Das Mysterium der Erlösung (französisch Le Mystère de la Rédemption) ist ein 1951 vollendetes Gemälde des Schweizer Malers Louis Rivier (1885–1963), das seit 2019 in der Reformierten Kirche in Yverdon-les-Bains hängt. Es ist ein Schlüsselwerk der christlichen Kunst und der ökumenischen Bewegung des 20. Jahrhunderts in der Schweiz.
Geschichte Rivier schuf 1914/15 ein Fresko mit ähnlicher Komposition für die Apsis der Église Saint-Jean de Cour in Lausanne. Als eine Art Selbstzitat malte er zwischen 1949 und 1951 das Bild Das Mysterium der Erlösung und stellte es dann mit grossem Erfolg in Neuenburg (Galerie Léopold-Robert),Ausstellungen. In: Schweizer Kunst. Nr. 10, 1951, S. 74 (online). Rom und Paris aus. Der französische Präsident Vincent Auriol beglückwünschte ihn persönlich dazu.Louis Rivier a 70 ans. In: La Tribune de Genève. Band 77, Nr. 118 23. Mai 1955, S. 11 (online). Ausserdem verlieh ihm der Pariser Salon d’hiver eine Goldmedaille dafür und das Institut de France und die Royal Society of Arts ernannten ihn zum Mitglied.Jean-Paul de Sury: Un polyptyque de Louis Rivier. In: Le Courrier. Nr. 6, 9. Januar 1982, S. 11 (online). 1981 wurde das Gemälde für die Dauer der Fastenzeit in der christkatholischen Kirche von Grand-LancyCinq méditations de Carême. In: La Tribune de Genève. Nr. 60, 13. März 1981, S. 23 (online). und anschliessend im reformierten Temple des Pâquis«Le Mystère de la rédemption» de Louis Rivier au temple des Pâquis. In: La Tribune de Genève. Nr. 265, 13. November 1981, S. 21 (online). und in der christkatholischen Église Saint-Germain in Genf gezeigt, ehe es im Frühjahr 1982 für einige Wochen im Sitz des Ökumenischen Rats der Kirchen in derselben Stadt hing. 1985 war es an einer Ausstellung im Musée cantonal des Beaux-Arts in Lausanne,Dario Gamboni: Louis Rivier et la peinture religieuse en Suisse romande. Payot, Lausanne 1985, ISBN 2-601-03006-2. 1986 im Kunstmuseum Aarau zu sehen.U. I.: «Retour à l’ordre». Zur Ausstellung Louis Rivier im Kunstmuseum Aarau. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 31, 7. Februar 1986, S. 35 (online). 2019 übergaben es Riviers Erben dem Kunstfonds der Stadt Yverdon als Depositum für zehn Jahre. Dieser liess es in der Reformierten Kirche aufhängen.
Beschreibung Das Bild hat die Form eines Polyptychons mit fünf Tafeln und illustriert das Bibelwort: «Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.» () Rivier malte es in einer von ihm selbst entwickelten Mischtechnik, für die er hauptsächlich Farbstifte, Kreiden, Verdünnungsmittel und Radiergummis auf einer Bleistiftunterzeichung verwendete.
Im Zentrum des Gemäldes ist das Erlösungswerk dargestellt. Zu Füssen einer zehnstufigen Treppe stehen Adam und Eva nach dem Sündenfall, abgewendet von Gott, «zerzaust und nackt, aber durch geschickte Körperstellung keinerlei sittliche Gefühle verletzend». Über ihnen hängt Jesus Christus am Kreuz, gestützt von Gott dem Vater auf seinem Thron. Mit Bezug auf den Ausspruch Jesu: «Wer mich sieht, der sieht den Vater» (), ist er nicht wie üblich als Greis, sondern als junger Mann mit ähnlichen Gesichtszügen wie der Sohn gemalt. Rechts verweist Johannes der Täufer, als Vermittler zwischen Altem und Neuem Testament, die ihn anblickende Eva auf das Sühneopfer. Auf der zweiten Treppenstufe zur Linken kniet Maria mit gefalteten Händen und zum Kreuz gewandtem Blick.
Die rechte untere Seite ist dem Alten Testament gewidmet. Von rechts nach links folgen Abraham, der sich zur Opferung Isaaks anschickt, Noah mit einem kleinen Modell der Arche in Händen und von seinen Söhnen umringt, Jakob und Josef, Mose mit der ehernen Schlange und den zerbrochenen Gebotstafeln zu Füssen, David, der von Samuel gesalbt wird, sodann die Propheten Elischa, Elija, Daniel (im Gebet kniend), Ezechiel, Amos (als Hirte), Protojesaja, Jeremia (an Krücken), Hosea, Maleachi, Sacharja und Deuterojesaja.
Die linke untere Seite zeigt die Geschichte des Christentums. Auf die vier Evangelisten folgen Stephanus, dem ein Engel die Märtyrerkrone aufsetzt, der alte Simeon, einige Apostel, Petrus, mit dem Himmelsschlüssel in der Rechten und dem Hahn der Verleugnung zu Füssen scheel nach Christus äugend, und Paulus. Die weitere Antike wird repräsentiert durch die Kirchenlehrer Johannes Chrysostomos und Augustinus von Hippo mit den Confessiones in der Linken, Origenes und Kaiser Konstantin. Das Mittelalter verkörpern König Ludwig IX., Thomas von Aquin und Franz von Assisi, der die Stigmata empfängt. Die Reformatoren Martin Luther, Johannes Calvin und John Knox markieren den Umbruch in die Neuzeit. Diese wird aber nicht nur durch Protagonisten des Protestantismus (der französische Hugenottenkönig Heinrich IV. und seine Mutter Jeanne d’Albret, Johann Sebastian Bach, der Waadtländer Theologe Alexandre Vinet und der französische Missionar François Coillard), sondern im Sinne der Ökumene auch des Katholizismus (Jacques Bénigne Bossuet, Blaise Pascal und der Begründer der neuzeitlichen Karitas Vinzenz von Paul) repräsentiert. Zuäusserst steht Pius XII., der zur Entstehungszeit des Bildes als Papst amtete. Er hat die Bibel an der Stelle aufgeschlagen: «Alle sollen eins sein» ().
Die obere Bildhälfte symbolisiert den Himmel. Zu beiden Seiten des Gekreuzigten musizieren und singen Engel, dargestellt als geflügelte Kinder.
Vorlagen Für einige der Figuren konnten Riviers Vorlagen ermittelt werden. Wie schon in der Kirche Saint-Jean ist die Darstellung von Jesu am Kreuz und Gott-Vater von Masaccios Fresko Dreifaltigkeit inspiriert. Die Darstellung Johannes des Täufers beruht angeblich auf einem Gemälde von Philippe de Champaigne, jene Martin Luthers auf dem berühmten Porträt von Lucas Cranach dem Älteren und jene Calvins auf einem Kupferstich von René Boyvin.
Rezeption Anlässlich der Wanderausstellung in den Jahren 1981/82 äusserte sich der Genfer Pater Jean-Paul de Sury d’Aspremont in der katholischen Zeitung Le Courrier anerkennend über Riviers Bild:
1986/87 eröffnete das Gemälde die Ausstellungen in Lausanne und Aarau. Die Neue Zürcher Zeitung schrieb darüber:
Literatur Jean-Paul de Sury: Un polyptyque de Louis Rivier. In: Le Courrier. Nr. 6, 9. Januar 1982, S. 11 (online). Dario Gamboni (Hrsg.): Louis Rivier et la peinture religieuse en Suisse romande. Payot, Lausanne 1985, ISBN 2-601-03006-2 (Ausstellungskatalog). U. I.: «Retour à l’ordre». Zur Ausstellung Louis Rivier im Kunstmuseum Aarau. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 31, 7. Februar 1986, S. 35 (online).
Weblinks Le Mystère de la Rédemption auf Art-louisrivier.ch
Einzelnachweise
Kategorie:Gemälde (20. Jahrhundert) Kategorie:Malerei (Schweiz) Kategorie:Christliche Kunst