Wilhelm Eduard Kannegießer (geb. 1810; gest. 10. April 1845Wilhelm Dost / Erich Stenger, Daguerreotypie in Berlin 1839–1860. Ein Beitrag zur Geschichte der photographischen Kunst, Verlag R. Bredow, Berlin, 1922, S. 90: „Er verschied am 10. April 1845 (nicht, wie irrtümlich früher angegeben wurde, im Jahre 1844) an einer Nervenlähmung…“) war ein deutscher Daguerreotypist und Silberpolierer. Er betrieb von Anfang der 1840er JahreAnna Ahrens, Der Pionier. Wie Louis Sachse in Berlin den Kunstmarkt erfand. Böhlau-Verlag, Köln / Weimar / Wien 2017, S. 241, Fußnote 137: „Über das Datum der Eröffnung von Kannegießers Atelier herrscht Uneinigkeit. In Sachse Photographie 1865, S. 942, etwa ist zu lesen: »Der Silberpolierer im Hossauer’schen Geschäft, Namens Kannegießer, war bei Sachse als Plattenputzer beschäftigt, lernte dort bald das Verfahren kennen und eröffnete – etwa zu Ende des Jahres 1840 oder zu Anfang 1841, selbständig ein Atelier.«“ Im Allgemeinen Wohnungsanzeiger für Berlin, Charlottenburg und Umgebungen, Ausgabe 1843, S. 202, Digitalisat ist W. E. Kannegießer im Jahr 1843 noch als Silberpolierer vermerkt. bis zu seinem frühen Tod im April 1845 eines der ersten Daguerreotypie-Studios in Berlin.Datenbank Berliner Fotografenateliers des 19. Jahrhunderts, Ateliers, K, online: Kannegießer, W. Eduard Atelier-Nr.: 1227 Wilhelmstraße 133: 1843–1845
Lebensweg
Kannegießer arbeitet zunächst als Silberpolierer bei dem Berliner Hof-Goldschmied Johann George Hossauer (1794–1874). Hossauer produzierte die Silberplatten, die – seit Einführung der Daguerreotypie im Jahr 1839 – als Bildträger für Daguerreotypien benötigt wurden. Nach seiner Tätigkeit für Hossauer wurde Kannengießer Plattenputzer bei dem Lithografen, Verleger und Kunsthändler Louis Friedrich Sachse (1798–1877), der vom Herbst 1839 bis Mitte 1843 nebenberuflichFritz Hansen: Der Photographische Verein zu Berlin / Festschrift zur Feier seins fünfzigjährigen Bestehens am 18. November 1913, Berlin 1913, Selbstverlag des Photographischen Vereins zu Berlin, Digitalisat. Darin das Kapitel: Die Anfänge der Photographie in Berlin ab S. 7 bis S. 11, Digitalisat: „Wie schon bemerkt, war mit Ausnahme von Kannegießer das Daguerreotypieren für die Beteiligten ein Nebengeschäft, das zumeist Sonntags betrieben wurde.“ als Daguerreotypist tätig war.Repetitorium. Zur Geschichte der Daguerreotypie in Deutschland. Originaldokumente von Herrn Hofkunsthändler Sachse. In: Photographische Mitteilungen, 1889/1890, Band 26., Nr. 399, September-Heft II, 1889, S. 184, Digitalisat: „Sachse setzte mit grossem Erfolge, […] die Ausübung der Daguerreotypie bis Mitte des Jahres 1843 fort, wo ihn das Drängen seiner Familie und ärztlicher Rath nöthigte, von der wegen der steten Anwendung von Brom- und Quecksilberdämpfen seiner Gesundheit nachtheiligen Beschäftigung abzustehen und sich der nach jeder Richtung gewachsenen Ausdehnung seiner übrigen Geschäftszweige allein zu widmen.“ Als Plattenputzer bei Sachse lernte Kannegießer das Daguerre’sche Verfahren kennen und eröffnete spätestens 1843 ein eigenes Atelier in der Wilhelmstraße 133.Fritz Hansen: Der Photographische Verein zu Berlin / Festschrift zur Feier seins fünfzigjährigen Bestehens am 18. November 1913, Berlin 1913, Selbstverlag des Photographischen Vereins zu Berlin, Digitalisat Darin das Kapitel: »Die Anfänge der Photographie in Berlin« ab S. 7 bis S. 11, Digitalisat Den Aufzeichnungen von Sachse zufolge sei Kannegießer eines Tages unangekündigt seiner Arbeit bei Sachse ferngeblieben. Es stellte sich heraus, dass er Chemikalien veruntreut hatte. Spätestens Anfang Januar 1843 (wahrscheinlich früher) eröffnete Eduard Kannegießer als einer der Ersten in Berlin (nach Johann Carl Conrad Schall und Julius Stiba)Fritz Kempe: Daguerreotypie in Deutschland. Vom Charme der frühen Fotografie. Heering, Seebruck am Chiemsee 1979, ISBN 3-7763-5190-X, S. 57: „Januar 1843 kam als dritter [ortsfester] Daguerreotypist [in Berlin; nach Carl Conrad Schall und Julius Stiba] Eduard Kannegießer (1810–1845) mit einem Atelier in der Wilhelmstraße 133 hinzu.“ ein Atelier ausschließlich zur Anfertigung von Daguerreotypien in der Wilhelmstraße 133.Anna Ahrens, Der Pionier. Wie Louis Sachse in Berlin den Kunstmarkt erfand. Böhlau-Verlag, Köln / Weimar / Wien 2017, S. 241/242
Kannegießer war damit unter den frühesten ortsfesten Daguerreotypisten Berlins; nach dem bereits erwähnten Louis Friedrich Sachse, der Kannegießer in die Daguerreotypie einführte, und nach Johann Carl Conrad Schall (1805–1885) und Julius Stiba; etwa um dieselbe Zeit wie Philipp Graff (1813–1851) und Carl Gustav Oehme (1817–1881).Sibylle Ruth Schmidtsiefen, Die Fotografenfamilie Albert Grundner: 1854–1904. 50 Jahre Ateliergeschichte im Berlin des 19. Jahrhunderts, Diplomarbeit im Fachbereich Gestaltung, Studiengang Museumskunde, an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (FHTW), Berlin, 30. November 2007, S. 12, online: „Als erste Berliner Berufs-Dagerreotypisten dürfen der Porträtmaler und Lithograph Johann Carl Conrad Schall, der Porträtmaler und Zeichenlehrer Julius Stiba sowie der ehemalige Silberpolierer Wilhelm Eduard Kannegießer neben den bereits genannten Graff und Oehme (Mechaniker und Optiker) gelten.“
Kannegießer fixierte seine Aufnahmen durch Chlorgold (Gold(III)-chlorid). Dieses vom französischen Physiker Hippolyte Fizeau entwickelte Verfahren erhöhte den Bildkontrast, band das Quecksilber fester an die SilberplatteKlaus op ten Höfel: Die Entwicklung der Fotochemie und Fototechnik 1839 bis 1855, S. 17 bis 26, S. 20. In: »In unnachahmlicher Treue«. Photographie im 19. Jahrhundert – Ihre Geschichte in den deutschsprachigen Ländern. Museen der Stadt Köln, Oktober 1979 und gab der Aufnahme einen wärmeren Ton.
Bei der Gewerbeausstellung des Jahres 1844 in Berlin („Allgemeine Ausstellung deutscher Gewerbserzeugnisse 1844“) waren „sechs Lichtbilder in verschiedenen Rahmen“ von Wilhelm Eduard Kannegießer ausgestellt,Wilhelm Dost / Erich Stenger, Daguerreotypie in Berlin 1839–1860. Ein Beitrag zur Geschichte der photographischen Kunst, Verlag R. Bredow, Berlin, 1922, S. 87 was zu seiner Bekanntheit beigetragen haben dürfte. Kannegießer verkaufte seine Daguerreotypien zu vergleichsweise niedrigen Preisen und zog so viel Kundschaft an.Fritz Hansen: Der Photographische Verein zu Berlin / Festschrift zur Feier seins fünfzigjährigen Bestehens am 18. November 1913 von Fritz Hansen, Berlin 1913, Selbstverlag des Photographischen Vereins zu Berlin, Digitalisat Darin das Kapitel: „Die Anfänge der Photographie in Berlin“ ab S. 7 bis S. 11, Digitalisat. Siehe auch: Fritz Kempe: Daguerreotypie in Deutschland. Vom Charme der frühen Fotografie. Heering, Seebruck am Chiemsee 1979, ISBN 3-7763-5190-X, S. 57. Kannegießers Atelier war zumindest anfangs durchaus ertragreich.Fritz Hansen: Der Photographische Verein zu Berlin / Festschrift zur Feier seins fünfzigjährigen Bestehens am 18. November 1913 von Fritz Hansen, Berlin 1913, Selbstverlag des Photographischen Vereins zu Berlin, Digitalisat. Darin das Kapitel: »Die Anfänge der Photographie in Berlin« ab S. 7 bis S. 11, Digitalisat „Obwohl er brillante Geschäfte machte, starb er doch […] im Jahre 1844 in ziemlich gedrückten Verhältnissen.“ Aufsehen erregte er damit, dass er in einer von vier Schimmeln gezogenen Kutsche durch Berlin fuhr.Fritz Kempe: Daguerreotypie in Deutschland. Vom Charme der frühen Fotografie. Heering, Seebruck am Chiemsee 1979, ISBN 3-7763-5190-X, S. 57. S.a.: Wilhelm Dost / Erich Stenger, Daguerreotypie in Berlin 1839–1860. Ein Beitrag zur Geschichte der photographischen Kunst, Verlag R. Bredow, Berlin, 1922, S. 73 Nachgesagt wurde ihm „Schlemmerei“ und ein verschwenderischer Lebensstil.Repetitorium. Zur Geschichte der Daguerreotypie in Deutschland. Originaldokumente von Herrn Hofkunsthändler Sachse. In: Photographische Mitteilungen, 1889/1890, Band 26., Nr. 399, September-Heft II, 1889, S. 184, Digitalisat Als er am 10. April 1845 starb, hinterließ er seine Witwe und zwei unmündige Kinder weitgehend mittellos.Wilhelm Dost / Erich Stenger, Daguerreotypie in Berlin 1839–1860. Ein Beitrag zur Geschichte der photographischen Kunst, Verlag R. Bredow, Berlin, 1922, S. 73/74 und S. 100
Als Todesursache wird Nervenlähmung angegeben, angeblich durch Gift verursacht, was zu Gerüchten über Selbstmord führte.Wilhelm Dost / Erich Stenger, Daguerreotypie in Berlin 1839–1860. Ein Beitrag zur Geschichte der photographischen Kunst, Verlag R. Bredow, Berlin, 1922, S. 100/101 Kannegießer war keineswegs der einzige Berliner Daguerreotypist, der jung starb. Das Hantieren mit giftigen Fotochemikalien wie Quecksilber, Chlor und Brom war gesundheitsschädlich. Wilhelm Eduard Kannegießer wurde 35, Philipp Graff wurde 37, Max Petsch wurde 48, Theodor Prümm wurde 49, Max Pflaum wurde 55 Jahre alt.Sibylle Einholz: Der Verein für die Geschichte Berlins im Spiegel der Fotografiegeschichte. Erschienen im Jahrbuch 2006 des Vereins für die Geschichte Berlins, Fußnote 81, Digitalisat Leopold Ahrendts starb 44-jährig an einem Hirnschlag. Friedrich Wilhelm Dost wurde nur 35 Jahre alt.Fritz Kempe, Kapitel: Daguerreotypie und Daguerreotypisten in Deutschland, S. 48. In: »In unnachahmlicher Treue«. Photographie im 19. Jahrhundert – ihre Geschichte in den deutschsprachigen Ländern. Museen der Stadt Köln. Eine Ausstellung der Josef-Haubrich-Kunsthalle Köln in Zusammenarbeit mit dem Foto-Historama Agfa-Gevaert Leverkusen vom 8. September bis 21. Oktober 1979, Köln 1979 Der bekannte Hamburger Daguerreotypist Carl Ferdinand Stelzner war 1854 durch den ständigen Umgang mit Fotochemikalien erblindet.Wilfried Wiegand (Hrsg.), Frühzeit der Photographie 1826–1890, Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-7973-0339-4, S. 55, Bildunterschrift: „Unbekannter Mitarbeiter Carl Ferdinand Stelzners: Der blinde Stelzner, um 1860. Der Hamburger Daguerreotypist war 1854 durch den ständigen Umgang mit Photochemikalien erblindet.“
Das Atelier Kannegießer führten dessen Witwe, Friedrich Wilhelm Dost und Friedrich de la Haye für kurze Zeit weiter. Friedrich de la Haye war Maler; Friedrich Wilhelm Dost, ein gelernter Strumpfwirker aus dem Erzgebirge, hatte zuvor schon für Carl Theodor Dörffel und Louis Sachse und zuletzt bei Kannegießer gearbeitet, bis er sich mit Unterstützung des Goldschmieds Hossauer mit einem eigenen Studio in der Großen Frankfurter Straße 80 als Daguerreotypist selbständig machen konnte.Fritz Kempe: Daguerreotypie in Deutschland. Vom Charme der frühen Fotografie. Heering, Seebruck am Chiemsee 1979, ISBN 3-7763-5190-X, S. 58.
Im Laufe der 1850er Jahre wurde die Daguerreotypie allmählich durch verbesserte fotografische Verfahren verdrängt, die ein Negativ erzeugten und Abzüge ermöglichten.Brian Coe: Das erste Jahrhundert der Photographie. 1800–1900. Gondrom, Bindlach 1986, ISBN 3-8112-0484-X, S. 19/20: „Das Daguerreotypie-Verfahren blieb in Europa bis zur Mitte der 1850er Jahre allgemein in Gebrauch; in den Vereinigten Staaten noch länger.“ S. a.: Institut für Auslandsbeziehungen (Hrsg.), Porträtfotografie in Deutschland 1850–1918, Ausstellungsserie Fotografie in Deutschland von 1850 bis heute, zusammengestellt von Claudia Gabriele Philipp, verantwortlich: Hermann Pollig, Nora Friedrich, Ostfildern bei Stuttgart, 1991, S. 7: „Sämtliche […] Verfahren aus der Frühzeit der Fotografie erlaubten keine direkte Reproduktion durch Abzüge. Entwicklungsgeschichtlich führten sie in eine Sackgasse und verloren ihre Bedeutung für die Bildproduktion im großen und ganzen um 1860.“
Literatur
Wilhelm Dost / Erich Stenger, Daguerreotypie in Berlin 1839–1860. Ein Beitrag zur Geschichte der photographischen Kunst, Verlag R. Bredow, Berlin, 1922
Anna Ahrens, Der Pionier. Wie Louis Sachse in Berlin den Kunstmarkt erfand. Böhlau-Verlag, Köln / Weimar / Wien 2017, S. 241/242
Fritz Kempe: Daguerreotypie in Deutschland. Vom Charme der frühen Fotografie. Heering, Seebruck am Chiemsee 1979, ISBN 3-7763-5190-X