Die Coralline Crag Formation, oft nur Coralline Crag, ist eine pliozäne Formation in England. Sie besteht aus einer Abfolge von marinen Ablagerungen, die entlang der Nordseeküste des südöstlichen Suffolks angetroffen werden und die sich durch Bryozoen- und Molluskenabrieb auszeichnen.

Etymologie mini|hochkant=1.6|Die hier schräg geschichtete Coralline Crag Formation in Suffolk

Das mittelenglische Wort „crag“ aus dem 13. Jahrhundert bezeichnet im örtlichen Sprachgebrauch einen muschelhaltigen Sand.

Das englische Adjektiv „coralline“ stammt von „coral“ mit der Bedeutung Koralle. Diese Attribution ist fehlplatziert, da die überwiegende Anzahl der Fossilien aus Muscheln und Bryozoen besteht, wobei letztere oft eine Symbiose mit Korallen eingehen.

Geschichtliches Der Begriff Coralline Crag wurde erstmals im Jahr 1835 von Edward Charlesworth eingeführt.

Die ersten Forschungsstudien über die Coralline Crag Formation waren hauptsächlich paläontologischer Natur. Diese führten zu sehr detaillierten Kenntnissen über die vorhandenen Taxa, nur wenige waren jedoch quantitativ ausgerichtet oder behandelten das Ablagerungsmilieu.

Einführung Während des Pliozäns und des Unteren bis Mittleren Pleistozäns wurden große Teile East Anglias von marinen Ablagerungen überdeckt, welche am Westrand des südlichen Nordseebeckens akkumulierten. Diese Ablagerungen sind in East Anglia auf eine Erosionsfläche bestehend aus paläogenen und oberkreidezeitlichen Schichten sedimentiert worden.

Nachdem die Sedimentation der eozänen London Clay Formation abgeschlossen war, wird davon ausgegangen, dass das Sedimentationsgebiet sodann aufgetaucht und noch vor Sedimentationsbeginn der Coralline Crag Formation der Oberflächenerosion anheimgefallen war.

Die gesamte Crag Group und mit ihr die basale Coralline Crag Formation kann am besten als eine relativ grobkörnige Randfazies der wesentlich mächtigeren und besser entwickelten südlichen Nordseeabfolge angesehen werden.

Vorkommen mini|hochkant=1.6|Geologische Karte von 1898 mit dem Aufschlussgebiet

Die Coralline Crag Formation, abgekürzt CCG, steht auf dem Festland vorwiegend in der Umgebung von Aldeburgh und Orford an – unterteilt in ein Hauptvorkommen und in kleineren, abgesonderten Nebenvorkommen.

Das bis zu 3,5 Kilometer breite Hauptvorkommen erstreckt sich ausgehend von Aldeburgh 25 Kilometer nach Südwesten bis Gedgrave (Gedgrave Marshes), wird aber durch den River Alde südlich von Aldeburgh unterbrochen. Es ragt aufgrund seiner höheren Erosoinsbeständigkeit als leicht erhobener Rücken aus der flachen Umgebung.

Die kleineren, isolierten Nebenvorkommen verteilen sich sodann auf die Boyton Marshes südlich des Butley Rivers bei Boyton, auf Rockhall Wood bei Sutton, auf die Ramsholt Cliff bei Ramsholt am River Deben und auf Tattingstone südlich von Ipswich. Sie verlängern das Hauptaufschlussgebiet um weitere 27 Kilometer nach Südwesten.

Landabwärts nordöstlich von Aldeburgh erscheint die Formation bis 14 Kilometer n den marinen Bereich hinein – auf dem Meeresgrund der Nordsee östlich von Sizewell.

Lithologie Lithologisch stellt die rein marine Formation eine Abfolge von bioklastischen Kalkareniten und siltigen Sanden dar, welche vorwiegend Muschelschalen- und Bryozoenreste enthalten.

Stratigraphie Die transgressive Coralline Crag Formation ist die Liegendformation der Crag Group. Sie überlagert mit einer welligen Diskordanz die eozäne London Clay Formation der Thames Group und wird ihrerseits diskordant von der Red Crag Formation abgedeckt.

Ihre Mächtigkeit erreicht bis zu 25 Meter.

Die Formation kann in drei Member unterteilt werden (vom Hangenden zum Liegenden): Aldeburgh Member Sudbourne Member Ramsholt Member. Die Einteilung wurde erstmals im Jahr 1993 von Peter Steven Balon vorgenommen.

Ramsholt Member mini|hochkant=1.6|Der Rockhall Wood Pit bei Sutton

Das Ramsholt Member im Liegenden überlagert diskordant die London Clay Formation aus dem Paläozän bis Eozän. Von allen drei Membern der Formation ist es am ältesten und auch am ausgedehntesten. Die Typlokalität des Members ist Ramsholt Cliff bei Ramsholt.

Es führt an seiner Basis eine recht weit verbreitete Phosphorit-reiche Geröllrückstandslage, die sodann von muschelhaltigen, tonreichen Sanden abgedeckt wird. Die Phosphoritknollen können Zähne und Knochen von Wirbeltieren enthalten. Ein bis zwei Meterr oberhalb der basalen Phosphoritlage, die nur selten aufgeschlossen ist und auch nur kurzzeitig im Rockhall Wood Pit in der Nähe von Sutton abgebaut wurde, findet sich eine weitere, diskontuierliche Phosphoritlage, die das Liegendmember in die Lagen a und b unterteilt.

Die Hangendpartie des Members wird von tonigen, strukturlosen und durchwühlten (bioturbaten) Sanden aufgebaut, welche eine reiche Molluskenfauna enthalten. Da die Aragonitlösung hier nur minimal ist, haben sich die Schalen gut erhalten. Vorhanden ist außerdem eine eingeschränkte Bryozoenfauna, die von eschariformen (aufrecht, laminar) und celleporiformen (aufrecht, überkrustend, globulär) Vertretern beherrscht wird. Die Sedimentationsrate dürfte sehr niedrig gewesen sein – bei nur schwachen Bodenströmungen.

Foraminiferen geben eine minimale Wassertiefe von 50 Meter zu erkennen sowie eine gut ausgebildete Thermokline mit einem Temperaturbereich von 10 bis 18 °C. Die Mollusken indizieren ebenfalls warme Wasserbedingungen und eine Meeresverbindung nach Süden.

Die Mächtigkeit des Ramsholt Members schwankt zwischen 2,0 und 7,5 Meter.

Sudbourne Member mini|hochkant=1.6|Schräggeschichtete Kalkarenite eines Sandrückens im Sudbourne Member – Richmond Farm Pit bei Gedgrave

Das Sudbourne Member, dessen Typlokalität sich an der Crag Farm bei Sudbourne befindet, wird durch eine Diskordanz vom Ramsholt Member abgetrennt. Der Kontakt zeichnet sich durch Wiederaufarbeitungen und Wurmbauten aus. Zum Aldeburgh Member besteht ein seitlicher Übergand nach Nordosten.

Das Member baut sich aus schräggeschichteten, gut sortierten, bioklastischen Karbonatsanden auf, welche in Gestalt eines submarinen, wandernden, tidalen Sandrückens zur Ablagerung kamen. Sie zeigen große, bis zu 3 Meter dicke Schrägschichtungspakete, deren Laminae von gelegentlichen Silthäutchen überzogen werden. Paläoströmungsstudien ergaben eine starke, uniforme Strömung nach Südwest.

Aragonit fehlt meist aufgrund von Lösungsvorgängen nach der Ablagerung. Die Aragonitlösungsfront ist innerhalb des Members jedoch sehr variabel und greift oft vollkommen bis ins Liegende herab. Nur um Orford bleibt Aragonit weitestgehend erhalten.

Die große Mehrheit der Fossilien ist abradiert und wiederaufgearbeitet und stammt entweder aus dem unterlagernden oder dem benachbarten Member – insbesondere aus dem Aldeburgh Member. Die Größe der skeletthaften Partikel reduziert sich von Nordwest nach Südost – diese Größenabnahme geht wahrscheinlich mit einer Kornverringerung in Richtung des Sedimenttransports konform. Die an Ort und Stelle befindlichen Bryozoenfaunen werden von eschariformen, cellariformen (aufrecht, verzweigend, biegsam) und celleporiformen Typen beherrscht.

Das Sudbourne Member besitzt eine Mächtigkeit von 4,0 bis 7,0 Meter.

Aldeburgh Member mini|hochkant=1.6|Der SSSI Aldeburgh Hall Pit ist ein bedeutender Aufschluss des Aldeburgh Members

Das Aldeburgh Member, mit Typlokalität bei Aldeburgh, wird nur im Norden des Aufschlussgebiets angetroffen. Es kommt hier direkt auf die Lage b des Ramsholt Members zu liegen – oft mit basalen Phosphoritgeröllen. Nach Südwesten verzahnt es sich mit dem Sudbourne Member.

Das Aldeburgh Member ist ein tonarmer, mäßig gut sortierter, grober, skeletthafter Karbonatsand und dürfte das küstenferne Äquivalent des Sudbourne Members darstellen. Die spärlich auftretende siliziklastische Fraktion ist mittelkörnig und zeigt gewöhnlich Korngrößenzunahme ins Hangende. Reichlich vorhanden sind Wurmbauten und Siltüberzüge. Die Schichtung ist horizontal bis schwach einfallend. Aragonit fehlt meist, da er nach seiner Ausscheidung weggelöst wurde. Somit ist auch das Aldeburgh Member von der Aragontilösung betroffen – sehr stark im Bereich des basalen, seitwärtigen Kontakts mit dem Sudbourne Member.

In Oberflächenaufschlüssen ist eine sehr reichhaltige und diversifizierte Bryozoenfauna gegenwärtig. Bohrlochdaten zufolge wird jedoch das Sediment in tieferen Bereichen hauptsächlich von kalkigem Molluskenabrieb dominiert. Die Aufschlüsse im Oberflächenbereich werden als verwehtes Material angesehen, welches sich seewärts (entgegen der Strömung) als seitliches Äquivalent des Sandrückens im Sudbourne Member gebildet hatte.

Die Mächtigkeit des Aldeburgh Members ist variabel und schwankt zwischen 4,5 und 13,0 Meter.

Fossilinhalt mini|hochkant=1.6|Fossilien der Coralline Crag Formation nach C. P. Chatwin (1954)

Die Coralline Crag Formation ist sehr reich an Fossilien. Ihre Flora ist jedoch recht spärlich, dafür ist ihre Fauna umso besser entwickelt. So wurden im Jahr 1872 bereits 707 Faunentaxa gezählt.

Angetroffen werden Foraminiferen, Schwämme, Korallen, Vielborster (Polychaeta), Mollusken, Brachiopoden, Bryozoen, Rankenfußkrebse (Cirripedia), Ostrakoden, Dekapoden, Echinodermen und Vertebraten.

Flora Pflanzenreste sind so gut wie nicht vorhanden. Ausgenommen hiervon sind Pollen, endolithische Algen (Zysten) und Coccolithen in sehr feinkörnigem Sediment.

Fauna Faunistisch sind an erster Stelle die Moostierchen (Bryozoen) zu nennen – die eigentlichen Namensgeber des Gesteins. Tatsächlich handelt es sich bei der Coralline Crag Formation um keinen Korallenkalk, sondern um einen Bryozoenkalk – ein sehr seltenes Beispiel für einen nicht-tropischen Kalk der Britischen Inseln.

Bryozoen mini|hochkant=1.6|Baustein der Coralline Crag Formation mit mehreren Bryozoentaxa

Die Bryozoenfauna in der Coralline Crag Formation ist weltberühmt und es sind bisher mindestens 134 Taxa bekannt. Zu erwähnen sind vor allem Biflustra (Biflustra savartii), Blumenbachium (Blumenbachium globosum), Cellaria, Cellepora (Cellepora pumicosa), Celleporaria, Cupuladria (aragonitisch), Eschara (Eschara pertusa) und (Eschara porosa), Hippoporidra (aragonitisch), Hornera, Idmonea, Lunulites (Lunulites conica), Meandropora (Meandropora aurantium) und (Meandropora tubipora), Melicerita (Melicerita charlesworthii), Metrarabdotos (Metrarabdotos monilifera), Multifascigera, Pentapora, Sertella (Sertella beaniana) und Turbicellepora (Turbicellepora cespitosa) und (Turbicellepora coronopus).

Die Bryozoenschalenskelette bestehen zum Großteil aus Kalzit, nur Cupuladria – eine lunulitiforme Bryozoe – und Hippoporidra bauen sich aus Aragonit auf. Von den 18 unterschiedlichen Wachstumsformen der Bryozoen können 8 in der Coralline Crag Formation angetroffen werden.

Mollusken Bivalven Bei den Mollusken sind folgende Bivalven anzuführen, welche mindestens 220 Taxa umfassen: Aequipecten opercularis, Anomia (kalzitisch), Arctica islandica, Astarte triangulata, Buccinum, Chlamys (kalzitisch), Corbula gibba, Glycymeris glycymeris, Goodallia triangularis, Heteranomia squamula, Hiatella arctica, Limopsis anomala, Modiolus, Mya, Mytilus, Ostrea (kalzitisch), Padodesmus squamola, Palliolum gerardi (kalzitisch), Pecten, Portlandia arctica, Pteromeris corbis, Scapbella lamberti, Spisula subtruncata und Timoclea ovata.

Gastropoden Erwähnenswert bei den Gastropoden sind die Taxa Caecum mammillatum, Emarginula fissura, Epitonium clathratulum, Gibbula obconica, Haustator incrassata und Margaritus trochoideus.

Foraminiferen Von den Foraminiferen sind mindestens 84 Taxa bekannt – unter ihnen Ammonia beccarii, Cibicides lobatulus, Elphidium, Nonion, Peneroplis, Planorbulina mediterranensis und Textularia.

Ostrakoden Unter den Ostrakoden finden sich Aurila convexa, Murrayina lacunosa, Quadracythere macropora und Schizocythere pliocenica.

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