mini|250px| Der Traditionserlass, seit 2018 Die Tradition der Bundeswehr. Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege ist eine Dienstvorschrift der Bundeswehr, welche die Regeln zur militärischen Traditionsübernahme im Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung enthält. Er ist Teil der Zentralen Dienstvorschrift „Innere Führung“ zu Selbstverständnis und Führungskultur der Bundeswehrvgl. Anlage 7.3 Innere Führung. Selbstverständnis und Führungskultur der Bundeswehr–A-2600/1 S. 73 ff. und stellt für alle Truppenteile Verhaltensregeln zur Überwindung militärischer Traditionen auf, die mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und dem Wertesystem des Grundgesetzes nicht vereinbar sind. Das Spektrum reicht vom Auftreten der Soldaten über Regelungen zum Umgang mit wehrkundlichen Exponaten wie Waffen und Orden bis hin zur Benennung von Kasernen.

Entstehungsgeschichte Wehrmacht und Nationalsozialismus Entgegen den Bestimmungen im Friedensvertrag von Versailles über die Demobilisierung der deutschen Streitkräfte und die Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht war 1935 die Wehrpflicht wieder eingeführt und seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten die Wehrmacht massiv aufgerüstet worden.

Nach dem Wehrgesetz vom 21. Mai 1935 war der Führer und Reichskanzler der Oberste Befehlshaber der Wehrmacht. Die Soldaten schworen den Führereid auf Adolf Hitler persönlich. Seit einer Gesetzesänderung zum 1. Oktober 1944Erstes Gesetz zur Änderung und Ergänzung des Wehrgesetzes vom 24. September 1944, RGBl. I S. 317 hatten alle Wehrmachtsangehörigen die Pflicht, „dienstlich und außerdienstlich im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung zu wirken und sich jederzeit für die einzusetzen“. „Wesentlichste Aufgabe“ der Vorgesetzten war es, ihre Untergebenen nationalsozialistisch zu erziehen und zu führen. Die Mitgliedschaft in der NSDAP, ihren Gliederungen und angeschlossenen Verbänden blieb nun auch für die Dauer des aktiven Wehrdienstes in Kraft.Volker Berghahn: NSDAP und „Geistige Führung“ der Wehrmacht 1939-1943. Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 1969, S. 17–71.

Im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher waren unter anderen der Reichsluftfahrtminister und Beauftragte für den Vierjahresplan Hermann Göring, der Chef des Wehrmachtsführungsstabes Alfred Jodl und der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht Wilhelm Keitel wegen ihrer Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg als eines verbrecherischen Angriffskrieges, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt worden.

Mit dem Kontrollratsgesetz Nr. 34 wurde die Wehrmacht aufgelöst und für ungesetzlich erklärt.

Die Verbreitung und öffentliche Verwendung der Hakenkreuzflagge und der sog. Reichskriegsflagge ist in der Bundesrepublik Deutschland als Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen strafbar ( StGB).Rechtsextremismus: Symbole, Zeichen und verbotene Organisationen. Bundesamt für Verfassungsschutz, September 2022.

Inneres Gefüge der Bundeswehr

Auf der Potsdamer Konferenz von 1945 hatten die Alliierten die komplette Demilitarisierung Deutschlands beschlossen. Auch das Grundgesetz enthielt bei seinem Inkrafttreten im Mai 1949 keine Regelungen über die Aufstellung deutscher Streitkräfte. Für die neugegründete Bundesrepublik waren keine eigenen Streitkräfte vorgesehen.Ja zur Wehrverfassung und zum Soldatengesetz. bundestag.de, Webarchiv, 26. Februar 2016.

Bereits die Himmeroder Denkschrift vom 9. Oktober 1950 enthielt jedoch im Hinblick auf die geplante Westintegration Überlegungen zum neuen „inneren Gefüge“ deutscher Streitkräfte. „Das Ganze wie der Einzelne“ sollten „aus innerer Überzeugung die demokratische Staats- und Lebensform“ bejahen und „eine überparteiliche Haltung“ zeigen.Denkschrift über die Aufstellung eines Deutschen Kontingents im Rahmen einer übernationalen Streitmacht zur Verteidigung Westeuropas. Digitalisat der Himmeroder Denkschrift im Bundesarchiv-Militärarchiv, S. 46. Es müsse eine „innere Festigkeit gegen Zersetzung durch undemokratische Tendenzen (Bolschewismus und Totalitarismus) erreicht werden.“Himmeroder Denkschrift, S. 48.

Mit dem Beitritt zur Westeuropäischen Union und zur NATO im Jahr 1955 wurden die Wehrverfassung und das Soldatengesetz verabschiedet, um besonders von Seiten der SPD dafür Sorge zu tragen, die Demokratie in- und außerhalb der in Entstehung begriffenen Streitkräfte zu wahren und das Menschenbild des Grundgesetzes auch für die Soldaten als Staatsbürgern in Uniform zur verbindlichen Vorgabe zu machen. Aufgrund ihres beamtenähnlichen Dienstverhältnisses sind die Soldaten der verfassungsmäßigen Ordnung besonders verpflichtet.vgl. BT-Drs. 1700 S. 16.

Die Bundeswehr ist eine Bündnisarmee unter parlamentarischer Kontrolle und unabhängiger Gerichtsbarkeit mit Wehrstraf- und Truppendienstgerichten.

Traditionswürdigkeit Die Tradition der Bundeswehr umfasst jene Teile der deutschen Militärgeschichte, die mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung des Grundgesetzes vereinbar und geeignet sind, das Selbstverständnis der Truppe zu prägen. Dazu zählen die Achtung der Menschenwürde, das Rechtsstaatsprinzip, die Demokratie und die Gewaltenteilung sowie die Verpflichtung, für Freiheit und Frieden einzutreten,Selbstverständnis: Die Tradition der Bundeswehr. bundeswehr.de, abgerufen am 3. August 2025. aber auch hergebrachte „soldatische Tugenden“ wie Tapferkeit, Kameradschaft, Gehorsam und gewissenhafte Pflichterfüllung.vgl. Martin Elbe: Philosophie des Militärs. Springer VS, 2022. ISBN 978-3-658-35645-3.

Wehrmacht und Nationale Volksarme Namentlich Wolf von Baudissin, der die Himmeroder Denkschrift zum inneren Gefüge der Bundeswehr mit verfasste, setzte sich mit der Traditionswürdigkeit der Wehrmacht auseinander und verneinte diese.Wolfram Wette: Die Wehrmacht. Feindbilder – Vernichtungskrieg – Legenden, Frankfurt 2002, ISBN 3-10-091208-X, S. 252. „Die Wehrmacht diente dem nationalsozialistischen Unrechtsregime und war in dessen Verbrechen schuldhaft verstrickt, die in ihrem Ausmaß, in ihrem Schrecken und im Grad ihrer staatlichen Organisation einzigartig in der Geschichte sind. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie zu einem Instrument der rassenideologischen Kriegsführung.“Die Konzeption der „Inneren Führung“ der Bundeswehr. Entstehungsgeschichte – Inhalte – Herausforderungen. Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages, Ausarbeitung vom 16. Mai 2017, S. 8. Soldaten im Widerstand gegen Unrecht und Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft haben sich jedoch „bis zur letzten Konsequenz bewährt.“ Solche Gewissenstreue gelte es zu bewahren. Einzelne Wehrmachtsangehörige wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg und andere am Attentat vom 20. Juli 1944 Beteiligte können damit durchaus in das Traditionsgut der Bundeswehr übernommen werden.

Die Nationale Volksarmee war fest in das Bündnissystem der sozialistischen Staaten, den Warschauer Pakt, eingebunden und ist aufgrund ihres Selbstverständnisses als Parteiarmee zur Herrschaftssicherung der SED-Diktatur nicht traditionswürdig. Während der Friedlichen Revolution 1989 ging sie jedoch nicht gegen das Freiheitsstreben der Bevölkerung vor. Ausgewählte ehemalige NVA-Angehörige wurden deshalb 1990 in die Bundeswehr übernommen und trugen zum Gelingen der Deutschen Einheit bei. Diese ehemaligen Angehörigen der NVA können deshalb traditionsstiftend sein.

Wenn auch Wehrmacht und NVA nicht gleichgesetzt werden, sind doch beide Armeen mit den Werten einer freiheitlichen Demokratie unvereinbar und daher als solche nicht traditionswürdig.

Die einzelnen Traditionserlasse „Tradition und Bundeswehr“ 1965 Der erste Traditionserlass wurde 10 Jahre nach Gründung der Bundeswehr am 1. Juli 1965 von dem damaligen Bundesverteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel (CDU) herausgegeben, Bundeswehr und Tradition (PDF, 5 Seiten) der vor allem Richtlinien zum Umgang mit der Wehrmacht im Nationalsozialismus und diesem Teil des historischen Erbes der Bundeswehr enthielt.Rudolf J. Schlaffer: Die eigene Geschichte im Blick. Das Parlament, 20. August 2018. Schließlich bestanden bereits im Amt Blank informelle Zirkel aus Wehrmachtsoffizieren, die Kontakte bis in die höchsten Ebenen der Politik unterhielten und Lobbyarbeit für die Gründung einer neuen Armee betrieben.Christoph Nübel: Die Gründung der Bundeswehr vor 60 Jahren. Arbeitskreis Militärgeschichte, 30. März 2015 Viele der ersten Bundeswehrsoldaten hatten bereits in der Wehrmacht oder der Waffen-SS gedient.Barbara Galaktionow, Oliver Das Gupta, Joachim Käppner: Militär-Tradition: So viel Wehrmacht steckt in der Bundeswehr? Süddeutsche Zeitung, 4. Mai 2017.

Vorangegangen waren Auseinandersetzungen inner- und außerhalb der Bundeswehr, in welcher Form und wozu „überlieferungswürdige“ Werte aus der deutschen Geschichte in der Truppe gepflegt und weitergegeben werden sollten. Das betraf vordergründig soldatisches Brauchtum oder Symbole, in stärkerem Maß aber Traditionen, die Orientierung im gesellschaftlichen Umfeld bieten könnten. Weil man mit historischen Erfahrungen wie dem Drill der Preußischen Armee, der Reichswehr als „Staat im Staate“ oder der Wehrmacht als „willfährigem Instrument des nationalsozialistischen Gewaltregimes“ brechen wollte, kam die Forderung auf, eine neue, bundeswehreigene Tradition zu bilden, die dem Leitbild des Staatsbürgers in Uniform und dem Verständnis der Partner im westlichen Bündnis vom Schutz von Freiheit und Recht entsprach.

Grundsätze (Auszüge) Der erste Traditionserlass enthält das Bekenntnis zum operativen Verteidigungskonzept und zur Politik der Abschreckung, eine Absage an Angriffskrieg und übersteigerten Nationalismus, der in den Ersten und Zweiten Weltkrieg geführt habe und das Bekenntnis zur Mitgliedschaft in der NATO, internationalen Zusammenschlüssen und im „werdenden Europa“.

Gültige Überlieferungen der deutschen Wehrgeschichte (Auszüge) Traditionspflege ist Teil der soldatischen Erziehung. Der Auftrag, „der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“, ist Maßstab für die gültige Tradition der Bundeswehr. Nur Soldaten, die auch als Menschen ihrer Verantwortung genügt haben, sind Vorbilder, die Bestand haben. Im Eid gelobt der Soldat Treue zu seinem Dienstherrn, der für ihn Recht, Volk und Staat verkörpert. Der Bruch des Eides durch den Dienstherrn rechtfertigt Widerstand aus Verantwortung.

„Das nationalsozialistische Regime hat die Freiheit im Gehorsam missachtet. Die eigene Verantwortung im Wagnis von Leben, Stellung und Ruf gab und gibt dem Gehorsam des Soldaten seinen menschlichen Rang. Zuletzt nur noch dem Gewissen verantwortlich, haben sich Soldaten im Widerstand gegen Unrecht und Verbrechen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft bis zur letzten Konsequenz bewährt.“ Solche Gewissenstreue gelte es zu bewahren. Einzelne Wehrmachtsangehörige wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg und andere am Attentat vom 20. Juli 1944 Beteiligte können damit durchaus in das Traditionsgut der Bundeswehr übernommen werden, nicht aber die Wehrmacht als solche, die „Instrument eines Terrorregimes und in Verbrechen während des Zweiten Weltkriegs verstrickt“ war. Der militärische Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime sollte im Traditionsbild jedoch ausdrücklich etabliert werden.

Soldatische Tradition könne sich nicht nur an Gestalten halten, denen Sieg vergönnt war.

Die Preußische Heeresreform ist Vorbild für den politisch denkenden und mitverantwortlichen Bundeswehrsoldaten als Staatsbürger in Uniform.

Neben den soldatischen gehören auch alle anderen Überlieferungen der Geschichte in die Tradition der Bundeswehr, die von der Bereitschaft zeugen, für Freiheit und Recht Opfer zu bringen wie „Gelassenheit und Würde in Unglück und Erfolg“ oder „Zurückhaltung in Auftreten und Lebensstil“ sowie „Toleranz, Gewissen und Gottesfurcht“.