Die Schlacht um Réunion (: Bataille de La Réunion) war eine von den Forces françaises libres durchgeführte amphibische Landung und eine parallele Aufstandsbewegung, durch die die Insel Réunion während des Zweiten Weltkriegs auf die Seite der Alliierten gebracht wurde. Die Invasion wurde am 28. November 1942 von Bord des Zerstörers Léopard der Freifranzösischen Marine (FNFL) durchgeführt; das Schiff unterstützte den Sturz der Vichy-Regime-treuen Verwaltung und den Ersatz durch eine freifranzösische Administration. Parallel gingen lokale Résistance-Angehörige gegen die lokale Administration vor.

Hintergrund Vichy und Réunion mini|links|Charles de Gaulle inspiziert Marinesoldaten auf dem Zerstörer Léopard im Juni 1942. Seit der Schlacht um Frankreich im Mai und Juni 1940 hatte die Insel Réunion nur geringe strategische Bedeutung und infolgedessen auch nur schwache Verteidigungsanlagen. Der Waffenstillstand von Compiègne hatte die militärischen Kräfte auf der Insel auf drei Offiziere, einen Arzt, elf Unteroffiziere und etwa 270 Mannschaften reduziert – von denen lediglich 23 Berufssoldaten waren. Die Küstenartillerie war nur bedingt einsatzbereit.

Am 23. Juni 1940 verurteilte Raoul Nativel, der Präsident des Conseil Général (Generalrats), den Waffenstillstand über den Sender Radio Saint-Denis. Am darauffolgenden Tag traf sich der britische Konsul Maurice Gaud mit dem Gouverneur der Insel, Pierre Aubert, und bot an, die französische Verwaltung aus britischen Staatsmitteln zu finanzieren, sofern La Réunion den Kampf fortsetzen würde. Dieser Vorschlag wurde öffentlich bekannt, als Radio Mauritius darüber berichtete. Aubert beriet sich mit lokalen Persönlichkeiten; doch anstatt die Insel widerrechtlich an eine fremde Regierung zu übergeben, entschied er sich dafür, der Vichy-Regierung unter Marschall Philippe Pétain die Treue zu halten. Die Unterstützer der französischen Exilregierung unter Charles de Gaulle – Generalsekretär Angelini und Kapitän Plat – wurden versetzt; zudem wurden der Präsident der Kolonialkommission, Adrien Lagourgue, sowie Nativel ihrer Ämter enthoben.

Gouverneur Aubert war dem Vichy-Regime zwar loyal ergeben, zeigte sich jedoch in seiner Unterstützung von Pétains Politik vergleichsweise gemäßigt. Dennoch verfügte er über die uneingeschränkte Befehlsgewalt auf der Insel. Sein Kabinettschef Jean-Jacques Pillet hingegen unterstützte die „Révolution nationale“ des Vichy-Regimes mit großem Eifer: Er organisierte Zensurmaßnahmen, Propaganda, die Einrichtung eines Sonderstrafgerichts sowie eine Vichy-treue Miliz.

Schon bald formierte sich jedoch auch eine lokale Widerstandsbewegung. Am 11. November 1941, dem Jour du Souvenir, legten etwa zwanzig Frauen Blumen am Denkmal für die Gefallenen von 1918 in Saint-Denis nieder; daraufhin wurden sie mit einer Geldstrafe belegt. Unter der Führung von Léon de Lepervanche waren kommunistische Zellen aktiv, die sich jedoch äußerst unauffällig verhielten. La Réunion bot zudem Duy Tân, dem im Exil lebenden Kaiser von Vietnam, Unterschlupf; dieser war ein Funkamateur und schaffte es, Funkkontakt mit Mauritius aufzunehmen. Kurz darauf wurde er jedoch festgenommen und seine Ausrüstung beschlagnahmt. Später schloss er sich den Forces françaises libres als Offizier an.

Strategische Lage Nach der Schlacht um Singapur im Februar 1942 zog sich die britische Eastern Fleet zum Addu-Atoll auf den Malediven zurück. Nach der Attacke im Indischen Ozean der Flotte unter Nagumo Chūichi zu Beginn des Jahres 1942 verlegte die britische Flotte ihren operativen Stützpunkt nach Kilindini bei Mombasa in Kenia, Britisch-Ostafrika, wodurch die britische Präsenz an der afrikanischen Ostküste verstärkt wurde. Kurz darauf, am 5. Mai 1942, griffen die Briten im Rahmen der Operation Ironclad die französischen Besitzungen auf Madagaskar an, die unter der Kontrolle des Vichy-Regimes standen. La Réunion verlor daraufhin seine Schiffsverbindungen zum afrikanischen Festland, und der Angriff fachte die antibritische Stimmung unter den dem Vichy-Regime loyalen Kräften weiter an. Andererseits sah sich de Gaulle – der an der Operation Ironclad nicht beteiligt gewesen war – unter Zugzwang, Réunion vom Vichy-Regime zurückzuerobern, bevor dies den Briten oder Amerikanern gelingen würde.

Am 8. Mai meldeten dem Vichy-Regime loyale Kräfte auf Madagaskar, dass ein britischer Kreuzer mit 600 Mann an Bord Südafrika verlassen habe, um Réunion einzunehmen. Daraufhin beschloss Aubert, den Hafen von Le Port zu blockieren, indem er ein Schiff in der Hafeneinfahrt versenken ließ. Zudem ordnete er die Evakuierung der Hauptstadt Saint-Denis an, um ein blutiges Bombardement – wie es zuvor in Diego Suarez auf Madagaskar stattgefunden hatte – zu verhindern; bis zum Abend hatten sich etwa 9.000 Menschen nach La Montagne, Le Brûlé, Saint-François und Sainte-Marie begeben. Ein Bombardement blieb jedoch aus, und die Bevölkerung kehrte allmählich in ihre Häuser zurück.

Der Vorfall hatte deutlich gemacht, dass die Insel einer Invasion gegenüber völlig schutzlos war; am 18. September wurde daher beschlossen, dass der Widerstand gegen eine feindliche Landung auf einen bloßen symbolischen Abwehrkampf beschränkt bleiben sollte. Dennoch waren einige Teile des Militärs fest entschlossen, einer britischen Invasion erbitterten Widerstand zu leisten. Am 27. September wurde Saint-Denis zur offenen Stadt erklärt, während die Behörden nach Hell-Bourg verlegten – sehr zum Spott durch die Anhänger De Gaulles.

Am 8. November löste die Operation Torch das Unternehmen Anton aus – die deutsche Besetzung der sogenannten „Freien Zone“ – was weiterhin auch zur Selbstversenkung der französischen Flotte in Toulon führte. François Darlan trat als Rivale De Gaulles in Erscheinung und nahm Verhandlungen mit General Mark W. Clark auf.

Die Invasion mini|Die Léopard, 1942 In der Nacht vom 26. auf den 27. November 1942 lief der Großzerstörer Léopard der FNFL mit 74 Soldaten von Mauritius aus und erreichte am 27. um 23:00 Uhr die Gewässer vor Saint-Denis. Das Schiff stand unter dem Kommando von Fregattenkapitän Jules Evenou, der das Pseudonym „Jacques Richard“ führte.Kurzbiographie: Jules Évenou. Archivierter Link. Abgerufen am 3. Mai 2026.

Zwei Motorboote wurden mit einer fünfköpfigen Gruppe ausgeschickt, um nach einer geeigneten Landungsstelle zu suchen. Um 2:30 Uhr wurde die Léopard von Vichy-Wachposten gesichtet, just als die Invasionstruppen begannen, in die Landungsboote umzusteigen. Etwa 60 Mann gingen an Land und brachten unter der Führung von Leutnant Moreau den Gouverneurspalast unter ihre Kontrolle; bis zum Abend stand auch das übrige Saint-Denis unter der Herrschaft der Freien Franzosen. Barraquin, der Befehlshaber der Invasionstruppen, nahm Kontakt zu wohlgesonnenen Kreisen innerhalb der Bevölkerung auf – insbesondere zu dem kommunistischen Führer Léon de Lépervanche und dem Generalsekretär Rivière – die daraufhin begannen, die Übergabe der Insel zu organisieren. Der überzeugte Vichy-Anhänger Pillet floh daraufhin nach Hell-Bourg, um dort Widerstand zu organisieren. Der von De Gaulle zum neuen Gouverneur ernannte André Capagorry traf gegen 6 Uhr morgens ein, von der Bevölkerung bejubelt, und hielt über den Sender Radio Saint-Denis eine Ansprache, in der er zur Ruhe mahnte.

Am darauffolgenden Tag, dem 28. November, wurden kommunistische Zellen unter der Führung von Lépervanche aktiv. Sie besetzten das Rathaus, verhafteten den Bürgermeister und wählten Lépervanche zum Vorsitzenden eines „Wohlfahrtsausschusses“ (: Comité de Salut Public). Ein anschließender Versuch, die 95-mm-Küstenbatterie von Le Port einzunehmen – die unter dem Kommando von Leutnant Émile Hugot stand, einem als überzeugter Anhänger Pétains geltenden Offizier – scheiterte jedoch. Als Vergeltungsmaßnahme eröffnete die Batterie das Feuer auf die Léopard; das Schiff zog sich daraufhin auf das offene Meer zurück, erwiderte das Feuer und tötete dabei zwei Personen. Der Ingenieur Raymond Decugis versuchte, die Einstellung des Feuers durch die Batterie zu erwirken, wurde jedoch durch Beschuss aus Handfeuerwaffen getötet.Kurzbiographie: Raymond Decugis Archivierter Link. Abgerufen am 3. Mai 2026. Ein Ausfall der Vichy-Truppen wurde durch das Feuer der Widerstandskämpfer vereitelt, wobei Leutnant Hugot schwer verwundet wurde.Cédric Fontaine: Blog-Eintrag Léon de Lepervanche, résistant communiste. Webpage: La Seconde Guerre mondiale à La Réunion. Link. Abgerufen am 3. Mai 2026. Aus Furcht vor einem Sturmangriff regulärer Truppen auf ihre Stellungen zogen sich die Geschützbesatzungen zurück und stellten das Feuer ein; daraufhin näherte sich die Léopard wiederum dem Hafen von Le Port. Als Aubert erfuhr, dass es sich bei der Invasionsstreitmacht um französische und nicht um britische Truppen handelte – und da er trotz wiederholter Bitten um Anweisungen keinerlei Reaktion von seiner Regierung erhielt – verwarf er den Gedanken an selbst einen symbolischen Widerstand. Kapitän Evenou jedoch, der durch die angebliche Anwesenheit feindlicher U-Boote zunehmend nervös wurde und um sein Schiff fürchtete, versuchte auf ungeschickte Weise, eine Entscheidung zu erzwingen, indem er damit drohte, Fabriken auf der Insel durch Beschuss zu zerstören. Nach langwierigen Verhandlungen unter Beteiligung Capagorrys stimmte Aubert schließlich einer Kapitulation zu – unter der Bedingung, dass das Ultimatum bezüglich der Fabriken wiederholt würde, um dies als Möglichkeit zu nutzen, sein Gesicht zu wahren. Die Kapitulation wurde am 30. November um 8:45 Uhr formell besiegelt.

Nachwirkungen mini|Von den „Freien Franzosen“ auf Réunion ausgegebener Geldschein, 1943 Am 2. Dezember wurden Pillet, der örtliche Armeekommandant Artignan und deren Ehefrauen diskret an Bord der Léopard gebracht, um etwaige Vergeltungsmaßnahmen seitens der Bevölkerung zu vermeiden. Aubert ging am darauffolgenden Tag nach dem Mittagessen gemeinsam mit Capagorry, Evenou und Barraquin an Bord; anschließend lief der Zerstörer in Richtung Mauritius aus.

Das Schiff unternahm in der Folge mehrere Fahrten zwischen Mauritius und La Réunion, um Reis zu liefern, an dem es zuvor gefehlt hatte; dies trug maßgeblich zu Capagorrys Popularität bei. Er erhielt daraufhin den Spitznamen „Papa de riz“ (: „Reis-Papa“).

Ab dem 20. April 1943 hob ein Sondergericht sämtliche Sanktionen und Entlassungen auf, die unter dem Vichy-Regime verhängt worden waren. Beamte der Vichy-Verwaltung erhielten in der Regel milde Strafen – mit Ausnahme von Jean-Jacques Pillet, der aus dem Dienst entlassen wurde. In Anerkennung seiner Rolle während der Kampfhandlungen wurde Raymond Decugis später zum Ritter der Ehrenlegion sowie zum Compagnon de la Libération ( etwa: „Gefährten der Befreiung“) ernannt.

Literatur Paul Auphan & Jacques Mordal: The French Navy in World War II, (Reprint). Naval Institute Press. Annapolis. 2016. ISBN 978-1-68247-060-2. Charles de Gaulle: Memoiren – Die Einheit 1942–1944. Signum Taschenbücher (Lizenzausgabe). Gütersloh. Ohne Jahresangabe. S. 46–47. Eric T. Jennings: French Africa in World War II. Cambridge University Press. 2015. ISBN 978-1-107-04848-5. Pierre-Éric Fageol: La Révolution Nationale et L’Exaltation Impériale à La Réunion Durant la Période de Vichy (1940–1942). Guerres Mondiales et Conflits Contemporains. Les territoires de l'Océan Indien dans la Deuxième Guerre mondiale. 246 (2): S. 41–62. JSTOR 23324971. 2012. Yvan Combeau: La Réunion: Une Colonie Gaulliste en Reconstruction (1942–1945). Guerres Mondiales et Conflits Contemporains. Les territoires de l’Océan Indien dans la Deuxième Guerre mondiale. 246 (2): S. 63–78. JSTOR 23324972. 2012.

Weblinks Ordres De Bataille de la 1ère DFL. Le jour du Léopard 2005. Archivierter Link.

Einzelnachweise

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