mini|hochkant|Titelseite der Novelle in der Ausgabe der Weltgeist-Bücher von 1927 (mit Markierungen der Bonner Universitäts- und Landesbibliothek) Musikalische Orthodoxie ist eine Novelle der Komponistin und Autorin Johanna Kinkel, die im Jahr 1841 entstand. Darin wird das Leben der jungen Pianistin und späteren Klavierlehrerin Ida Fernhofer erzählt. Neben ihrem künstlerischen Werdegang steht ihre Beziehung zum adeligen Graf Selvar im Mittelpunkt. Der Novelle kam durch die Aufnahme in Paul Heyses Deutschen Novellenschatz zusätzliche Aufmerksamkeit und Verbreitung zu. Sie ist nicht nur eine wichtige literarische Quelle für das Künstlerinnenbild des 19. Jahrhunderts, sondern beschreibt auch die musikhistorischen Diskurse dieser Zeit, deren Teil die Autorin selbst war.
Inhalt Die junge und früh verwaiste Pianistin Ida Fernhofer lebt im beschaulichen Ort Waldheim beim Amtmann Werl und dessen Ehefrau, die eine Freundin von Idas verstorbener Mutter war. Bereits zu Beginn der Novelle wird darauf verwiesen, dass Idas musikalischer Geschmack nicht dem des zeitgenössischen Publikums entspricht. Nach wiederholten Einladungen besuchen sie und Frau Werl den Grafen Selvar, der in direkter Nachbarschaft zu den Werls eine Villa mit einem beeindruckenden Garten als Sommerhaus besitzt. Der Aufenthalt in der gehobenen Gesellschaft sagt Ida nicht zu, bis sie den deutlich älteren Grafen erblickt, dessen Schönheit sie überwältigt. Nach diesem Besuch erhalten die beiden Damen eine erneute Einladung. Nachdem im Gespräch mit der Gräfin Idas Vorlieben für die barocken Meister Bach und Händel und ihre Verachtung gegenüber den zeitgenössischen italienischen Komponisten Donizetti und Bellini zu Tage getreten sind, spielt diese für die adelige Gesellschaft Johann Nepomuk Hummels Phantasie in Es-Dur. Der von ihrem Klavierspiel begeisterte Graf bittet sie anschließend einige Lieder zu singen. In diesem Rahmen zeigen sich die ersten Gefühle des Grafen zu ihr. Ida ist davon sehr berührt, doch die weiteren Einladungen des Grafen werden vom Amtmann abgelehnt und er und seine Frau versuchen Ida die Unmöglichkeit einer Verbindung zum wankelmütigen Selvar vor Augen zu führen. Dies führt zum Auszug Idas in eine kleine Wohnung in der Stadt, wo sie sich als Klavierlerherin verdient. Regelmäßige Besuche der Familie Werl prägen neben nicht zufriedenstellenden Klavierschülern ihren Alltag.
Der Angebetete wünscht sich, dass Ida für ihn die Variationen über ein Thema von Rossini des französischen Komponisten Henri Herz einstudieren möge. Hier kommt es zum Bruch zwischen dem ungleichen Liebespaar: Entgegen aller guten Vorsätze gelingt es ihr nicht das Stück zu erlernen, wofür die „absurden Sprünge und Zierrathen“ dieses Salonstücks verantwortlich sind. In einem Gespräch, in dem ihr der Geliebte eine Stelle und eine Wohnung in seinem Stadthaus anbietet, versucht sie dem Grafen darzulegen, wieso die Werke der alten Meister aus Barock und Klassik so viel mehr musikalischen Wert haben als die neuartige Salonmusik. Dieser kann ihre Verbohrtheit in diesen für ihn belanglosen Fragen nicht nachvollziehen und reist befremdet ab. Es folgt ein ausführliches Gespräch mit Frau Werl, die weiterhin ihre Ablehnung gegenüber dieser Verbindung zum Ausdruck bringt und sie eindrichlichst davor warnt eine Stelle in seinem Haus anzunehmen. Beim folgenden Besuch Idas beim Grafen ist die Stimmung sehr unterkühlt. Nach dem Winter besucht sie seine Schwester in Waldheim, als der Graf in Begleitung einer italienischen Operndiva von einer Reise zurückkommt. Dass diese nun die Gunst Selvars erfährt und im Vergleich zur zurückhaltenden und konservativeren Ida in der adeligen Welt besser ankommt, führt schließlich zum Entschluss bei der Protagonistin, diese Welt hinter sich zu lassen. Ida beschließt umzuziehen, woran sie auch ein letzter Besuch in Waldheim nicht mehr hindern kann.
In der neuen Stadt wird sie vom örtlichen Konzertmeister Sohling, der alte Klavierlehrer der Tochter des Grafen, auf dessen Geheiß aufgesucht. Dieser hatte bereits von ihr in einer Annonce gelesen und findet sie nun in einem entlegenen Stadtviertel sehr unglücklich und verwahrlost am Klavier in einem provisorisch eingerichteten Haus. Doch er findet einen Zugang zur musikalischen Pietistin Ida und bemüht sich darum ihr eine neue Unterkunft und Schüler zu verschaffen. Außerdem gelingt es ihm durch geschickte fachliche Argumentation Ida an die neue romantische Musik heranzuführen. Eine Freundin Sohlings, eine Malerin, unterstützt Ida bei ihrem Lernprozess und der Öffnung für neue Musik und weitere Bildung. Es entsteht zwischen den beiden Musikern eine emotionale Verbindung, die in einem Kuss kulminiert, kurz vor der Abreise Sohlings in eine neue Stadt, in der er eine neue Stelle bekommen hat.
Zehn Jahre nach Idas Abreise aus Waldheim wohnt Graf Selvar auf einer seiner Reisen einem Konzert bei. Sein alter bekannter Sohling tritt als Dirigent auf und Ida als Pianistin, die unter anderem eine der Nocturnes von Frédéric Chopin spielt und selbt einen Frauenchor leitet. Nach dem Konzert stattet Selvar dem inzwischen verheirateten Paar einen Besuch ab. Dabei stellt er fest: Ida ist nun nicht nur Ehefrau und Mutter, sondern auch zu einer eigenständigen Künstlerin gereift, die ihre alte musikalische Borniertheit hinter sich lassen konnte.
Figuren (Auswahl)
Ida Fernhofer (Hauptfigur) Zu Beginn der Novelle ist Ida eine junge Pianistin, die zurückgezogen nach ihre eigenen musikalischen Vorlieben lebt. In der adeligen Gesellschaft fühlt sich die Protagonistin nicht wirklich wohl und wird dort auch durch ihre Gefühle für den Grafen als naiv und unerfahren wahrgenommen. Für Ida haben nur die alten, deutschen Meister des Barocks und der Klassik einen künstlerischen Wert. Neue romantische Opern- und Salonmusik lehnt sie strikt ab. Ihre Verbohrtheit ist es auch, die letztlich zum Bruch mit dem Grafen führt. Der Titel der Novelle leitet sich aus der inneren Haltung Idas ab, die den Großteil der Erzählung prägt. Eine Entwicklung wird erst spürbar als sie auf den Konzertmeister Sohling trifft. Da dieser ein Mann vom Fach ist, lässt sich Ida auch auf seine Argumentation ein und öffnet sich für neue romantische Musik, welche sie auf dem Konzert zum Ende der Novelle sogar selbst aufführt. Die Entwicklung einer jungen unerfahrenen Pianistin hin zu einer etablierten und sozial gefestigten Künstlerin geht dabei mit ihrer musikalischen Entwicklung einher.
Graf Selvar Der Graf, den Ida in seiner Sommerresidenz im Ort Waldheim zum ersten Mal antrifft, beeindruckt durch sein hübsches Gesicht. Insgesamt scheinen sein Äußeres und sein Alter von mindestens 58 nicht zusammen zu passen. In den Warnungen der Familie Werl wird er als „männliche Kokette“ beschrieben, der sehr wankelmütig und von seiner Eitelkeit getrieben erscheint, insbesondere durch seinen Kontakt zu verschiedenen Frauen. Auch Idas Gefühle gewinnt dieser sehr schnell und zeigt ihr Interesse. Doch so schnell wie diese Verbindung entstanden ist, so verging sie für den Grafen auch wieder, als Ida sich weigert für ihn ein Salonstück einzustudieren. Die Musik hat für ihn keinen so hohen Stellenwert, wie für die gut ausgebildete Ida. Sie soll eben einfach sein und das oberflächliche Leben im adeligen Salon widerspiegeln. Trotz des Bruchs zwischen den beiden fragt er nach ihrer Abreise nach ihr und ist dadurch auch für das Zusammentreffen mit ihrem späteren Ehemann verantwortlich.
Konzertmeister Sohling Der Konzertmeister, der früher als Klavierlehrer für die Familie des Grafen arbeitete, hat eine Stellung als Konzertmeister in der Stadt, die Ida nach ihren musikalischen Präferenzen als neuen Wohnort erwählt. Er erkennt schnell ihre künstlerische Begabung und fördert diese auch. Durch geschicktes Argumentieren und musikalischen Sachverstand gelingt es ihm, Ida für romantische Musik zu begeistern. Seine Gefühle für Ida kommen erst sehr spät, kurz vor seiner Abreise, zur Sprache. Als Ehemann führt er seine Frau in ein bürgerliches Leben und ermöglicht ihr eine Existenz als professionelle Künstlerin.
Textanalyse
Erzählstruktur Die Erzählung kann in drei größere Abschnitte geteilt werden, die durch räumliche Umzüge der Protagonistin wechseln. Der erste Wechsel findet mit Idas Umzug in die Stadt statt, wobei sie das Haus und die Familie des Amtmanns Werl verlässt. Der dritte Abschnitt beginnt dann mit dem überstürzten Fortgang in die Stadt, in der sie schließlich den Konzertmeister Sohling treffen soll. Diese Abschnitte stellen auch allesamt unterschiedliche Formen eines weiblichen Lebensentwurfs dar. Erst eine freie und unabhängige Musikerin, dann die Geliebte des Grafen und schließlich als Partnerin in einer bürgerlichen Ehe. Die auktoriale Erzählinstanz folgt dabei mit wenigen Ausnahmen der Sicht Idas.
Gattungsmerkmale Im Sinne Goethes ist die für die Novelle charakteristische „sich ereignete unerhörte Begebenheit“ nach Sigrid Nieberle „eine dirigierende, konzertierende Mutter von drei Kindern als Mittelpunkt einer regressiven Familienutopie“. Betrachtet man das Werk mit Paul Heyses Falkentheorie wäre die Salonmusik, die zumindest in den ersten beiden Teilen der Novelle das Problem der Unterschiede zwischen Ida und dem Grafen widerspiegelt, das Dingsymbol, welches schließlich zum zentralen Konflikt und Wendepunkt der Novelle führt.
Interpretation
Biographischer Ansatz Der künstlerische Werdegang der Protagonistin und ihr Verhältnis zur Musik werden immer wieder biographisch interpretiert. Auch die Autorin Johanna Kinkel war als Pianistin und insbesondere auch als Klavierlehrerin aktiv. Die Darstellung von Idas Leben als Lehrerin und den Mühen des Unterrichtens sind ein Beispiel, wo die Novelle Erfahrungen der Autorin möglicherweise widerspiegelt. Ebenso kann die Kritik am Adel und der musikalischen Praxis dieser gesellschaftlichen Schicht auch für die bürgerliche Autorin angenommen werden. Nicht umsonst bezeichnet die Literaturwissenschaftlerin Linda Siegel die Protagonistin Ida Fernhofer als „Kinkel's mouthpiece“.
Der Musikdiskurs In der Novelle wird der Streit zwischen musikalischen Pietisten (in Form von Ida) und der neuen, romantischen Musik unter dem Einfluss der italienischen Oper und des Virtuosentums abgebildet. Dieser ist eng mit der Handlung verflochten. In den Disputen in der Novelle werden zahlreiche Argumente angeführt, die den zeitgenössischen Diskurs der Autorin prägten. Am Ende findet eine differenzierte, aufgeklärte Auseinandersetzung mit romantischer Musik statt, die als ein Entwurf für den Umgang mit der neuen Musik gelesen werden kann.
Literatur
Ausgaben
Johanna Kinkel: Musikalische Orthodoxie. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 17. 2. Aufl. Berlin, , S. 99–171. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, In: Deutsches Textarchiv.
Sekundärliteratur Sigrid Nieberle: Frauen Musik Literatur. Deutschsprachige Schriftstellerinnen im 19. Jahrhundert. Stuttgart, Weimar 1999. (Ergebnisse der Frauenforschung; Bd. 51). Linda Siegel: Johanna Kinkel’s „Chopin als Komponist“ and Other Musical Writings: Untapped Source Readings in the History of Romantic Music. In: College Music Symposium 43 (2003), S. 105–125.
Weblinks Musikalische Orthodoxie im Deutschen Textarchiv Musikalische Orthodoxie in der Deutschen digitalen Bibliothek
Einzelnachweise
Kategorie:Novelle Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (19. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Deutsch)