Healing Fiction (japanisch ヒーリングフィクション; auch healing literature oder dt. Literatur der Heilung) ist ein neuerer Boom des japanischen Buchmarkts und kann als Bibliotherapie light bezeichnet werden. Er setzt, wenn man ihn zurückverfolgen und klarer bestimmen will, die mit Esoterik unterlegte iyashi-Strömung der 1990er Jahre fort und erweitert diese um den Faktor Resilienz sowie um ein klarer umrissenes Figuren- und Motivinventar.

War die iyashi bungaku dazu angelegt, Leser zu „trösten“, gewährt Healing Fiction zwar eine Auszeit und Entspannung durch das Angebot zur Immersion in den Textfluss, fordert aber auch den Betroffenen in vielen Fällen mehr Eigenleistung ab; die meist in Form von „Resilienzromanen“ erscheinende neue Healing Fiction kam in ihrer spezifischen Ausprägung nach der Dreifachkatastrophe von Fukushima (11. März 2011) auf und reagierte explizit oder implizit auf das einschneidende zeitgeschichtliche Ereignis – auf medienkommunikativer Ebene (im Sinne von PR) kann sie daher auch als Issue Management gesehen werden.

Healing Fiction beinhaltet nicht selten ein Set an Anleitungen zur besseren Lebensführung (ikikata no hon), d. h. ein Element des Coachings, welches unauffällig eingearbeitet wird. Die Texte entwerfen Szenarien, in denen es den Protagonisten gelingt, belastende Situationen zu überwinden und die seelische Gesundheit zurückzugewinnen. Generell ist Healing Fiction der Unterhaltungssparte zuzurechnen und erweist sich als Schemaliteratur mit der Botschaft der Ermutigung und dem Appell, Schwierigkeiten zu überwinden, um am Ende im Einklang mit sich und den Mitmenschen zu leben.

Buchmarkttrend Der Buchmarkttrend Healing Fiction setzte in Japan zu Beginn der 2010er Jahre ein und wurde spätestens in den 2020ern insbesondere nach den bedrückenden Erfahrungen mit der Corona-Pandemie und den Lockdowns sogar weltweit populär. Einschlägige Bücher wurden u. a. ins Englische und Deutsche übersetzt, wobei sich die Bände seit dem Erscheinen von Yagisawa Satoshis (* 1977) 2010 bei Shôgakukan publiziertem Roman Morisaki shoten no hibi (Die Tage in der Buchhandlung Morisaki, dt. 2023) bis hin zu einem Band wie Kirschblüte in der Freitagsbuchhandlung (dt. 2026; Kinyôbi no honyasan, 2016) von Natori Sawako (* 1973) auch von der äußeren Aufmachung her erstaunlich ähnlich sind: Freundliche Farben, pittoreske Ansichten japanischer Häuserfronten im Retro-Stil, Kirschbäume, Katzen und freundliche Kunden.

Der Trend zur „Wohlfühlliteratur“ ist auch in Korea und anderen asiatischen Ländern feststellbar, ebenso gibt es im Westen Texte, die als Healing Fiction gelten können.

Inhalte, Schauplätze, Figurenkonstellation und Erzählweise Der Trend hält bis ins Jahr 2026 an und ebbt vermutlich so schnell nicht ab. Bücher der Healing Fiction versprechen Entspannung und Entschleunigung, sozusagen literarische Wellness. Sie sind als Schemaliteratur einzuordnen, die die Lesenden weder intellektuell noch emotional überfordert, sondern angenehme Gefühle auslösen möchte. Übersichtlich getaktete Abschnitte (die Handlung erstreckt sich häufig über ein Jahr hinweg), Identifikationsfiguren (der Schüler und das richtungsweisende Vorbild), Leitmotive und Örtlichkeiten, die für Ruhe, Me-Time, Zuwendung und Selbstfindung stehen. Typische Healing Fiction aus Japan kann auch den Subgenres neko bungaku (Katzenliteratur) oder shoten shôsetsu (Buchladenroman) angehören.

Generell handeln die Bücher von Protagonisten in einer schwierigen Situation, seien es Traumata, familiäre Probleme, Probleme am Arbeitsplatz, Trennung von Freund / Freundin oder von psychischen Problemen, Selbstzweifeln, Sinnkrisen und Minderwertigkeitskomplexen. Durch die Begegnung mit einem besonderen Ort und den sich dort befindenden einfühlsamen Menschen (respektive Wesen) erfährt der Protagonist Akzeptanz. Sein psychosozialer Stress verringert sich, und er findet allmählich zu sich selbst, wobei die Texte häufig auf bindungspsychologische Konzepte zurückgreifen. Zu den heilenden Orten zählen die typischen Retrokulissen, die über eine anheimelnde Aura verfügen. Das erfahrene Personal trägt entscheidend zur positiven Wirkung dieser fiktiven liminalen Zonen der Initiation und Identitätsfindung bei.

Für die Erkenntnis der eigenen Lage und für die Neuorientierung der Protagonisten sind Buchläden, Antiquariate und Bibliotheken wichtige Schauplätze, gefolgt von gastronomischen Betrieben, Restaurants oder Cafés sowie Ladengeschäften, die z. B. mit Schreibwaren handeln – einzuordnen etwa auch als „Third Spaces“ (nach Ray Oldenburg, 1989). Manches Mal befindet sich in ihnen ein Portal, das dem Ratsuchenden die Möglichkeit gibt, in die Anderswelt (oft ikai oder isekai genannt; ein beliebtes Motiv jap. Phantastik) vorzustoßen, um dort belastende Zweifel und Kummer aufzulösen – so etwa in der Reihe von Toshikazu Kawaguchi (* 1971), dessen erstes Stück (aus dem Jahr 2010) Bevor der Kaffee kalt wird (jap. Kôhȋ ga samenai uchi ni) 2015 bei Sunmark als erzählende Prosa in Buchform veröffentlicht wurde.

Neben den Örtlichkeiten, die Enklaven der Besinnung zur Verfügung stellen, sind die „heilenden Figuren“ und natürlich die Trost- und Ratsuchenden ein zentraler Bestandteil der Healing Fiction nach japanischem Muster. Ein gutes Beispiel für solche beinahe mit übernatürlichen Kräften begabte Mittlerfiguren mag die Bibliothekarin Komachi Sayuri aus Aoyama Michikos (* 1970) Frau Komachi empfiehlt ein Buch (jap. 2020, dt. 2023) genannt werden. Als Heilpersonal treten zum einen oft ältere Personen mit viel Erfahrung auf, die als überzeugendes Beispiel für ein lebenswertes Leben dienen, auch wenn sie auf den ersten Blick vielleicht Schwächen aufweisen mögen. Zum anderen können deutlich als magische Entitäten erkennbare Figuren (Katzen) oder Geister als Berater bzw. Seelenführer fungieren. Beispiel: Natsukawa Sôsukes Die Katze, die von Büchern träumte (jap. 2017, dt. 2022). Auffallend ist, dass in der Healing Fiction das Medium Buch und dessen Heilsamkeit ein ums andere Mal betont werden. Insofern beinhaltet Healing Fiction sehr oft ein Plädoyer fürs Lesen und das Bewahren der Kultur des Gedruckten.

Für die Erzählweise charakteristisch sind Kapiteleinteilungen nach bestimmten Ordnungsprinzipien wie eben einer repräsentativen Personengruppe, Jahreszeiten, Rezepten o. ä., so dass die eingängige Komposition dem Leser, der Unterhaltung und Entspannung sucht, entgegenkommt. In manchen Büchern beschreibt der Autor eine Reihe von auftretenden Personen vom Rentner bis zur Schülerin aus unterschiedlichen Altersklassen und Berufssparten, um möglichst vielen Lesern Identifikationsfiguren anzubieten. Der jeweilige Inhalt wird „flach“, d. h. anti-dramatisch gehalten, es gibt kaum aufwühlende Dialoge oder Szenen. Betont werden die Alltäglichkeit und das überschaubare Dahinfließen von Ereignissen, die auf ein positives Ende hinsteuern, an dem die Hauptfigur seelische Gesundung und persönliches Wachstum erfährt, Mut gefasst hat und der Erreichung ihrer Ziele näher rückt. Ab und an erfolgt der Trost dann auch im Jenseits (z. B. bei Sanaka Hiiragi). Alltäglichkeit (nichijôsei) und die introspektivische Schilderung alltäglicher Tätigkeiten bzw. beruflicher Verrichtungen mit einer gewissen meditativen Komponente sind in der japanischen Literatur angelegt.

Kritik Ein Positivum der Healing Fiction ist es sicher, dass sie als Literatur neue Leserschichten erreicht und damit zur allgemeinen Leseförderung beiträgt. Würde allerdings nur noch Healing Fiction aus dem Japanischen übersetzt, würde dies den Horizont der Leser unangemessen verengen.

Die Texte sind, wenn man sie so liest, als Realitätssupressivum gedacht, das die Ohnmachtsgefühle im Alltag und hässliche Realitäten für eine Weile vergessen lassen. Sie ermöglichen mentale Entspannung und den Rückzug in eine geschützte Welt der Innerlichkeit, dienen also zum Emotionsmanagement. Healing Fiction erweist sich in den meisten Fällen als Produkt von Textschreibern (Copywriter) der Kreativindustrie, die intellektuelle und sprachästhetisch orientierte Schriftsteller mit komplexeren Werken ersetzen, um mittels J-Content die gängigen Narrative von noch möglicher Glücksfindung in zunehmend kälteren Zeiten zu verbreiten. Copywriter Content kann freilich für sich eine gesteigerte Weltmarktförmigkeit verbuchen und übertrifft damit auf ökonomischer Basis die japanische literarische Literatur.

Literatur Lisette Gebhardt (2024): „,Japanische Resilienzromane‘. Die Genese eines Genres der zeitgenössischen Bestsellerliteratur“. In: Lisette Gebhardt und Christian Chappelow (Hg.): Formationsprozesse japanischer Literatur. Selbstreflexionen, Metafiktion und die Relevanz des Mediums. Berlin: EB-Verlag, S. 191–219.

Einzelnachweise

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