Der PAYE-Wagen (englisch Pay-As-You-Enter Car, übersetzt Bezahle-beim-Einsteigen-Wagen) ist eine Straßenbahn-Triebwagenbauart, die in Nordamerika ab 1907 weit verbreitet war und deren namensgebendes Merkmal der bei diesen erstmals angewendete Fahrgastfluss mit Bezahlung beim am Einstieg stehenden Schaffner war. Erfunden wurde sie 1905 in Montreal. Dem PAYE-Wagen sehr ähnlich ist der 1908 in Philadelphia vorgestellte PW-Wagen (englisch Pay Within Car, übersetzt Bezahle-innerhalb-Wagen).
„Pay as you enter“ wird teils auch mit einer allgemeineren Bedeutung auf alle (nordamerikanischen) Straßenbahnwagen mit Bezahlung beim Einsteigen bezogen und betrifft dann auch andere Fahrzeugbauarten, beispielsweise den Nearside-Wagen oder – in diesem Fall ohne Schaffner – das Birney Safety Car.
PAYE-Wagen mini|Konzepte für Straßenbahnwagen mit Fahrgastfluss, PAYE-Wagen oben Im herkömmlichen Abfertigungssystem durften die Fahrgäste an allen Türen einsteigen, sich einen Platz suchen und warten, bis sie vom Schaffner bedient wurden. Die Schaffner mussten somit immer wieder durch den Wagen gehen, was bei großem Fahrgastandrang und entsprechend vielen stehenden Fahrgästen beschwerlich war und zu unabsichtlichen Beförderungserschleichungen führen konnte, wenn ein Fahrgast ausstieg, bevor der Schaffner ihn erreichte. In Nordamerika etablierten sich bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts lange Drehgestellwagen statt kurzer Zweiachser, weil die zumeist privaten Betriebe mit deren größerer Kapazität und dem gesteigerten Komfort ihren Gewinn maximieren wollten. Damit intensivierten sich allerdings auch die Abfertigungsprobleme. Die Unternehmen vereinfachten zunächst ihre Tarife möglichst stark – sie verlangten meist entfernungsunabhängig einen Einheitspreis ohne Umsteigeberechtigung –, doch steigerte dies die Produktivität der Schaffner noch nicht ausreichend. Zudem drängten die Gewerkschaften auf eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen.
Am 5. Mai 1905 stellten Direktor Ross und Betriebsleiter McDonald der Montreal Street Railway in deren Aufsichtsrat ein neues Abfertigungssystem vor, das die Arbeit der Schaffner erleichtern und so dafür sorgen sollte, dass ein Schaffner mehr Fahrgäste bedienen konnte. Das Konzept sah eine große Einstiegsplattform am Heck vor, die über zwei Türen mit dem abgeteilten Innenraum verbunden war. Der Schaffner stellte sich bei diesen Türen auf. Die Fahrgäste sollten sich beim Einsteigen zunächst auf der Plattform sammeln und dann am Schaffner vorbeigehen, dabei zahlen und durch die linke Tür den Innenraum betreten. Zum Aussteigen konnten die Fahrgäste entweder durch die in Fahrtrichtung rechte Tür auf die Heckplattform treten oder das Fahrzeug über die vordere Plattform verlassen. Diese Lösung erhöhte, prinzipiell ähnlich einer Fließbandfertigung, die Produktivität des Schaffners, der zugleich durch das Verweilen auf der Heckplattform den Betriebsablauf besser überblicken konnte.
Die erste derartige Fahrzeugserie wurde 1907 und 1908 für Montreal gebaut. Bei diesen 50 Einrichtungswagen gab es auf der Einstiegsplattform auch einen Bereich, in dem Raucher verweilen durften. Diese ersten PAYE-Wagen waren 15,8 Meter lang bei einem Drehzapfenabstand von 7315 Millimetern und einem Drehgestellachsstand von 1422 Millimetern. Sie hatten eine Leermasse von 25,5 Tonnen. Im Innenraum hatten sie vorn eine Reihenbestuhlung und hinten unbeliebtere Längsbänke, so dass die Fahrgäste einen Anreiz hatten, nach vorn zu gehen und den hinteren Bereich für weitere nachrückende Einsteiger freizugeben. Insgesamt gab es 44 Sitzplätze.mini|PAYE-Wagen mit geschlossenen Plattformen in Chicago
Die Entwickler erwarteten einen durchschlagenden Erfolg dieses Konzepts und patentierten es. Für die Lizenzvergabe wurde die Pay-As-You-Enter Car Corporation mit McDonald als Präsident und Sitz in New York City gegründet. Zahlreiche Hersteller kauften Lizenzen für Neufahrzeuge, zahlreiche Straßenbahnbetriebe solche für den Umbau vorhandener Triebwagen. PAYE-Wagen erreichten schnell einen hohen Marktanteil – 1096 von 2537 Neufahrzeugen in den Vereinigten Staaten im Jahr 1909, 1878 von 3571 im Jahr 1910. Allein für Betriebe in Chicago wurden von 1908 bis 1915 über 2000 PAYE-Wagen gebaut. Üblicherweise waren die Fahrzeuge 13 bis 15 Meter lang, hatten 40 bis 52 Sitzplätze und 10 bis 14 Quadratmeter Stehfläche. Zugbildung war nicht vorgesehen. So konnten mit zwei Arbeitern etwa 120 Fahrgäste befördert werden.
PW-Wagen In der ursprünglichen Konzeption der PAYE-Wagen blieb die große Heckplattform offen, was hinsichtlich der Sicherheit und beim Beheizen nachteilig war. In Philadelphia wurde Ende Juli 1908 schließlich ein sehr ähnlicher Wagen mit geschlossener Plattform präsentiert. Um 1900 hatte der Betrieb zahlreiche Drehgestellwagen mit herkömmlicher Abfertigung beschafft. Als die Fahrgäste PAYE-Wagen verlangten, bot die J. G. Brill Company an, diese Fahrzeuge für 760 Dollar und 72 Cent umzubauen, zu denen noch 100 Dollar für die PAYE-Lizenz hinzugekommen wären. Der Umbau hätte die Vergrößerung der Heckplattform und die Anpassung der Türen zwischen Plattform und Innenraum umfasst. Diese Kosten waren dem Betrieb angesichts der weiterhin offenen Plattform zu hoch. So entwickelte er die Alternative, die vorhandene Plattform mit einer druckluftbetätigten Schiebetür und mit dieser gekuppelten Klappstufe zu versehen und die Trennwand zum Innenraum zu entfernen. Der Schaffner wurde etwas weiter im Wageninneren aufgestellt, so dass die Plattform vollständig als Auffangraum für die einsteigenden Fahrgäste zur Verfügung stand. Für diesen Umbau verlangte Brill 600 Dollar und die Lizenzgebühren fielen nicht an.
Diese Lösung wurde zunächst Pay-After-You-Enter (englisch für Bezahle nach dem Einsteigen) genannt. Damit hätte sich jedoch ebenfalls die Abkürzung PAYE ergeben, so dass man auf Pay Within umschwenkte und das lizenzerteilende Unternehmen Pay Within Car Co nannte. Anfang 1909 drohte die Pay-As-You-Enter Car Corporation jedoch mit einem Gerichtsverfahren gegen Pay Within. Schlussendlich fusionierten beide Unternehmen zur Prepayment Car Sales Co.
Anstoß für weitere Entwicklungen Auch wenn die PAYE- und PW-Wagen einen deutlichen Fortschritt darstellten, gab es einige Probleme, die Anlass für die Entwicklung weiterer Fahrzeugbauarten gaben. An Haltestellen mit vielen Einsteigern bot die Heckplattform diesen nicht ausreichend Platz, so dass sich der Haltestellenaufenthalt verzögerte. Außerdem machte der Heckeinstieg es den Fahrern schwer, mit diesem passend bei den wartenden Fahrgästen zu halten. Die am Heck aussteigenden Fahrgäste wurden oft von den Einsteigern behindert und überquerten dann oft hinter dem Wagen die Straße, womit sie durch den Gegenverkehr gefährdet waren. Weiterhin waren zu dieser Zeit in Nordamerika die Straßen oft nur in den Kreuzungsbereichen befestigt. Der Einstieg am Heck erfolgte an den typischerweise vor einer Kreuzung angeordneten Haltestellen somit bei entsprechender Witterung im Schlamm, was für die Fahrgäste unangenehm war und zur Verschmutzung des Innenraums beitrug. Diese Nachteile führten zur Entwicklung der vor allem in Philadelphia eingesetzten Nearside-Wagen und der weit verbreiteten Peter-Witt-Wagen.
Literatur
Einzelnachweise
Kategorie:Straßenbahnfahrzeug (Vereinigte Staaten) Kategorie:Straßenbahnfahrzeug (Kanada)