mini|hochkant|Erik Tannhäuser 2023 Erik Tannhäuser (geboren 1974 in Altenburg) ist ein deutsch-österreichischer Bildhauer, Maler, Konzept- und Installationskünstler.

Biografisches mini|links|Blick über Wintersdorf mini|hochkant|Elternhaus (Rekonstruktion) Der 1974 in Altenburg geborene Künstler wurde die ersten 16 Lebensjahre bis zur Wende in der DDR sozialisiert. Drei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin geboren verbrachte Tannhäuser die ersten Wochen im Brutkasten einer Altenburger Klinik. Die Mutter überlebte die Geburt nur knapp. Die Familie lebte in einer waldnahen Siedlung in Wintersdorf. Dort ist Tannhäuser aufgewachsen. Seine Mutter arbeitete als Erzieherin in einem Kindergarten, der Vater war Dachdeckermeister mit einem eigenen Handwerksbetrieb. Er habe mit seiner Berufsarbeit schon früh Tannhäusers „Blick auf Material, Struktur und Form“ geprägt.

Weil das russische Militär in der Region über Jahrzehnte stationiert war und in dem nahegelegenen Waldstück Übungen absolvierte, gehörten nächtliche Schüsse aus dem Wald und der Anblick russischer Soldaten im Dorf zu den frühen Kindheitserfahrungen. Im Elternhaus wurde wenig gesprochen und so empfand Tannhäuser schon als Kind das Zeichnen als ein Mittel sich auszudrücken, „wenn Worte fehlten“.

Auf seiner Website gibt es zwar einige persönliche Mitteilungen, aber kein Curriculum Vitae. Im Jahr 2012 gab Tannhäuser unter dem Titel Stationen ein Buch mit eigenen und Texten von Agata Dlugos und Steffi Weiss heraus, das seine Lebensstationen dokumentiert. In einem persönlichen und 2025 veröffentlichten Gespräch mit Gino Brackerini vermittelte er Einblicke in seine Arbeitsweise und jene Faktoren, die sein Schaffen beeinflussen.

Tannhäuser lebt und arbeitet in Berlin und Wien. Er ist Vater zweier Kinder. Gemeinsam mit seiner Frau nahm er fünf kranke Hunde bei sich auf, die er nach erlittener Tierquälerei gesund pflegte.

Beruflicher Werdegang mini|links|Rings of Fire (Fusion Festival 2003) mini|hochkant|Menschmaschine (Fusion Festival 2008) Schon als Kind zeichnete Tannhäuser, um der relativen Sprachlosigkeit im Elternhaus etwas entgegenzusetzen. Daneben sammelte er in der Umgebung organische Materialien, steckte sie in ein Weckglas und beobachtete ihren Zerfallsprozess. Diese Eigenart in Kindertagen, Werden und Vergänglichkeit zu beobachten, nahm Einfluss auf sein späteres Werk.

Nach seinem Schulabschluss gründete Tannhäuser im Alter von 19 Jahren als Teil einer Künstlergruppe gemeinsam mit Hamburger Freunden auf dem ehemaligen russischen Militärflughafen in Lärz das Fusion Festival, gedacht als „eine Fusion unterschiedlichster künstlerischer Genres“. Auf diesem Festival verwirktlichte er in den Jahren 2003 und 2008 je ein künstlerisches Projekt. Die dafür hergestellten Installationen nannte er Rings of Fire und Menschmaschine. Später verließ er die Gruppe, weil er das Festival zunehmend als „Ferienkommunismus“ empfand und sich mit dem Konzept nicht mehr arrangieren konnte.

Danach begann Tannhäuser seine Zusammenarbeit mit verschiedenen NGOs und Menschenrechtsorganisationen. Kunst könne für ihn nicht unpolitisch sein, in seinem Verständnis sei sie „politisch, sozial, ökologisch“. Über die Jahre fertigte er Skulpturen und Installationen für Ärzte ohne Grenzen, Amnesty International, Aktion Aufschrei und Reporter ohne Grenzen. Zwischenzeitlich absolvierte er ein Kunststudium und ein Studium der Bildhauerei. Er studierte sowohl an der seinerzeit so bezeichneten Hochschule der Künste (HdK) in Berlin als auch an der Alanus Hochschule Alfter in Nordrhein-Westfalen und erwarb den Abschluss Master of Fine Arts. Kuratiert werden seine Arbeiten von dem Wiener Kurator Gino Brackerini, der im Internet stets mit einer Hundekopfmaske auftritt.

Berufliches Schaffen Auf der Plattform Blue Mountain Contemporary Art (BMCA), einer Sammlung zeitgenössischer chinesischer und europäischer Kunst, die sich kritisch mit ihrer Zeit und ihrem Umfeld auseinandersetzt, gab die Kuratorin Alexandra Grimmer 2024 anlässlich einer Ausstellung im Wiener Schlosspark Schönbrunn einen Überblick über das Schaffen von Tannhäuser. Er habe 2001 mit seinen Rings of Fire June Carter und Johnny Cash ein „Denkmal“ gesetzt und sich mit seiner Fountain Against Torture „gegen die Anwendung von Gewalt“ positioniert. Mit seinem Projekt 11 Pfeifen habe er „eine Klangskulptur aus elf ausrangierten Orgelpfeifen der Kirche in Prenzlau“ realisiert, „denen er durch einen Kompressor und 10 Bar Pressluft neues Leben“ eingehaucht hätte. In seinem Wiener Atelier horte er zahlreiche Geräte, Werkzeuge und Maschinen. Dort fänden sich unveröffentlichte Arbeiten „und völlig unerwartet: Werke auf der Grundlage elektronischer Technik von den 1990er Jahren bis heute“.

Seine Werke thematisieren unter anderem Menschenrechte, Umweltfragen und soziale Verantwortung. Zugleich verbinden sie Handwerk mit Kunst und ethischem Engagement.

Arbeitsweise mini|Tannhäuser bei der Arbeit an der Installation Faces of Berlin beim Festival of Lights 2011 Ein erstes Interview gab Tannhäuser im Oktober 2025 – veröffentlicht in Les Nouveaux Riches (LNR), einem Magazin für zeitgenössische Kunst und Kultur. Seine Werke werden bisher ausschließlich in Ländern präsentiert, die Kunstfreiheit garantieren. Gleichwohl habe die vielbeschworene künstlerische Freiheit für sein Schaffen weniger Bedeutung. Kunst ist für ihn nicht Ausdruck von Freiheit, sondern von Verantwortung. Auch sei Kunst für Tannhäuser untrennbar mit Politik und gesellschaftspolitischen Fragen verbunden, weshalb sich seine Arbeiten oft mit schwierigen Themen wie Tierschutz, Umweltschutz und Menschenrechte auseinandersetzen. Er arbeite, wenn nicht unterwegs, etwa zwei Drittel seiner Zeit in Wien und zu einem Drittel in Berlin.

Seinen Tag gestalte er sehr strukturiert. Er stehe um fünf Uhr auf, arbeite bis sieben Uhr im Büro, gehe dann mit seinen Hunden spazieren und beginne danach mit der Arbeit an seinen Projekten. Selbstdisziplin habe er erst lernen müssen, nachdem er einmal mit einem Werk nicht rechtzeitig fertig wurde und sich darüber sehr geärgert habe.

Der Herstellung eines Kunstwerks geht in der Regel eine lange Phase der Vorbereitung voraus, in der planen, Recherche, Orts- und Materialauswahl und – in Abhängigkeit von den Inhalten eines Projekts – die Suche nach Kooperationspartnern im Vordergrund stehen. Planung sei ein essentieller Bestandteil seiner künstlerischen Tätigkeit. Für die Produktion arbeite er mit verschiedenen Teams zusammen, zu denen unter anderem Architekten, Statiker, Metallbauer und Programmierer gehören. Besonderes Anliegen ist die Herstellung interaktiver Kunst, weil damit aus Konsumenten bestenfalls Aktivisten werden. Nicht immer handelt es sich bei einem Werk um ein „abgeschlossenes Objekt“, zum Teil wird es mit dem Wechsel von Zeit und Ort weiterentwickelt.

Ein zweites Interview im März 2026 widmete sich speziell dem Projekt Developments. Planung und Organisation vom kreativen Prozess über die Logistik bis hin zur finalen Präsentation übernehme er größtenteils selbst, wobei die Logistik für ihn nicht notwendiges Beiwerk, sondern wesentlicher Bestandteil seiner Arbeit sei.

Material und Methoden Für die Herstellung seiner Kunstwerke bedient sich Tannhäuser in der Regel nicht herkömmlichen Künstlerbedarfs, wie er beispielsweise von der Firma Boesner für bildende Künstler vertrieben wird. Er benutzt organisches und anorganisches Material, das er irgendwo findet, und sammelt es in seinem Atelier, bis es Verwendung findet. Nicht selten werden die Materialien „zu eigenständigen Bedeutungsträgern“. Neben üblichen Techniken der bildenden Kunst wendet er verschiedene Techniken des Handwerks an. Kunst als rein dekoratives Objekt sei für ihn nicht denkbar, sie sollte immer einen politischen Gehalt haben und idealerweise eine Wirkung erzielen.

Tannhäuser macht sich gern den Zufall zunutze. Er kenne bei der Herstellung eines Objekts zwar die Einflussgrößen, steuere sie mitunter jedoch nur begrenzt, so dass das Ergebnis selbst für ihn nicht immer vorhersehbar ist.

Skulpturengarten Wien Gemeinsam mit seinem Kurator Brackerini betreibt Tannhäuser den Skulpturengarten Wien. Unter dem Titel Vergessen ist alles wurde ein Ausstellungsarchiv angelegt, das einige Projekte in Wort und Bild dokumentiert. Darüber hinaus stellt Tannhäuser einige Arbeiten auf seiner eigenen Website vor.

Ausstellungsorte Werden die Werke nicht im Wiener Skulpturengarten ausgestellt, spielt die Auswahl von Ausstellungsorten für Tannhäuser als Gegner des sog. White Cube eine herausragende Rolle. Soweit möglich finden Ausstellungen in „historisch aufgeladenen Landschaften“ oder an symbolisch bedeutsamen Orten statt, deren frühere Nutzung zum Bedeutungsträger wird. Es gibt Installationen „in Bahnhöfen, Flughäfen, Regierungsvierteln, auf ehemaligen Militärflächen, in historischen Parkanlagen oder in landschaftlich markierten Räumen“, wobei der Ort „nicht als Kulisse, sondern als wirksamer Bestandteil der Arbeit“ erscheint – „als Träger von Geschichte, Nutzung, politischer Symbolik“.

Die in verschiedenen Projekten wiederkehrenden Elemente sind nicht Material oder Technik, sondern Ort und Art der Präsentation. Der Ort ist laut Tannhäuser integraler Bestandteil der Inhalte. Auch erreiche er im öffentlichen Raum ein sehr vielfältiges Publikum.

Wenn Tannhäuser einen Ort entdeckt, der ihn animiert, dort ein Werk zu präsentieren, beginnt er mit einer Recherche zu dem Ort. So war es beispielsweise in Paris, als er den Parc de la Villette entdeckte. Er fand heraus, das sich auf dem Gelände 1867 ein Schlachthof befand, der hundert Jahre lang das wichtigste Fleischversorgungszentrum von Paris war – ein in seinen Augen geeigneter Ort, um mit dem Projekt Developments auf die Entwicklung vom Schlachthof zum Kulturpark aufmerksam zu machen.

Projekte Auf seiner Website stellt Tannhäuser eine Reihe von aufwändig produzierten Werkkatalogen zu seinen Projekten vor.

Developments mini|links|Entwicklungen (Salzkammergut März 2024) mini|Entwicklungen (Schlosspark Schönbrunn September 2024) Einer Werkserie, die Tannhäuser seit 20 Jahren fortentwickelt, gab er den Namen Entwicklungen. Außerhalb des D-A-CH-Raumes trägt sie den Titel Developments. Das Projekt startete 2006 und wird seitdem kontinuierlich ergänzt. Die zu verschiedenen Zeiten an unterschiedlichen Orten hergestellten Arbeiten werden im Rahmen einer Wanderausstellung in mehreren europäischen Ländern präsentiert.

Das Konzept für die Werkserie entstand aus Zufall, nachdem sich in seinem Garten auf dort gelagerten Stahlplatten nach dem Regen Herbstlaub in die Platten eingerostet hatte, was ihn veranlasste, weiter zu experimentieren.

Der Herstellungsprozess der Tafelbilder ist aufwändig. Manche Arbeiten benötigen bis zu zwei Wochen, bis sie fertig sind. Die Technik wurde über die Jahre verfeinert. Teils werden aus den Werken in einem weiteren Verfahren Aquarelldrucke gefertigt. Für einen überfahrener Fuchs, der für ein Tafelbild verwendet wurde, ließ Tannhäuser ein Videospiel entwickeln, in dem der Spieler einen Fuchs steuert, der Autos von der Straße kickt. Lukas Höwarth und Ananda Feichtinger entwarfen und programmierten das Computerspiel. Ein Videoclip entstand, in dem Motive aus den Tafelbildern zunehmend verpixelt wurden, bis das Bild schlussendlich schwarz war. Aquarelle, Videoclip und Spiel werden in Innenräumen präsentiert, unter freiem Himmel werden die Tafeln ausgestellt, für die spezielle Metallständer angefertigt wurden.

Auf dem Instagram-Account der österreichischen Kunstzeitschrift Parnass ist unter dem Titel Parnass Plausch mit Erik Tannhäuser ein Video hinterlegt, auf dem er erklärt, wie diese Werke entstehen. Im Begleittext heißt es:

Älter als seine Auseinandersetzung mit überfahrenen Tieren ist seine Befassung mit der „Massenfischerei“.