Jürgen ist ein 2017 erschienener Roman des deutschen Schriftstellers und Satirikers Heinz Strunk. Kurzbeschreibung Der Ich-Erzähler Jürgen Dose lebt als unfreiwilliger Single, pflegt seine bettlägerige Mutter und versucht eine Partnerin zu finden. Einen Höhepunkt erreichen Jürgens diesbezügliche Versuche, als er mit seinem im Rollstuhl sitzenden Freund Bernd Würmer Kunde einer windigen Partnervermittlung wird, die angeblich osteuropäische Frauen vermittelt: Die gemeinsame Reise nach Breslau endet in Peinlichkeiten, Missverständnissen und einer vorübergehenden Freundschaftskrise. Daheim in Hamburg kehren Jürgen und Bernd in ihr gewohntes Leben zurück. Inhalt Der Ich-Erzähler Jürgen Dose ist unfreiwillig Single. Er gehört nicht zu den Absolute Beginners, doch seine einzige sexuelle Beziehung war in seinen Jugendtagen eine Austauschschülerin aus Kanada. „Beim Gedanken an sie krampft sich mein Herz vor unermesslicher Wehmut zusammen“. Jürgen wohnt in einem Hamburger Neunfamilienhaus, finanziell gut gestellt, da die mütterliche Rente für die meisten Unkosten reicht. „Mutter hatte vor Jahren einen schweren Unfall und ist seither bettlägerig. Um ihr einen Pflegeheimaufenthalt zu ersparen, habe ich sie zunächst bei mir aufgenommen. Was als Zwischenlösung geplant war, ist mittlerweile allerdings Dauerzustand geworden.“ Er „übernimmt die Pflege pflichtbewusst, aber nicht besonders herzlich“, und wird dabei unterstützt von einem häuslichen Pflegedienst, dessen Schwestern zusammen mit der Mutter einen Großteil der 72-Quadratmeter-Wohnung belegen, so dass Jürgen „als privates Refugium eigentlich nur mein eigenes, mit ca. 17 Quadratmetern nicht gerade großzügig bemessenes Zimmer bleibt.“ In seinem 17-Quadratmeter-Zimmer drapiert Jürgen „alte Stofftiere aus der Kinderzeit“ so, „dass sie Spalier stehen und mich mit ihren lieben Gesichtern freundlich und aufmunternd anschauen.“ Außer mit Stofftieren ist Jürgen noch „mit Bergen von Ratgeberliteratur eingedeckt und kennt jetzt alle Fallstricke und alle Geheimtipps für ein romantisches Treffen“, die er sich schon längst nicht mehr auf Partys erhofft; dort ist er „kurz nach Mitternacht, wenn es für die anderen gerade erst losging, gelähmt und mit eingezogenem Kopf in einer Ecke gestanden“ und bleibt Partys darum lieber fern, „aber auch weil ich mich für die meisten regulären Vergnügungen mittlerweile zu alt fühle.“ Dennoch ist „seine Bereitschaft, den Heilsversprechen der Ratgeber zu glauben, […] ungebrochen, und er verkündet deren Lehren so, als stammten sie aus eigener Erkenntnis oder eigener Erfahrung.“

Sein Bedürfnis nach Partnerschaft hat Jürgen gemein „mit seinem Freund Bernd, mit dem ihn eine ausgeprägte Hassliebe verbindet“ und der im Rollstuhl sitzt. „Viel zu erzählen haben sich die beiden Freunde nicht, einig sind sie sich nur in einem: Sie suchen händeringend nach einer Frau“, wobei Bernd nach Jürgens Meinung „bereits einen Grad der Verschrobenheit erreicht“ hat, „der einen locker-leichten Umgang mit dem anderen Geschlecht beschwerlich macht.“ Obwohl Jürgen und Bernd sich nur noch wenig zu sagen haben, lösen sie die Freundschaft nicht auf. „Wahrscheinlich handelt es sich bei uns um eine Lebensendpartnerschaft, also eine Verbindung, die sich erst mit dem Tode löst. Außerdem haben wir jetzt schon so viel gemeinsam auf der Uhr, da lohnt die Trennung kaum“. Gemeinsam werden sie bei einer „windigen Partnervermittlungsagentur“ vorstellig, die sich angeblich auf die Vermittlung osteuropäischer Frauen spezialisiert hat. Jürgen und Bernd suchen sich je eine Katalogfrau aus, der Partnervermittler macht Druck: Es wären plötzlich Nachrücker-Plätze für die nächste Tour frei: „Morgen. Karfreitag Punkt zwölf ist Abfahrt. Ostermontag sind Sie wieder hier.“ Gemeinsam mit anderen „armen Willis“ machen sich Jürgen und Bernd in einem „Fiat Ducato Neunsitzer“ ostwärts auf. „Jenseits der Grenze warten auf Jürgen, Bernd und ein paar andere armselige Gestalten angeblich umwerfende Traumfrauen.“ Während der Fahrt befallen Jürgen allerdings immer stärker werdende Schmerzen, die in Bautzen zu einem Zwischenstopp führen: Ein Arzt diagnostiziert Jürgen einen Wanderhoden, der allerdings mit Medikamenten schmerzfrei gestellt werden kann. Einen Krankheitsfall hat auch Jürgens vermeintliche Katalogfrau Justyna zu beklagen: „Ihr Einzeldate mit Justyna musste wegen eines Krankheitsfalles in der Familie abgesagt werden“, teilt der Partnervermittler am Zielort Breslau mit. Da Bernd sein Gastgeschenk für seine vermeintliche Katalogfrau Dominika vergessen hat, will er in Breslau ein neues kaufen, verspätet sich, und Jürgen übernimmt im Namen Bernds das Anbändeln mit Dominika, nimmt sie mit aufs Zimmer. Da taucht Bernd auf, wird eifersüchtig, erhebt sich völlig überraschend aus seinem Rollstuhl: „In höchster Erregung pfeffert der Riese sein Geschenk voll Karacho in die Ecke. Wahrscheinlich denkt Dominika, es mit zwei frisch aus dem Irrenhaus Ausgebrochenen zu tun zu haben, denn sie verlässt fluchtartig den Raum.“ Bernd kündigt Jürgen die Freundschaft auf, erklärt, dass er seit drei Jahren nicht mehr eines Rollstuhls bedarf. „Das war so, die haben ein neues Mittel entdeckt, und die Lähmung ist dann Schritt für Schritt weggegangen. Am Anfang konnte ich es selbst gar nicht glauben. Ich wollte es dir sowieso längst sagen.“ Jürgen seinerseits kündigt Bernd gleichfalls die Freundschaft auf: „Du bist faul wie die Sünde und hast die Nummer nur durchgezogen, um dir Vorteile zu erschleichen. Und einen Freifahrtschein, dass du dich benehmen kannst wie die Axt im Walde. Alle hast du angelogen, selbst deinen besten Freund“.

Auch im heimischen Hamburg sind die Dinge aus dem Lot: Eine Pflegerin ruft Jürgen an, er solle unverzüglich zu seiner kranken Mutter heimkehren. Jürgen begibt sich also an Bord des „hoffnungslos überfüllten“ Schnellzugs nach Hamburg, zusammen mit der polnischen Assistentin des Partnervermittlers, die dessen unlauteres Geschäftsgebaren teilweise erläutert und nicht mehr mittragen mag. Zusammen mieten die beiden sich ein Schlafwagenabteil im De-luxe-Bereich für 400 Euro; Jürgen kommt es nach seinem Fiasko „auf die paar Penunzen jetzt auch nicht mehr an.“ Mit der Assistentin gibt es ein bisschen Händchenhalten, weil die Assistentin nicht einschlafen kann. „Als sie im De-luxe-Abteil meine Hand gegriffen hat, wäre ich fast ohnmächtig geworden vor Entzücken; das ist das Wunderbarste, was ich seit langem erlebt habe.“ Jürgen überhastetes Aussteigen in Hamburg führt allerdings dazu, dass keine Kontaktdaten ausgetauscht werden können. Daheim im Neunfamilienhaus findet er das mütterliche Bett leer vor, erfährt, seine Mutter sei „völlig dehydriert“ auf der Notfallstation. Auch Bernd Würmer taucht wieder auf, abermals im Rollstuhl, weil „ich mich daran gewöhnt habe. Und alle anderen auch.“ Er ergänzt die Informationen, die Jürgen von der Assistentin hat: Die Frauen in dem Breslauer Hotel seien „allesamt“ Prostituierte gewesen. Bernd und Jürgen söhnen sich aus, und Bernd schlägt vor, dass man „mal ganz altmodisch eine Kontaktanzeige aufgeben könnte. […] Gleich bin ich Feuer und Flamme. Da stand doch auch einiges in den Büchern drin, die ich gelesen habe.“

Neben der Kernhandlung über Jürgens Lebenssituation und seine Partnerschaftssuche webt Strunk in „den ansonsten realistischen Roman […] einige Absurditäten“ ein: „Da ist von einem Diabetikertier die Rede, von der Mikropilzkrankheit und von spontaner Selbstentzündung. Dadurch wirkt der Text, der eigentlich erschreckend lebensnah ist, stellenweise surreal.“ Gleichfalls ergänzt wird die Kernhandlung durch die ebenso „demütigenden wie grotesken Geschichten aus seiner Kindheit, die Jürgen erkennbar ausschmückt und so das eigentlich Entsetzliche übertüncht.“ Textanalyse Bei dem durch einen unzuverlässigen Erzähler in Ich-Form dargebrachten Roman Jürgen handelt es sich um eine tragikomische Sozialsatire, die „forcierte Selbstaufmunterungssuada“ eines „Erfolglosen“ und die „Geschichte einer Misere, die irgendwann einsetzt und ohne rechtes Ziel wieder endet“. Orte der nicht vor dem Jahr 2015 spielenden Handlung sind Hamburg, Breslau und der Weg zwischen beiden Städten, beispielsweise Bautzen. Themen Der Roman Jürgen ist eine „Geschichte über Männer und Frauen, über peinliche Flirtversuche und das Schattenreich der Eheanbahnungsagenturen, über die Leiden eines alleinlebenden Mittvierzigers“, der laut Literaturkritik.de „die drei Kreise der Alleinstehendenhölle“ durchsteigt: „Singlebörse, Speed-Dating und Partnervermittlung“. Die Titelfigur hat aus seiner Ratgeber-Lektüre die „Kennenlern-, Flirt- und Aufreiß-Tipps“ verinnerlicht, versucht sie nun in die Praxis umzusetzen: auf einem Spaziergang, im Frischemarkt, bei einem Rendezvous im Hamburger Stadtpark und in einem italienischem Restaurant, wobei für ihn die Liebe „süße Verheißung“ ist, „die das Leben erträglich macht“, so Der Spiegel. Der Ich-Erzähler selbst meint an einer Stelle des Romans über seine kurze Jugendaffäre mit einer kanadischen Austauschschülerin: „So ernährt man sich dann von der einen Liebe, die für ein ganzes Leben zu reichen hat, dem Glück, das bis zum Ende halten muss. Wer weiß, ob das nicht schon die schönste Zeit in meinem Leben war. Kein Mensch kann das genau wissen. Wer hat nicht Sehnsucht nach einem Wunder und weiß doch insgeheim, dass es nicht eintreffen wird. Was man vielleicht hätte werden können, ist man nicht geworden, und nun fließt das Leben dahin […]. Man verschwindet in ein ereignisloses Dasein, und selbst, wenn einem noch mal eine Frau über den Weg laufen sollte, merkt man es nicht, oder es ist zu spät. Alles kann einem passieren, vor allem nichts.“ Über die Liebessehnsucht der Titelfigur und Bernds hinaus schildert der Roman allerdings noch ganz allgemein „die Erfahrungswelt eines zu kurz gekommenen Außenseiters“, so der Deutschlandfunk, blickt hinein in eine laut Spiegel „oft übersehende Wirklichkeit. Indem er [=Heinz Strunk] seine Charaktere […] durch ihre Realitäten stolpern lässt, zeichnet er […] eine Art Sittengemälde der Verzagten. […] Abstiegsängste und soziale Unsicherheiten scheinen, ohne jemals explizit benannt zu werden, durch jede der 252 Seiten.“ Hauptfiguren Jürgen und Bernd, die beide „Experten im theoretischen Kennenlernen von Frauen sind, allerdings ohne jeden praktischen Erfolg“, sind nach Auffassung der Germanistin Carolin Führer „komische Figuren“,Carolin Führer: Schreibweisen des Prekären im Werk von Heinz Strunk. In: Sophie König, Lara Tarbuk, Robert Walter-Jochum, Jana Maria Weiß (Hrsg.): Klassen, Gefühle, Erzählen. Affektordnungen des Sozialen in der Gegenwartsliteratur. De Gruyter, Berlin 2026. ISBN 978-3-11-162514-0. S. 153–170. Hier S. 166. (pdf). deren Einsamkeit „zuweilen eher als eine Möglichkeit“ erscheint, „der kapitalistischen Betriebsamkeit zu entkommen.“Führer, Schreibweisen des Prekären im Werk von Heinz Strunk, S. 156. Trotz gemeinsamer „mangelnder Anziehungskraft“ unterscheiden sich beide Figuren jedoch im Detail: