mini|Martha Rösing Martha Rösing (* 12. März 1839 auf dem Rittergut Friedrichswalde, Landkreis Samland in Preußen; † 23. April 1926 in Lübeck) entfaltete ihre Tätigkeit viele Jahrzehnte lang auf den verschiedensten Gebieten der öffentlichen Wohlfahrtspflege.
Leben Nach einem vorübergehenden Aufenthalt in Wiesbaden und Kiel zog ihre Familie 1864 nach Lübeck. Martha Rösing lebte dort zunächst ausschließlich für das Haus und die Pflege ihrer alten Eltern.
Zeitig erkannte Rösing die Soziale Not und war eine der anerkannten Frauen in Deutschlands, die die damaligen Wohlfahrtseinrichtungen mit schuf und ausführte.
1894 trat Rösing in den St.-Gertrud-Frauenverein ein und zeigte schon bald ihre Begabung, auf sozialen Gebiet neue Wege anzubahnen. So wurden mit ihr als Vorstand 1897 schon 63 Haushaltungen, statt nur 21 im Vorjahr, unterstützt. Auf Anregung des Senators Schön traf man mit der Armenanstalt die Verabredung auch jene zu bedenken. Seitdem bestand ein engerer Zusammenschluss zwischen der Armenanstalt, der kirchlichen Armenpflege und dem Verein. Jahresbericht des St. Gertrud-Frauenvereins über das Jahr 1897. In: Lübeckische Blätter, 40. Jahrgang, Nummer 17, Ausgabe vom 24. April 1898. Um die Geschäftsjahre des Vereines besser miteinander vergleichen zu können, begann ab 1901 dessen Geschäftsjahr mit dem Wechsel von der Winter- auf die Sommerhälfte am 1. April.St. Gertrud-Frauenverein. In: Lübeckische Blätter, 43. Jahrgang, Nummer 8, Ausgabe vom 24. Februar 1901, S. 106–107.
Um die Bevölkerung ihrer Vorstadt billig mit gutem Lesestoff zu versehen, wurde von Rösing 1898 die St. Gertrud-Bücherhalle gegründet. 1905 zählte die Bücherei 657 Bände, die Zahl der Leser hatte sich innerhalb der vorhergehenden 6 Monate mehr als verdoppelt und die Zahl der Entleihungen fast verdreifacht. Sie diente nicht mehr dem Zweck des Vereins, sondern der gesamten Vorstadt. Folglich wurde ein selbstständiger Verein gegründet und die Verwaltung ging 1906 an diesen über. Jahresbericht des St. Gertrud-Frauenvereins. In: Lübeckische Blätter, 48. Jahrgang, Nummer 11, Ausgabe vom 18. März 1906, S. 165.
Nach Einführung des neuen Bürgerlichen Gesetzbuches am 1. Januar 1900 war Lübeck der erste Staat der am 2. Januar 1900 mit Rösing den ersten weiblichen Vormund Deutschlands bestellte. Sie war seit 1897 Mitglied des „Deutschen Vereins für Armenpflege und Wohlthätigkeit“ später Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge. Als sie 1910 zusammen mit Alice Salomon und Agnes Neuhaus unter Wilhelm Polligkeit in den Zentralausschuss, in dem bisher nur Männer waren, gewählt wurde, verdankte síe ihre Wahl vornehmlich ihrer bahnbrechenden Betätigung auf dem Gebiet. 1911 bis 1918 war sie ebenfalls in der Armenbehörde.
Sie war Mitglied des Gemeinsvorstands von St. Jakobi, des Kirchentages und des Evangelischen Bundes sowie des Wohlfahrtsamtes.
Am 55. Geburtstag der Kaiserin wurde Rösing die Rote Kreuz-Medaille 3. Klasse verliehen.Lokale Notizen. In: Lübeckische Blätter, 45. Jahrgang, Nummer 43, Ausgabe vom 25. Oktober 1903, S. 559. 1916 bekam sie die 2. Klasse und 1918 das Verdienstkreuz für Kriegshilfe. Als der Erste Weltkrieg begann, wurde die heimatliche Hilfe von Rösing organisiert. Am 4. August 1914 richtete sie mit anderen die Zentrale vom Roten Kreuz und den Hauspflegeverein ein.
Als der Erste Weltkrieg begann, wurde die heimatliche Hilfe von Rösing organisiert. Am 4. August 1914 richtete sie mit anderen die Zentrale vom Roten Kreuz und den Hauspflegeverein ein.
Zu ihrem 70. Geburtstag verlieh ihr der Senat als zweithöchste Staatsauszeichnung die silberne Gedenkmünze Bene Merenti. Diese wurde hiermit zum ersten Male einer Frau verliehen worden. In der von ihrer Mitarbeiterin Elisabeth Hoffmann geführten Niederschrift über die Versammlung des Vereins Jugendschutz vom 10. April 1922 hieß es: „Sie betrachtet diese Auszeichnung nicht sowohl als eine persönliche Ehrung von Seiten des Senates, sondern als eine Anerkennung der von allen Mitgliedern geleisteten Arbeit, ja des Ehrenamtes als solchen. Sie fordert die Anwesenden auf, nach besten Kräften dazu beizutragen, dass sich Frauen zu ehrenamtlicher Mitarbeit bereitfinden lassen. Es wird schwer sein, aber in der Not der Zeit ist es dringend erwünscht, wenn gerade auch jüngere Frauen sich in den Dienst der guten Sache stellen.“
Milchkolonie mini|Forsthalle mini|Endstelle Israelsdorf bei der Forsthalle (1905) Während der großen Ferien 1897 führte Rösing abwechselnd mit ihren Helferinnen 16 schwächliche Kinder aus St. Gertrud in das vollständig von Wald umschlossene Israelsdorf in die von ihr gegründete Milchkolonie. Nach der Ankunft in der ForsthalleDie Forsthalle war 1896 von der Stadt Lübeck in Eigenregie errichtet worden. Der Veranstaltungsort befand sich völlig unter Kontrolle der städtischen Behörden. 1971 wurde sie zugunsten einer Erweiterung des Tierparks abgerissen. und vor dem Abmarsch wurde ihnen Milch verabreicht. 1050.: Milchkolonien. In: Lübeckische Blätter, 43. Jahrgang, Nummer 24, Ausgabe vom 13. Juni 1902, S. 300. Über 20 Jahre sollte sie Vorsitzende des gemeinnützigen deutschlandweit einzigen größeren unter weiblicher Leitung stehenden und sich bewährenden Unternehmens bleiben. Dies stellte ein Unikum da.
Als 1902 die Nutzung der Milchkolonie freigegeben wurde, reisten etwa 200 Kinder in die Sommerfrische der Ferienkolonien. Wegen des Mangels an Mitteln war jedoch mehreren die Teilnahme nicht möglich. 1050.: Milchkolonien. In: Lübeckische Blätter, 43. Jahrgang, Nummer 24, Ausgabe vom 13. Juni 1902, S. 300.
Der zunächst für die Beaufsichtigung angeforderte Seminarist erhielt 1902 eine weiter sich mit ihm die Aufsicht teilende Lehrerin für die vielen Mädchen hinzu.Milchkolonie in der Forsthalle in Israelsdorf. In: Lübeckische Blätter, 44. Jahrgang, Nummer 32, Ausgabe vom 10. August 1902, S. 398–399. 1905 schickte der Frauenverein St. Gertrud 6 Knaben und 4 Mädchen in die Milchkolonie.
Als die Kolonie 1906 erstmalig mehr als 60 Kinder in Anspruch nahmen, musste erstmals seit ihrem Bestehen ein Geschwisterpaar, wegen Unbotmäßigkeit, Unbotmäßigkeit bezeichnet ein widersetzliches, ungehorsames oder aufmüpfiges Verhalten, oft im Sinne einer mangelnden Unterordnung gegenüber Autoritäten. Es beschreibt den Zustand von Ungehorsam oder Renitenz. ausgeschlossen werden.Milchkolonie in Israelsdorf. In: Lübeckische Blätter, 49. Jahrgang, Nummer 21, Ausgabe vom 26. Mai 1907, S. 293. Der von der Vorsteherschaft an die Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit gestellte Antrag, die Milchkolonie als Institut anzugliedern, wurde auf deren Versammlung am 18. Dezember debattenlos angenommen. Ein aus drei Mitgliedern der Gesellschaft und drei von diesem zu wählenden Frauen bestehender Ausschuss sollte es leiten. Aus jenem schieden alljährlich ein männliches und weibliches Mitglied, welche wieder wählbar waren, aus. Von der Gesellschaft wurden die Dres. Friedrich Wex (Schriftführer), Fritz Eschenburg (Kassenführer) und der Seminarlehrer Hermann Pechmann (stellvertretender Vorsitzender) sowie Fräulein Rösing (Vorsitzende), Frau Senator Stooss (stellvertretende Kassenführerin) und Frau Landrichter Lienau (stellvertretende Schriftführerin) gewählt.Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit. In: Lübeckische Blätter, 48. Jahrgang, Nummer 51, Ausgabe vom 23. Dezember 1906, S. 749–753.
Luft und Sonne galten als die besten Verbündeten gegen Tuberkulose. Man suchte daher schon auf Kinder den Einfluss reiner Wald- und Seeluft wirken zu lassen und durch die Gründung der Waldschule in Wesloe nahmen diese Bestrebungen einen starken Aufschwung. Da deren Aufnahmekapazität jedoch sehr beschränkt war, half die Milchkolonne in Israelsdorf aus, indem sie jedem Kind eine vierwöchige Betreuung im Wald gewährte.1370.: Die Milchkolonie. In: Lübeckische Blätter, 50. Jahrgang, Nummer 26, Ausgabe vom 28. Juni 1908, S. 385–386. Eduard Hach hatte eine Schlüsselliste zwischen den Autoren und deren Chiffren in den Lübecker Blättern. Seit 1907 ist diese immer sporadischer weitergeführt worden. Für die Chiffren 1008., 1065., 1320., 1370. und D. sind keine Autoren mehr hinterlegt worden.
mini|Damaliger Geibelplatz Als weitere Verbesserung der Einrichtung arbeitend erreichte Rösing, dass sich die Lokal- und Straßenbahngesellschaft ab 1908 bereit erklärte, etwa 60 Kinder unentgeltlich vom Geibelplatz (ab 1937 wieder Koberg) nach Israelsdorf zu befördern und bei schlechtem Wetter zwei Wagen für die Rückfahrt zu stellen. Im Vergleich zu den 66 Kindern 1907 konnten so 1908 160 an der Milchkolonie teilnehmen.Die Milchkolonie in Israelsdorf. In: Lübeckische Blätter, 50. Jahrgang, Nummer 44, Ausgabe vom 1. November 1908, S. 666–667.
Der eigentliche Zweck der Einrichtung, sie war nicht nur für die ärmere Bevölkerung gedacht, wurde erstmals 1909 erreicht. Gegenüber 5–6 Karten in den vorangehenden Jahren zahlten 39 Eltern die Karten für den Aufenthalt und ermöglichte ihren Kindern auf eigene Kosten die Waldluft zu genießen. Milchkolonie in Israelsdorf. In: Lübeckische Blätter, 52. Jahrgang, Nummer 43, Ausgabe vom 23. Oktober 1910, S. 628. 1910 wurden auf Wunsch des Wirtes die ersten vier Donnerstage mit Rücksicht auf die in der Forsthalle stattfindenden Konzerte überschlagen. Es kam zu drei Unfällen – zwei Knaben wurden von Kreuzottern gebissen und einer brach sich den linken Arm. Sie nahmen aber nach wenigen Tagen wieder an der Milchkolonie teil. Neunter Jahresbericht der Milchkolonie in Israelsdorf. In: Lübeckische Blätter, 53. Jahrgang, Nummer 37, Ausgabe vom 10. September 1911, S. 537–538. 1911 nahmen Kinder 210 teil. Über 200 weitere mussten allerdings, da kein für sie Zahlender gefunden wurde, abgewiesen werden. Zehnter Jahresbericht der Milchkolonie in Israelsdorf. In: Lübeckische Blätter, 54. Jahrgang, Nummer 26, Ausgabe vom 23. Juni 1912, S. 383.
Auch 1914 stieg die Beteiligung. Aufgrund des Entgegenkommens der Straßenbahnverwaltung war es möglich, die Milchkolonie trotz des hereinbrechenden Krieges unverkürzt zu Ende zu führen. Milchkolonie in Israelsdorf. In: Lübeckische Blätter, 57. Jahrgang, Nummer 44, Ausgabe vom 31. Oktober 1915, S. 626.
Obwohl 1915 in St. Lorenz eine Kriegsmilchkolonie mit rund 140 Kindern eingerichtet wurde, und damit eine besonders bedürftige Vorstadt ausschied, hielt sich die Israelsdorfer in der gewohnten Höhe. Die durch den Kriegszustand verursachten Schwierigkeiten, wie beispielsweise der Hinaustransport von Nahrungsmitteln für die Kinder, konnten durch die Straßenbahn überwunden werden. Ein besonderes Ereignis für die Kinder war, dass es ihnen gestattet wurde, den in Israelsdorf untergebrachten Feldgrauen eine kleine Aufführung darzubieten. Der dortige Hauptmann ließ zu der Feier Militärmusik aus der Stadt kommen und begeisterte die Kinder, als er ihnen in wohlgesetzter Rede für ihren guten Willen dankte. Bericht der Milchkolonie in Israelsdorf. In: Lübeckische Blätter, 58. Jahrgang, Nummer 43, Ausgabe vom 28. Oktober 1916, S. 563.