mini|Ausschnitt aus Pizziganos Karte von 1424; die rote Insel ist Antilia, die blaue Satanazes Antilia, auch Antillia geschrieben, ist eine Phantominsel, die auf Seekarten und in Atlanten des 15. und frühen 16. Jahrhunderts zu finden ist. Sie soll zwischen den Kontinenten Europa und Amerika im nördlichen Atlantischen Ozean liegen.
Legende der „Insel der sieben Bischöfe“ Antilia ist auch als die Insel der sieben Bischöfe bekannt. Dem liegt folgende Legende zugrunde:
Im Jahr 711 begann die maurische Invasion Spaniens unter Tariq ibn Ziyad. In einem mehrere Jahre dauernden Feldzug besiegten die Muslime die westgotische Streitmacht und eroberten den größten Teil der Iberischen Halbinsel, bis sie 732 in der Schlacht von Tours und Poitiers geschlagen wurden. Der Erzbischof von Porto und sechs weitere katholische Bischöfe, so heißt es, seien mit einem Schiff vor den Muslimen geflohenHäufig wird das Jahr 714 n. Chr. genannt. und überquerten den Atlantik, bis sie auf eine Insel mit Namen Antilia trafen. Hier ließen sie sich nieder, verbrannten ihre Schiffe und gründeten sieben goldene Städte, jeder Bischof eine, die, so die Legende, unter dem besonderen Schutz Gottes standen. Dies führte zu ihrem zweiten Namen: Insel der sieben Städte. Als Gegenpol erschuf Satan im Norden von Antilia die Insel Satanazes. Diese Vorstellung passt gut zu dem im christlichen Mittelalter (teils bis in die Neuzeit) verfolgten griechischen Ideal von Symmetrie und Gleichgewicht in der Geographie.
Martin Behaim zeichnete die Insel Antilia (Jnsula antilia septe ritade) auf seinem Globus von 1492 ein und schrieb dazu folgende Erläuterung:
Eine ähnliche Geschichte des Gründungsmythos der Insel schildert Johannes Ruysch auf seiner Karte von 1507:
Darstellung auf Karten Antilia ist auf zahlreichen Karten des 15. und der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts eingezeichnet. Die folgende Aufzählung ist eine Auswahl und nicht abschließend:
Zuane Pizzigano 1424 Soweit bisher bekannt ist, war Antilia erstmals auf einer Zuane Pizzigano zugeschriebenen Portolankarte von 1424 eingezeichnet. Über die eigentliche Herkunft der auf Pergament gezeichneten 57 × 89 cm großen Seekarte ist nichts bekannt. Der Dialekt, in dem die Legende abgefasst ist, legt nahe, dass sie original aus der Republik Venedig stammt. Der Name des ursprünglichen Kartenmachers wurde entfernt und mit dem Namen „Zuane pizzi“ (Zuane Pizzigano) überschrieben.
Antilia ist ganz im Westen auffallend groß (fast so groß wie Irland) als hochgradig stilisierte, rechteckige und rot gefärbte Struktur eingezeichnet. Sie liegt am Rande der damals bekannten Welt – von Amerika hatte man in Europa noch nichts gewusst – und ist Teil eines Archipels, der aus den Inseln Antilia (ista ixolla dixemo antilia), Satanazes, Ymana und Saya besteht. Der Archipel liegt etwa auf der Höhe von Gibraltar, westlich einer Inselgruppe, die als die Azoren gedeutet wurde. Die Azoren waren zwar vage bekannt, aber Diogo de Silves hat die Inseln erst 1427 im Auftrag von Heinrich dem Seefahrer aufgesucht und für Portugal in Besitz genommen. Antilia ist mit sieben Buchten dargestellt, vier im Osten und drei im Westen, die jedoch keinen Flüssen zugeordnet und ebenfalls stilisiert als dreieckige Kerben gezeichnet sind. Landschaftsformen im Inselinnern sind nicht abgebildet. Den Buchten sind sieben Städte zugeordnet: Asay, Ary, Vra, Jaysos, Marnlio, Ansuly und Cyodne.Edward Brooke-Hitching: Atlas der erfundenen Orte. DTV, München 2017, ISBN 978-3-423-28141-6, S. 18–23 Diese Städte gibt es auch auf späteren Karten, doch tragen sie dort zum Teil abweichende Namen. Ein Vergleich mit den übrigen Ländern auf der Karte zeigt, dass Antilia (und Satanazes) keiner natürlichen Landschaftsform entsprechen.
Battista Beccario 1435 Die Portolankarte des Battista Beccario ist eine 65 × 86 cm große Karte auf Pergament, die Europa und den nordwestlichen Teil von Afrika zeigt. Beccario bezeichnet die Antilia-Gruppe als Insulle a novo rep[er]´te (neu entdeckte Inseln). Die Insel Antilia liegt etwa auf der Breite von Gibraltar, ähnlich wie auf der Pizzigano-Karte, und hat dieselbe, rechteckige Form. Satanazes ist jedoch nach Norden gerückt, etwa auf die Breite von Ouessant. Nördlich von Satanazes liegt die Insel Saya mit ihrem charakteristischen, halbmondförmigen Umriss, sie trägt jedoch den Namen I.[nsula] in Mar.
miniatur|359px|Paretos Karte von 1455; Antilia ist die blau umrandete Insel im Westen
Bartolomeo Pareto 1455 Die Portolankarte des Priesters und Kartografen Bartolomeo Pareto aus Genua zeigt Antilia (hier blau umrandet) mit Ymana (Roillo) etwa in der gleichen Position wie in Pizziganos Karte. Auffallend ist jedoch, dass die Insel Satanazes fehlt. Dafür ist die kleine Insel Saya in Form eines liegenden Halbmondes – hier Camnar (?) genannt – weit nach Norden gerückt.Juan Andrés: Illustrazione di una carta geografica del 1455 e delle notizie, che in quel tempo aveansi dell' Antillia. Stamperia Reale, Neapel 1822, S. 32
Paolo dal Pozzo Toscanelli 1474 Der italienische Arzt, Mathematiker, Astronom und Kartograf Paolo dal Pozzo Toscanelli beschäftigte sich mit dem Gedanken, man könne Asien von Europa aus auf dem westlichen Seeweg erreichen. Damals glaubten die Portugiesen, mit dem Golf von Guinea bereits das südliche Ende Afrikas erreicht zu haben. Der Weg zu den Reichtümern Indiens läge mit einer kurzen Umfahrung des Kontinents offen vor ihnen. Aber dann verdichtete sich die Erkenntnis, dass sich die afrikanische Westküste hinter dem heutigen Kamerun weit nach Süden ausdehnt. Die Möglichkeit einer Umrundung Afrikas schien damit in weite Ferne gerückt. Deshalb erhielt Toscanellis Vorstellung eines westlichen Seeweges nach Indien neue Aktualität und König Alfons V. von Portugal befahl seinem Beichtvater, Canonicus Fernam Martins, an Toscanelli zu schreiben und ihn um nähere Erläuterung seiner Idee zu bitten. In seinem Antwortbrief vom 25. Juni 1474 erwähnt Toscanelli, dass er dem König eine eigenhändig gezeichnete Karte übersende (die heute verschollen ist). Über die Insel Antilia, die Toscanelli als Zwischenstation auf der Route nach China ansieht, schreibt er:Die deutsche Übersetzung des Toscanelli-Briefes findet sich bei: Richard Henning: Terrae Incognitae – Eine Zusammenstellung und kritische Bewertung der wichtigsten vorcolumbischen Entdeckungsreisen an Hand [sic] der Darüber vorliegenden Originalberichte. E.J. Brill, Leiden, 1939–1950, Band 3, S. 233 f.
Toscanelli übersandte Christoph Kolumbus eine Kopie seines Briefes und der Karte, die er im Auftrag des Königs von Portugal erstellt hatte und auf der er seine Ideen skizzierte.Alexander von Humboldt: Kritische Untersuchungen über die historische Entwickelung der geographischen Kenntnisse von der neuen Welt. Nicolai’sche Buchhandlung, Berlin 1851, Band 1 Die Karte zeigte den zwischen China bzw. Japan und Europa liegenden Atlantischen Ozean, von dem Pierre d’Ailly in seinem astronomischen und geographischen Buch Imago mundi von 1410 behauptete „das Meer ist klein zwischen der weitesten Grenze Spaniens im Osten und der nächsten von Indien aus dem Westen“ und dass „dieses Meer in wenigen Tagen schiffbar ist, wenn der Wind günstig ist“. Die große Insel Antilia liegt etwa in der Mitte des wesentlich zu kleinen Atlantiks. Wie wir heute wissen, hatte diese Korrespondenz bemerkenswerte Folgen für die Reise von Christoph Kolumbus, der glaubte, seine Fahrt dauere nur wenige Tage.
Albino de Canepa 1489 miniatur|350px|Portolankarte des Albino de Canepa; Antilia ganz links, unterhalb der Bildmitte Auf der Portolankarte des Albino de Canepa von 1489 ist Antilia als große und rot umrandete Insel etwa auf der gleichen Position wie in der Pizzigano-Karte eingezeichnet, zusammen mit der Nebeninsel Ymana, die hier Roillo genannt wird. Die rechteckige Form hat Canepa offensichtlich von der Pizzgano-Portolankarte übernommen, ebenso die sieben Buchten der Insel, drei im Westen und vier im Osten. An diesen Buchten sollen die sieben goldenen Städte liegen, die auch auf mehreren anderen Karten erwähnt sind.
Johannes Ruysch 1507 Die Weltkarte des Johannes Ruysch zeigt Antilia ohne die übrigen Inseln des Archipels. Antilia Insula ist zwischen Hispaniola und den Azoren positioniert, wobei die Distanzen viel zu kurz gewählt sind. Zwar war Amerika schon bekannt, aber die Ausdehnung des Atlantischen Ozeans wurde erheblich unterschätzt. Antilia ist sehr groß abgebildet, fast so groß wie Hibernia, und zeigt die aus der Pizzigano-Karte bekannte, rechteckige Struktur nur noch ungefähr. Insofern unterscheidet sich die Darstellung bei Ruysch von älteren Karten.
Pietro Martire d’Anghiera 1511 Der Mönch, Geograf und Geschichtsschreiber Petrus Martyr von Anghiera, Chronist und Zeitgenosse von Christoph Kolumbus, behauptet in seinem ursprünglich 1511 in Sevilla gedruckten Buch De Orbe Novo Decades, einer umfassenden Beschreibung der Entdeckung Amerikas durch die Spanier, dass Columbus Antilia gesehen habePietro Martire d’Anghera: De rebus oceaneis et orbe novo decades tres . . . Ausgabe bei: Johannes Bebelius, Basel 1533, S. 1 D:
Pietro Martire d’Anghiera verwechselt wahrscheinlich die Großen Antillen, die Kolumbus tatsächlich ansteuerte, mit der Insel Antilia. Interessant ist, dass er Antilia mit dem sagenhaften Ophir in Verbindung bringt. Das erklärt sich daraus, dass die unterschiedlichen Goldland-Mythen die Menschen von der Antike bis in die Neuzeit (und manchmal heute noch) fasziniert haben. Das Goldland Salomos wurde zwar oft in Afrika gesucht, nach der Entdeckung des amerikanischen Kontinentes verlagerte sich aber die Suche nach Gold dorthin und auf die neu entdeckten Inseln.
Bis 1587 taucht Antilia noch auf mehreren Karten auf, ist jedoch auf einigen anderen nicht (mehr) eingezeichnet, zum Beispiel: Mappa Mundi des venezianischen Mönchs und Kartografen Fra Mauro von 1459 Lorenz Fries: Oceani occidentalis Seu Terre Noue Tabula Christophorus Columbus natione Italus, patria Genuensis. Lyon 1535 (posthum herausgegeben) Porcacchi Tommaso (1530–1585): Descrittione dell'Isola et terra di Santa Croce, overo Mondo Nuovo. Venedig 1572 Cornelis de Jode: Americae Pars Borealis, Florida, Baccalaos, Canada, Corterealis . . . Antwerpen 1593 (allerdings zeigt sie noch die ebenfalls nicht existierende Sankt-Brendan-Insel) Im 17. Jahrhundert, mit zunehmender Erkundung des Atlantischen Ozeans, verschwindet die Insel Antilia völlig aus den Karten. In Johannes Blaeus Atlas von AmericaJohannes Blaeu: America, Quae Est Geographiae Blavianae. Amsterdam 1662 ist sie nicht mehr zu finden.
Lage Antilias Auf den meisten Karten jener Zeit ist Antilia zwischen 30° und 40° nördlicher Breite platziert, ungefähr in der Mitte zwischen Asien und Europa, auf späteren Karten, als Amerika bereits entdeckt war, zwischen Amerika und Europa. Wenn die Antillen eingezeichnet sind, liegt die Insel Antilia westlich oder nordwestlich davon. Eine Ausnahme macht der Behaim-Globus, dort liegt Antilia südlich der Azoreninsel Flores. Die Position Antilias auf der Weltkarte von Johannes Ruysch von 1508 ist westlich der Azoren und südöstlich Neufundlands, das entspräche auf heutigen Karten ungefähr dem Standort der Bermuda-Inseln. Gerhard Mercator platziert auf seiner Mappa Mundi von 1538 die Insel Antilia (Insula 7 civitatum) nördlich der Bermudas.
Man darf annehmen, dass Antilia ein Phantasieprodukt mittelalterlicher Glaubensvorstellungen war, dennoch gibt es mehrere Theorien welcher Insel (oder Inselgruppe) Antilia entsprechen könnte.