mini|Sabilon liest in den Sternen (Linzer Weltchronik-Kompilation Hs-472, Blatt 183vb.)

Sabilon (auch Savilon oder Zabulon) ist ein Sterndeuter und Magier, der in verschiedenen deutschsprachigen mittelalterlichen Texten erwähnt wird. Als früheste Quelle gilt der zuletzt entstandene Teil des sogenannten Wartburger Sängerkrieges aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Darüber hinaus nimmt Sabilon eine zentrale Rolle in der Magnetberg-Episode des „nachklassischen“ Minne- und Âventiureromans Reinfried von Braunschweig ein, der vermutlich zwischen 1291 und 1300 entstand. Außerdem findet er in der Erweiterten Christherre Chronik, die wohl zwischen 1300 und 1370 verfasst wurde, und der Weltchronik Heinrichs von München aus dem 14. Jahrhundert Erwähnung, wobei er in die Nähe der Troja-Legende, insbesondere des Fackeltraums der Hecuba, rückt. Unklar bleibt, ob der Traumdeuter Samlon von Baldac des Göttweiger Trojanerkrieges auf dieselbe Sagengestalt rekurriert. Jedoch scheint die Schnittmenge beider Figuren sich darauf zu beschränken, dass sie jeweils dem Troerkönig Priamos den Fackeltraum ausdeuten. Die zentrale Verbindung Sabilons zur christlichen Heilsgeschichte und der Jungfrauengeburt lässt sich bei Samlon nicht erkennen.

Etymologie Bezüglich der Namensformen Sabilon und Savilon sowie der anverwandten Figur des Samlon wurde eine Verbindung zum Bibelkönig Salomo vermutet. Sabilons Zauberkraft, die auf seine Begabung in der Astronomie zurückgeführt wird und ihn befähigt Dämonen und Geister zu befehligen und zu bannen, erinnert dabei an die Macht des salomonischen Siegels, wie es beim jüdischen Historiker Flavius Josephus Beschreibung findet.

Außerdem gibt es eine Ähnlichkeit zwischen der Namensform Zabulon und dem zehnten Sohn Jakobs mit dem Namen Sebulon beziehungsweise Zebulon.

Reinfried von Braunschweig

Im anonym überlieferten Minne- und Âventiureroman Reinfried von Braunschweig wird Sabilon mit der Tradition des zauberkundigen Vergil enggeführt. Der Protagonist Reinfried tritt mit seinem persischen Gefährten eine Âventiurefahrt vom Orient zum sagenumwobenen Magnetberg (auch Agetstein genannt) an, welcher dem zeitgenössischen Publikum aus der Erzählung um Herzog Ernst bekannt gewesen sein dürfte. Dort in einem eigens für diese Reise erbauten, hölzernen Schiff angekommen, erkennen sie, dass der Berg zu einer Art Festungsanlage umgebaut wurde, die von vier gewaltigen eisernen Statuen flankiert wird. Vorerst verängstigt nähern sich Reinfried und sein Begleiter schließlich. In einer Höhle entdecken sie eine Grablege, an welcher sich ein Kettenbuch befindet. Beim Aufschlagen erfährt der Leser, dass das Buch die babylonische Sprachverwirrung umgeht: Es kann von jedem Rezipienten, egal welcher Sprache dieser mächtig ist, verstanden werden, scheint also in einer Art magischer Universalsprache verfasst.

Das Buch erzählt die Geschichte des Weisen Sabilon, der 1200 Jahre vor der Empfängnis des Heilands als Sohn einer Jüdin und eines Heiden geboren wurde. Als erster Astronom vermochte er es, allerlei Wahrheiten aus den Sternen zu lesen, so unter anderem das Geheimnis der nigromantie, also der schwarzen Kunst. Außerdem erfährt Sabilon aus einem Sternendiktat, dass in ferner Zukunft eine Jungfrau ein Kind gebären werde, was den Bund Gottes mit dem jüdischen Volk zugunsten eines neuen Bundes ersetzen würde. Seine Mutter bittet ihn daraufhin, dieses Ereignis zu unterbinden. Zu diesem Zwecke zieht er sich auf den Agetstein zurück und zwingt die teuflischen Dämonen und Geister unter Einsatz der nigromantie diesen zur Festung umzubauen. In deren Mitte nimmt Sabilon selbst Platz, eines seiner schwarzmagischen Bücher unter den Füßen (die anderen vermauert er unauffindbar in einer Wand), wodurch er in eine todesgleiche Trance versetzt wird. In seinem Ohr verbirgt er einen kleinen brief, der, solange sein Inhalt unbekannt bliebe, die Christusgeburt verhindert. Über dem Ort seiner Stasis platziert Sabilon indes einen metallenen Automaten, der seinen schlafenden Körper mit einem Hammer zertrümmert, sollte jemand versuchen Buch oder Brief zu entfernen. Jahrhunderte später erfährt Vergil von Sabilons Reklusion und reist zum Agetstein, wo es ihm mit der Hilfe eines in ein Glas gebannten Teufels gelingt, den brief zu entfernen und das Zauberbuch an sich zu nehmen. Zeitgleich zur Briefentfernung kommt es zur Niederkunft Marias und der Geburt des Heilands. Mittels der Macht des Zauberbuches, das er an sich genommen hat, nutzt Vergil die Geister, um das Grab Sabilons und das Kettenbuch zu schaffen, in welchem Reinfried und sein Begleiter lesen.

Zabulons Buch Das vermutlich zuletzt entstandene Sangspruchgedicht jener Sammlung, die als Wartburger Sängerkrieg bezeichnet wird, findet seit der Edition durch Karl Simrock aus dem Jahr 1858 meist als Zabulons Buch Benennung. Wie auch beim sogenannten Rätselspiel sind die Kontrahenten dieses Streitgesprächs der Zauberer Klingsor von Ungerlant und sein literarischer Schöpfer Wolfram von Eschenbach. Auch thematisch klingt das Rätselspiel an, während Wolfram dort jedoch Fragen zur Astronomie ausweicht, fordert er Klingsor in Zabulons Buch regelrecht zu einem astronomischen Wettstreit heraus. Beide Seiten berufen sich auf Autoritäten. Wolfram berichtet vom heiligen Brandan, welcher der Legende nach eine entbehrungsreiche Schifffahrt auf sich nahm und als Patron der Schiffer eine Verbindung zur Astronomie und Sternenkunde aufweist. Daraufhin beruft sich Klingsor erst auf Basiant von Konstantinopel, der vermutlich ein sternenkundiger Zauberer gewesen ist und schließlich auf das Buch Sabilons aus Babylon. Im Verlaufe des Zwiegesprächs erzählen Wolfram und Klingsor daraufhin die Geschichte Sabilons, die ungefähr der im Reinfried von Braunschweig zu entsprechen scheint. Jedoch ist es hier das schwarzmagische Buch selbst, das die Christusgeburt verhindern soll. Statt in seinem eigenen Ohr verbirgt Sabilon einen Brief mit unklarer Funktion in der Nase des Automaten, den er zum Schutz des Buches erschafft. Es wird außerdem von einer fliege berichtet, die von Aristoteles in ein Glas gebannt wurde und später Vergil dabei half, das Zauberbuch zu erlangen. Klingsor löst selbst auf, dass es sich bei dieser fliege um einen bösen Geist handelt.

Die Sabilon-Erzählung fällt hier kürzer aus als im Reinfried von Braunschweig. Nachdem Vergil das Buch erlangt, wird stattdessen eine kurze Episode um Dietrich von Bern erzählt, die jener in Palakers, dem Zwergenreich Sinnels erlebt, welcher seinerseits der Bruder des Zwergenkönigs Laurin ist.

Erweiterte Christherre Chronik Die erweiterte Christherre Chronik stellt, dem Namen gemäß, eine Ausdehnung des Bestandes der sogenannten Christherre Chronik dar, die in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts am Hofe Heinrichs des Erlauchten entstand. Ergänzungen wurden dabei anderen Weltchroniken, wie der Jans Enikels und Rudolfs von Ems, entlehnt. Außerdem scheinen die Vulgata, die Historia scholastica des Petrus Comestor und das Buch der Könige alter ê und niuwer ê als Quellen der Erweiterung gedient zu haben. Ebenso lassen sich in der ca. 57.000 Verse umfassenden Chronik knapp 11.000 Verse des Trojanerkrieges Konrads von Würzburg finden. In eben diese Episode ist die Sabilon-Erzählung eingelassen, die sich jedoch bei Konrad nicht finden lässt. Dort ist es Priamos selbst, der den Traum zu deuten vermag, während in nahezu allen Parallelüberlieferung Hilfe von außen notwendig ist. mini|Hecubas Fackeltraum nach einer Handschrift des Trojanerkrieges aus der Werkstatt Diebold Laubers, ca. 1445 (Ms. germ. fol. 1, Blatt 1v). Zum Hergang: Hecuba träumt eines Nachts von einer Fackel, die aus ihrem Inneren erwächst und der Stadt Troja Vernichtung durch Feuer bringen werde (ECC 182vaZitiert nach der Linserhandschrift. Edition aus dem Aufsatz von Kerth/Lienert. : Daz selb pran, daz ez in die wolcken gie./ dar nach ez sich in Troy nider lie). Von diesem Traumbild verängstigt, schickt der Troerkönig Priamos Boten aus, um Weise und Traumdeuter kommen zu lassen. Ihnen allen bleibt es jedoch selbst unter Androhung des Todes unmöglich, den Traum einem Sinn zu zuführen. Zuletzt lässt Priamos den Weisen Sabilon aus Babylon holen, der die Auslegung aus den Sternen liest, nämlich, dass Hecubas noch ungeborener Sohn Paris die Zerstörung der Heimat verschulden werde. Sabilon weissagt dies, indem er sich des nachts auf eine weite Fläche setzt, die Füße in ein mit Wein gefülltes Goldfass stellt und den Rauch von brennenden lingun aloen einatmet. Wie auch im Reinfried von Braunschweig wird außerdem expliziert, dass Sabilon die Geburt des Heilands aus den Sternen abgeleitet habe. Doch erscheint er hier in einer quasi-prophetischen Funktion, indem er die heidnischen Troer vom Kommen des Erlösers zu überzeugen gedenkt und sie ermahnt: dez macht du [Priam] schaden gewinnen Von dem, der noch dein herr wirt.

ich han gelesen, daz in gepirt

Ein magt, die ist aines juden chint.

swaz kuenig auf der erden sint,

Si suellen im dienst erzaigen,

dar zuo ir haubt naigen.

Daz chint vnd auch die selb magt,

als mir die sinn habent gesagt,

Han ich niht tumber gens list,

daz chint der muoter vater ist. (ECC, 183 rb)

(dafür wirst du gestraft werden, von dem, der noch dein Herr wird. Ich habe gelesen, dass ihn eine Jungfrau gebiert, die die Tochter eines Juden ist. Was auch immer an Königen auf der Erde lebt, die sollen ihm Dienst erweisen und ihr Haupt [vor ihm] neigen. Von diesen beiden, dem Kind und derselben Jungfrau, so hat es mir mein Verstand berichtet, wenn ich nicht die Schläue einfältiger Leute besitze, ist das Kind der Mutter Vater.) mini|Sabilon beschwört die teuflische Jagdgesellschaft und den verstorbenen Bruder Priams (Linzer Weltchronik-Kompilation, Hs.-472, Blatt 187rab). Priamos bezichtigt Sabilon der Lüge, da er eine Jungfrauengeburt für unmöglich hält. Zornig beschließt Sabilon daraufhin Malaus, den verstorbenen Bruder des Priamos, von Geistern aus der Hölle jagen zu lassen, damit er den Troerkönig von der Wahrheit überzeuge. Abermals ist dafür ein ungewöhnlicher Ritus notwendig: Sabilon lässt das Goldfass holen, wickelt seinen Kopf in die Haut eines unbekannten Tieres mit dem Namen Beledrum und ordnet absolute Stille an (selbst das Krähen des Hahns lässt er verhindern). Die Beschwörung manifestiert sich daraufhin in Form einer Jagd-Szene, wobei Malaus als gekrönter Hirsch von einer teuflischen Jagdgesellschaft gehetzt wird und nur Dank Sabilon kurz in einem Fluss rasten kann, um das Wort an Priam zu richten. Ihm berichtet er, dass Adam ihm von der Geburt des Heilands berichtet hat und er die 1200 Jahre bis dahin in der Hölle ausharren werde, um Erlösung zu finden. Als die Jagdhunde zu ihm aufschließen, versucht Priam sie abzuwehren, was jedoch erfolglos bleibt. Malaus rät Priamos die Armen wohlwollend zu behandeln und dem kommenden Erlösern zu dienen. Daraufhin flieht er in den Wald und außer Sicht, gejagt von seinen Verfolgern. Die Troer erkennen die Wahrheit von Sabilons Prophezeiung und beschließen, das Kind Hecubas nach seiner Geburt ermorden zu lassen. Sabilon zieht sich nach Babylon zurück. Daraufhin setzt der Text von Konrads Trojanerkrieg wieder ein.

Die Weltchronik Heinrichs von München Obwohl die Weltchronik einige Auslassungen, Ergänzungen und Umformulierungen im Vergleich zur erweiterten Christherre Chronik aufweist, gibt es inhaltlich so gut wie keine gewichtigen Differenzen. Lediglich die Erwähnung des Zauberers Klingsor von Ungerlant, welche sich in der erweiterten Christherre Chronik finden ließ, scheint in allen fünf Handschriften von Heinrichs Chronik ausgelassen.

Einzelnachweise

Kategorie:Sagengestalt Kategorie:Zauberer