Der Bahnhof Kořenov, bis 1945 deutsch: Polaun ist eine Betriebsstelle der Bahnstrecke Liberec–Kořenov (–Harrachov). Er liegt auf dem Gebiet der Gemeinde Kořenov in Tschechien. Kořenov war seit seiner Eröffnung im Jahr 1902 bis 1938 Grenzbahnhof zu Deutschland. Trotz der Lage an der Staatsgrenze zum heutigen Polen besitzt er diesen Status nicht mehr.
Geschichte
Die Reichenberg-Gablonz-Tannwalder Eisenbahn (RGTE) nahm den Bahnhof am 1. Juli 1902 als Station Grünthal in Betrieb. Am 1. Oktober 1902 eröffneten die Königlich Preußischen Staatseisenbahnen (K.P.St.E.) auch die Anschlussstrecke nach Hirschberg im Riesengebirge.
Der Bahnhof war von Anfang an als Grenzbahnhof zwischen Böhmen und Preußen konzipiert. Die K.P.St.E. bzw. später die Deutsche Reichsbahn (DR) besaßen für die Anlagen ein Mitnutzungsrecht auf Pachtbasis.
Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns ging der Bahnhof an die neu gegründeten Tschechoslowakischen Staatsbahnen (ČSD) über. Der Bahnhof erhielt den neuen zweisprachigen Namen Polubný / Polaun.
Anfang der 1920er Jahre realisierte die Reichsbahndirektion Breslau die schon vor dem Ersten Weltkrieg geplante Elektrifizierung ihrer Strecke von Hirschberg. Im Bahnhof Polaun wurden dabei lediglich die Gleise 1, 2, 3 und die Zufahrt zum Heizhaus mit Oberleitungen überspannt. Aufgebaut wurden die in Schlesien üblichen festen Quertragwerke mit in Stützböcken quer eingebauten Isolatoren. Aufgrund damaliger tschechoslowakischer Vorschriften hatte die Oberleitung allerdings einen deutlich engeren Abstand der Fahrdrahthänger als in Deutschland. Damit sollte die Gefährdung von auf den Bahnsteigen stehenden Personen bei einem Bruch des Fahrdrahtes ausgeschlossen werden. Der elektrische Eisenbahnbetrieb von und nach Hirschberg wurde am 15. Februar 1923 aufgenommen.
Eine erste grundlegende Veränderung im Betrieb des Bahnhofs trat mit der Angliederung des Sudetenlandes an Deutschland am 1. Oktober 1938 ein. Die Strecke von Reichenberg mit dem Bahnhof Polaun gehörte nun zum Netz der Reichsbahndirektion Dresden. Mit der nicht mehr existierenden Staatsgrenze verlor er auch den Status als Grenzbahnhof.
Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges liefen über den Bahnhof verschiedene Evakuierungstransporte aus Schlesien mit dem Ziel Süddeutschland. Der letzte Zug mit den elektrischen Lokomotiven E17 123, E17 124, E44 047, E44 127, E90 57, E94 017 und E95 05 blieb jedoch Anfang Mai 1945 im Bahnhof Polaun zurück. Die sieben Lokomotiven wurden mit dem Begleiterwagen auf den Gleisen 5 und 7 abgestellt.
Im Mai 1945 kam die Station als Bahnhof Polubný wieder zurück zu den ČSD. Das deutsche Personal wurde ausgewiesen. Ab dem 21. Mai 1945 war in Polubný ein Panzerzug mit tschechischen „Partisanen“ der Brigade Václavík stationiert. Dessen Besatzung fahndete im Grenzgebiet nach versprengten Wehrmachtssoldaten und SS-Angehörigen und liquidierte sie, auch wenn sie sich ergaben. Belegt sind 30 Tote, die bei „Schießereien“ ums Leben kamen.Jiří Padevět: Blutiger Sommer – Nachkriegsgewalt in den böhmischen Ländern [Übersetzung aus dem Tschechischen von Jana Heumos]. Tschirner & Kosová, Leipzig 2020, ISBN 978-3-00-065967-6, S. 391
Das bislang deutsche Gebiet jenseits der Staatsgrenze kam unter polnische Verwaltung, Betreiber der dortigen Eisenbahnen waren fortan die Polnischen Staatsbahnen (PKP). Am 27. Oktober 1945 fuhr der letzte Güterzug zur Überstellung von Leerwagen über die Staatsgrenze. Anfang 1946 wurde die Strecke dann durch die Entfernung einiger Gleisjoche auf polnischer Seite unterbrochen.
Die im Bahnhof abgestellten elektrischen Lokomotiven wurden am 23. und 24. September 1946 über die Zahnradstrecke in Richtung Tanvald abgefahren. Über Dresden gelangten sie zum Reichsbahnausbesserungswerk Dessau, wo sie von der Sowjetunion unmittelbar als Reparationsgut beschlagnahmt wurden. 1953 wurden sie an die DR zurückgegeben. mini|SONP Nr. 32 in der Ausstellung auf Gleis 3 (1984) Im Jahr 1958 kam es zu einem Gebietsaustausch mit Polen und die frühere Haltestelle Strickerhäuser (polnisch: Tkacze) lag fortan auf tschechoslowakischem Staatsgebiet. Die gesamte Strecke von Tanvald bis zum nunmehrigen Bahnhof Harrachov wurde von 1958 bis 1962 rekonstruiert. Die Gleise 1 und 2 im Bahnhof Kořenov erhielten Bahnsteigkanten, das Aufnahmsgebäude wurde renoviert. Die bis dahin im Bahnhof noch vorhandene, seit Mai 1945 spannungslose elektrische Oberleitung wurde in diesem Zusammenhang einschließlich aller Stützpunkte entfernt. Mit dem Einsatz moderner Diesellokomotiven und -Triebwagen verlor auch das Heizhaus im Bahnhof seine Funktion. Es wurde fortan nur noch zur witterungsgeschützten Unterstellung von Fahrzeugen genutzt.
Im Sommer 1984 wurde Gleis 3 zur Präsentation verschiedener zur musealen Erhaltung vorgesehener Fahrzeuge des Technischen Nationalmuseums in Prag genutzt. Neben der vor Ort zum Einsatz gekommenen Zahnradlokomotive 404.003 war auch die schwere fünffach gekuppelte Rangierlokomotive SONP 32 des ČKD-Typs EP 1000 sowie die 310.006 ausgestellt.
Nach außergewöhnlich starken Schneefällen musste der Betrieb im Bahnhof am 27. Dezember 1986 eingestellt werden. Am 5. Jänner 1987 brach das Dach des Heizhauses unter der Schneelast zusammen und begrub die darin abgestellten Lokomotiven T 466.2369, T 426.003 und 004 sowie 411.019 unter sich. Die Zahnradlokomotive 404.003 stand zu diesem Zeitpunkt im Freien und blieb unbeschädigt. Der Eisenbahnbetrieb konnte erst am 1. Februar 1987 nach Räumung der Gleise von den Schneemassen wieder aufgenommen werden. mini|Am 28. August 2010 wurde der grenzüberschreitende Verkehr wieder aufgenommen. Für kurze Zeit kamen Züge der polnischen Koleje Dolnośląskie (KD) nach Kořenov (2010) Am 15. Juli 1998 wurde die Eisenbahnstrecke von Tanvald bis Kořenov als Kulturdenkmal der Tschechischen Republik unter Denkmalschutz gestellt. Seitdem steht auch der Bahnhof Kořenov einschließlich aller Gebäude und Anlagen unter Denkmalschutz.
Im Jahr 2008 richtete der Verein Zubačka in den ungenutzten Diensträumen des Bahnhofs ein kleines Eisenbahnmuseum ein. Das zur Ruine verfallene Heizhaus wurde 2012 denkmalschutzgerecht wieder aufgebaut. Es beherbergt seitdem die Museumsfahrzeuge des Vereins. Während einer Streckensperrung im Jahr 2025 wurden die durchgehenden Hauptgleise im Bahnhof instandgesetzt, Gleis 1 erhielt eine neue Bahnsteigkante mit einer Systemhöhe von 380 mm.
Im Fahrplanjahr 2026 wird der Bahnhof im Reiseverkehr von der Linie L1 (Liberec–Harrachov–Szklarska Poręba Górna) im Stundentakt bedient. Güterverkehr findet noch für den Bedarf der Holzindustrie statt.
Literatur
Václav Haas: 100 let trati Tanvald – Kořenov – Harrachov. SAXI, Praha 2002; ohne ISBN Ingo Neidhardt: Eisenbahn-Album Schlesien Band 1 – Elektrischer Betrieb 1911–1945. SSB Medien, Zittau 2025, ISBN 978-3-9826224-7-7, S. 260–281
Weblinks
Bahnhof Kořenov in atlasdrah.net Webseite des Museums der Zahnradbahn (Muzeum ozubnicové dráhy)
Einzelnachweise
Korenov Korenov Korenov Kategorie:Bauwerk im Okres Jablonec nad Nisou Kategorie:Kořenov