Organminderwertigkeit ist nach dem 1907 aufgestellten Konzept von Alfred Adler (1870–1937) ein anatomischer oder funktioneller Mangel eines Organs oder Organsystems. Gleichzeitig stellt es einen Grundbegriff der Individualpsychologie dar. Adler kam es darauf an, zu zeigen, dass eine damals allgemein aus der Pathologie bekannte, vielfach als konstitutionell deklarierte Schädlichkeit in sozialer Hinsicht Gefühle der Benachteiligung und Beeinträchtigung, besonders bei Kindern erwecken kann. Diese nannte er Minderwertigkeitsgefühle. Bei Kindern sind solche Gefühle für die Charakterentwicklung von erheblicher Bedeutung. Sie führen entweder zu Resignation oder aber zu Kompensationsversuchen. Je nach Stärke des individuell unterschiedlichen Gefühls der Unvollkommenheit können diese Versuche ein sehr ausgeprägtes oder sogar unverhältnismäßiges Ausmaß annehmen. Dann spricht man von Überkompensation. Klassisches Beispiel für eine solche Überkompensation ist der griechische Rhetor Demosthenes, der sich durch harte Übung zu überdurchschnittlichen Leistungen vom Stotterer zum Redner entwickelte.
Geschichte Bei der ersten Formulierung der Theorie im Jahr 1907 ging Adler von einer realen Organminderwertigkeit aus. Erst später stellte sich ihm die Frage nach der Korrelation zwischen physiologischer und psychologischer Reaktion. Adler nahm an, dass der psychologische Prozess der Selbstbehauptung im späteren Leben für die Organfunktion von entscheidendem und dauerhaftem Einfluss sei.
Mögliche Ursachen funktioneller Störungen Adler stellte Überlegungen an, wonach eine verstärkte Unsicherheit des Kindes sich ggf. von einer Relation zwischen eigenem Unvermögen und der Größe äußerer Anforderungen ableite und diese wiederum zu einer weiteren Zunahme von Spannungen führen könne.
Der Ausschluss von Defizitmodellen, Traumata oder Organneurosen bei konkreten Fallbeispielen ist daher differentialdiagnostisch dringend zu erwägen. Nicht nur konversionsneurotische und hypochondrische Symptomatik können zu Verwechslungen führen, auch eine sog. Organsprache ist weder symptomatisch noch als symbolisch zu verstehender Ausdruck hinreichend typisch für eine nähere Differenzierung.
Rezeption Psychoanalyse Sigmund Freud (1856–1939) war der Ansicht, dass das Minderwertigkeitsgefühl als Symptom gewertet werden müsse, das in keiner festen Beziehung zu einer Organminderwertigkeit stehe.
Freud erwähnt Adlers Theorie der Organminderwertigkeit als Ansatz zu einer allgemeinen Theorie der Angst. Parallel dazu habe Otto Rank durch seine Auffassung über das Geburtstrauma einen weiteren Beitrag zu dieser Frage geleistet.
Widerspruch haben Freuds Thesen erfahren hinsichtlich der Anerkennung seitens des Mädchens von eigener organischer Minderwertigkeit. Diese Anerkennung erscheint fraglich insbesondere aufgrund der von Freud selbst angeführten Argumente des Kastrationskomplexes, des weiblichen Penismangels und dazu auch der konsequenten Überlegenheit des Mannes. Freud sprach in diesem Zusammenhang gar von weiblichem Penisneid. Er stützte sich an dieser Stelle zwar nicht ausdrücklich auf Adlers Theorien. Dennoch ist die von Freud gebrauchte Wortwahl identisch mit der von Adler hinsichtlich der organischen Qualifikation. Der ausdrückliche Bezug Freuds auf Adler und seine Wortwahl erfolgt an an der bereits vorbenannten Stelle. Die weibliche Selbstqualifikation wurde sogar von Freud als ambivalent eingeschätzt.
Die soziale Qualifikation (sozialer Vorrang) dagegen ist eher von männlichem Geltungsstreben bestimmt, wie sie auch zu Lebzeiten Freuds einen Gemeinplatz dargestellt hat und weiter darstellt. Widersprochen haben diesen Auffassungen Freuds die Psychoanalytikerinnen Karen Horney und Clara Thompson sowie die Soziologin Viola Klein. Unabhängig von diesen Gegensätzlichkeiten stellt sich jedoch die Frage nach der prinzipiellen Offenheit sozialer weiblicher Selbstbestimmung. Auch Eugen Drewermann (* 1940) erwähnt die organgebundene, heute schon bizarr anmutende Sprache des Begründers der Psychoanalyse, die vielfach den Eindruck von Machismo und Selbstgefälligkeit erwecke. Drewermann bestätigt jedoch Freud und damit indirekt auch Adler, was die keineswegs minderwertige Aufgabe des Vaters betrifft bei der Kindererziehung und der Heranbildung eines Gemeinschaftsgefühls und so bei der Kritik an den Mängeln einer vaterlosen Gesellschaft.
Schizoanalyse Eine eher neuropsychologische Hypothese zur Entstehung von Organfunktionen überhaupt bietet der französische Psychiater Gaëtan Gatian de Clérambault (1872–1934), der sich mit Fragen des Automatismus beschäftigt hat. Damit zusammenhängend geht es speziell auch um Begriffe wie „organloser Körper“. Die Theorie wurde von der Schizoanalyse aufgegriffen. Organloser Körper erinnert an den organlosen Entwicklungszustand in der frühen vorgeburtlichen Entwicklung noch vor der Fetalentwicklung, ein auch als Ontogenese bezeichneter Entwicklungszustand. Im Erwachsenenleben bedeutet dieser Begriff aber die von der Theorie speziell hervorgehobene Fähigkeit zur produktiven Organisation bzw. Selbstorganisation. Weder die technische Maschine noch die menschliche Wunschmaschine arbeiten auf eine vollkommene Art und Weise. Die technische ist dem Verschleiß, die menschliche der Störung unterworfen.
Die Autoren Deleuze und Guattari beziehen sich nicht ausdrücklich auf Alfred Adler. Ein Zusammenhang zwischen Schizoanalyse und Organminderwertigkeit im Sinne Adlers erscheint dennoch gegeben, auch wenn anstelle von Rezeption besser von vergleichender Betrachtungsweise gesprochen werden sollte. Die Bewertung des „Symptoms Minderwertigkeit“ stimmt überein mit beiden Konzepten. Sie weicht jedenfalls deutlich von der Freudschen Krankheitssystematik einer qualifizierenden Unterscheidung zwischen Neurose und Psychose ab. Adler spricht im Zusammenhang der Organneurose vom „Übergang zur neurotischen Psychose“. Bereits aus dieser Formulierung geht hervor, dass Adler als Vertreter der Einheitspsychose gelten kann. Die Sichtweise Adlers zur Systematik von Neurose und Psychose wird dementsprechend wie folgt charakterisiert:
Auch Deleuze und Guattari widersprechen der Unterscheidung von Neurose und Psychose.
Psychosomatik Die psychosomatische Entstehung von Organminderwertigkeiten und deren differentialdiagnostische Abgrenzung wurde 1982 von Rainer Schmidt näher erörtert.
Einzelnachweise Alfred Adler: Praxis und Theorie der Individualpsychologie. Vorträge zur Einführung in die Psychotherapie für Ärzte, Psychologen und Lehrer. Mit einer Einführung von W. Metzger, Frankfurt (Fischer Taschenbuch 1974), 350 Seiten; S. 245 zu Stw. „Gefühl der Minderwertigkeit bei Kindern, die zu Kompensationsationsversuchen führen“.
Alfred Adler: Studie über die Minderwertigkeit von Organen und ihre seelische Kompensation. [Originalausgabe 1907], 2. Auflage Wien, München 1927.
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Esther Bockwyt: WOKE. Psychologie eines Kulturkampfes. Westend, Neu-Isenburg 2024, ISBN 978-3-86489-444-2.
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Sigmund Freud: Hemmung, Symptom und Angst. [Erstausgb.1926] In: Gesammelte Werke, Band XIV, S. 111–205, „Werke aus den Jahren 1925–1931“, Fischer Taschenbuch, Frankfurt / M 1999, ISBN 3-596-50300-0.
Sigmund Freud: Über die weibliche Sexualität. In: Gesammelte Werke, Band XIV, S. 515–537, „Werke aus den Jahren 1925–1931“, Fischer Taschenbuch, Frankfurt / M 1999, ISBN 3-596-50300-0.
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Alexander Mitscherlich Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft. Ideen zur Sozialpsychologie. 10. Auflage 1996, Piper, München, ISBN 3-492-20045-1.
Uwe Henrik Peters: Lexikon Psychiatrie, Psychotherapie, Medizinische Psychologie. 5. Auflage, Urban & Fischer, München 2000; ISBN 3-437-15060-X.
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