Die Gustav-Adolf-Kirche in Worms-Horchheim ist die evangelische Kirche dieses Wormser Stadtteils.
Geografische Lage mini|500px|Die drei Kirchen von Horchheim (v. l. n. r.): Friedhofskapelle, Gustav-Adolf-Kirche und Kirche Heilig Kreuz
Die Kirche liegt an dem Hang, der sich nördlich von Worms-Horchheim erstreckt. Die Hanglage ist durch eine vorgelagerte Treppenanlage in das Ensemble einbezogen, zu dem auch das östlich der Kirche gelegene Pfarrhaus gehört. Die Postadresse lautet „Hauptstraße 23“, allerdings liegt die Kirche rückseitig fast unmittelbar an der Straße „Alter Kirchenpfad“. Die Kirche ist so die mittlere der drei Kirchen des Ortes, die alle an oder auf der Hangkante stehen: 100 m westlich die historische, im Kern mittelalterliche Kirche von Horchheim, die heute als Friedhofskapelle genutzt wird, 150 m westlich steht die 1910 geweihte römisch-katholische Kirche Heilig Kreuz.
Geschichte Vorgeschichte Die ursprüngliche Kirche von Horchheim stammte aus dem Mittelalter, deren älteste erhaltene Erwähnung aus dem 13. Jahrhundert. Horchheim wurde in der Reformation lutherisch. Es gehörte damals zu einem Kondominat der Grafschaft Nassau-Saarbrücken, später zur Unterlinie Nassau-Weilburg und dem Bistum Worms. Nach einigem Hin und Her wurde der Ort 1635 unter der spanischen Besetzung im Dreißigjährigen Krieg wieder römisch-katholisch und blieb es auch in der Folgezeit.Zuber, S. 7f.
Der Anteil der Evangelischen in Horchheim betrug 1828 etwa 1,5 %.11 von 811 Einwohnern (Zuber, S. 8). Pfarrort für die wenigen Evangelischen war die Kirche in Heppenheim. Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts zogen wieder Evangelische nach Horchheim, bedingt durch die Industrialisierung auch im benachbarten Worms.Zuber, S. 9, 13. Anfang der 1870er Jahre umfasste die evangelische Minorität in den benachbarten Dörfern Horchheim, Weinsheim und Wiesoppenheim etwa 150 Personen. Der Müller der Horchheimer Untermühle, Valentin Walter, ergriff 1872 die Initiative und rief dazu auf, eine örtliche Kirchengemeinde zu bilden.Zuber, S. 9. Die Initiative hatte Erfolg, fand die Unterstützung des Oberkonsistoriums der Evangelischen Landeskirche Hessen, des Gustav-Adolf-Vereins, benachbarter evangelischer Gemeinden und der regionalen, evangelischen Prominenz, so des Wormser Lederfabrikanten Cornelius Wilhelm von Heyl zu Herrnsheim. Es begann mit evangelischem Religionsunterricht für die Kinder und 1873 wurde erstmals wieder ein evangelischer Gottesdienst in Horchheim gefeiert. Als provisorischer Kirchenraum diente anfangs ein größerer Raum in der Horchheimer Untermühle des Valentin Walter.Zuber, S. 10f.
Noch 1873 genehmigte Großherzog Ludwig III. von Hessen und bei RheinHorchheim liegt in Rheinhessen, das damals als Provinz Rheinhessen zum Großherzogtum Hessen gehörte. die Gründung einer – zunächst nicht selbstständigen – evangelischen Filialgemeinde.Zuber, S. 13. Diese war anfangs der Gemeinde Heppenheim zugeordnet, kurz darauf Worms.Zuber, S. 15. Als Valentin Walter seine Mühle 1875 verkaufte, musste ein neuer Gottesdienstraum gefunden werden. Nach einiger Diskussion, einem weiteren Provisorium und einer Spendensammlung kaufte die Gemeinde schließlich die aufgelassene Synagoge im OrtNachdem in Horchheim nur noch eine jüdische Familie lebte, war die örtliche jüdische Gemeinde Ende 1873 aufgelöst worden (Zuber, S. 15). und baute sie 1878 für ihre Zwecke um, ein Projekt, das etwa 6400 Gulden kostete.Zuber, S. 15f.
Kirchenbau 1898 war die Zahl der Gemeindeglieder so angewachsen, dass eine selbstständige Kirchengemeinde gebildet wurde.Zuber, S. 22. Spätestens ab diesem Zeitpunkt wurde auch ein Kirchenneubau angestrebt, da die durchschnittliche Zahl der sonntäglichen Gottesdienstbesucher die Kapazität der ehemaligen Synagoge regelmäßig überschritt. Alternative Überlegungen, wie die Erweiterung des Bestandsbaus (unwirtschaftlich) und die Übernahme der römisch-katholischen Kirche (heute: Friedhofskapelle), sobald deren Kirchenneubau (Heilig-Kreuz-Kirche) abgeschlossen war, wurden verworfen.Zuber, S. 25. 1904 konnte ein passendes Grundstück erworben werden, ab 1905 wurden die Genehmigungen für den Bau eingeholt. Es folgten nun Jahre der Auseinandersetzung über Finanzierung und Gestaltung, an der sich auch der in Sachen Architektur und Stadtplanung in Worms omnipräsente Darmstädter Professor und Dombaumeister in Worms, Karl Hofmann, beteiligte.Zuber, S. 26–28. Architekt war der Kreisbaumeister Richard Limpert († 1930)Zuber, S. 26, 28, 31., die örtliche Bauleitung hatte der Baureferendar Friedrich Becker.Zuber, S. 31. Die Bauarbeiten begannen Anfang 1907, der Eröffnungsgottesdienst fand am 6. September 1908 statt.Zuber, 30, 32. Maßgeblich mitfinanziert vom Gustav-Adolf-Werk, trägt die Kirche den Namen des schwedischen Königs Gustav II. Adolf.
In beiden Weltkriegen verlor die Kirche Glocken (siehe Abschnitt „Glocken“). Bei dem Luftangriff auf Worms in der Nacht vom 20. auf den 21. Februar 1945, bei dem die römisch-katholische Kirche in Horchheim schwer beschädigt wurde, gingen in der Gustav-Adolf-Kirche nur Fenster und einige Dachziegel zu Bruch. Die Kirche konnte weiter genutzt werden.Zuber, S. 54. 1947 konnte die Kirche neu verglast werden, 1958 folgte eine umfassende Renovierung. Der Windfang des nun aufgegebenen westlichen Eingangs wurde durch Heinz Hindorf in eine Gedenkstätte für die Toten des Zweiten Weltkriegs umgestaltet.Zuber, S. 62.
Gebäude
mini|Pfarrhaus und Gartenpavillon
Die Kirche ist genordet, so dass der Haupteingang am oberen Ende der Treppe liegt, die – von der Hauptstraße ausgehend – über den Berghang den Zugang bildet. Die Architekturelemente dieser Hauptfassade sind dem Neubarock verpflichtet. Das Gebäude trägt ein Satteldach und über der Fassade thront ein hoher Dachreiter mit mehrfach getrepptem Dachaufsatz, ebenfalls in barocken Formen.Spille, S. 236.
Der Innenraum ist eine Saalkirche, die mit einem Korbbogen eingewölbt ist. Der eingezogene und flach schließende Chor trägt ein Tonnengewölbe und wurde malerisch aufwändig durch den Wormser Maler Fritz Muth ausgestaltet.Zuber, S. 30. Die zwischenzeitlich übertünchte Malerei wurde in den 1990er Jahren wieder freigelegt. Eine L-förmige Empore aus Holz auf Steinpfeilern erstreckt sich entlang der Süd- und der Westseite des Raumes. Die Ausstattung weist klassizistische Elemente auf, die Kanzel wiederum ist neubarock.Spille, S. 236.
Östlich der Kirche schließt mit einem kurzen Verbindungsbau das Pfarrhaus an, ein eingeschossiges Gebäude mit hohem, ausgebautem Krüppelwalmdach. Unter das Dach eingezogen liegt in gesamter Gebäudebreite nach Süden eine Loggia mit dorischen Säulen. Davor ist ein Parterre angelegt, dessen südöstliche Ecke ein Gartenpavillon bildet.Spille, S. 237. Dieses Arrangement wird der Villenarchitektur des Darmstädter JugendstilsHorchheim gehörte damals zum Großherzogtum Hessen, in dessen Hauptstadt, Darmstadt, eine eigene Ausprägung des Jugendstils entstand. zugerechnet.Spille, S. 236.
Fenster Die ursprünglichen Fenster von 1908 waren Buntglasfenster in historistischer Tradition. Sie stammten von den Firmen Schwarze & Raukamp, Schöneberg, und Johannes Kriebitzsch aus Mannheim.Zuber, S. 29. Bei der Explosion Stickstoffwerkes der BASF in Oppau (heute: Ludwigshafen am Rhein) am 21. September 1921 wurden die großen Fenster an der Ostseite der Kirche zerstört.Zuber, S. 47. Weitere Schäden an den Buntglasfenstern entstanden bei dem Luftangriff auf Worms in der Nacht vom 20. auf den 21. Februar 1945, bei dem auch Bomben auf Worms-Horchheim fielen.Zuber, S. 54. Bei der Renovierung der Kirche 1958 wurden statt des ovalen Chorfensters vier Rundbogenfenster in den Chorabschluss eingesetzt und mit Buntglasfenstern von Heinz Hindorf verglast. Diese Änderung wurde später wieder rückgängig gemacht und die Fenster von Heinz Hindorf in die östlichen Fenster eingesetzt. Das neue Ovalfenster im Chor erhielt eine moderne, abstrakte Farbverglasung.Zuber, S. 62f.
Orgel Mit dem Bau der Orgel wurde 1907 Link in Giengen beauftragt. Die Orgel überstand auch den Zweiten Weltkrieg unbeschadet und wird in ihrer ursprünglichen Disposition weiter genutzt. 1958 wurde die Orgel generalüberholt und erhielt dabei auch ein elektrisches Gebläse.Zuber, S. 29, 63.
Glocken Den ersten Satz von drei Glocken erhielt die Kirche 1908. Sie wurden bei Andreas Hamm in Frankenthal (Pfalz) gegossen und läuteten erstmals am 9. April 1908, Karsamstag.Zuber, S. 29. In beiden Weltkriegen verlor die Kirche je zwei Glocken, die dann in der Folge jeweils ersetzt wurden.
Übersicht
Nr. Name Gussjahr Gießer Gewicht(kg) Ø(mm) Nominal(16tel) Inschrift(en) Material Anmerkung 1 Luther-Glocke 1908 Andreas Hamm 875 e Bildnis von Martin Luther, darunter: Ein feste Burg ist unser Gott; auf der gegenüber liegenden Seite: Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeiget, daß wir Gottes Kinder sollen heißen1. Joh. 3,1.; Widmung: Gestiftet von der Familie Jul. DillerZuber, S. 29. Bronze 1942 beschlagnahmt und eingeschmolzenZuber, S. 29, 53. 2 Zwingli-Glocke 1908 Andreas Hamm 500 g Bildnis von Huldrych Zwingli, darunter Herr nun selbst den Wagen halte, bald abseits geht sonst die Fahrt; auf der gegenüber liegenden Seite: Des Menschen Sohn ist kommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren istLuk. 19,10.; die Widmung lautet: Ihrer früheren Filialgemeinde Horchheim, gestiftet von der evangelischen Gesamtgemeinde Worms Bronze 1917 beschlagnahmt, eingeschmolzenZuber, S. 29, 46. 3 Gustav-Adolf-Glocke 1908 Andreas Hamm 350 a Bildnis des Königs Gustav Adolf, darunter: Verzage nicht du Häuflein klein; auf der gegenüber liegenden Seite: Fürchte Dich nicht, Du kleine Herde, denn es ist Eures Vaters Wohlgefallen, Euch das Reich zu geben Luk. 12,32. Bronze 1917 beschlagnahmt, eingeschmolzenZuber, S. 29, 46. 4 1925 Johann Georg Pfeifer, Kaiserslautern 675 (?) a ohne Bronze Eine der beiden Glocken von 1925 wurde 1942 beschlagnahmt und eingeschmolzen.Zuber, S. 48, 53. 5 MathildeBenannt nach Mathilde von Heyl zu Herrnsheim (1880–1947), geborene Prinzessin zu Isenburg-Büdingen, Ehefrau von Cornelius Wilhelm Karl von Heyl zu Herrnsheim (1874–1954). Das Ehepaar hatte die Gemeinde vielfältig gefördert (Zuber, S. 48, allerdings mit unzutreffender genealogischer Zuordnung). 1925 Johann Georg Pfeifer, Kaiserslautern 675 (?) g ohne Bronze Eine der beiden Glocken von 1925 wurde 1942 beschlagnahmt und eingeschmolzen.Zuber, S. 48, 53. 6 1613 M. Roloff Klassen, Stettin 327 h‘ Ein ehrbar Rath der Stadt Greifenhagen als Herrschaft dieses Dorfes Schilderstorf, Peter Brüggemann und Paul Helorich als Vorsteher dieser Kirchen haben mich durch M. Rlioff Klassen zu Stettin giessen lassen. Den 6. Mai Anno 1613 Die Glocke kam als „Dauerleihgabe“ aus einem Bestand nicht eingeschmolzener Glocken, die den Ursprungsgemeinden nicht zurückgegeben werden konnten.Zuber, S. 56f. 7 Luther-Glocke 1955 Glocken- und Kunstgießerei Rincker, Sinn 673,5 fis‘ ohne Zuber, S. 57.
Literatur Irene Spille: Stadt Worms (= Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Kulturdenkmäler Rheinland-Pfalz 10). Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms 1992. ISBN 3-88462-084-3 Michael Zuber: Zur Geschichte der Evangelischen Kirchengemeinde Horchheim, Weinsheim, Wiesoppenheim. Evangelische Kirchengemeinde Horchheim, Weinsheim und Wiesoppenheim, Worms-Horchheim 1998.
Weblinks
Evangelische Petrusgemeinde südlicher Wonnegau : Die Gustav-Adolf-Kirche Worms-Horchheim
Anmerkungen
Einzelnachweise
Gustav Adolf Kirche Horchheim, Gustav Adolf Kirche Gustav Adolf Kirche Kategorie:Gustav-Adolf-Kirche Kategorie:Kirchengebäude des Dekanats Worms-Wonnegau Kategorie:Saalkirche in Rheinland-Pfalz Kategorie:Neobarockes Kirchengebäude Kategorie:Neobarockes Bauwerk in Rheinland-Pfalz Horchheim, Gustav Adolf Kirche Kategorie:Erbaut 1908 Kategorie:Kirchengebäude in Europa