Letzte Bilder eines Schiffbruchs (Originaltitel: Últimas imágenes del naufragio) ist ein argentinisches Filmdrama aus dem Jahr 1989, geschrieben und gedreht von Eliseo Subiela, das am 5. April 1990 seine Erstaufführung hatte, und in dem Lorenzo Quinteros, Noemí Frenkel, Hugo Soto und Pablo Brichta die Hauptrollen spielten. In Deutschland kam er am 24. Juni 1993 in die Kinos.
Der Film ist eine Metapher für den Zusammenbruch der argentinischen Gesellschaft und wurde mitten in der Hyperinflationskrise von 1989 gedreht.
Handlung Roberto, ein Büroangestellter mittleren Alters, ist der emotionalen Leere und der betäubenden Routine seines Lebens in Buenos Aires überdrüssig. Er träumt nur davon, einen Roman zu schreiben. Während er täglich mit der überfüllten U-Bahn zwischen seinem aussichtslosen Job und seinem tristen Zuhause mit seiner unglücklichen Ehe hin- und herfährt, verliert er sich in einer inneren Welt voller pessimistischer Grübeleien. Er sehnt sich nach einer Idee, die er in Romanform bringen kann, um seinem Leben einen Sinn zu geben.
Als Roberto eines Abends auf einem U-Bahnsteig wartet, beobachtet er eine schöne junge Frau, die sich anschickt, sich vor einen herannahenden Zug zu werfen. Er eilt herbei, um sie zu retten, tröstet sie und bietet ihr an, sie zum Essen einzuladen. Während des Essens erfährt er, dass sie Estela heißt, und ist von ihr fasziniert. Sie gesteht ihm, dass sie gar nicht vorhatte, sich vor den Zug zu werfen, sondern dies nur ihr gewohnter Trick ist, Kunden zu gewinnen. Zu ihrer Überraschung reagiert Roberto begeistert, denn ihm wurde klar, dass Estela die perfekte Figur für seinen langersehnten Roman sein könnte. Er bietet ihr an, sie regelmäßig zu bezahlen – allerdings nicht für Sex, sondern dafür, dass sie ihm von ihrem Leben und ihren Gedanken erzählt.
Roberto beginnt, den Roman zu schreiben, in dem Estela die Hauptfigur sein wird. Er erfährt, dass sie weit weg wohnt, zusammen mit ihren drei Brüdern und ihrer Mutter. Bald macht er sich mit ihr auf die lange Reise mit Zug und Bus, um ihre Familie in ihrem baufälligen Haus jenseits der Endstation der Eisenbahnlinie kennenzulernen. Es handelt sich um eine Familie, deren Leben in einer Sackgasse steckt und immer kurz vor dem Schiffbruch stand. Der Vater hat die Familie längst verlassen, um eine neue zu gründen. Er wurde von der am Boden zerstörten Mutter aus allen Familienfotos ausgeschnitten. Wenn das Haus vom steigenden Fluss überflutet wird, muss die Familie aus Angst vor Plünderungen zu Hause bleiben.
Roberto gewinnt das Vertrauen der Familie und lernt die Brüder einzeln kennen. Claudio, der jüngste Bruder, bewegt sich am Rande des Wahnsinns. Er streicht nach und nach Wörter aus seinem Wortschatz und zieht sich so allmählich in die Stille zurück. José, der mittlere der drei Brüder, ist ein Kleinkrimineller, der immer tiefer in die trüben Gewässer der Unterwelt abrutscht. Der älteste Bruder ist Mario. Er ist ein technikaffiner Träumer, der versucht, auf der Terrasse mit primitiven Mitteln ein Flugzeug zu bauen. Alle Brüder reden liebevoll von Estela und wollen nicht wahrhaben, dass sie sich prostituiert, um etwas Geld nach Hause zu bringen.
Die Brüder von Estela sind überrascht, dass Roberto sich für ihr Leben am Rande des Schiffbruchs interessiert und sogar einen Roman darüber schreiben will. Sie sehen in ihm dann ihren Retter und entwickeln eigene Ideen. Claudio möchte, dass Roberto sich als Schriftsteller ein anderes Leben für seine Familie vorstellt. Er könnte neue Kapitel schreiben und so ihr Leben in eine andere Richtung lenken. Sie müssten dann nur das befolgen, was in dem Roman steht. José hat eine andere Idee: Roberto könnte Szenen für ihn schreiben, die er dann spielen würde. Ideen für Raubüberfälle. Mit diesem Geld könnten sie der Familie ein besseres Leben ermöglichen. Zunächst reagiert Roberto empört auf diese Idee. Doch nachdem er lange über die Situation nachgedacht und sich viele Gedanken darüber gemacht hat, auf welcher Seite Gott in dieser Geschichte wohl stehen würde, ändert er seine Meinung.
Mit der Zeit gesteht Roberto Estela, dass er sich neben der Arbeit an seinem Roman gerne mit ihr treffen würde. Estela fragt sich, ob er verrückt geworden ist. Oder hat er vergessen, wer sie ist? Beunruhigt durch ihre beginnende Liebe für Roberto trifft Estela in der Kirche den vom Kreuz gestiegenen Jesus, um sich bei ihm Rat zu holen.
Als José bei einem Schusswechsel mit der Polizei getötet wird, fragt Estela wütend Roberto, ob ihre Familie nur Figuren in seinem Roman sind. Sie wirft ihm vor, vor der Schreibmaschine zu sitzen und das Leben an sich vorbeiziehen zu lassen. Estela kündigt ihm an, dass sie mit ihrer Mutter und Claudio nach Nordargentinien ziehen wird. Roberto versucht, sein gewohntes Leben weiterzuführen, obwohl er innerlich stark mit sich ringt. Mitten in der überfüllten U-Bahn fasst er einen tiefen Entschluss, denn er hat erkannt, dass sein Leben vorbei ist, wenn er Estela gehen lässt. Erst ganz am Ende des Films erfährt man, mit wem Roberto zu Anfang auf dem Lande gesprochen hat. Er erzählte all das einem Baby, seinem Sohn.
Hintergrund Im Jahr 1989 befand sich Argentinien in einer Wirtschaftskrise, die durch Hyperinflation gekennzeichnet war. Diese führte zu einem starken Rückgang der Kaufkraft der Löhne, löste eine Welle von Gewalt und Plünderungen aus und ließ den Anteil der Menschen, die in Armut lebten, in diesem Jahr von 25 % auf den damaligen historischen Höchststand von 47,3 % ansteigen. Die Regierung verhängte den Ausnahmezustand.
In dieser Zeit erlebte Argentinien die schlimmste Energiekrise seiner Geschichte. Die Industrie wurde beeinträchtigt und die Unzufriedenheit in der Bevölkerung nahm aufgrund der massiven Stromausfälle, die sich über mehr als vier Monate hinzogen, immer weiter zu. Angesichts des hyperinflationären Chaos, einer Welle von Demonstrationen und Plünderungen von Supermärkten sowie der Angst vor einem neuen Militärputsch sah sich Präsident Raúl Alfonsín gezwungen, vorzeitig zurückzutreten und das Amt fünf Monate früher als geplant zu übergeben. Die Inflationsrate erreichte im März 1990 mit 20.262,80 % den historischen Höchststand.
Literarische Verweise Die Figur Roberto trägt den gleichen Vornamen wie einer der wichtigsten argentinischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts: Roberto Arlt (1900–1942), der als Begründer des argentinischen Großstadtromans gilt.Sylvia Saítta: Licht und Schatten der Modernisierung in der Literatur von Roberto Arlt. In: Marily Martinez de Richter (Hrsg.): Moderne in den Metropolen. Roberto Arlt und Alfred Döblin. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2007, S. 63–76. Arlt wuchs in ärmlichen Verhältnissen in einer Einwandererfamilie mit einem gewalttätigen Vater auf und musste die Grundschule vorzeitig abbrechen. In seinem Werk finden sich zahlreiche naturalistische Darstellungen menschlichen Elends, die oft in der Gestalt von Verrückten, Kriminellen, Prostituierten oder Erfindern erscheinen.
Der von Roberto im Film geschriebene Roman trägt den Titel "Informe sobre Estela" ("Bericht über Estela") und erinnert damit an den berühmten Informe sobre ciegos (Bericht über Blinde), der von einer Figur des im Jahr 1961 erschienenen Romans Sobre Héroes y Tumbas (Über Helden und Gräber) von Ernesto Sabato verfasst wird. Dieser Roman, einer der bedeutendsten und bekanntesten der argentinischen Literatur des 20. Jahrhunderts, verwendet die U-Bahn von Buenos Aires sowie andere Tunnel und Höhlen unter der Stadt als existenzielle Metapher. Als Estela später vor ahnungslosen Passagieren, die auf dem U-Bahnsteig warten, ihren gewohnten Trick für Roberto spielt, damit er die Reaktionen dieser Menschen beobachten kann, wird auch ein Blinder prominent gezeigt.
Bevor Roberto Estela kennenlernt, liest er in den Mittagspausen und auf dem Weg zur Arbeit aus dem Werk Oliverio Girondos, der durch seine surrealistische Lyrik-Anthologie Zwanzig Gedichte in der Straßenbahn zu lesen bekannt wurde.
Auszeichnungen Cóndor de Plata Preise des argentinischen Verbands der Filmkritiker, 1991 Bester Film Beste Regie für Eliseo Subiela Bestes Drehbuch für Eliseo Subiela Beste Schauspielerin für Noemí Frenkel Beste Filmmusik für Pedro Aznar Bester Nachwuchsdarsteller für Andrés Tiengo Beste Nachwuchsdarstellerin für Sara Benítez Bester Nebendarsteller für Pablo Brichta Internationale Filmfestspiele Berlin, 1990 Preis der Zitty-Forum-Leserjury Internationales Festival des Neuen Lateinamerikanischen Films, 1990 Gran Coral Beste Schauspielerin für Noemí Frenkel International Istanbul Film Festival, 1990 Spezialpreis der Jury Montreal World Film Festival, 1990 FIPRESCI-Preis Bestes Drehbuch für Eliseo Subiela Prize of the Ecumenical Jury – Special Mention
Weblinks
Últimas imágenes del naufragio auf Cine Nacional
Einzelnachweise
Kategorie:Filmtitel 1989 Kategorie:Argentinischer Film Kategorie:Filmdrama Kategorie:Liebesfilm Kategorie:Sozialer Brennpunkt im Film