Das Jugendheim Prêles (), auch bekannt als Erziehungsanstalt Tessenberg (), war eine Knabenanstalt für Jugendliche im Alter von 14 bis 20 Jahren im Schweizer Kanton Bern.
Die Einrichtung wurde 1920 gegründet und 2016 geschlossen und befand sich auf dem Tessenberg, verteilt auf die Gemeinden Prêles, Diesse und Nods. Sie trug bis circa 1930 den Namen maison de discipline (Zwangserziehungsanstalt), danach maison d’éducation (Erziehungsanstalt) und 1970 bis zu ihrer Schliessung 2016 foyer d’éducation (Erziehungs- oder Jugendheim). Ihre Geschichte ist geprägt von repressiven Methoden, die bis Anfang der 1970er Jahre fortbestanden. Die Unterbringung von männlichen Jugendlichen aus dem Kanton Bern und anderen Regionen erfolgte zu zwei Dritteln auf Grundlage des Jugendstrafgesetzes und zu einem Drittel infolge von administrativen Versorgungen sowie Massnahmen im Bereich der Vormundschaft.
Geschichte Entstehung und Gründung Das Bestreben, Jugendliche und Erwachsene in Gefängnissen getrennt unterzubringen, führte 1892 zur Eröffnung der ersten kantonalen Anstalt für jugendliche Strafgefangene in Trachselwald (Emmental). Diese war schnell überfüllt, sodass der Kanton 1918 in Prêles, Nods und Diesse (im Berner Jura) 188 ha Land erwarb und der Berner Grosse Rat 1920 anordnete, die Zwangserziehungsanstalt von Trachselwald auf den Tessenberg zu verlegen.
Das 1927 in Prêles eingeweihte Hauptgebäude war für 80 Jugendliche ausgelegt und verfügte über Einzelzimmer mit Waschbecken und Duschen in den Gängen. Nach und nach kamen weitere Gebäude wie das Wohnhaus des Direktors, ein Bauernhof, das Personalgebäude, Pavillons, Werkstätten, Unterrichtsräume und Sportanlagen hinzu. Die Zahl der Insassen stieg zwischen 1920 und 1950 von 70 auf 110, sank dann ab 1970 auf 60 Jugendliche.
Frühe Ausrichtung: Nacherziehung durch Feldarbeit Finanziert wurde die Einrichtung durch den Kanton Bern, Selbstversorgung sowie Einkünfte aus Landwirtschaft und Werkstätten. Organisatorisch unterstand sie zunächst der Kommission für Gefängniswesen, die den Jahresbericht genehmigte und Kontrollen hinsichtlich Ordnung und Hygiene durchführte. 1940 wurde eine Aufsichtskommission eingerichtet, der Vertreter aus Politik und Justiz, ein Anwalt, ein Lehrer und Privatpersonen aus der Region angehörten. In der internen Verwaltung verfügte der Anstaltsleiter über weitreichende Autonomie.
Hans Anliker, ehemaliger Lehrer und von 1892 bis 1940 Direktor zunächst in Trachselwald und dann auf dem Tessenberg, war ein Anhänger der Nacherziehung durch Feldarbeit. Neuankömmlinge in Prêles beschäftigte man einige Monate mit landwirtschaftlichen Arbeiten, um ihre körperliche Eignung und «moralische» Arbeitseinstellung zu beobachten; rund die Hälfte der Jugendlichen – jene, die als wenig begabt für eine Lehre eingestuft wurden – arbeitete immer auf dem Feld.
Luterbachers Amtszeit (1940–1962) Georges Luterbacher, Offizier und Ingenieur-Agronom, war von 1940 bis 1962 als Direktor im Amt und setzte die Nacherziehung durch Arbeit fort. Die angebotenen Ausbildungsgänge ermöglichten den Zugang zu gering qualifizierten Berufen, während attraktivere Berufsbildungen nur zögerlich eingeführt wurden. Das Personal blieb lange ungeschult; um 1950 erhielten lediglich die Lehrer Weiterbildungskurse für den Umgang mit «schwer erziehbaren» Kindern. Zu Seelsorgedienst und ärztlicher Betreuung für die Jugendlichen, die bereits in Trachselwald existiert hatten, kamen 1953 ein Psychiater und 1955 ein Sozialarbeiter hinzu.
Luterbacher förderte Freizeitaktivitäten im Haus und im Freien, doch war die Teilnahme an ein System von Sanktionen und Belohnungen je nach Verhalten der Insassen geknüpft. Wer gute Bewertungen vorweisen konnte, kam in den Genuss von Familienurlaub, durfte in Zivilkleidung ins Dorf, ins Kino oder ins Stadion gehen und sogar in einem Pavillon mit Zimmern ohne Gitterstäbe wohnen. Widerspenstige und Geflohene blieben hingegen von gemeinsamen Freizeitaktivitäten ausgeschlossen, hatten keinen Ausgang, bekamen keine Rauchwaren und mussten die Gefängnisuniform tragen.
Neuankömmlinge sahen sich sofort einem rigiden Regime unterworfen. Zeugen berichten von gewalttätigen Wärtern und von einer entmenschlichenden Welt mit nur wenigen wohlwollenden Bezugspersonen. Erstmals angeprangert wurden die Zustände 1954 von Jack Rollan in seiner Satirezeitschrift Le Bon Jour. Der Journalist berichtete von abstumpfender Arbeit, Schlägen, Nahrungsentzug und Arrest und verglich die Erziehungsanstalt Tessenberg mit «Hitler-Lagern». Dies veranlasste Luterbacher, mit Unterstützung der Berner Behörden eine Verleumdungsklage einzureichen. 1956 bekam Rollan eine geringfügige Strafe auferlegt, während der Direktor von allen Vorwürfen freigesprochen und für sein Engagement gelobt wurde.
Krise und Reformen Nach der kurzen Amtszeit von Paul Schnurrenberger-Brechbühler von 1962 bis 1965 sah sich sein vom Regierungsrat ernannter Nachfolger Kurt Gutknecht, der ehemalige stellvertretende Direktor, mit der grössten Krise der Einrichtung konfrontiert. Ende 1969, nach dem Selbstmord zweier Deutschschweizer Jugendlichen, erschienen im Schweizerischen Beobachter und in der Zeitschrift Team kritische Berichte über die Erziehungsanstalt Tessenberg, die zu Vorstössen im Berner Grossen Rat führten.Peter Holenstein, Werner Fritschi: … wer einmal in der Winde frass… team report über Schweizer Erziehungsheime und Anstalten. In: Team. Zeitschrift der jungen Generation. 7. Juli 1970, S. 9–24. Eine eingesetzte Expertenkommission leitete daraufhin tiefgreifende Reformen auf dem Tessenberg ein, die sich in der Anstellung von geschultem Personal und differenzierten pädagogischen Massnahmen niederschlugen.
Im Verlauf der 1970er Jahre kamen Einrichtungen wie eine geschlossene Abteilung für «besonders schwierige» Jugendliche, ein Therapiehaus, halboffene Räumlichkeiten, Pavillons, offene Studios und Studios für den ambulanten Betrieb hinzu. Der Jahresbericht 1975 verzeichnete erstmals berufsbegleitende Abschlüsse von drei Erziehern.
Schliessung Das Jugendheim Prêles, das von 2010 bis 2012 für 37 Millionen Franken renoviert und erweitert worden war, wurde dennoch am 31. Oktober 2016 aufgrund der Unterbelegung geschlossen. Mehrere geprüfte Umnutzungsprojekte, darunter ein Rückführungszentrum, eine Unterkunft für Asylsuchende und eine Justizvollzugsanstalt, gelangten nicht zur Ausführung.
Literatur Sara Galle, Gisella Hauss: Les scandales des placements d'enfants. Les maisons d’éducation sous les feux de la critique publique au début des années 1970. In: Malik Mazbouri, François Vallotton (Hrsg.): Scandale et histoire. 2016, S. 99–115. Sondergesetze? Legitimierung und Delegitimierung der administrativen Versorgung. 2019, S. 309–315 (Veröffentlichungen der Unabhängigen Expertenkommission Administrative Versorgungen, 3). «Zwangslagenleben». Biografien von ehemals administrativ versorgten Menschen. 2019 (Veröffentlichungen der Unabhängigen Expertenkommission Administrative Versorgungen, 5). Sonja Matter, Tanja Rietmann: Gegen das Vergessen. Fürsorgerische Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen in Nidwalden. 2024, S. 129f.
Einzelnachweise
Kategorie:Bauwerk im Kanton Bern Kategorie:Heimerziehung Kategorie:Bildungseinrichtungsgründung 1920 Kategorie:Aufgelöst 2016 Kategorie:Plateau de Diesse Kategorie:Nods BE