mini|Joseph Félix Bouchor Joseph-Félix Bouchor (* 15. September 1853 in Paris, Frankreich; † 27. Oktober 1937 ebenda) war ein französischer Maler und Illustrator. Sein Werk umfasst Porträts, Genremalerei sowie dokumentarische Kriegskunst. Er hielt „die verwüsteten Landschaften, den Alltag anonymer Soldaten […] und die Militärführer, denen er begegnete“, festJoseph-Félix Bouchor: Portraits d'hommes dans la Grande Guerre. Begleitheft zur Ausstellung im Musée de Picardie Vom 24. Mai bis 12. Juli 2014. Amiens. 2014. S. 6. und zeichnete sich durch einen spät-akademischen Realismus aus, der später durch Einflüsse des Orientalismus ergänzt wurde.
Biographie Ausbildung und frühe Karriere Bouchor wurde in Paris geboren und war der Bruder des Dichters Maurice Bouchor (1855–1929). Er studierte an der École des Beaux-Arts in der Klasse von Jean-Léon Gérôme und Aimé Millet. Bereits im Alter von 25 Jahren stellte er erstmals im Salon de Paris aus. Von 1886 bis 1901 lebte er in Freneuse, eine Gegend, die er in seinen Landschaftsbildern umfangreich wiedergab. Gelegentlich nutzte er aber auch einen Teil des Ateliers des Malers Antonio de la Gandara in der Rue Monsieur-le-Prince in Paris.Edgar Munhall: Whistler et Montesquiou. Flammarion. 1995. 1896 stellte er auf der Exposition nationale et coloniale de Rouen aus. Sein frühes Schaffen war geprägt von Porträts der Pariser Gesellschaft und historischen Szenen, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde (unter anderem mit Medaillen bei der Weltausstellung 1889 und 1900). Ebenfalls 1900 wurde er zum Ritter der Ehrenlegion ernannt.
Kriegsmaler im Ersten Weltkrieg Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldete Joseph-Félix Bouchor sich freiwillig, war jedoch 61-jährig zu alt für den Fronteinsatz. Er fasste daher den Plan, sich mit seiner Kunst in den Dienst des Krieges zu stellen. Obwohl Bouchor sich zuvor nicht der Militärmalerei gewidmet hatte – trotz des aufkommenden Interesses an diesen Sujets Ende des 19. Jahrhunderts – war er mit Mitgliedern der Gesellschaft der Militärmaler (: Société de peintres militaires) in Kontakt gekommen. Zu den Kreisen, in denen er verkehrte, gehörte unter anderem François Flameng, später Ehrenpräsident der Gesellschaft, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband, sowie Édouard Detaille. Beide galten als führende Persönlichkeiten der französischen Militärmalerei.
Letztlich suchte und beauftragte General Gustave Léon Niox, damals Direktor des Musée de l’Armée und Gouverneur des Hôtel des Invalides, Künstler, Ansichten der Schlachtfelder anzufertigen und so den Krieg zu dokumentieren.Frédéric Lacaille: Les missions de peintres du musée de l’Armée pendant la Première Guerre mondiale. Annex 1. Cahiers d’études et de recherches du musée de l’Armée. Nr. 1. 1998. S. 13–53. Durch seine Kontakte wurde Bouchor als einer dieser vom Musée de l’Armée beauftragten Maler bestimmt und wurde so zu einem „Zeugen des Ersten Weltkriegs“ (: Témoin de la Grande Guerre.)Joseph-Félix Bouchor (1853-1937) peintre: Instants de vie. Katalog begleitend zur Ausstellung im Musée des Beaux-Arts La Cohue, Vannes & Musée du Noyonnais, Noyon. In Fine éditions. Vannes, La Cohue, Paris. 2019.
In seiner Funktion besaß Bouchor die Erlaubnis, sich innerhalb des Kriegsgebietes frei zu bewegen. Er bereiste Frankreich mit dem Auto und besuchte die wichtigsten Schlachtfelder: die Marne, Verdun, Artois und die Somme, begab sich allerdings nie in die aktiven Kampfgebiete. Er arbeitete zwar an der Front, aber nur in ruhigeren Abschnitten. Im Dezember reiste er mit der ersten Delegation des Museums in die Region Reims, begleitet von François Flameng und Henry Jacquier. Anschließend hielt er sich in der Nähe von Verdun und Nancy auf. Anfang Januar 1915 war er im Argonnerwald, dann im südlichen Elsass. Im Juli besuchte er diese Regionen erneut. Ende Oktober und Anfang November war er in Artois und Belgien. Zwischen September 1916 und 1917 wurde er an die Somme entsandt, wo er sich in einem Gebiet wiederfand, das zwei Monate lang Schauplatz heftiger und blutiger Kämpfe gewesen war. Im Sommer 1917 befand er sich erneut auf dem Schlachtfeld von Verdun.
mini|Selbstportrait, Musée du Noyonnais, Noyon.
Die Marokko-Zeit und der Orientalismus Seine Dienststellung endeten mit dem Kriegsende. 1921 wurde er für seine militärischen Verdienste zum Offizier der Ehrenlegion ernannt. Nach dem Krieg suchte Bouchor neue Inspiration in Nordafrika. Er reiste nach Ägypten, Algerien und insbesondere nach Marokko. Dort wurde er zum engen Freund des Generalresidenten Hubert Lyautey. In dieser Zeit wandelte sich seine Palette hin zu kräftigeren, lichtdurchfluteten Farben. Er dokumentierte das Leben in den Medinas, die Architektur von Fès und Marrakesch sowie offizielle Zeremonien des marokkanischen Hofes und illustrierte mehrere Bücher, darunter Le Maroc der Brüder Tharaud und Marrakech dans les palmes von André Chevrillon. Seine Werke aus dieser Zeit gelten heute als wichtige Zeugnisse des französischen Orientalismus des frühen 20. Jahrhunderts.
Späte Jahre Bouchor blieb bis ins hohe Alter aktiv. Er illustrierte zahlreiche bibliophile Prachtausgaben, wie etwa La Chanson de Roland oder Reiseberichte über Marokko. Er war Mitglied der Société des Artistes Français und Offizier der Ehrenlegion. Er verstarb 1937 in Paris und fand seine letzte Ruhestätte auf dem Cimetière du Père-Lachaise.
Motive Bouchors erste Aufträge Ende 1914 waren die Darstellung erbeuteter deutscher Flaggen sowie deren Ankunftszeremonie in Paris. Diese Gemälde spiegelten Frankreichs Sieg über Deutschland wider und waren daher von starker Symbolkraft. Er war der Schöpfer der ersten Kriegswerke, die die Ankunft dieser erbeuteten Feindembleme im Hôtel des Invalides darstellten und die in das Musée de l’Armée aufgenommen wurden.
Später schuf er zahlreiche Soldatenporträts, die er möglichst realistisch mit Uniform, Orden und Dienstgraden und teils vor schlichtem weißem Hintergrund realisierte. Einerseits porträtierte er so zahlreiche alliierte Generäle und Staatsmänner, darunter Marschall Foch und General Pershing. Andererseits hielt er auch den Alltag der einfachen Soldaten fest und fing ihre Entschlossenheit und Kameradschaft ein. In seinen Gemälden sieht man Soldaten marschieren, spielen, baden, essen und die Messe besuchen. Das Ölgemälde auf Holz „Soldats britanniques sur la route de Villers-Bretonneux (Somme)“ (September 1917), heute im Musée de Picardie in Amiens ausgestellt, ist eines der Beispiele hierfür. Diese Gemälde lassen sich mit seinen früheren Darstellungen der Freneuse und des landwirtschaftlichen Lebens vergleichen. In dem Buch Joseph-Félix Bouchor: Portraits d’hommes dans la Grande Guerre zieht der Autor Parallelen zwischen den Werken „La Collation des moissonneurs“ und „Soldats britanniques déjeunant au bord de l’Ancre en mars 1917.“ Tatsächlich lassen sich in der Komposition und der Detaildarstellung dieser beiden alltäglichen Mahlzeitenszenen Ähnlichkeiten erkennen. Bedeutsame Motive fand Bouchor auch bei den alliierten Kolonialtruppen: Afrikaner aus West- und Äquatorialafrika, Madagassen, Somalis, Indochinesen, Kanaken und Polynesier. In den Gemälden „Indiens sous la tente au camp de Daours“ und „Lancier indien au camp de Daours, le 20 septembre 1916“ portraitierte er indische Truppen, weiterhin auch Australier und Neuseeländer in seinem Werk „Australiens 1st Anzac corps“ sowie Maori im Werk „Néozélandais et Maori“.
Auch Kriegsmaterial faszinierte den Maler. Wiederum stehen hierbei seine frühen Gemälde aus Freneuse, in denen die Natur dominiert, im starken Kontrast zu seinen Werken, die etwa schwere Artillerie oder Panzerfahrzeuge des Ersten Weltkriegs darstellen. Akribisch stellte er diese mächtigen Maschinen dar, Symbole des industriellen Fortschritts, wie in „Tank Schneider avant l’assaut, 27 mai 1918“ (Öl auf Karton) oder bei „Tank anglais gisant sur le champ de bataille de Thiepval“ (Öl auf Leinwand, März 1917, Musée de Picardie, Amiens). Hier gleicht der Panzer einem ausgestreckten Körper, einem Relikt der Kämpfe. Er offenbart das Scheitern und die Endlichkeit dieser Maschinen, die die Moderne repräsentieren sollten, aber nur Chaos brachten und letztendlich als bloße Wracks endeten.
Zuletzt wählte er auch Ruinen und andere Orte, die den Krieg nicht unbeschadet überstanden haben, als wiederkehrendes Thema in seinen Werken. Für ihn „zeugen diese Ruinen von der ‚deutschen Barbarei‘ und untermauern den patriotischen Diskurs.“ Er dokumentierte die Realität des Krieges und seine materiellen Folgen, so beispielsweise die „La Cathédrale de Reims“ (Öl auf Holz, 1917), die zwischen 1914 und 1918 schwer beschädigt wurde. In seinem Gemälde zeigt er das Gebäude von vorn: Die Fassade ist erhalten, das dahinterliegende Kirchenschiff jedoch zerstört, inmitten der Trümmer der Stadt. Auf dem Vorplatz steht eine unversehrte Statue der Jeanne d’Arc: In Bouchors Augen symbolisiert sie den Widerstand gegen den deutschen Feind. Er thematisierte auch das zerstörte Amiens mit eingestürzten Häusern, wie etwa in „Maison bombardée devant la cathédrale d’Amiens“ (Öl auf Holz, Juni 1918). Im selben Stil malte er verwüstete Orte, Landschaften, die die Narben der Kämpfe tragen.
Berühmt ist sein Gemälde der Siegesparade auf den Champs-Élysées 1919.
Mit seinem Werk beteiligte sich Bouchor an der allgemeinen patriotischen Stimmung. Seine Bilder wurden ab 1916 in Paris ausgestellt und später als Postkarten und Illustrationen in Büchern zu Propagandazwecken veröffentlicht. Seine Mission und seine Tätigkeit erfüllten ihn mit Stolz. Er porträtierte sich in drei Selbstporträts („Autoportrait assis au camp britannique de Daours en septembre 1916“, „Autoportrait avec le capitaine David Gray en 1919“ & „Autoportrait avec le capitaine Charles Delvert en 1919“) und fügte sich selbst in seinem Gemälde „Au quartier général du général Fayolle à Maricourt dans la Somme, 31 août 1916“ in Uniform und als Mitglied der Ehrenlegion hinzu. Viele seiner Kriegswerke sind in seinen Büchern abgebildet, die er sowohl alleinJoseph-Félix Bouchor: Souvenirs de la Grande Guerre (1914-1915). Paris. Ca. 1916. als auch in Zusammenarbeit mit Charles DelvertCapitaine Delvert & Joseph-Félix Bouchor: Verdun. Paris. 1920. veröffentlichte.
Stil Bouchor entwickelte sich von einem typischen Genre-, Landschafts- und Portraitstil mit einem ausgeprägten Realismus zu einem mehr spontanen Stil seiner Kriegsbilder. Im Rahmen dieser Arbeiten stieß er auf Einschränkungen: Anders als in Freneuse und der Bretagne konnte er sich nicht „Zeit nehmen und […] mehrmals zum Thema zurückkehren“. Diese Jahre als Armeemaler veranlassten ihn daher, seine Technik anzupassen. Er stellte Artillerie auf den Schlachtfeldern und das Leben an der Front in gröberen, spontanen, flächigen Farben dar. Er spielte mit dem Licht, um die Unmittelbarkeit der Szenen einzufangen und die verschiedenen Tagesmomente und ihre Eindrücke zu vermitteln. Um diese Dimension zu betonen, malte er in Serien und hielt Momente fest, die nur wenige Minuten auseinander lagen, um ihre Vergänglichkeit hervorzuheben. Durch seine fast fotorealistische Bildkomposition, die die Soldaten in ihrer Nähe zeigt, ermöglicht uns der Maler einen Einblick in den Alltag dieser Männer. In diesem Darstellungsstil erkennen wir den Einfluss des Impressionismus und von Künstlern wie Édouard Manet und Claude Monet, die er beide persönlich kannte. Seine Gemälde erhalten eine dokumentarische Dimension: „Er malt den Krieg, wie er in Friedenszeiten Genrebilder und Landschaften malte.“
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