Die Orgel der evangelischen Kirche St. Marien und Pankratius in Mariendrebber (Gemeinde Drebber, Landkreis Diepholz, Niedersachsen, Deutschland) wurde in den Jahren 1658 und 1659 von Orgelbaumeister Berendt Hus, dem Onkel und Lehrmeister Arp Schnitgers, erbaut. Es handelt sich um eines der bedeutendsten erhaltenen Instrumente des norddeutschen Barocks. mini|Orgelprospekt Sie ist nicht die erste Orgel in der Kirche. Schon vor dem Dreißigjährigen Krieg hat es dem aktuellen Wissensstand nach eine Orgel aus einer nicht näher bekannten Bielefelder Orgelwerkstatt gegeben. Hus verwendete Material dieser Orgel für sein neues Werk, unter anderem die Pfeifen der Flöte 4′ des Brustwerks.
Seinerzeit verfügte die Orgel über 17 Register auf zwei Manualen (Brust- und Oberwerk), das Pedal war angehängt. Seit 1857, als die Gebrüder Haupt ein eigenständiges Pedalwerk hinzufügten, für das sie das Gehäuse um je einen Pedalturm plus Flachfeld links und rechts des Bestands erweiterten, besitzt das Instrument 22 Register auf zwei Manualen (Oberwerk, Brustwerk) und Pedal. Bei den Windladen im Oberwerk handelt es sich um Springladen, im Brustwerk und im Pedal sind Schleifladen verbaut.
Baugeschichte 1683 ist belegt, dass der Orgelbauer Johann Ernst Sprehn die jährliche Wartung durchgeführt hat. 1699 führte Heinrich Reinking aus Bielefeld eine Reparatur durch. 1720 wurden Kirchturm und Orgel durch einen Blitzschlag beschädigt. Die Instandsetzung der Orgel erfolgte für 145 Reichstaler durch Christian Vater. Er musste die Windlade des Brustwerks sowie die damaligen Register Mixtur und Krummhorn im Brustwerk neu bauen. Viele Pfeifen der übrigen Register in Brust- und Oberwerk konnten repariert werden, einzelne Pfeifen mussten neu gebaut werden. 1747 erfolgte eine weitere Reparatur durch Johann Joseph Menke aus Osnabrück, der dabei die Quintflöte ′ im Oberwerk zur Quinte 3′ umbaute. Johann Andreas Zuberbier aus Obernkirchen renovierte die Orgel 1778.
1857 folgten der Anbau eines eigenständigen Pedalwerks sowie eine Dispositionsänderung der Manuale durch die Orgelbauer Gebrüder Haupt aus Ostercappeln. 1893 erfolgten weitere Reparaturen am Instrument durch die Gebrüder Rohlfing aus Osnabrück. Unter anderem wurden die Klaviaturen erneuert und die Manualkoppel eingebaut. Die Gebrüder Rohlfing ersetzten 1927 die im Ersten Weltkrieg an die Rüstungsindustrie abgelieferten Prospektpfeifen. 1963 restaurierte Hans Wolf aus Verden die Orgel nach damaligen denkmalpflegerischen Grundsätzen. Hierbei wurden jedoch einige erhaltene Originalteile durch neue Bauteile ersetzt.
1991 restaurierten die Gebrüder Hillebrand aus Altwarmbüchen das Instrument. Dessen Zustand wurde auf denjenigen des Jahres 1857 rückgeführt; die Manualdisposition wurde in den Zustand von 1659 zurückversetzt. 2006 folgten erneut Reparaturen an der Orgel durch Klais Orgelbau aus Bonn. Grund hierfür war Bleikorrosion an den Pfeifen, die seit den 2000er Jahren für große Probleme sorgt.
Aktueller Zustand Aufgrund der Bleikorrosion sind die Pfeifen des Brustwerks allesamt aus der Orgel entnommen worden und zum Schutz vor weiterer Zersetzung fachgerecht eingelagert. Ein Manubrienzug ist ausgebaut.
Um das Phänomen, auch Bleifraß genannt, welches viele historische Orgeln aufweisen besser zu verstehen, war die Orgel in Mariendrebber Teil eines Forschungsprojektes des Arp-Schnitger-Instituts für Orgel und Orgelbau an der Hochschule für Künste Bremen. Ein Hauptgrund für die Beschädigungen ist das Eindringen von Essigsäure. Diese tritt aus den Materialien, die zur Renovierung und Reparatur vieler Orgeln in den letzten Jahrzehnten verwendet wurden, aus: Frisches Eichenholz und handelsübliche Klebstoffe. Diese Werkstoffe setzen die Säure beim Trocknen frei, die durch den Orgelwind in die Pfeifen gelangt und dann mit dem Blei reagiert.
Eine fachgerechte Sanierung der Orgel, mit der künftige Bleikorrosion verhindert werden kann, ist durch die Kirchengemeinde finanziell derzeit nicht darstellbar, da die vorhandenen Geldmittel für den Erhalt des Kirchengebäudes aufgewendet werden müssen.
Disposition seit 1991 Die aktuelle Disposition lautet:
I Hauptwerk CDEFGA–c3 Gedact 8′ Quintade 8′ Principal 4′ Rohrflöte 4′ Quinta 3′ Octave 2′ Scharfe Quinte ′ Quinta ′ Mixtur III Trompete 8′ Tremulant II Brustwerk CDEFGA–c3 Gedact 8′ Flöte 4′ Octav 2′ Waldflöte 2′ Nassat-Quinte ′ Sesquialter II Krummhorn 8′ Pedal C–d1 Subbaß 16′ Principal 8′ Violon 8′ Octave 4′ Posaune 16′
Koppeln: Schiebekoppel II/I, I/P
Technische Daten Stimmung: 447 Hz Temperierung: 1/5-Komma-mitteltönige Stimmung Winddruck: 78 mm/WS am Hauptkanal 4 Keilbälge
Einzelnachweise
Kategorie:Drebber Kategorie:Disposition einer Orgel Kategorie:Kultur (Landkreis Diepholz) Kategorie:Musik (Niedersachsen) Kategorie:Erbaut 1659