Populismus war eine französische Literaturströmung des 20. Jahrhunderts. Ihre Vertreter wollten das einfache Volk sowohl realistisch, als auch wohlwollend beschreiben, sich dabei aber Wertungen enthalten.Léon Lemonnier , Populisme, Paris: La Renaissance du Livre, 1931 (S. 190).POPULISME nom masculin: 3, auf: dictionnaire-academie.fr (9. Ausgabe), abgerufen am 29. März 2026 (französisch). Als literarische Schule trat der Populismus insbesondere in der Zwischenkriegszeit in Erscheinung.Veronique Trottier , Le populisme et le roman populiste dans la France de l'entre-deux-guerres (PDF, 2,2 MB), Thesis, Québec: Université du Québec, 2009, ISBN 978-0-494-57152-1 (S. 3), online auf: collectionscanada.gc.ca, abgerufen am 29. März 2026 (französisch).François Ouellet und Véronique Trottier , „Populisme pas mort. Présentation“, in: Études littéraires 44, Nr. 2 (2013), S. 10, online auf: erudit.org (14. März 2014), abgerufen am 29. März 2026 (französisch).Léon Lemonnier erklärte in Populisme (1931), daß es sich bei den Romanciers Populistes „genau genommen, nie um eine Schule gehandelt“ habe. Durch die programmatische Lagerbildung rund um den „roman du peuple“ und die weitere literaturkritische Außereinandersetzung wurden die Populisten schließlich dennoch als gemeinsame Schule wahrgenommen. Nach: Veronique Trottier , S. 22. Der aus dem Populismus hervorgegangene Prix du roman populiste existiert aber auch im 21. Jahrhundert noch.Histoire du prix Eugène Dabit, auf: prixeugenedabit.fr (2025), abgerufen am 27. März 2027 (französisch).
Geschichte 1929 veröffentlichte der Autor und Literaturkritiker Léon Lemonnier das Manifeste littéraire : le roman populiste und verkündete darin, gemeinsam mit André Thérive die Gruppe Romanciers Populistes zu gründen.Léon Lemonnier, „Un manifeste littéraire : Le roman populiste“, zuerst in: L’Œuvre (27. August 1929), S. 4, online auf: bnf.fr (12. September 2016), abgerufen am 29. März 2026 (französisch). Im Mai 1930 initiierte Lemonnier mit dem Maler André Hofer von der École de Montmartre und dem Theatermacher Matei Rousseau zudem eine interdisziplinäre Populistenkoalition. Von Oktober bis November 1933 fand in der Pariser Galerie Barreiro der erste gemeinsame Salon Populiste statt.Trottier , S. 68–69.
Programmatik Der „roman populiste“ war nicht populistisch im Sinne des politischen Populismus konzipiert. Der Begriff „populiste“Das Adjektiv populiste lässt sich erstmals 1907 im Französischen nachweisen. Laut Trésor de la langue française bezeichnete es das „Mitglied einer Partei, die sozialistische Ideen vertritt (in Russland)“. Ab 1929 verweist der TLF bereits auch auf Lemonniers romanciers populistes. Siehe: Elise Buclin, Vincent Vandierendouck et al., Les premiers populismes, auf: lecourrier.ch (5. Januar 2015), abgerufen am 29. März 2026 (französisch), sowie Paveau , S. 47. versteht sich eher wie die Volkstümlichkeit der russischen NarodnikiLemonnier hatte allerdings nie selbst Bezug auf die Narodniki genommen; die Verknüpfung findet sich aber z. B. im Umfeld des Prix du roman populiste. In Bezug auf die Namenswahl hatte Lemonnier erklärt, er habe statt „populiste“ kurzzeitig die Begriffe „humilisme“ und „demotisme“ erwogen – aber „populiste“ sei suggestiver und stehe für „Negation und Opportunismus“ (Paveau , S. 48, sowie Ouellet und Véronique Trottier , S. 48). Das Etikett populiste diente ihm letztlich als Kampfbegriff gegen „die Autoren, die Nabelschau betreiben“ (Leon Lemonnier , S. 114–115). sowie als lexikalische Antithese zum bürgerlichen „Snobimus der modernen Literatur“.Ouellet und Trottier , S. 8. Inhaltlich sollte im „roman populiste“ demnach nicht mehr die „feine Gesellschaft“ im Zentrum stehen, sondern das Volk aus einfachen Milieus: „die kleinen Leute, die Durchschnittsmenschen, die die breite Masse der Gesellschaft sind“. Gleichwohl grenzten sich die Populisten entschieden von der Engagierten Literatur und anderen sozial orientierten Doktrin ab – für sie galt es als „Ehrensache, sich weder gesellschaftlich, noch politisch zu engagieren“ und „Sklave keiner Institution“ zu sein. Der Populismus solle nicht parteiisch sein, sondern Dokumente erschaffen, die „viel später helfen würden, ihre Epoche zu verstehen“.Trottier , S. 77 und 33. Stilistisch lehnten die Romanciers Populistes sowohl die „verstaubte“ Sprache der NaturalistenDen Naturalismus selbst sah Thérive als eine Art Fingerübung, die man „hinter sich lassen kann, die man aber nicht mehr ignorieren darf“, denn es gehe nicht darum, „auf ewig ein festes Vorbild zu kopieren, sondern einem sich wandelnden Vorbild mit Aufmerksamkeit und Liebe zu folgen“. In: André Thérive, „Plaidoyer pour le naturalisme“, in: Comœdia (3. Mai 1927). Der neue „naturalisme social“ für den Thérive sich aussprach, gilt die Vorstufe zum Populismus. Nach: Ouellet und Trottier , S. 10. ab, als auch die der modernen „littérature snob“. Sie waren gegen den psychologischen Roman und den Ästhetizismus, „gegen alles, was man gemeinhin als moderne Literatur bezeichnet. […] Wie das einfache Volk verabscheuen [sie] jede Art von Affektiertheit.“Lemonnier , S. 194–198. Entsprechend stellten sich die Populisten gegen formelle Innovationen.Vincent Berthelier, Le style réactionnaire. Positions de la droite littéraire française sur la langue et le style au XXe siècle (PDF, 3,7 MB), Thesis, Sorbonne université & Université de Lausanne, 2021, (S. 87), online auf: theses.hal.science (26. Oktober 2022), abgerufen am 29. März 2026 (französisch). Ihre Werke oriertierten sich am „klassischen literarischen Stil“ und sollten „die große Tradition des französischen Romans“ fortführen, indem sie „nicht auf glanzvolle Fantasie setzen, sondern auf aufrichtige und mutige Beobachtung“.Léon Lemonnier, Manifeste du roman populiste, Paris: La Centaine, 1929 (S. 81). Als wichtigste Vorbilder in diesem Sinne galten ihnen Gustave Flaubert, Guy de Maupassant und Joris-Karl Huysmans. Zudem bekannte sich der Salon populiste von 1932 zum Einfluss u. a. von Saint-Georges de Bouhélier, Lucien Descaves, Georges Duhamel, Jules Romains, J.-H. Rosny aîné und Charles Vildrac.Ouellet und Trottier , S. 12.
Populistische Autoren und Werke Neben Léon Lemonnier und André Thérive zählten Louis Chaffurin, Louis-Jean Finot, Louis Guilloux und Céline Lhotte zum Kern der Romanciers Populistes. Dem Populismus zugerechnet (teilweise aber ohne eigenes Bekenntnis inkorporiert) wurden u. a. auch André Baillon, André Chamson, Antonine Coullet-Tessier, Eugène Dabit, Luc Durtain, Léon Frapié, Claire Goll, Frédéric Lefèvre und Thyde Monnier.Ouellet und Trottier , S. 15.
Zu den Romanen des Populismus zählen u. a. Léon Lemonnier, La Femme sans péché (1927) – laut Lemonnier ein exemplarischer Roman für den PopulismusMatthias Kern, Portrait d’une classe haïssable. Surveillance, sélection et résignation de la classe ouvrière dans L’Usine (1931) de Jean Pallu, in: Elfe XX–XXI, 15 (2025), auf: journals.openedition.org (6. Oktobrer 2025), abgerufen am 29. März 2026 (französisch). André Thérive, Sans âme (1928) und Le charbon ardent (1929) Eugène Dabit, Hôtel du Nord (1929) unter gleichem Titel auf Deutsch von Julia Schoch, Frankfurt am Main: Schöffling & Co, 2015, ISBN 978-3-89561-166-7. Jean Pallu, L’Usine (1931) Antonine Coullet-Tessier, Chambre à louer (1932)
Mit Eugène Dabits Poèmes populistes (1941) liegt zudem ein populistischer Lyrikband vor.Eugène Dabit, Poèmes populistes (1924–1925), mit einem Vorwort von Léon Lemonnier, Paris: Denoël, 1941.
Rezeption Nach Erscheinen des Manifests war der Erfolg des Populismus „unmittelbar und durchschlagend“, d. h. er zog zahlreiche Autoren an und stieß Kontroversen an. Sowohl der Name als auch die Programmatik der Schule führten aber in der politisch wie künstlerisch polarisierten Zwischenkriegszeit zu Missverständnissen und Widerspruch. Relativ wenige Angriffe kamen von konservativen und rechten Kritikern, obwohl viele von ihnen für den bürgerlichen Roman standen, den die Populisten schmähten. Stattdessen wurden die Populisten hauptsächlich von Kritikern der Linken sowie von Vertretern der Arbeiterliteratur attackiert.Ouellet und Trottier , S. 14.Die sogenannten „romanciers du peuple“ – also programmatische Autoren, die über das Proletariat oder das Kleinbürgertum schreiben – unterteilten sich in den 1930ern grob in drei konkurrierende Fraktionen: die apolitischen „populistes“ (um Thérive und Lemonnier), die „proletariens (um Henry Poulaille und Henri Barbusses Wochenzeitung Monde) und die „ecrivains communistes“ bzw. realistes socialistes“ (wie Louis Aragon et Paul Nizan). Nach: Veronique Trottier , S. 18. Sie warfen den Populisten u. a. das Fehlen eines sozialen ProjektesMarie-Anne Paveau , Le « roman populiste » : enjeux d’une étiquette littéraire, in: Mots. Les langages du politique Nr. 55 (1998), S. 45–59, online auf: persee.fr, abgerufen am 29. März 2026 (französisch). sowie ein apolitischer Zugriff auf Fragen des proletarischen Milieus vor. Henry Poulaille, seinerseits Mitbegründer der Groupe des écrivains prolétariens, bemängelte etwa, dass das Adjektiv populiste sinnfrei sei und nichts konkretes ausdrücke.In: Henry Poulaille, Nouvel Age litteraire (1930), zitiert nach: Trottier , S. 30. Er stellte den Populismus als rein bürgerliches Projekt dar und warf den akademisch geprägten PopulistenDer aus großbürgerlicher Familie stammende André Thérive war Absolvent der Privatschule Collège Stanislas, der Eliteschule Lycée Louis-le-Grand und der Faculté des Lettres (geisteswissenschaftlichen Fakultät) der Universität Paris. Nach: Marie Gueden, “Relations liminaires entre le populisme littéraire d’André Thérive et le cinéma français au tournant des années 1930”; nach: Mise au point, 22 (2025), online auf: journals.openedition.org (12. Dezember 2025), abgerufen am 29. März 2026 (französisch). Léon Lemonnier war u. a. an den Pariser Eliteschulen Lycée Louis-le-Grand und Lycée Henri IV als Englischlehrer, sowie als Dozent an der Sorbonne tätig. Nach: Nadia Fartas, Léon LEMONNIER (1890-1953), auf: univ-paris-diderot.fr (20. Dezember 2016), abgerufen am 29. März 2026 (französisch). vor, das Proletariat zu vereinnahmen. Besonders störte Poulaille sich an der wohlwollende „Aneignung des Volkes“, ohne dieses zu „erheben“ oder seine Rechte zu verteidigen. Andere Kritiker attestiertem dem Populismus eine pessimistische Haltung oder bemängelten Lemonniers oberflächliche Theorie, welche zudem einen konservativen Charakter habeTrottier , S. 36. und nicht zur Erneuerung des Romans beitrage.
Seit 1931 wird der Prix du roman populiste vergeben. Gestiftet wurde er von Antonine Coullet-Tessier, die sich dabei von Lemonniers Manifest inspiriert ließ.Matthias Kern, Die Krise der Ehe im entre-deux-guerres. Populismus und Modernekritik bei Léon Lemonnier und Antonine Coullet-Tessier (S. 301), in: Teresa Hiergeist und Christina Wieder (Hg.), Brüchige Ehen, Bielefeld: transcript Verlag, 2023. ISBN 978-3-8394-6353-6, online auf: transcript-open.de (6. Februar 2023), abgerufen am 2. April 2026. Der Preis würdigt ein französischsprachiges Romanwerk, das „Menschen aus dem Volk als Figuren und volkstümliche Milieus als Schauplätze bevorzugt, sofern daraus eine authentische Menschlichkeit hervorgeht“.Antonine Coullet-Tessier (1931) nach: Antoine Oury, Toujours soucieux du peuple, le Prix Eugène Dabit se renomme, auf: actualitte.com (6. Oktober 2025), abgerufen am 29. März 2026 (französisch). Zu den Preisträgern gehören u. a. Jules Romains (1932 für Les Hommes de bonne volonté), Jean-Paul Sartre (1940 für Le Mur), René Fallet (1950 u. a. für Banlieue sud-est), Leïla Sebbar (1984 für Les Carnets de Shérazade), Didier Daeninckx (1990 für Le Facteur fatal) und Shumona Sinha (2011 für Assommons les pauvres).