mini|Porträt von Melchior Diethelm, 1834 Josef Melchior Diethelm (* 4. Dezember oder 6. Dezember 1800 in Schübelbach; † 7. Juni 1873 in Lachen) war ein Schweizer Mediziner, Politiker und der entscheidende Vordenker für das heutige Zweikammersystem der Schweiz. Sein Pseudonym lautete Ein Freisinniger der alten Garde.

Leben Herkunft und Familie Über die Eltern von Melchior Diethelm ist nicht viel bekannt. Sie bewirtschafteten einen Hof zwischen Siebnen und Schübelbach. Sein Vater, Josef Kaspar Diethelm, stammte aus Vorderthal und ehelichte 1779 zunächst Maria Elisabeth Diethelm, mit der er zwei Kinder hatte. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Josef Kaspar seine zweite Frau Anna Maria (geb. Hegner) von Galgenen. Sie gebar ihm insgesamt weitere sechs Kinder. Als letztes Kind wurde Josef Melchior Diethelm geboren. Interessanterweise verzeichnet das Taufbuch von Schübelbach den 4. Dezember 1800 als Geburtsdatum, während seines ganzen Lebens aber konsequent der 6. Dezember als Geburtsdatum angenommen wurde.

Bereits 1808 starb der Vater. mini|Porträt von Maria Josefa Diethelm-Dobler, 1826 1825 heiratete Melchior Diethelm die 23-jährige Maria Josefa (* 27. Dezember 1802; † 27. Oktober 1875), die Tochter von Kaspar Leonz Dobler aus Schübelbach. Der Ehe entstammten insgesamt elf Kinder, von denen drei in der Zeit von 1833 bis 1834 verstarben. Von den elf Kindern erreichten sieben das Erwachsenenalter, zu diesen gehörten unter anderem seine Söhne Arnold Diethelm (1828–1906), Schriftsteller und Politiker, sowie der Oberst und Politiker Hermann Diethelm (1836–1898).

Ausbildung und beruflicher Werdegang Melchior Diethelm besuchte zunächst die Volksschule in Schübelbach und darauf die Lateinschule in Lachen und ergriff danach als jüngstes Kind der Familie die akademische Laufbahn. Diese führte ihn zuerst an verschiedene Klosterschulen. Er besuchte das Lyzeum (siehe Kantonsschule Alpenquai Luzern) in Luzern, wo er die Bekanntschaft mit dem an dieser Schule wirkenden Ignaz Paul Vital Troxler machte. Mit dem zwanzig Jahre älteren Arzt, Politiker, Lehrer, Philosoph und Freund Beethovens und Heinrich Zschokkes unterhielt Melchior Diethelm bis zu dessen Tod 1866 einen regen Kontakt und Briefwechsel, der vor allem in der Phase der Bundesvertragsrevision von 1848 einen nachhaltigen Einfluss auf die schweizerische Verfassungsgeschichte nehmen sollte. Die parallelen Berufe und Berufungen sowie die deutlich erkennbaren identischen philosophischen und politischen Grundeinstellungen von Troxler und Diethelm sind mehr als auffällig. Der Student aus der March war sein Leben lang geprägt von dessen radikalen Ideen. Wie Troxler sah auch Diethelm einen Hauptpfeiler für ein demokratisch funktionierendes Gemeinwesen in der Bildung, für die er sich während seiner ganzen Karriere in den entsprechenden Ämtern und Kommissionen einsetzte. Diethelm war auch nach 1848 fast ausnahmslos entweder Präsident des Bezirksschulrats, wenigstens dessen Mitglied oder auf kommunaler Ebene für die Schule tätig. Aber auch die Rechtsgleichheit, Gewaltentrennung, Pressefreiheit, die Öffentlichkeit und Transparenz der Staatsgeschäfte, der gemässigte Zentralismus oder die religiöse Toleranz bildeten die Basis seiner politischen Philosophie, genauso wie es Troxler zwischen 1819 und 1821 in Luzern lehrte.

Nach dem Besuch des Lyzeums, 1820, studierte der junge Melchior Diethelm wie sein Luzerner Lehrmeister Medizin. Sein Weg führte ihn zuerst an die Universität Wien, auch hierin durchaus nach dem Vorbild Troxlers, bevor er im Jahre 1825 an der Grossherzoglichen Albertina-Ludoviciana in Freiburg im Breisgau seine Schlussexamen in Arzneiwissenschaften ablegte; er hörte Vorlesungen unter anderem bei Matthias Alexander Ecker, Karl Julius Perleb, Friedrich August Walchner, Karl Fromherz, Karl Joseph Beck, Karl Schultze und Joseph Ignaz Schmiderer.

Der junge Mediziner zog nach Abschluss seiner Auslandsstudien in die March zurück und eröffnete in Siebnen eine Arztpraxis, bis er diese 1827 in Lachen im Gasthof «Bären» fortführte. Er erwarb am 17. Dezember 1828 das Haus gegenüber dem «Bären», ein stattliches Wohnhaus neben dem Gasthof «Sternen». Verkäufer war der Ratsherr Alois Steinegger.

Der Kampf der Ausserschwyzer Bezirke um Gleichberechtigung Getrieben von der angespannten politischen Lage im Kanton, entschied sich Melchior Diethelm für einen Umzug nach Lachen, wo der Kampf um die Rechte der March und anderer Gebiete bereits aktiv geführt wurde. Kopf der antischwyzerischen Bewegung war der Bezirkslandammann Franz Joachim Schmid (1781–1839); dieser war Wirt im Gasthof «Ochsen» und Fürsprech und war seit 1808 Mitglied des Kantonsrates. Er amtete auch mehrere Jahre als Bezirksrat, Bezirksstatthalter und Bezirkslandammann. 1815 zog er als erster Ausserschwyzer als Vertreter des Standes Schwyz an die Tagsatzung. Infolge seines Parteiwechsels, 1834, zu den Altgesinnten übernahm er verschiedene Ämter in Schwyz, darunter das des Kantonsgerichtspräsidenten. Ab diesem Zeitpunkt galt er in der öffentlichen Wahrnehmung als umstrittene Figur, dem mangelnde Unparteilichkeit und fragwürdige politische Methoden zugeschrieben wurden.

Bereits 1814, als die Schwyzer die vorrevolutionären Verhältnisse wieder hergestellt und die Repräsentanten der äusseren Bezirke entlassen hatten, war Schmid als Deputierter der March ein Streiter für die einst den Bezirken gewährten Rechte gewesen. Die Schwyzer begründeten ihren reaktionären Schritt vom Januar 1814 vor allem damit, dass die Gleichberechtigung des alten Landes Schwyz mit den ehemals angehörigen Landschaften im Februar 1798 nur auf grossen Druck und vor dem Hintergrund der einmarschierenden Franzosen zustande kam und deshalb nie rechtmässig in Kraft trat. 1829 wurde in der March bekannt, dass die Schwyzer ihre eigenen Beisassen von der Landsgemeinde ausschlossen und ihnen die politischen Rechte versagten. Das schürte Ängste in den Bezirken. Die seit 1814 versprochene Verfassung sollte nun endlich entworfen werden. An vorderster Front der Petitionäre stand Schmid. Die sich gegen die Entrechtung durch die politischen Machthaber in Schwyz wehrenden Märchler Beamten und Mandatsträger agierten pausenlos.

Die Kantonsspaltung 1832/33 Neben Schmids Führung fehlte ein intellektuelles Sprachrohr für die Anliegen der Bezirke. Diese Lücke füllte Anfang 1831 Melchior Diethelm.

Am Dreikönigstag 1831 leitete Diethelm eine Volksversammlung auf dem Landsgemeindeplatz in Lachen, an der rund 3000 Stimmberechtigte aus den äusseren Bezirken teilnahmen; hier stellte er auch ein Memorial mit elf Punkten als politisches Programm der liberalen «Aeussern» vor. Unter seiner Führung erneuerten die Teilnehmer ihre Forderungen nach politischer Gleichberechtigung gegenüber dem Alten Land Schwyz. Dabei wurde erstmals offen mit der Loslösung der Bezirke March, Pfäffikon, Einsiedeln und Küssnacht sowie der Bildung einer eigenständigen Regierung gedroht, sollte Schwyz die Reformen weiterhin blockieren. Dieses Ereignis gilt als unmittelbarer Vorbote der faktischen Kantonsteilung von 1832.

Nachdem sich Ende Februar 1831 die Vereinigten Bezirke von Alt-Schwyz losgelöst hatten, wurde Schmid Landammann und Diethelm Säckelmeister der provisorischen Regierung. In einer Kampfschrift begründete Diethelm diesen Schritt gegenüber den anderen Kantonen. Dabei betonte er, dass die Trennung nur vorübergehend sei, bis eine gerechte Verfassung die politische Gleichberechtigung wiederhergestellt habe.

Am 1. Mai hielten die äusseren Bezirke des Kantons Schwyz (Schwyz Äusseres) eine Landsgemeinde in Lachen ab. Landammann Schmid und Diethelm berichteten über die gescheiterten Versuche, sich mit dem inneren Kantonsteil auf eine gemeinsame, freie Verfassung zu einigen.

Am 27. Mai 1831 traf eine Delegation des provisorischen Landrates – angeführt von Diethelm und dem Ratsherrn Mathias Gyr aus Einsiedeln – mit den Vertretern der Landschaft Küssnacht zusammen. Das Ziel der Verhandlungen mit Alois Stutzer und Landschreiber Peter Truttmann war wegweisend: der Anschluss des Bezirks an das Provisorium von Schwyz äusseres Land.

Die Ausgangslage war geprägt von strategischem Kalkül und vorsichtigem Zögern. Während Küssnacht aufgrund seiner isolierten geografischen Lage Bedenken äusserte, suchten die drei dissidenten Bezirke den Schulterschluss. Der Beitritt Küssnachts war notwendig, um die Mehrheit der Kantonsbevölkerung im eigenen «Halbkanton» zu vereinen und so das politische Gewicht entscheidend zu verschieben. Um die Exklave zu gewinnen, war man bereit, Küssnacht mit gezielten Zugeständnissen entgegenzukommen, darauf erfolgte noch 1831 der Beitritt.

Dank seinem Scharfsinn stieg Diethelm, von den Märchlern Landamme Chruselchopf genannt, 1832 zum Bezirkslandammann auf. Mit nur 32 Jahren vereinte Melchior Diethelm zentrale Schlüsselrollen: Er war Säckelmeister, Präsident des Verfassungsrates und Anführer der March. Da die Verhandlungen mit Alt-Schwyz scheiterten, trieb er zusammen mit Mitstreitern wie Schmid, Josef Karl Benziger und Alois Stutzer die Lostrennung nach Basler Vorbild (siehe Basler Kantonstrennung) nun entschlossen voran.

Am 15. April 1832 trat in Einsiedeln eine zweite Landsgemeinde von «Ausserschwyz» zusammen. Mit dem Beschluss, eine eigene Verfassung auszuarbeiten, vollzogen die vier Bezirke March, Pfäffikon, Einsiedeln und Küssnacht den formellen Schritt zur Konstituierung eines eigenständigen eidgenössischen Standes unter dem Namen «Kanton Schwyz, Äusseres Land».

Die Verfassung des Kantons Schwyz, Äusseres Land wurde am 6. Mai 1832 von den Bezirksgemeinden der March, Einsiedeln, Pfäffikon und Küssnacht angenommen und trat somit formell in Kraft. Kaum, dass die neue Verfassung mit ihrem Beschluss zur Dezentralisierung der Zeughausbestände verabschiedet war, veranlasste Diethelm den Abtransport der den Ausserschwyzern zugesprochenen Waffen nach Einsiedeln und Lachen.

Rund ein Jahr später, am 22. April 1833, anerkannte die Tagsatzung die äusseren Bezirke als vollwertiges Mitglied der Eidgenossenschaft, allerdings nur mit halber Standesstimme und unter dem Vorbehalt einer anzustrebenden Wiedervereinigung mit Alt-Schwyz. Ausschlaggebend für diesen Akt der Tagsatzung war wohl die Tatsache, dass Schwyz wegen der Mitgliedschaft im Sarnerbund, der Anerkennungsverweigerung des liberalen Halbkantons Baselland und der Abhaltung einer Gegentagsatzung in Seewen unter Druck gesetzt werden sollte.

Wiedervereinigung und Kantonsstatthalter Melchior Diethelm konnte während des Sommers 1833 sogar einen Tagsatzungssitz einnehmen, da die Schwyzer Abgeordneten der Versammlung aus Protest fernblieben. Doch der eigenständige und anerkannte Kanton Schwyz, Äusseres Land war nicht von langer Dauer. Nach der Verhaftung eines altschwyzerisch gesinnten Bürgers, der in Küssnacht Flugblätter verteilt hatte, benutzte der Führer der Konservativen und Schwyzer Landesstatthalter Theodor Ab-Yberg die Gunst der Stunde und rückte unter dem Vorwand, dem Hilfegesuch bedrängter Küssnachter nachzukommen, am 31. Juli 1833 mit 600 Mann Landsturmtruppen in Küssnacht ein.

Diethelm schickte sofort einen Eilbrief an die Tagsatzung. Er erklärte darin, dass dies wohl erst der Anfang der feindseligen Aktionen sei. Wenn man der Verschwörung nicht entschlossen entgegentrete, bestehe die Gefahr, dass die äusseren Bezirke im Bürgerkrieg versinken könnten. Die Tagsatzung leistete sofort den erbetenen bundesvertraglichen Beistand, indem Zürich, Bern, Luzern und Zug 8000 Mann mobilisierten und in der Zeit vom 3. bis zum 8. August 1833 den ganzen Kanton besetzten. Sie verfügte auch die Ausarbeitung einer Verfassung und die Wiedervereinigung der beiden Halbkantone Schwyz, Inneres und Äusseres Land. Die Besatzungstruppen der Tagsatzung erhielten die Weisung, nur abzuziehen, wenn eine demokratische Verfassung im Kanton Schwyz angenommen worden sei.