Alois Gilg (* 11. November 1857 in Miesbach; † 19. Februar 1943) war ein römisch-katholischer Geistlicher der Erzdiözese München und Freising. Er gründete 1888 den katholischen Arbeiterverein München-West und 1890 die Münchner Zeitschrift Der Arbeiter, deren Herausgeber und Verleger er zunächst war. Der Historiker Wolfgang Hardtwig nennt Gilg „einen der führenden klerikalen Repräsentanten des linken Zentrumsflügels“Wolfgang Hardtwig: Soziale Räume und politische Herrschaft. Leistungsverwaltung, Stadterweiterung und Architektur in München 1870 bis 1914. In: Wolfgang Hardtwig, Klaus Tenfelde (Hrsg.): Soziale Räume in der Urbanisierung. Studien zur Geschichte Münchens im Vergleich 1850 bis 1933. München 1990, S. 142. und „roten Kaplan“. Von 1909 bis 1922 war er Stadtpfarrer von St. Margaret in München-Sendling.
Leben Alois Gilg wurde 1857 als Sohn des Miesbacher Wasenmeisters Joseph Gilg († 1887)Münchener Fremdenblatt, 28. Februar 1887, Seite 3. und dessen Frau Anna geboren, eine Schwester hieß ebenfalls Anna.‘‘Kath. Pfarrkirche St. Margaret in München-Sendling.‘‘ Glocke 5, Inschrift: „Dem Andenken der unvergesslichen Eltern / Joseph und Anna Gilg Miesbach gewidmet von den dankbaren Kindern / Alois Gilg Stadtpfarrer von St. Margareth und Anna Gilg dessen Schwester.“ Am 29. Juni 1881 empfing er die Priesterweihe.Alois Gilg. In: Kritische Online-Edition der Tagebücher Michael Kardinal von Faulhabers (1911–1952).
Nach kurzer Tätigkeit als Kurat in Lenggries (ab 16. Juli 1881) und als Kooperator in Freising (ab 24. September 1883) wechselte er am 3. November 1885 als Kooperator an die Heilig-Geist-Kirche in München. Ab dem 14. März 1886 versah er das Rudolph'sche Benefizium und die Predigerstelle bei St. Peter, bevor er am 21. Mai 1886 ebendort zum Prediger ernannt wurde. Ab 1. Oktober 1891 war er Pfarrer in Kolbermoor, ab 5. April 1899 in Trostberg, ab 21. Juni 1905 in Eggstätt und ab 15. August 1909 Stadtpfarrer von St. Margaret in München-Sendling.
Am 1. Februar 1922 resignierte Gilg auf die Pfarrei St. Margaret und wurde zum wirklichen Geistlichen Rat ernannt sowie als Kassenverwalter für den Diözesan- und Landeskirchensteuerverband und für die Gesamtkirchenverwaltung München bestellt. Am 1. April 1928 ging er in den Ruhestand.
In Lenggries führte er das 1853 von Stephan Glonner begonnene und bis 1883 geführte Ortsfamilienbuch bis zum Jahr 1940 weiter.Volkmar Weiss: Die Geschichte der deutschen Ortsfamilienbücher. In: Volkmar Weiss, Katja Münchow: Ortsfamilienbücher in Deutsche Bücherei und Deutscher Zentralstelle für Genealogie. 2. Aufl. Degener, Neustadt an der Aisch 1998. S. 11–73.
1986 wurde nach ihm der Alois-Gilg-Weg in Untersendling benannt.Alois-Gilg-Weg. Münchner Straßenverzeichnis, Stadtgeschichte München.
Katholische Arbeiterbewegung In seiner Münchner Zeit als Prediger an St. Peter gründete Gilg den katholischen Arbeiterverein München-West und war dessen Präses.Donau-Zeitung, 8. Oktober 1891, S. 2. 1890 gründete er außerdem die Münchner Zeitschrift Der Arbeiter.Joseph Kürschner: Handbuch der Presse für Schriftsteller, Redaktionen, Verleger, überhaupt für alle, die mit der Presse in Beziehung stehen. Berlin 1902, Sp. 87. Die Zeitschrift erschien mit einer Probenummer vom 19. April 1890 unter dem Programm „Was wollen wir?“.Der Arbeiter, Probenummer, 19. April 1890, Titelseite. 1902 erreichte die Zeitschrift eine Auflage von 30.000 Exemplaren und erschien dreimal monatlich. Sie verbreitete sich in Bayern, Württemberg und Baden. Das Berliner Verbandsorgan der katholischen Arbeitervereine Nord- und Ostdeutschlands, das 1897 ebenfalls unter dem Titel Der Arbeiter gegründet wurde, nahm sich den Münchener Arbeiter mit seiner Unterhaltungsbeilage Feierabend zum Vorbild.Jürgen Michael Schulz: Kirche im Aufbruch: Das sozialpolitische Engagement der katholischen Presse Berlins im Wilhelminischen Deutschland. Reprint. De Gruyter, Berlin 2020. ISBN 978-3-11-014044-6. S. 69–73
Die Ingolstädter Zeitung bezeichnete Gilg 1891 anlässlich seines Weggangs nach Kolbermoor als „selbstbewußte[n] Organisator des Münchener katholischen Arbeiterorgans ‚Der Arbeiter‘“, der Kurier für Niederbayern schrieb im selben Jahr, er sei in der katholischen Arbeitervereinsbewegung in München „mitanführend“ gewesen.Ingolstädter Zeitung, 7. Oktober 1891, S. 1.Kurier für Niederbayern, 27. September 1891, S. 3. Wolfgang Hardtwig urteilte, der Arbeiter sei eine „erfolgreiche und auch von den Sozialdemokraten anerkannte Zeitung der katholischen Arbeiterbewegung Bayerns“ gewesen.Wolfgang Hardtwig: Soziale Räume und politische Herrschaft: Leistungsverwaltung, Stadterweiterung und Architektur in München 1870 bis 1914. In: Wolfgang Hardtwig, Klaus Tenfelde (Hrsg.): Soziale Räume in der Urbanisierung: Studien zur Geschichte Münchens im Vergleich 1850–1933. Reprint. De Gruyter, Berlin 2015. ISBN 978-3-486-55091-7
Der Sendlinger Kirchenbaustreit Mit seinem Wechsel nach Sendling 1909 übernahm Gilg eine Pfarrei, deren monumentaler Kirchenneubau in hochbarocken Formen (Architekten M. Dosch und F. X. Boemmel) seit Jahren zum Politikum geworden war. Der 1893 gegründete Kirchenbauverein hatte 1902 einen Kredit über 700.000 Mark bei der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank aufgenommen; bereits 1903 war die jährliche Annuität von 31.500 Mark nicht mehr aufzubringen.
Die drückende Schuldenlast bot den Sozialdemokraten Gelegenheit zu wirkungsvoller Agitation: Angeführt vom Schriftleiter der Münchener Post, Martin Gruber, und vom späteren SPD-Parteivorsitzenden Erhard Auer, eroberten sie in den Kirchenwahlen von 1904, 1906 und 1908 schrittweise die Mehrheit in den Kirchengemeindegremien. Das Erzbischöfliche Ordinariat reagierte, indem es den überforderten bisherigen Pfarrer ablöste und Gilg als anerkannten Vertreter des Arbeiterflügels im politischen Katholizismus nach St. Margaret berief. Damit standen sich in den Gremien der Kirchengemeinde, wie Hardtwig formuliert, „die publizistischen Vorkämpfer des arbeitnehmerfreundlichen Zentrumsflügels und der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung gegenüber“.
Die Regierung von Oberbayern verordnete eine Gemeindeumlage von zehn Prozent. Gilg selbst überspielte seine Kontrahenten in einer, wie er selbst erklärte, „Pflichtenkollision“ zwischen „formaler“ und „amtlicher Pflicht“ gegenüber seiner Kirche, führte 1913 einen professionellen Wahlkampf und erreichte – unterstützt durch den Wahlmodus mit gebundenen Listen –, dass die „Kirchentreuen“ die Alleinherrschaft in den Gemeindegremien zurückerlangten. Laut Gilgs eigenem Bericht hatte man bei den Kirchenwahlen von 1913 „den Eindruck, es handele sich um eine hochwichtige Reichstagswahl“. 1.155 Wahlberechtigte traten den Gang zu den Urnen an.Wolfgang Hardtwig: Hochkultur des bürgerlichen Zeitalters. Vandenhoeck & Ruprecht, Paderborn 2005. ISBN 978-3-525-35146-8. S. 298 Der Kirchenbau konnte in seiner anspruchsvollen Gestalt fertiggestellt werden. 1913 übernahm die nach dem Sendlinger Eklat neugegründete „Gesamtgemeinde München“ die Restkosten, die durch die Nachkriegsinflation schließlich auf einen Bruchteil der ursprünglichen Summe zusammenschmolzen. Noch im selben Jahr wurde die neue Margaretenkirche in Anwesenheit von König Ludwig III. geweiht.Margaretenplatz. In: KulturGeschichtsPfad 6: Sendling. 2. Auflage. München 2020. S. 57–58.
Gilg verfasste 1935 einen handschriftlichen Bericht über den Neubau, der im Diözesanarchiv München überliefert ist und die zentrale Quelle für die Darstellung des Kirchenbaustreits bildet.
Verhaftung 1919 Während der Münchner Räterepublik wurde Gilg im April 1919 kurzzeitig verhaftet. Michael Kardinal von Faulhaber notierte zum 23./25. April 1919, „Pfarrer Gilg von Sendling“ sei „mit drei Kaplänen verhaftet“ worden.Kritische Online-Edition der Tagebücher Michael Kardinal von Faulhabers (1911–1952), Tagebucheintrag vom 23./25. April 1919. Am 28. Mai 1919 vermerkte Faulhaber, er habe Gilg im Pfarrhaus „mit sechs Geistlichen, die mit ihm verhaftet wurden“ getroffen, darunter die Kapläne Josef Bader und Friedrich Reinhard.Kritische Online-Edition der Tagebücher Michael Kardinal von Faulhabers (1911–1952), Tagebucheintrag vom 28. Mai 1919. Die Historikerin Antonia Leugers hat diesen Vorfall im Kontext der Rätezeit als einen der wenigen dokumentierten Fälle von Priesterverhaftungen in München eingeordnet.Antonia Leugers: „weil doch einmal Blut fließen muß, bevor wieder Ordnung kommt“: Erzbischof Faulhabers Krisendeutung in seinem Tagebuch 1918/19. In: Dies. (Hrsg.): Zwischen Revolutionsschock und Schulddebatte: Münchner Katholizismus und Protestantismus im 20. Jahrhundert. Universitätsverlag des Saarlandes, Saarbrücken 2013. ISBN 978-3-86223-059-4. S. 61–115, hier: S. 110, Anm. 225.
Im Oktober 1921 kam es zum Prozess. Demnach erschienen in der Nacht vom 21. auf den 22. April 1919 gegen halb fünf Uhr morgens zwölf mit Handgranaten und Gewehren bewaffnete Männer der „Roten Armee“ unter Führung des Schlossers Friedrich Zwecko am Pfarrhof in Sendling, verlangten Einlass, schlugen nach Gilgs Weigerung die Haustür mit Gewehrkolben ein und drangen in den Pfarrhof ein. Gilg, seine drei Kapläne und ein bei ihm als Gast anwesender Pater wurden festgenommen, in einen Schulsaal der Implerschule gebracht und gegen 11 Uhr vormittags wieder entlassen. Zwecko gab in der schöffengerichtlichen Verhandlung an, er habe unter dem Zwang Rudolf Egelhofers gehandelt und die Verhaftung Gilgs in dessen Auftrag vorgenommen. Das Gericht verurteilte ihn zu sechs Wochen Gefängnis, eine Bewährungsfrist wurde versagt.Gerichtssaal. In: Münchner neueste Nachrichten, 10. Oktober 1921, S. 7.
Schriften Wie steht es mit dem Neubau der Katholischen Pfarrkirche St. Margareth in München-Sendling?. Meisenbach, Riffarth & Co, München 1910. Bericht über den Neubau der katholischen Pfarrkirche St. Margareth in München-Sendling von 1892-1918. Handschriftliches Manuskript, 1935. (Diözesanarchiv München)
Literatur Wolfgang Hardtwig: Soziale Räume und politische Herrschaft: Leistungsverwaltung, Stadterweiterung und Architektur in München 1870 bis 1914. In: Wolfgang Hardtwig, Klaus Tenfelde (Hrsg.): Soziale Räume in der Urbanisierung: Studien zur Geschichte Münchens im Vergleich 1850–1933. Reprint. De Gruyter, Berlin 2015. ISBN 978-3-486-55091-7. S. 59–153 Wolfgang Hardtwig: Hochkultur des bürgerlichen Zeitalters. Vandenhoeck & Ruprecht, Paderborn 2005. ISBN 978-3-525-35146-8. S. 298 Volker Laube: Der Sendlinger Kirchenbaustreit 1904 bis 1913. In: Beiträge zur altbayerischen Kirchengeschichte, Band 51 (2008), S. 213–238 Antonia Leugers: „weil doch einmal Blut fließen muß, bevor wieder Ordnung kommt“: Erzbischof Faulhabers Krisendeutung in seinem Tagebuch 1918/19. In: Dies. (Hrsg.): Zwischen Revolutionsschock und Schulddebatte: Münchner Katholizismus und Protestantismus im 20. Jahrhundert. Universitätsverlag des Saarlandes, Saarbrücken 2013. ISBN 978-3-86223-059-4. S. 61–115 Alois Gilg. In: Kritische Online-Edition der Tagebücher Michael Kardinal von Faulhabers (1911-1952). (online)
Einzelnachweise
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