mini|Friedhofskapelle, 2010
Die Friedhofskapelle in Worms-Horchheim ist die ehemalige römisch-katholische Kirche dieses Wormser Stadtteils und war – wie ihre Nachfolgerin von 1910 – zu Ehren des Heiligen Kreuzes geweiht.Kaltenthaler, S. 21.
Geografische Lage mini|400px|Die drei Kirchen von Horchheim (v. l. n. r.): Friedhofskapelle, Gustav-Adolf-Kirche und Kirche Heilig Kreuz Die ehemalige Kirche liegt in der Straße „Alter Kirchpfad“, erhöht über dem Ort im historischen WehrfriedhofKaltenthaler, S. 20. und nur durch die Straße getrennt gegenüber dem heute genutzten Friedhof.
Geschichte Vorgeschichte Diese ursprüngliche Kirche von Horchheim stammt aus dem Mittelalter, deren älteste erhaltene (indirekte) Erwähnung von 1234.Kaltenthaler, S. 20. Erwähnt wird hier ein Pfarrer von Horchheim, nicht die Kirche selbst, die älteste erhaltene Erwähnung eines Kirchengebäudes stammt von 1287. Das Patronat der Kirche lag beim Domkapitel WormsKaltenthaler, S. 23–25., Horchheim gehörte damals zum Bistum Worms. Die Kirche hatte zwei Altäre. Einer war zu Ehren Mariens, der zweite zu Ehren Maria Magdalenas geweiht.Kaltenthaler, S. 21.
Horchheim wurde in der Reformation lutherisch. Es gehörte damals zur Grafschaft Nassau-Saarbrücken, später zur Unterlinie Nassau-Weilburg. 1635 wurde der Ort unter der spanischen Besetzung im Dreißigjährigen Krieg wieder römisch-katholisch und blieb es auch in der Folgezeit.Spille, S. 234. Bereits diese mittelalterliche Kirche wurde mehrfach umgebaut.Spille, S. 236.
Barockes Gebäude Die exponierte Lage der Kirche über dem Ort führte aufgrund von Witterungseinflüssen zu erhöhtem Unterhaltungs- und Reparaturaufwand. Aber nicht immer war dafür Geld vorhanden. So war der bauliche Zustand am Beginn des 18. Jahrhunderts sehr heruntergekommen. Außerdem war die Kirche für eine inzwischen gewachsene Gemeinde zu klein geworden.Kaltenthaler, S. 24f.
Als Heinrich Gottfried Windolf 1714 in Horchheim Pfarrer wurde, packte er die Angelegenheit an, sammelte Geld für einen Umbau, versuchte das Domkapitel, das die Baulast zu tragen hatte, von dem Projekt zu überzeugen und gewann den für Worms zuständigen Weihbischof Johann Baptist GeggDer damalige Diözesanbischof von Worms, Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg, war im Hauptamt Bischof von Breslau, Gegg vertrat ihn vor Ort in Worms. für das Projekt. 1724 konnte mit Umbau und Erweiterung der mittelalterlichen Kirche begonnen werden. Allerdings gab Heinrich Gottfried Windolf die Pfarrei 1725 zugunsten seines Bruders, Johann Georg Windolf, auf.Kaltenthaler, S. 25. Der Streit um die Baukosten zwischen örtlicher Kirchengemeinde und Domkapitel zog sich bis 1728 hin und wurde mit einem Vergleich beendet: Das Domkapitel übernahm die Baulast auch für die nun erweiterte Kirche, aber die Abgabe der Gemeinde vom Weinzehnten an das Domkapitel wurde von 8,3 % auf 9,1 %Von auf . erhöht.Kaltenthaler, S. 26. Die neue Kirche wies barocke Formen auf und wurde am 29. August 1728 durch Weihbischof Johann Baptist Gegg geweiht.Kaltenthaler, S. 123. Erhalten blieb bei dem Umbau der Kirchturm des Vorgängerbaus. Er steht in dem Winkel zwischen Kirchenschiff und der Nordwand des Chores. Das Erdgeschoss des Turms ist romanisch, die Obergeschosse sind spätgotisch. Die Rundbogenfenster des Kirchenschiffs stammen von einem Umbau im 19. Jahrhundert.Spille, S. 236. 1764 erhielt die Kirche eine Kreuzreliquie.Kaltenthaler, S. 21.
Die Kirche hatte zunächst drei Altäre. Der Hochaltar im Chor war dem Heiligen Kreuz geweiht. Über Eck, vor dem Chor, standen die beiden anderen Altäre: Links der Marienaltar, auf dem auch die historische Marienfigur von 1420 wieder aufgestellt wurde.Zu der Figur und ihrem tragischen Untergang siehe hier. Gegenüber, auf der rechten Seite, befand sich ein Altar des Heiligen Sebastian. Später wurde das Ensemble noch um einen Altar für den Heiligen Johannes Nepomuk ergänzt. Um 1740 erhielt die Kirche eine Orgel, die Johann Michael Stumm aus Rhaunen errichtete.Kaltenthaler, S. 27. Diese wurde 1858 durch eine Orgel von Rothermel aus Zwingenberg an der Bergstraße ersetzt.Kaltenthaler, S. 31.
Der hohe Instandhaltungsaufwand aufgrund der exponierten Lage des Gebäudes änderte sich aber nicht. Durch das ganze 18. und 19. Jahrhundert wird davon berichtet.Kaltenthaler, S. 27ff. Im Zuge der zahlreichen Renovierungen verschwand der barocke Charakter des Innenraums im Laufe des 19. Jahrhunderts.Kaltenthaler, S. 30. 1841/42 wurde eine Sakristei südlich an den Chor angebaut.Oberle: 75 Jahre, S. 37.
Der in der Kirche Mitte des 19. Jahrhunderts amtierende römisch-katholische Pfarrer Johann Georg Paser (1789–1878)Hermann Schmitt: Geschichte von Horchheim, Weinsheim und Wies-Oppenheim. Aus Anlaß der Einweihung der neuen kath. Kirche zu Horchheim. (24. Oktober 1910). Worms 1910, S. 49. hatte seinem evangelischen Kollegen mehrfach gestattet, dort auch evangelische Trauergottesdienste zu halten – die Kirche lag ja mitten im Friedhof. Als das bischöfliche Ordinariat davon erfuhr, missbilligte es das scharf.Kaltenthaler, S. 31.
Ende als Pfarrkirche Aufgrund des enormen Bevölkerungszuwachses in Horchheim am Ende des 19. Jahrhunderts wurde die bestehende Kirche viel zu klein – wegen Überfüllung bei der Firmung brach 1897 eine Panik aus. Das Gebäude wies zudem erhebliche bauliche Mängel auf: Ebenfalls 1897 stürzte ein Teil der Decke ab.Kaltenthaler, S. 32. All das führte letztendlich zum Bau einer neuen Kirche Heilig Kreuz auf dem Goldberg, 1910 geweiht. Die bisherige Kirche verlor ihre Funktion. Die Orgel wurde in die neue Kirche versetztOberle: 75 Jahre, S. 27. und die Kreuzreliquie 1928 in einen Altar im Seitenschiff der neuen Kirche überführt.Kaltenthaler, S. 56; Julian Molter (Bearb.) / Pastoralraum Worms und Umgebung – Pfarrei St. Nikolaus Worms-Wonnegau (Hg.): St. Nikolaus Worms-Wonnegau. Gründungsmagazin 01.01.2026. Worms 2025., S. 29. Die historische Kirche hatte so keine Funktion mehr.
1958 wurde die leerstehende Kirche zur Trauerhalle des Friedhofes umgestaltet. Zwei Leichenkammern wurden eingebaut, Innenausstattung, Fußboden und Beleuchtung neu gestaltet und der Chor erhielt neue Buntglasfenster.Oberle: 75 Jahre, S. 37.
Gebäude
Die Friedhofskapelle ist eine Saalkirche mit einer Länge von fünf Achsen. Der eingezogene Chor mit Dreiachtelschluss folgt in Fundamenten und wahrscheinlich auch einem Teil des aufgehenden Mauerwerks dem gotischen Chor. Hier findet sich barocke Malerei, Gottvater und die Heilige Helena. Die Decke des Kirchenschiffs ist modern und der Form nach als Stichbogen ausgebildet. Das Innere bietet sich heute recht schlicht dar. Das Gebäude ist von einem Krüppelwalmdach gedeckt.Spille, S. 236.
Glocken In einem Visitationsbericht werden 1496 Glocken der Kirche erwähnt, die dort bereits hingen.Kaltenthaler, S. 122. Die barocke Kirche hatte zwei Bronze-Glocken, die aber beide älter waren: Die Hosanna-Glocke von 1500 und eine größere zweite Glocke, von 1505. Beide Glocken waren in Speyer gegossen worden, auf der Hosanna-Glocke bezeugte eine InschriftDie Inschrift lautet: Peter zur glocken zu spier goss mich anno dni MCCCC ossana heiss ich (Kaltenthaler, S. 123)., dass der Glockengießer „Peter“ hieß.Kaltenthaler, S. 123.
Im November 1871 erlitt die größere der beiden Glocken, die von 1505, einen Sprung und konnte zum Läuten nicht mehr eingesetzt werden. Sie wurde daraufhin eingeschmolzen und von Andreas Hamm in Frankenthal umgegossen. Dieser lieferte die zwei neuen Glocken (siehe Übersicht) 1872: St. Maria und St. Joseph. Allerdings war die Gemeinde unzufrieden, weil der Klang der neuen Glocken nicht weit genug reichte. Andreas Hamm nahm deshalb die beiden Glocken zurück und lieferte als Ersatz eine, viel größere Glocke, die als Modell für den Guss der Kaiserglocke („Gloriosa“) gedient hatte, der damalsDie Glocke wurde im Ersten Weltkrieg eingeschmolzen. größten Glocke des Kölner Doms.Kaltenthaler, S. 123.
Nachdem 1910 die neue Kirche Heilig Kreuz in Worms-Horchheim fertiggestellt war, wurde die Glocke von 1500 in den dortigen Kirchturm umgehängt, die zweite Glocke eingeschmolzen, um das Material für den Guss von Glocken für das neue Geläut zu verwenden.Kaltenthaler, S. 123.
2024 erhielt die Friedhofskapelle wieder eine Glocke. Sie wurde von der Glockengießerei Bachert gegossen. Aus statischen Gründen wurde sie nicht im historischen Turm aufgehängt, sondern erhielt ein tragendes Gestell im Freien an der Nordwestseite der Kirche.Martina Wirthwein: Nach mehr als 20 Jahren am Ziel. In: Wormser Zeitung vom 3. Februar 2026, S. 13. Die Bilder auf der Glocke wurden von Kindern der vier örtlichen Kindergärten gestaltet.red: Eine Erinnerung an die Sterblichkeit. In: Wormser Zeitung vom 17. Februar 2026, S. 13.
ÜbersichtDie Daten stammen von Kaltenthaler, S. 122f. mini|Friedensglocke von 2024: Die Tiere auf dem Weg zur Arche Noah Name Gussjahr Ende Gießer Gewicht(kg) Ø(mm) Nominal(16tel) Inschrift(en) Anmerkung Hosanna-Glocke 1500 1910 Peter aus Speyer Peter zur glocken zu spier goss mich anno dni MCCCC ossana heiss ich Umgehängt in die neue Kirche Heilig Kreuz 1505 1871 Peter aus Speyer gerissen, eingeschmolzen St. Maria 1872 1874? Andreas Hamm 249,5 St. Maria wegen zu geringer Klangstärke getauscht St. Joseph 1872 1874? Andreas Hamm 77 St. Joseph wegen zu geringer Klangstärke getauscht 1873? 1910 Andreas Hamm 1360 eingeschmolzen für den Guss der Glocken der neuen Kirche Heilig Kreuz Friedensglocke 2024 Glockengießerei Bachert Dona nobis pacem
Wissenswertes Der örtliche Lehrer war im 19. Jahrhundert verpflichtet, den Mittelgang der Kirche einmal pro Woche zu putzen.Kaltenthaler, S. 30.
Literatur Heiko Kaltenthaler: Hundert Jahre katholische Pfarrkirche Heilig Kreuz Worms-Horchheim 2010. Worms 2010. [Helmut Oberle]: 75 Jahre. 1910–1985 Heilig-Kreuz-Kirche Worms-Horchheim. Worms-Horchheim 1985. Irene Spille: Stadt Worms (= Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Kulturdenkmäler Rheinland-Pfalz 10). Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms 1992. ISBN 3-88462-084-3.
Weblinks
Horchheim, Heilig Kreuz auf der Homepage der Katholischen Pfarrei St. Nikolaus Worms-Wonnegau.
Anmerkungen
Einzelnachweise
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