alternativtext=Zeichnung des Gut Waldrogäsen etwa um 1904.|mini|Zeichnung des Gut Waldrogäsen etwa um 1904. Das Gut Waldrogäsen war ein historisches land- und forstwirtschaftliches Gut und Herrenhaus in Waldrogäsen. Den Mittelpunkt des stark forstwirtschaftlich geprägten Anwesens bildete das denkmalgeschützte Gutshaus Waldrogäsen (Schloss Waldrogäsen).

Das Gut prägte über Jahrhunderte die wirtschaftliche Entwicklung der umliegenden Landschaft des Flämings und befand sich lange im Besitz des märkischen Uradelsgeschlechts von Thümen.

Lage Das historische Anwesen befindet sich im sachsen-anhaltischen Landkreis Jerichower Land und gehört als Siedlung des Dorfes Wüstenjerichow zur Stadt Möckern. Geografisch liegt die kleine Siedlung Waldrogäsen mitsamt dem erhaltenen Gutshaus direkt an der Landesstraße 52, etwa mittig zwischen den benachbarten Ortschaften Wüstenjerichow im Südosten und Küsel im Westen. Der Ort liegt zudem nur etwa drei Kilometer entfernt von der Auffahrt Theeßen der Autobahn (A2). alternativtext=Moorgebiet bei Waldrogäsen|mini|Moorgebiet bei Waldrogäsen. Die Umgebung des ehemaligen Gutes ist topografisch stark durch die Jerichower Schweiz geprägt, einen nordwestlichen und waldreichen Ausläufer des Flämings. Entsprechend ist die Siedlung Waldrogäsen nahezu vollständig von ausgedehnten Forstbeständen umschlossen. Zum Erhalt dieser naturnahen Landschaftsstruktur liegt das Gebiet vollständig innerhalb der Grenzen des 25.063 Hektar großen Landschaftsschutzgebietes Möckern-Magdeburgerforth.

Geschichte

Frühe Besitzverhältnisse Die Siedlung fand im Jahr 1375 unter dem Namen Ragosen erstmals urkundliche Erwähnung. Belege aus der Zeit um 1400 und 1446 zeigen, dass sich das Dorf zunächst im Besitz des magdeburgischen Adelsgeschlechts von Byern befand.

Später ging die Herrschaft auf die Familie von Thümen über. Das Gutsarchiv belegt die Bewirtschaftung und Rechtsgeschäfte durch Angehörige der Familie von Thümen bis zurück in das Jahr 1720. Die Familie nutzte Waldrogäsen über Generationen hinweg unter anderem als ausgedehnten Sommersitz.

Das Rittergut im 19. und 20. Jahrhundert Im Laufe des 19. Jahrhunderts bildete sich ein eigenständiger Gutsbezirk, der zum 1. Dezember 1910 insgesamt 27 Einwohner verzeichnete.

Laut dem landwirtschaftlichen Güter-Adressbuch der Provinz Sachsen aus dem Jahr 1922 umfasste das Rittergut eine Gesamtfläche von 792 Hektar. Da die Böden der Region überwiegend sandig und landwirtschaftlich weniger ertragreich sind, bildete die Forstwirtschaft das wirtschaftliche Rückgrat des Gutes. Der gutsherrliche Waldbesitz machte mit 701 Hektar den mit Abstand größten Anteil der Ländereien aus. Die Bewirtschaftung vor Ort oblag einem Verwalter, dem Förster Sprenger.

Letzte adelige Besitzer Curt von Thümen (1864–1924): Der Rittmeister a. D. und Johanniterritter war der letzte Gutsherr aus dem Haus von Thümen. Gertrud von dem Hagen, geb. von Loebell (1878–1953): Nach dem Tod Curt von Thümens auf dem Gut erbte dessen Witwe, eine Generalstochter, das Anwesen. Sie heiratete 1926 in zweiter Ehe den hochdekorierten Generalleutnant Heinrich von dem Hagen (1873–1945).

Verpachtung und administrative Auflösung:

Im Jahr 1928 wurde der Gutsbezirk Waldrogäsen im Zuge einer preußischen Gebietsreform aus verwaltungstechnischen Gründen mit dem Gutsbezirk Wüstenjerichow zur neuen Landgemeinde Rogäsen-Jerichow zusammengeschlossen. Das Gut selbst blieb als privater land- und forstwirtschaftlicher Betrieb bestehen und war ab etwa 1929 an den Pächter Wilhelm Zander vergeben.

Das Ende des Gutes (1945) Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs diente das abgelegene Gutshaus als Zufluchtsort. Neben dem Gutsherrn Heinrich von dem Hagen lebte dort auch dessen Bruder, der in Berlin und Dresden ausgebombte Fregattenkapitän Rudolph von Hagen. Beim Einmarsch der Roten Armee im Mai 1945 kam es zur Tragödie: Heinrich von dem Hagen wurde am 6. Mai 1945 auf dem Gut erschossen.

Infolge der Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone wurde der gesamte Gutsbesitz noch im selben Jahr enteignet, parzelliert und verstaatlicht. alternativtext=Postkarte "Diät-Sanatorium Waldrogäsen"|mini|Postkarte "Diät-Sanatorium Waldrogäsen".

Staatliches Genesungsheim "Rudolf Gerngroß" und Diät-Sanatorium (1945–1990) Kurz nach der Enteignung im Jahr 1945 und der Gründung der DDR wurde das Gutshaus in eine medizinische Einrichtung umgewandelt. Es diente in den folgenden Jahrzehnten als Diät-Sanatorium sowie als staatliches Genesungsheimunter dem Namen "Rudolf Gerngroß", teilweise auch für Kurgäste und Erholungssuchende des FDGB.

Verwaltungsschule des Landes Sachsen-Anhalt (1991–2004) Nach der Deutschen Wiedervereinigung und der Neugründung der Bundesländer ging das Gebäude in die Nutzung des Landes Sachsen-Anhalt über. Es diente als Verwaltungsschule zur Aus-, Weiter- und Fortbildung von Landesbediensteten. Gemäß einem Kabinettsbeschluss vom 22. Dezember 2003 wurde diese Schule zum 31. Dezember 2004 offiziell geschlossen.

Nach der Schließung der Verwaltungsschule stand das Gebäude zunächst leer. Im Jahr 2006 wurde die Immobilie formell an das staatliche Liegenschafts- und Immobilienmanagement Sachsen-Anhalt (BLSA) übergeben, um einen Käufer oder eine neue Nutzung zu finden.

Hotel Parkschlösschen (2012–2021) Nachdem es in private Hände übergegangen war, wurde das historische Gutshaus gewerblich als Hotel und Eventlocation genutzt. Von etwa 2012 bis zum Jahr 2021 befand sich darin das „Hotel Parkschlösschen“, welches von der Hotel Wittekind Restaurationsgesellschaft mbH betrieben wurde.

Heutige Situation (ab 2022) Nach dem Ende des Hotelbetriebs stand das Gutshaus erneut zum Verkauf. Im Jahr 2022 wurde das Anwesen (Gutshaus mitsamt Ländereien) für einen Kaufpreis von 1.850.000 € auf dem Immobilienmarkt angeboten.

Gutshaus (Schloss Waldrogäsen) Das bauliche und repräsentative Zentrum des ehemaligen Gutes bildete das bis heute erhaltene Gutshaus, das aufgrund seiner späteren Erweiterungen in der Region zumeist als Schloss Waldrogäsen bezeichnet wird. Aufgrund seiner bau- und ortsgeschichtlichen Bedeutung ist das Anwesen als Baudenkmal im Denkmalverzeichnis des Landes Sachsen-Anhalt eingetragen. In seiner Grundstruktur geht das Gebäude auf einen zweieinhalbgeschossigen, rechteckigen Baukörper zurück. Dieser älteste Baukern wurde als solider Putzbau in den eher schlichten, symmetrischen Formen des Klassizismus errichtet und diente der Gutsherrenfamilie ursprünglich als herrschaftliches Wohnhaus.

Sein heutiges, weitaus repräsentativeres Erscheinungsbild erhielt das Anwesen maßgeblich durch weitreichende Um- und Anbauten um das Jahr 1900. Durch diese gezielt unregelmäßigen Erweiterungen verlor das Gebäude seine ursprüngliche klassizistische Symmetrie und nahm einen romantisierenden, asymmetrischen Schlosscharakter an, der den Repräsentationsbedürfnissen der Zeit entsprach. Als prägende architektonische Elemente dieser späten Bauphase stechen insbesondere zwei markante Anbauten hervor:

Der Eckpavillon: Zur südlichen Parkseite hin wurde das Gebäude um einen oktogonalen (achteckigen) Eckpavillon ergänzt. Dessen Fassade ist durch eine dekorative Putzquaderung (Rustizierung) optisch stark hervorgehoben und gliedert die Frontansicht. Der Turm: Die asymmetrische Silhouette des Daches wird zusätzlich durch einen massiven, in den Baukörper integrierten quadratischen Turm betont, der den schlossartigen Charakter des Gutes vollendet.

Schlosspark An das Gutshaus schließt sich ein weitläufiger Landschaftspark an, dessen heutige Grundstruktur im Wesentlichen auf Umgestaltungen um das Jahr 1900 zurückgeht. Die Anlage wurde im Stil eines englischen Landschaftsgartens konzipiert und zeichnet sich durch fließende, harmonische Übergänge in die natürliche Waldumgebung der Jerichower Schweiz, einem waldreichen Ausläufer des Flämings aus. In der Gegenwart präsentiert sich der Park weitgehend naturbelassen und ist stellenweise stark verwildert, was den landschaftlichen, wenngleich ungepflegten Charakter des Areals unterstreicht. Aufgrund seiner kulturhistorischen und landschaftlichen Bedeutung wurde das Areal bereits am 20. Januar 1966 durch einen Beschluss des Rates des Kreises Burg offiziell als Geschützter Park unter dem Namen „Wüstenjerichow - Park Waldrogäsen“ (Code: GP 0008JL) festgesetzt.

Innerhalb des Parks befinden sich zwei historisch und botanisch bedeutsame Stätten: alternativtext=Grabstätte von Curt von Thümen auf dem Waldfriedhof in Waldrogäsen.|mini|Grabstätte von Curt von Thümen auf dem Waldfriedhof in Waldrogäsen. Waldfriedhof (Erbbegräbnis) Verborgen im dichten Baumbestand des Parks liegt die historische Ruhestätte (Erbbegräbnis) der einstigen Gutsherrenfamilie von Thümen. alternativtext=Wappen der Familie von Thümen|links|mini|195x195px|Wappen der Familie von Thümen. Das architektonisch markanteste Element dieser Anlage ist das repräsentative, steinerne Grabdenkmal für den letzten Gutsbesitzer aus dieser Linie, Hermann Curt von Thümen. Das klassizistisch anmutende Monument besteht aus einer massiven Rückwand, die von vier Säulen mit verzierten Kapitellen flankiert wird, welche ein steinernes Gebälk tragen. Im Zentrum des Denkmals prangt großflächig und plastisch herausgearbeitet das Familienwappen derer von Thümen. Darunter ist folgende Widmung in den Stein gemeißelt:RUHESTÄTTE DERER VON THÜMEN - CURT VON THÜMEN - RITTMEISTER a.D. - HERR AUF WALDROGÄSEN - GEB.14.AUGUST 1864 GEST.10. JUNI 1924 - HIMMEL UND ERDE WERDEN VERGEHEN - MEINE WORTE ABER WERDEN NICHT VEGEHEN alternativtext=Grabplatte der Gertrud Lilla von dem Hagen|mini|Grabplatte der Gertrud Lilla von dem Hagen Unter dem Grabmal befindet sich zudem eine Grabplatte für Curt von Thümens Witwe Gertrud Lilla von dem Hagen (verw. von Thümen; geb. von Loebell; *13. Januar 1878; † 27. September 1953).

Neben diesem Hauptmonument befinden sich auf dem Areal des Waldfriedhofs noch etwa ein dutzend weitere Gedenk- und Grabsteine, von denen die meisten jedoch stark verwittert oder zerschlagen sind. Weitere noch gut erhaltene und lesbare Grabstätten gehören:

General Arthur von Loebell (*17. September 1848; † 14. Mai 1928) und Jenny von Loebell (* 6. Juni 1856; † 30. Mai 1935) Arthur und Jenny von Loebell waren die Eltern von Gertrud Elisabeth Lila von Thümen (geb. von Loebell). Luise Genth (* 14. Oktober 1904; † 22. Mai 1924) Sie starb bereits im jungen alter von gerade einmal 19 Jahren. Rudolf Strenger (* 1889; † 1945) Im Gegensatz zu den restlichen steinernen Grabmalen handelt es sich hier lediglich um ein einfaches Holzkreuz. Minna Grawe alternativtext=500 Jahre Alte Eiche im Gutspark Waldrogäsen|mini|hochkant|500 Jahre Alte Eiche im Gutspark Waldrogäsen.

Naturdenkmal „Eichen bei Waldrogäsen“ Der Schlosspark und die angrenzenden Ländereien beherbergen zudem bemerkenswerte und sehr alte Gehölze, insbesondere Stieleichen. Bereits am 25. Mai 1955 erklärte der Rat des Kreises Burg mehrere dieser Bäume offiziell zu Naturdenkmalen:Verordnung des Landkreises Jerichower Land über die Bestätigung der ND (Naturdenkmale)-Verordnungen des mit Ablauf des 30. Juni 2007 aufgelösten Landkreises Jerichower Land als neues Kreisrecht in Amtsblatt des Landkreises Jerichower Land, 4. Jahrgang, Nr. 17 vom 30.12.2010 S. 721–725, PDF (461 kB; abgerufen am 13. Juni 2022)Als Bestätigung von: Beschluss des Rates des Kreises Burg vom 25. Mai 1955 über die Erklärung von Einzelgebilden der Natur zu Naturdenkmälern.

„3 Eichen im Park von Waldrogäsen“ (Erfassungsnummer: ND 0014JL) „Eiche am Forsthaus Waldrogäsen“ (Erfassungsnummer: ND 0016JL)