Jewsei Borissowitsch Agron (Russisch: Евсей Борисович Агрон; Englische Schreibweise: Evsei Agron; * 25. Januar 1932 in Leningrad, Sowjetunion; † 4. Mai 1985 in New York City) war ein sowjetisch-US-amerikanischer Gangster und Boss der russischen Mafia in New York City in den 1970er und 1980er Jahren. Bekannt für seine Brutalität, wurde er als „Pate“ der russisch-amerikanischen Mafia bezeichnet.
Laufbahn Agron, der in Leningrad geboren wurde und jüdischer Herkunft war, begann seine „Karriere“ als Taschendieb. Der investigative Journalist Robert I. Friedman beschrieb Agron als einen „kleinen, väterlichen Mann“. Er verbrachte sieben Jahre in einem sowjetischen Straflager und stieg dort zum Dieb im Gesetz auf. Agron wurde jedoch aus der Bruderschaft ausgeschlossen, weil er eine Spielschuld nicht beglichen hatte. Er verließ die Sowjetunion 1971 und leitete in Hamburg, Bundesrepublik Deutschland, einen großen Prostitutions- und Glücksspielring.
Agron wanderte schließlich in die Vereinigten Staaten aus und kam am 8. Oktober 1975 am John F. Kennedy International Airport in New York City an, wobei er seinen Beruf als Juwelier angab. Er übernahm rasch die Kontrolle über die kriminellen Machenschaften unter den sowjetischen Juden, die im Stadtteil Brighton Beach in Brooklyn lebten, und leitete mit Hilfe seiner Schlägertrupps – Emile Puzyretsky und den Brüdern Benjamin und Boris Nayfeld – einen lukrativen Erpressungsring in der russischen Emigrantengemeinde, der bis 1980 einen Wochenumsatz von mehreren Zehntausend Dollar erzielte. Zu den Opfern von Agrons Schutzgeldgeschäft gehörten Ärzte, Anwälte und Ladenbesitzer, die laut dem Federal Bureau of Investigation (FBI)-Agenten William Moschella „eine Heidenangst“ vor Agron hatten. Agron trug oft einen Viehtreiber bei sich, den er als Folterinstrument benutzte.
Als Boss der mächtigsten russischen Verbrecherbande in New York leitete Agron eine Organisation, die in mindestens sechs nordamerikanischen Städten operierte und ihre Aktivitäten auf Lkw-Entführungen, Juwelenraub und Medicaid-Betrug ausweitete. Agron erwarb zudem eine russischsprachige Zeitung in Brighton Beach, die später bei einem mutmaßlichen Brandanschlag niederbrannte. Über Murray Wilson, einen jüdischen Geschäftspartner der Genovese-Familie, ging Agron eine enge Allianz mit diesem italoamerikanischen Mafiaclan ein. Viele von Agrons Geschäften wurden vom Club „El Caribe“ aus geleitet, an dem Donald Trumps Anwalt Michael Cohen beteiligt war. Ein weiterer wichtiger Verbündeter von Agron war Ronald Greenwald, ein politisch gut vernetzter Rabbiner, der Agron dabei geholfen haben soll, ein US-Visum zu erhalten, und häufig Treffen mit Agron in den Büroräumen seiner Rohstoffhandelsfirma in Lower Manhattan veranstaltete.
Im Jahr 1980 wurde Agron angeschossen, als er auf der Coney Island Boardwalk spazieren ging, und verlor dabei einen Teil seines Dünndarms. Während seiner Genesung im Coney Island Hospital wurde Agron von einem Polizeibeamten befragt, ob er wisse, wer der Mann sei, der auf ihn geschossen habe. Er antwortete, dass er es tatsächlich wisse, weigerte sich jedoch, den Namen des Schützen zu nennen, und beharrte darauf, dass er sich „selbst darum kümmern“ werde. Es gab verschiedene Theorien über den Grund für die Schießerei, darunter Theorien über unbezahlte Spielschulden und mögliche Verschwörungen seiner eigenen Bande, Agron zu stürzen.
Dank seiner Verbindungen zur Mafia und in die Politik stieg Agron immer weiter auf und dehnte seine Aktivitäten auf Wirtschaftskriminalität aus. Im Jahr 1983 deckten Bundesbeamte einen millionenschweren Betrug auf, den Agron und Wilson gemeinsam begangen hatten und der die Unterschlagung von Gewinnen aus dem Hotel und Casino The Dunes in Las Vegas betraf, das sich im Besitz des mit Jimmy Hoffa verbundenen Anwalts Morris Shenker befand. Shenker arrangierte für Agron und ein Dutzend seiner Untergebenen Reisen zum Dunes, bei denen alle Kosten übernommen wurden und während derer die russischen Mafiosi jeweils Kreditlinien von bis zu 50.000 Dollar erhielten. Anstatt das Geld zu verspielen, übergaben sie ihre Jetons jedoch Wilson, der diese später einlöste. Da die Schuldscheine nie zurückgezahlt wurden, halfen die Russen dabei, das Dunes über einen Zeitraum von mehreren Monaten um mehr als eine Million Dollar zu betrügen.
Agron organisierte zudem ein betrügerisches Geschäft mit Kraftstoffen, wobei Steuerbetrug ihm Millionen, wenn nicht sogar Milliarden einbrachte. Diese Art von Betrug, bei der steuerfreies Heizöl als Dieselkraftstoff verkauft wurde, kostete allein den Bundesstaat New Jersey schätzungsweise eine Milliarde Dollar jährlich an entgangenen Steuereinnahmen. Auch andere Gangster drängten in das luktative Kraftstoffgeschäft vor, und eine rivalisierende Organisation begann unter der Führung von Boris Goldberg, ihre eigenen kriminellen Aktivitäten auszuweiten. Goldberg wurde 1989 gemäß dem Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act (RICO) wegen Drogenhandels, bewaffneten Raubüberfalls, Erpressung, Waffenhandels und versuchten Mordes angeklagt.
Im Januar 1984 überlebte Agron ein zweites Attentat, als ihm zweimal ins Gesicht und in den Hals geschossen wurde, während er eine Steigung von der Garage im Keller seines Hauses am 100 Ocean Parkway in Brooklyn hinaufging. Er wurde im Coney Island Hospital von Dr. Larissa Blinkin operiert, die die in Agrons Körper steckenden Kugeln zwar nicht entfernen konnte, ihm aber das Leben rettete. Agron blieb auf einer Seite seines Gesichts gelähmt. Der Anschlag wurde von der Goldberg-Bande geplant. Agron weigerte sich erneut, seinen Angreifer zu identifizieren.
Agron starb schließlich im Mai 1985 im Alter von 53 Jahren, als er bei einem dritten Mordanschlag in seiner Wohnung in Brooklyn durch zwei Schüsse in den Kopf getötet wurde. Sein Nachfolger als Anführer der russischen Mafia in den Vereinigten Staaten wurde Marat Balagula, der auch als Drahtzieher des erfolgreichen Mordanschlags auf Angron vermutet wurde.
Persönliches Jewsei Agron war verheiratet und hatte seine Frau Anfang der 1950er Jahre kennengelernt. Nach seiner Auswanderung ging Agron im Jahr 1982 eine Beziehung mit seiner Lebenspartnerin, der ehemaligen sowjetischen Sängerin Maya Rozowa (Rosenweiss), ein. 1984 brachte Rozova ihren Sohn Gregory zur Welt, der später im Irakkrieg in der US-Armee diente, verwundet wurde und mit dem Purple Heart ausgezeichnet wurde. Nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst schloss Gregory ein Jurastudium ab und lebte im Bundesstaat Kalifornien.
Agrons Lebensgeschichte war Gegenstand des Buches Red Mafiya: How the Russian Mob Has Invaded America, verfasst vom amerikanischen Journalisten Robert I. Friedman. Nach Agrons Tod bestritt Rozova viele der in dem Buch aufgestellten Behauptungen über Agrons kriminelle Aktivitäten.
Literatur Robert I. Friedman: Red Mafiya: how the Russian mob has invaded America. Little, Brown, Boston 2000, ISBN 0-316-29474-8. Carl Sifakis: The Mafia Encyclopedia. Da Capo Press, New York 2005, ISBN 0-8160-5694-3.
Einzelnachweise
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