Die bleichen Berge ist der Titel einer Sage, die in den Dolomiten angesiedelt ist. Sie gehört zum Kulturgut der Ladiner und geht auf Geschichten und Märchen aus deren Vorstellungswelt zurück, die mündlich überliefert wurden. Erstmals aufgezeichnet und veröffentlicht wurden sie 1905 in der ladinischen Zeitschrift L’amik di Ladins. 1913 war die Sage Teil der Dolomitensagen, hier wurde sie bereits Die bleichen Berge genannt. Die Sagen wurden so bekannt, dass der Begriff zum Synonym für die Dolomiten avancierte.

Die Sage handelt von Zwergen, die Mondlicht so versponnen haben, dass ehemals düstere Täler und Gipfel einen milden und matten Glanz bekommen, der sie freundlich macht.

Inhalt Der Inhalt der Sage ist eine Liebesgeschichte zwischen der Mondprinzessin und dem irdischen Prinzen der Dolomiten und deren Bemühungen, zusammenleben zu können. Nachdem sich die Mondprinzessin in den Prinzen verliebt hatte, hatten beide sich auf der Erde im Reich des Prinzen in den Dolomiten niedergelassen. Als die Prinzessin in eine tiefe Depression verfiel, weil es ihr auf der Erde zwischen den finsteren Wäldern und den dunklen Felsen zu düster ist, kehrte das Paar auf den Mond zurück. Die große Helligkeit auf dem Mond war aber für den Prinzen zu viel und er drohte zu erblinden. Um seine Sehkraft und sein Leben zu retten, musste der Prinz auf die Erde zurückkehren und damit die Mondprinzessin verlassen. Beide verfielen in eine tiefe Traurigkeit, denn sie wünschten sich nichts sehnlicher, als zusammenleben zu können.

Als der Prinz unglücklich durch die Wälder streifte, traf er auf den König der Zwerge. Nachdem dieser seine Geschichte gehört hatte, versprach er ihm eine Lösung, vorausgesetzt der Prinz erlaube den Zwergen, in seinen Bergen zu leben. Bei Sonnenuntergang war der Prinz auf einem der höchsten Berggipfel und wartete dort die Nacht ab. Kaum war der Mond aufgegangen, erschienen sieben Salvangs, Zwerge, die sich im Kreis aufstellten und mit den Händen eigenartige Bewegungen ausführten. Als der Prinz fragte, was sie machten, antwortete einer der Salvangs, sie würden das Mondlicht spinnen. Und tatsächlich erschien in ihrer Mitte ein Knäuel, das einen milden Glanz ausstrahlte. Während die Salvangs emsig weiterarbeiteten, wurde das Knäuel größer und heller. Nach Stunden der Arbeit der Zwerge erschien auf jeder Hochzinne ein heller Punkt, überall standen Salvangs und hatten Licht gesponnen. Mit tiefer Bewunderung betrachtete der Prinz die Arbeit, es schien, als seien die Sterne auf das dunkle Gipfelmeer herabgefallen. Die Salvangs aber rasteten nicht und begannen mit der weiteren Arbeit: Sie zupften ihre Lichtbündel auseinander und zogen die glänzenden Fäden vom Gipfel die Abhänge hinunter. Dann gingen sie um den Berg herum und hüllten diesen allmählich in ein Lichtnetz ein. Als jede Kante und jede Spitze mit Mondlicht umsponnen war, zogen sie die Maschen enger und enger, bis endlich alle dunklen Flecken verschwanden. Die Berge waren jetzt nicht mehr düster, sondern erstrahlten in einem matten Glanz.

Die Menschen in den Tälern staunten am nächsten Morgen, denn die ehemals finsteren Zinnen und Berge sahen jetzt ganz bleich aus und ihre helle Farbe stand im Gegensatz zu den schwarzen Bergen außerhalb des Reichs des Prinzen. Während einer einzigen Nacht hatten die Zwerge sämtliche Felsgipfel seines Reichs mit dem Weiß der Mondlandschaft überzogen. Zum Dank für ihr Werk bekamen die Salvangs ein verbrieftes Wohnrecht im Reich des Prinzen. Der Prinz konnte nun seine Mondprinzessin zu sich holen. Nie wieder wurde sie von Heimweh erfasst, denn nun war es im Land der bleichen Berge schöner als in ihrer Heimat: Der Alpengarten mit seinen grünen Wiesen und bunten Blumen vereinigte die Farbenpracht der Erde mit der Helligkeit des Mondes, da nun die weißen Felsen im Licht des Mondes strahlten.

Das Königreich ist längst zerfallen, aber die Salvangs hausen immer noch in den Felsen und Wäldern, sie haben unendliches Wohnrecht. Die Salvangs hätten die Schönheit der Berge erschaffen, deren Glanz und Helligkeit die Menschen bis heute in den Bann ziehen würde.

Einbettung in die ladinische Kultur Bis zum Ersten Weltkrieg lebten die Menschen in den ladinischen Gebieten der Dolomiten auch in bereits größeren Ortschaften noch sehr einfach und abgeschieden. Die meisten Höfe liegen weit über 1.000 Meter hoch. Die Lebensbedingungen waren schwierig, die Arbeit auf den kargen Feldern und Wiesen hart und die Ernten waren während der kurzen Sommer gering und von den wechselhaften Wetterverhältnissen in diesen Höhen stets bedroht. Die Menschen waren abhängig von der sie umgebenden Natur und mussten daher im Einklang mit ihr leben. Naturereignisse und -katastrophen interpretierten sie als von Gott und übernatürlichen Kräften gewollt und verursacht, als Eingriffe von überirdischen Mächten. Tatsächlich waren es eher dunkle Zeiten: im Wortsinn, da es weder elektrischen Licht noch Straßenbeleuchtung gab, aber auch der emanzipatorische Gedanke der Aufklärung hatte die Menschen noch nicht erreicht. Ihr Blick auf die sie umgebende Bergwelt war von Religion und Aberglauben geprägt. Geister, Hexen, Zwerge, wilde Waldmänner und Wasserfrauen bevölkerten die Vorstellungswelt der Menschen und ängstigten sie. In dieser Gemengelage waren die Vorstellungen und die symbolischen Beschreibungen entstanden und wurden mündlich überliefert.

Entstehung und Niederschriften Der Südtiroler Volkskundler Karl Felix Wolff recherchierte zu ladinischen Sagen, er war in die Dolomiten gekommen, um über die Dolomitenstraße zu schreiben. Der Grödner Schriftsteller Wilhelm Moroder hatte 1905 die Zeitschrift L’Amik di Ladins, auf Deutsch „Der Freund der Ladiner“, herausgegeben. In dieser Zeitschrift veröffentlichte Wolff die Erzählung in drei Folgen unter dem Titel Die weißen Berge. Ein Märchen der Alpenwelt.

Wolff hatte die Sage vermutlich nicht erfunden, sondern von jemandem gehört, denn die Geschichte von den Zwergen, die Mondlicht spinnen, gab es bereits. Wolff hatte auch mehrmals die Bewohner des Fassatals befragt, vermutlich ist ihm dabei das erste Mal die Sage zugetragen worden. Die Südtiroler Volkskundlerin Ulrike Kindl ist dieser Meinung, sie hat sich ebenfalls mit den Dolomitensagen befasst. Wolff hat die Sage noch mehrmals publiziert: 1913 in der Sammlung Dolomitensagen: Sagen und Überlieferungen, Märchen und Erzählungen der ladinischen und deutschen Dolomitenbewohner und 1922 auf Italienisch im Band Monti Pallidi.

Obwohl laut Ulrike Kindl die Vorgehensweise Wolffs, nämlich das vorgefundene Sagenmaterial zu rekonstruieren und zu ergänzen, wo es ihm widersprüchlich und lückenhaft erschien, kritisch zu betrachten ist, war seine Arbeit dennoch bedeutend für die Rettung der alten mündlich überlieferten Sagen. Somit trug er dazu bei, die alten Sagen und Märchen der ladinischen Bevölkerung zu bewahren. Dabei war Wolffs Perspektive einerseits vom Patriotismus seiner Südtiroler Heimat geprägt, andrerseits stand er den deutschnationalen Überzeugungen nahe. Er sah die Ladiner biologisch und rassisch als vom „Urvolk der Räter“ abstammen und sah ihre romanische Kultur als lediglich oberflächlich an. Dazu schrieb er verschiedene Aufsätze und Zeitungsartikel. Wolff pflegte auch in den ladinischen Tälern vor allem Beziehungen zu „deutschfreundlichen“ Personen.

Wirkung und Rezeption Der Einfall Wolffs, Die weißen Berge in Die bleichen Berge umzubenennen und Die ladinischen Sagen in Dolomitensagen umzuwandeln, verhalf den Erzählungen zu einem weiten Bekanntheitsgrad. Die Dolomiten waren deutlich bekannter als die ladinische Sprache, und die Verbindung zu den bleichen Bergen wurde eine Art Synonym für die Dolomiten. In der Realität sind es nicht die Mondlichtfäden, die den Dolomiten die helle Farbe verleihen, sondern die typischen Gesteinsarten der Dolomiten wie Dolomitstein und Riffkalk. Das Gebirge entstand im Mesozoikum am Grund des Tethysmeeres.

Zahlreiche Südtiroler Schriftsteller griffen die von Wolff dokumentierte Sage auf. So nahmen Franz Tumler 1935 in seiner Erzählung Das Tal von Lausa und Duron und Hubert Mumelter in seiner Dolomitenlegende von 1948 darauf Bezug.

Einzelnachweise

Kategorie:Zwerg (Mythologie) Kategorie:Sagengestalt Kategorie:Sage aus Südtirol Kategorie:Literatur (Ladinisch)