Džemal Ibrahimović (geb. 14. März 1919 in Sarajevo; gest. am 22. September 2003 in Nürnberg) war ein bosniakischer SS-Untersturmführer und Imam der Flak-Abteilung 13 in der Division Handschar, der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine wichtige Rolle bei der geistlichen Betreuung muslimischer Flüchtlinge in Nordbayern spielte. In den späten 1950er Jahren war er zunächst für die Religiöse Gemeinschaft Islam von Ibrahim Gacaoglu tätig, wechselte dann jedoch zur Geistlichen Verwaltung der Muslimflüchtlinge, die mit Mitteln des Bundesministeriums für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte unterstützt wurde. Sein Seitenwechsel führte dazu, dass auch die Mehrheit der muslimischen Flüchtlinge in Deutschland zu dieser Organisation wechselten und die Religiöse Gemeinschaft Islam, die allein von Spenden lebte, zusehends an Einfluss verlor.

Seine Aktivitäten vor und während des Zweiten Weltkriegs mini|Gruppenfoto der Teilnehmer des Imam-Lehrgangs in Babelsberg 1943, Džemal Ibrahimović stehend an neunter Stelle von links Ibrahimović besuchte die berühmte Gazi-Husrev-Beg-Moschee in Sarajevo, bevor er in der Jugoslawischen Armee diente. Später unterrichtete er Religion in Banja Luka und Sarajevo und arbeitete im Flüchtlingslager Alipašin Most. Am 22. Juni 1943 meldete er sich freiwillig zur Handžar-Division.George Lepre: Himmler's Bosnian Division: the Waffen-SS Handschar Division, 1943–1945. Schiffer Military History, Atglen, PA 1997. Über seine Motivation, dieser Division beizutreten, sagte er später in Telefongesprächen mit George Lepre:

Kurz darauf, im Juli 1943, nahm er an einem Imam-Lehrgang in Babelsberg teil, der vom SS-Hauptamt Berlin organisiert wurde. Er bestand hauptsächlich aus Vorträgen und Unterricht über den Gebrauch von Kleinwaffen, diente aber auch der Vermittlung der nationalsozialistischen Ideologie.Bernwald: "Muslime in der Waffen-SS. Erinnerungen an die bosnische Division Handžar (1943–1945)". 2012, S. 51.

Flucht nach Österreich und Lagerunterbringung in Italien und Deutschland Im Frühjahr 1945 befand sich die Division Handschar in Auflösung. Da Ibrahimović den Beteuerungen der jugoslawischen Kommunisten nicht glaubte, dass den Angehörigen der Division nichts geschehen werde, flüchtete er mit den Resten der Handschar-Division nach Österreich.Bernwald: Muslime in der Waffen-SS. Erinnerungen an die bosnische Division Handžar (1943–1945). 2012, S. 76. Hier stellten sich die Männer Anfang Mai 1945 den Briten, die sie zunächst auf einem großen Feld bei Klagenfurt unterbrachten. Die große Furcht der Männer war, den Partisanen im Heimatland ausgeliefert zu werden. Kurz danach wurden sie von britischen Fahrzeugen nach Süditalien in ein Lager nahe Tarent gebracht, wo sie sieben Monate lang in einem Lager festgehalten wurden, in dem sich 70.000 andere Gefangene befanden. Ibrahimović beschrieb dieses später als „eines der schlimmsten Lager“.

1946 wurde Ibrahimović zusammen mit 70 anderen Offizieren in ein Lager in Münster gebracht und anschließend in dem Internierungslager Fallingbostel untergebracht. Hier traf er seinen früheren Divisionskommandeur Desiderius Hampel wieder. Von 1947 bis zum September 1951 war er in einem Lager in Rastdorf im Landkreis Aschendorf-Hümmling untergebracht. Danach wurde er in das Flüchtlingslager im mittelfränkischen Schwabach verlegt, das als „Türkisches Lager“ bekannt war.Abdullah: Geschichte des Islams in Deutschland. 1981, S. 38. Am 8. April 1952 wurde er schließlich in das Valka-Lager bei Nürnberg verlegt. Als Beruf in seiner Registrierkarte ist „Religionslehrer“ und „Iman“ (sic!) angegeben, als Familienstand „ledig“.Registrierkarte 2 zu Džemal Ibrahimović im Regierungslager für heimatlose Ausländer (Valka-Lager), Staatsarchiv Nürnberg. Am 22. Dezember 1953 schied Ibrahimović aus dem Valka-Lager aus und zog in den Steinbau 18/11/4 in der Oppelner Straße 230 in Langwasser um.

Als Imam in Nachkriegsdeutschland 1957 war Ibrahimović als Imam für die Religiöse Gemeinschaft Islam von Ibrahim Gacaoglu tätig und betreute für sie 100 Schulkinder im Kreis Franken.Akte 1900 der Bayerischen Landesflüchtlingsverwaltung (LaFlüVerw 1900) im Bayerischen Hauptstaatsarchiv In einem Brief vom 30. März 1958 wandte er sich als „Imam der Islamgemeinschaft in Nordbayern“ an Bundesvertriebenenminister Theodor Oberländer und teilte ihm im Namen der Muslime Nordbayerns die Ablehnung der im selben Monat gegründeten Geistlichen Verwaltung der Muslimflüchtlinge in der Bundesrepublik Deutschland mit, die mit Bundesmitteln unterstützt wurde. Am 26. Mai wurde er in den 16-köpfigen Beirat der Religiösen Gemeinschaft Islam gewählt.

Im Laufe des Jahres 1958 wechselte Ibrahimović jedoch die Seiten und schloss sich der Geistlichen Verwaltung der Muslimflüchtlinge an. Ein Brief von ihrem Vorsitzendem Nureddin Namangani vom 17. Dezember 1958 erwähnt, dass er als Imam der Geistlichen Verwaltung eine monatliche Entschädigung erhielt. Ein Dokument der Geistlichen Verwaltung vom 22. Dezember 1958 erwähnt außerdem, dass Ibrahimović zum Co-Vorsitzenden einer zu gründenden „Kommission zur Erbauung einer Moschee in München“ nominiert wurde. Ibrahimović hatte allerdings seinen Wohnsitz im Raum Nürnberg und war mit der Betreuung der dort lebenden Muslime betraut. Am 17. Mai 1959 wurde Ibrahimović einstimmig zum Vorsitzenden des Geistlichen Rates der Geistlichen Verwaltung der Muslimflüchtlinge gewählt.Stefan Meining: Eine Moschee in Deutschland. Nazis, Geheimdienste und der politische Aufstieg des politischen Islam im Westen. C.H. Beck, München 2011. Am 7. August 1960 wurde er aus der Religiösen Gemeinschaft Islam ausgeschlossen, mit dem Argument, dass er seit zwei Jahren gegen diese Gemeinschaft arbeite und käuflich sei. 1964 wurde ihm vom Bundesvertriebenenministerium ein monatlicher Unterhaltszuschuss von 500,-- DM zugewiesen.

Ibrahimović übte das Amt des Vorsitzenden des Geistlichen Rates der Geistlichen Verwaltung der Muslimflüchtlinge bis mindestens 1970 aus. Bis in die 1990er Jahre hinein amtierte Ibrahimović als Imam in der Nürnberger Zweigstelle der Geistlichen Verwaltung der Muslimflüchtlinge.Nina Nowar: „Die vergessene Geschichte des Islam in Bayern.“ In Mathias Rohe (Hrsg.): Islam in Bayern: Wie leben wir gut zusammen?. FAU University Press, Erlangen 2018. S. 29–44. Hier S. 33.

Engagement in der bosniakischen Emigrantengemeinschaft In den 1960er Jahren beteiligte sich Ibrahimović mit eigenen Artikeln an der bosniakischen Emigrantenzeitschrift Bosanski pogledi, die in Wien erschien.Šaćir Filandra, Enes Karić: The Bosniac Idea. Translated by Saba Risaluddin. Nakladani Zavod Globus, Zagreb 2004. S. 146. Außerdem nahm er viele Jahre als Imam an den Feierlichkeiten zu Ehren der bosniakischen Soldaten im Ersten Weltkrieg in Lebring bei Graz teil.

Tod Ibrahimović starb am 22. September 2003 in Nürnberg und wurde in Sarajevo beerdigt.

Literatur Muhammad Salim Abdullah: Geschichte des Islams in Deutschland. Styria, Graz u. a. 1981. S. 38–40. Zvonimir Bernwald: Muslime in der Waffen-SS. Erinnerungen an die bosnische Division Handžar (1943–1945). Ares-Verlag, Graz 2012. George Lepre: Himmler's Bosnian Division: the Waffen-SS Handschar Division, 1943–1945. Schiffer Military History, Atglen, PA 1997. PDF Franziska Anna Zaugg: Rekrutierungen für die Waffen-SS in Südosteuropa: Ideen, Ideale und Realitäten einer Vielvölkerarmee. De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2021.

Einzelnachweise

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