brotherhood. The organization and policies of a global Islamist movement. Palgrave Macmillan, New York: 2010, S. 39–56.
Um sich noch mehr mit den Aufgaben in der Bruderschaft beschäftigen zu können, gab ʿAuda im Jahr 1951 seine Tätigkeit als Richter und Staatsanwalt auf und arbeitete als freiberuflicher Rechtsanwalt. Im Jahr 1952 kam es zu einem Militärputsch gegen den König Faruq durch die Bewegung der Freien Offiziere. Dieser wurde zunächst von der Muslimbruderschaft unterstützt. In der folgenden Zeit hatte man relativ gute Beziehungen zur Regierung. Unter anderem wurde ʿAbd al-Qādir ʿAuda im Januar 1953 in die neue Verfassungskommission berufen.Richard Mitchell: The Society of the Muslim Brothers. Oxford University Press, London: 1969. Ebenso wurde ʿAuda 1953 nach Libyen eingeladen, um an der dortigen Verfassungskommission teilzunehmen.
Nach der Machtübernahme Gamal Abdel Nassers (geb. 1918 - gest. 1970) und seinem Sturz von General Muhammad Nagib (geb. 1901 - gest. 1984) im Jahre 1954 wurde die Beziehung zwischen Regierung und Muslimbruderschaft immer schlechter. Teile des Volkes demonstrierten in der Folge des Sturzes von Nagib. Der Muslimbruderschaft und auch ʿAuda persönlich wird eine aktive Rolle in diesen Protesten zugeschrieben. Dies führte dazu, dass zwischen Nasser und der Bruderschaft ein Misstrauen und eine Spannung entstanden. Zwar versuchte ʿAuda sich für eine Verständigung zwischen den Seiten einzusetzen, hatte aber keinen Erfolg. Kurze Zeit später gab es ein Abkommen zwischen Ägypten und Großbritannien. Dieses Abkommen wurde von der Muslimbruderschaft mit der juristischen Expertise von ʿAuda kritisiert. Dies führte zu einer Verschärfung des Konflikts. Die Situation eskalierte zunehmend und erreichte ihren Höhepunkt, als es zu einem Attentatsversuch im Oktober 1954 gegen Präsident Nasser kam. Dies hatte schwerwiegende Folgen für die Bruderschaft, die als Hauptverantwortliche für das Attentat galt. Die Muslimbruderschaft wurde verboten und zerschlagen. Zahlreiche Mitglieder und Führungskräfte wurden verhaftet, darunter auch ʿAbd al-Qādir ʿAuda.Haluk Songur: “Abdulkadir Ûdeh, Hayatı, Eserleri ve İslam Hukukuna Katkısı.” In İslam Hukuku Araştırmaları Dergisi 6 (2005), S. 331–336. Online
Ein Sondergericht wurde von Nasser einberufen. Dieses verurteilte ʿAuda und fünf weitere Muslimbrüder in einem Schnellverfahren zum Tode. Ein Gesuch von ʿAuda um Überprüfung seines Falls blieb von der Regierung unbeantwortet. Am 9. Dezember 1954 wurden sie hingerichtet.
Werke ʿAbd al-Qādir ʿAuda war Autor zahlreicher Werke. Der Schwerpunkt seiner Arbeit lag auf den Rechtswissenschaften. Sein Opus magnum war das Werk at-Tašrīʿ al-ǧināʾī al-Islāmi („Das islamische Strafrecht“). Das zweibändige Werk behandelt das islamische Strafrecht im Vergleich zu anderen Rechtssystemen. Er vollendete das Werk, als er vor seiner Verurteilung zum Tode unter Hausarrest stand, in seinem Haus, das eine sehr umfangreiche Bibliothek enthielt, und übergab seinem Sohn den fertigen Entwurf in der Nacht vor seiner Hinrichtung. Das Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt, unter anderem auf Englisch, Türkisch und Urdu. ʿAuda versuchte in diesem Werk, die klassische islamische Rechtslehre in einen modernen Rahmen einzubringen, indem er moderne strafrechtliche Begriffe und Komplexe mit ihren islamischen Entsprechungen in Relation setzte. Er wollte zeigen, dass das islamische Strafrecht auch in einem modernen Rechtssystem seinen Platz haben kann. Damit leistete er einen wichtigen Beitrag zum Diskurs über das islamische Recht und seine Anwendung in der modernen Welt und hatte Einfluss weit über die Grenzen Ägyptens hinaus.
Andere Werke von ihm sind: al-Māl wa-l-ḥukm fī l-Islām („Vermögen und Herrschaft im Islam“), al-Islām wa-auḍāʿunā al-qānūnīya („Der Islam und unsere gesetzlichen Zustände“), al-Islām wa-auḍāʿunā as-sīyāsīya („Der Islam und unsere politischen Zustände“). In diesen Werken thematisiert er vor allem rechtswissenschaftliche und politische Aspekte. Er versucht dabei stets, eine Verbindung zwischen dem Islam und der modernen Zeit herzustellen.
Ein Buch, welches einen etwas anderen Charakter hat, ist al-Islām baina ǧahl abnāʾihī wa ʿaǧz ʿulamāʾihī („Der Islam zwischen der Unwissenheit seiner Kinder und der Unfähigkeit seiner Gelehrten“). Dies ist eine Abhandlung über den Zustand der islamischen Gemeinschaft als Ganzes. Durch die vereinfachte Sprache versucht er, dem „einfachen“ Volk das Rechtssystem des Islams näherzubringen. Ebenso versuchte er, verbreitete Vorurteile zu widerlegen, und kritisierte die Unwissenheit der Muslime hinsichtlich ihrer eigenen Werte. Auch kritisiert er die Unfähigkeit und Passivität der Gelehrten. Mit dieser kurzen Schrift wollte er die islamische Gesellschaft im Allgemeinen aufklären und aktivieren. Das Werk wurde bereits 1969 ins Türkische übersetzt. Es erweckte ein so großes Interesse, dass in den späteren Jahren zusätzliche Übersetzungen entstanden. Im Jahr 1984 wurde es auch ins Französische übersetzt.
Die Werke von ʿAuda wurden bereits in den 1970er Jahren fast vollständig ins Türkische übersetzt. Deshalb hatte er mit seiner Ideologie einen ähnlich großen Einfluss auf die Entwicklung des islamischen Diskurses in der Türkei wie beispielsweise Hasan al-Bannā oder Sayyid Qutb.Özlem Avcı-Aksoy: İslami bir gençlik hareketi ne kadar mümkündür: imkân ve imkânsizliklariyla bir hareketin var oluş çabası. In Volkan Yücel und Sena Güme (Hrsg.): Toplum ve yapı, Kriter, Istanbul: 2018. S. 58–59. OnlineTahir Dağcı: İslam dünyasında yapılan tercümelerin toplumsal etkileri ve sonuçları (1960-1990 arası dönem). In Turkish Studies, 14/6 (2019), S. 3187–3198. Hier S. 3192. Online
Ideologie Aus den Werken von ʿAbd al-Qādir ʿAuda lassen sich einige Erkenntnisse bezüglich seiner Ideologie und Denkweise gewinnen. Diese umfassen zahlreiche rechtswissenschaftliche, politische und gesellschaftliche Themenfelder. Im Folgenden werden einige ihrer zentralen Aspekte beispielhaft dargestellt. Zunächst ist hervorzuheben, dass ʿAudas juristische Ausbildung einen maßgeblichen Einfluss auf seine Weltanschauung hat. Besonders markant sind deshalb seine Positionen in den rechtswissenschaftlichen und politischen Angelegenheiten.
Aktiver Dschihad Einer der Beweggründe für die Entstehung der Muslimbruderschaft war die britische Besatzung. Viele Menschen innerhalb der ägyptischen Gesellschaft waren nicht zufrieden mit dieser Situation. Allerdings gab es unterschiedliche Herangehensweisen, um diese zu ändern. Die Muslimbruderschaft hatte unter al-Bannā von Anfang an die Idee von einem aktiven Dschihad gegen die Besatzung. Jedoch war es ʿAuda, der diese Idee ausarbeitete und theologisch begründete. Er sah es als eine Pflicht für jeden Muslim an, sich an der Verteidigung des Landes zu beteiligen, wenn „Ungläubige“ (kuffār) in ein islamisches Land eindringen. Selbst Ältere, Frauen und Kinder sollten sich nach ʿAuda an diesem Kampf beteiligen, da es sich um einen Verteidigungskampf handelt.
Islamischer Staat Auch zum Thema Islamischer Staat war es ʿAuda, der die ursprünglichen Ideen von al-Bannā theologisch begründete und weiterentwickelte. Er begründet das Streben nach einem islamischen Staat mit verschiedenen Argumenten. Zum einen nutzte er das Konzept, welches im Koran verwurzelt ist und den Menschen als eine Art von „Stellvertreter Gottes“ (ḫalīfat Allāh) Vgl. Koran [6:165]. und Herrscher auf Erden sieht. Demnach hat der Stellvertreter nicht das Recht, sich gegen die Gesetzgebung und Regierung Gottes zu stellen, sondern hat die Aufgabe, diese auf der Erde durchzusetzen. Zum anderen sah er einen islamischen Staat als „natürliches Produkt“ des Islams selbst. Er behauptete, dass der Islam nicht nur eine Religion, sondern Religion und Staat sei. Folglich sei es die Natur des Islams, auch einen Staat zu beanspruchen.