Ortwin Giebel (* 21. Februar 1926 in Bremerhaven; † 11. Mai 2020) war ein deutscher Mediziner und Hochschullehrer. Er war Anästhesist, Chefarzt der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin am Evangelischen Krankenhaus in Mönchengladbach sowie Professor für Anästhesiologie an der RWTH Aachen. Nach ihm wurde das Giebel-Rohr benannt. Ortwin Giebel „gilt als der geistige Vater und Entwickler der Totraumvergrößerung als effektive und einfach anwendbare Atemhilfe.“Traueranzeige von Ortwin Giebel in der Rheinischen Post vom Arbeitgeber Evangelisches Krankenhaus Bethesda Mönchengladbach (PDF).Ortwin Giebel: Prä- und postoperative Atemgymnastik durch Verwendung eines künstlichen, dosierbaren Totraumvergrößerers. In: Der Anästhesist. Jahrgang 13, 1964, Nummer 4, S. 103. Er arbeitete parallel auch an der Entwicklung moderner Beatmungsgeräte.Katharina Tobolt: Prof. Dr. Karl Horatz (1913 - 1996) – erster Ordinarius für Anästhesiologie in Deutschland – Leben - Werk - Wirkung. Dissertation, Hamburg 2014.

Leben Ortwin Giebel wurde 1956 in Hamburg zum Doktor der Medizin promoviert, wo er sich auch 1968 habilitierte. Von 1968 bis 1991 war er Chefarzt der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin des Evangelischen Krankenhauses Bethesda in Mönchengladbach. Ab 1974 lehrte er zudem als außerplanmäßiger Professor für Anästhesiologie an der RWTH Aachen.Giebel, Ortwin. Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s Who. 50. Auflage. Schmidt-Römhild, Lübeck 2011, ISBN 978-3-7950-2052-1, S. 347. 1968 hatte er den Karl-Thomas-Preis erhalten.Giebel, Ortwin. In: Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s Who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 375.

Giebelrohr Früher (etwa von 1960 bis 1980) verwendete man das Giebel-Rohr (Giebel-Tubus) in der Atemgymnastik zur Totraumvergrößerung.Ortwin Giebel: Ventilation, Gasaustausch und Kreislauf unter künstlicher Totraumvergrößerung. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1969. Es handelt sich um ein Kunststoffrohr aus mehreren ineinandersteckbaren Segmenten (mit jeweils 100 ml Rauminhalt) zur stufenweisen Vergrößerung des Totraums. „Die Mundatmung durch das Rohr (mit einer Nasenklemme) führt zur Erhöhung des alveolaren CO2-Partialdruckes; dadurch Atemantrieb und Steigerung der Ventilation“.Gabriele Kaczmarczyk in: Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch, 254. Auflage, Verlag Walter de Gruyter, Berlin / New York 1982, ISBN 3-11-007187-8, S. 414. Ähnlich diesem Giebelschen TotraumvergrößererGünter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung 1966–1977, 3. Ordner (F–Hyperlysinämie), München / Berlin / Wien 1973, ISBN 3-541-84005-6, S. G 119. arbeitet der Schnorchel beim Tauchen. „Eine Ventilationssteigerung ist [hierbei] erforderlich, um den vorgeschalteten Totraum zu kompensieren.“Hans Ehrenberg, Klaus Jückstock, Hans Witt: Techniken der Krankengymnastik. In: Horst Cotta, Wolfgang Heipertz, Antje Hüter-Becker, Gerhard Rompe (Hrsg.): Krankengymnastik. Taschenbuch in zwölf Bänden. Band 1: Grundlagen, Techniken. 3. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart / New York 1990, ISBN 3-13-600103-6, S. 90–318, hier: S. 268.G. Primer, W. Quarz: Die Totraumvergrößerung als atemtherapeutische Methode in der Lungenchirurgie. In: Beiträge zur Klinik und Erforschung der Tuberkulose und der Lungenkrankheiten. Band 135, 1967, S. 357–363, doi:10.1007/BF02091965.Ortwin Giebel: Der Einfluß künstlicher Totraumvergrößerung auf Ventilation und Blutgase. 79. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. In: Langenbecks Archiv für Chirurgie und Deutsche Zeitschrift für Chirurgie. Band 301, 1962, S. 543–548.

Das Giebelrohr hat heute vorwiegend historische Bedeutung. In der modernen prä- und postoperativen Atemtherapie kommen andere Verfahren zum Einsatz, darunter das inspiratorische Muskeltraining.Masanori Katsura, Akira Kuriyama, Taro Takeshima, Shunichi Fukuhara, Toshi A. Furukawa: Preoperative inspiratory muscle training for postoperative pulmonary complications in adults undergoing cardiac and major abdominal surgery. In: Cochrane Database of Systematic Reviews. 2015, Nummer 10, CD010356, doi:10.1002/14651858.CD010356.pub2.

Geschichte Die therapeutische Vergrößerung des Totraums war bereits lange vor den Arbeiten von Ortwin Giebel bekannt. W. J. Merle Scott und Elliott C. Cutler beschrieben bereits 1928 die Behandlung postoperativer Atelektasen durch eine mittels Kohlendioxid-Rückatmung hervorgerufene Steigerung der Lungenventilation.W. J. Merle Scott, Elliott C. Cutler: Postoperative Massive Atelectasis: II. The Effect of Hyperventilation with Carbon Dioxide. In: Journal of the American Medical Association (JAMA). Band 90, Nummer 22, 1928, S. 1759–1763, doi:10.1001/jama.1928.02690490001001. Außerdem propagierten Seymour I. Schwartz, William Andrew Dale und Hermann Rahn 1957 ein Totraum-Rückatmungsrohr zur Vorbeugung von Atelektasen, das bei mehr als 1000 Patienten erprobt worden war.Seymour I. Schwartz, W. Andrew Dale, Hermann Rahn: Dead-space rebreathing tube for prevention of atelectasis. In: Journal of the American Medical Association (JAMA). Band 163, Nr. 14, 1957, S. 1248–1251, doi:10.1001/jama.1957.02970490046010.

Auch in Deutschland gab es (um 1927) lange vor Giebels Arbeiten entsprechende Untersuchungen.A. Dzialoszynski: Apparatus zur Kohlensäureinhalation und bildliche Darstellung der Kohlensäureanwendung am Kranken. In: Deutsche Zeitschrift für Chirurgie. Band 205, 1927, S. 22 ff.E. Fisher: Prevention of Postoperative Lung Complications by Inhalation of Carbon Dioxide. In: Zentralblatt für Gynäkologie. Band 52, 1928, S. 2010; erschienen am 11. August 1928.Yandell Henderson, Howard Wilcox Haggard, Pol N. Coryllos, George L. Birnbaum, Ellen M. Radloff: The Treatment of Pneumonia by Inhalation of Carbon Dioxide. I. The Relief of Atelectasis. In: Archives of Internal Medicine. Band 45, Nummer 1, Januar 1930, S. 72–91, doi:10.1001/archinte.1930.00140070079006.

Ortwin Giebel untersuchte das Verfahren dann seit den 1960er Jahren systematisch und entwickelte die künstliche Totraumvergrößerung insbesondere als Methode zur Behandlung von Atelektasen weiter.Ortwin Giebel, Karl Horatz: Die Anwendung künstlicher Totraumvergrößerung zur Behandlung von Atelektasen. In: Bruns’ Beiträge für klinische Chirurgie. Band 214, Nummer 3, 1967, S. 375–381, PMID 5585184.

Einzelnachweise

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