mini|Gunnar Lange (1855–1915) Gunnar Anfin Lange, später Gunardo Lange (* 21. September 1855 in Aker (heute Oslo); † 24. Juli 1915 in Colonia Alvear (heute General Alvear), Mendoza) war ein norwegisch-argentinischer Offizier, Vermessungsingenieur und Kartograf. Nach seiner militärischen Ausbildung zum Oberleutnant verließ er als 18-Jähriger Norwegen und wanderte zunächst nach Honduras aus, wo er in der Armee als Oberst der Artillerie diente. Seit 1886 lebte er in Argentinien und arbeitete als Landvermesser, u. a. unter Perito Moreno als Mitglied der 1898 eingesetzten Kommission zur Festlegung der chilenisch-argentinischen Grenze. Er war Direktor des Wasserwirtschaftsamtes in Buenos Aires und Professor für Topografie an der Universität von La Plata. 1905–1906 erforschte er als Erster den Río Pilcomayo, den Grenzfluss zu Paraguay, auf einer Länge von 650 Kilometern.

In seinen letzten Lebensjahren leitete er das Bewässerungs- und Siedlungsprojekt seines Landsmanns Don Pedro Christophersen in der Provinz Mendoza. Er verwaltete den neu gegründeten Ort, Colonia Alvear, auch als Bürgermeister. Von seinen sieben Kindern wurden zwei Töchter bekannt, die Schriftstellerin Norah Lange und die Übersetzerin Haydée Lange, die Jugendliebe von Jorge Luis Borges.

Leben und Werk Familie

Gunnar Lange entstammt einer bekannten, ursprünglich in Holstein lebenden, Familie. Sein Großvater Alexander Lange (1792–1867) wurde bereits in Norwegen geboren und heiratete Christine Aall Castberg (1799–1851), Schwester von Peter Hersleb Harboe Castberg und Angehörige einer ebenfalls bekannten Familie. In dieser Ehe wurden in 22 Jahren 14 Kinder geboren, die bis auf eines alle das Erwachsenenalter erreichten.

Gunnar war der älteste Sohn eines dieser Kinder, des Militärarztes Tycho Diderik Castberg Lange (1823–1881) und der Johanne Young (1834–1891). Er hatte sechs Geschwister: Christine Castberg (* 1854), Alexander (* 1857), Kaja Nathalie (* 1861), Eivind (1863–1868), Aagot (1865–1874) und Margit (1871–1877). Die Familie lebte in Kristiania kjøpstad, zunächst in Holmens gate 11 und später in Universitetsgata 6. Der Umzug von der Wohnung im Armenviertel Pipervika in das vornehme Stadtzentrum fand zwischen 1865 und 1870 statt.

Gunnar Lange war Neffe des Politikers Jacob Otto Lange und Cousin der Malerin Kitty Kielland, des Schriftstellers Alexander Lange Kielland und des Missionars Johannes Johnson.

Ausbildung mini|Gunardo Lange, als Mitglied der argentinischen Grenzkommission 1898–1902 Gunnar Lange wurde am 1. Oktober 1871 in der Garnisonskirche konfirmiert, wobei er laut Ministerialbuch die dazugehörige Prüfung mit der Note Ausgezeichnet bestand. Er entschied sich in Nachfolge seines Vaters für eine militärische Ausbildung. 1876 legte er an der Krigsskolen als Jahrgangsbester das Examen ab und erhielt damit den Rang eines Offiziers. Es folgte die Weiterbildung an Den militære høiskole (Militärakademie), die er 1879 abschloss.

Anschließend war er als Aspirant (Generalanwärter) im norwegischen Generalstab beschäftigt. Bereits 1878 hatte er Gelegenheit gehabt, an Vermessungen für den Eisenbahnbau in Smaalenene (heute Østfold) teilzunehmen. 1883 wurde er zum Premierløitnant (Oberleutnant) befördert und noch im selben Jahr reiste er mit Genehmigung seiner Dienststelle in die USA, „um seine militärische Ausbildung zu vervollständigen“.

Honduras In den USA arbeitete Gunnar Lange als Landvermesser. Bereits 1885 übersiedelte er nach Honduras, wo sein jüngerer Bruder Alexander als Ingenieur in einer Goldmine tätig war. Während seines Aufenthalts brach einer der im damaligen Mittelamerika häufigen Nachbarschaftskriege aus, diesmal mit El Salvador. Lange wurde von der Armeeführung mit der Ausbildung der neu geschaffenen Artillerieabteilung beauftragt, die später auch tatsächlich zum Einsatz kam. Ob Lange selbst aktiv an den Kampfhandlungen teilnahm, ist strittig. Quelle bejaht seine Teilnahme, Quelle verneint sie ausdrücklich.

Jedenfalls wurde Gunnar Lange zum Oberst der honduranischen Armee befördert, lehnte aber das Angebot ab, Chef der dortigen Kriegsakademie im Range eines Generals zu werden. Nach Kriegsende kehrte er in die Vereinigten Staaten zurück und erhielt in Washington eine Stelle im National Geodetic Survey, in dessen Auftrag er an der Vermessung der Sierra Nevada mitwirkte.

Argentinien mini|Mitglieder der Topografischen Abteilung des Museo de La Plata. Gunnar Lange sitzt in der Mitte. 1886 kam Gunnar Lange zum ersten Mal nach Argentinien, um topografische Vermessungen und Untersuchungen für den Bau der Eisenbahn in Tucumán und Catamarca durchzuführen. 1888 wurde er zum Leiter der Allgemeinen Katasterkommission von Catamarca ernannt und erstellte die erste vollständige Karte dieser Provinz (sie wurde später vom Museo de La Plata erworben und veröffentlicht.)

Im Herbst dieses Jahres kehrte er für etwa ein Jahr nach Norwegen zurück. Er hielt u. a. im Kristiania Militære Samfund (Militärverein von Kristiania) einen Vortrag über seine militärischen Erfahrungen in Honduras. Gunnar Lange wurde zum Hauptmann des Ingenieurkorps befördert und als solcher nahm er 1890 seinen Abschied von der norwegischen Armee.

Im selben Jahr kehrte er nach Argentinien zurück. 1892 wurde er zum Leiter der Topografischen Abteilung des Museums von La Plata ernannt. Damit wurde er zum wichtigsten Assistenten des Museumsdirektors Perito Moreno (eigentlich Francisco Pascasio Moreno; Perito wurde der für seinen Sachverstand berühmte Geograf ehrenhalber genannt). In dieser Funktion unternahm Lange mehrere Erkundungsreisen, deren Ergebnisse in revidierte Karten und Landschaftsbeschreibungen einflossen. Ab 1892 veröffentlichte er im Verlag des Museums mehrere geografische Monografien.

Im Jahr 1894 erreichten die Vermessungsarbeiten einen Höhepunkt durch die von Moreno angeordnete und von Ingenieur Hauthal geleitete Erforschung der Departamentos San Carlos, San Rafael und Villa Beltrán in der Provinz Mendoza. Gunnard Lange und Enrique Wolff vermaßen gemeinsam innerhalb von zwei Monaten und 13 Tagen 35.000 km² im Maßstab 1:500.000 und ermittelten die Seehöhe von 175 Geländepunkten. Für ein Gebiet von 88 km² zwischen den Flüssen Atuel und Diamante entwarfen sie einen genaueren topografisch-geologischen Plan im Maßstab 1:25.000. Auch an der Erforschung der Region zwischen den Seen Gutiérrez und Buenos Aires war Gunnar Lange (neben anderen) beteiligt.

Einbürgerung Im Jahr 1896 wurde Gunnar Lange argentinischer Staatsbürger und wurde fortan in amtlichen Dokumenten als Gunardo Lange bezeichnet. Im selben Jahr war er an der Gründung Det Norske La Plata Samfund beteiligt, der Organisation der norwegischen Gemeinschaft am Río de la Plata. Er leitete diese Vereinigung mehrmals als Vorsitzender und in den nächsten Jahren wurde er zu einer der führenden Persönlichkeiten unter den in Argentinien lebenden Norwegern.

Ehefrau und Kinder mini|Die Familie von Gunnar Lange. Hinten von links: Berta, Juan Carlos, Gunnar, Irma, Norah. Vorne von links: Ruth, Haydée, Maria Cristina. (Foto 1911) Am 27. Juni 1896 verheiratete sich Gunardo Lange in Buenos Aires mit Bertha Juana Dorotea Erfjord (* 25. Mai 1875; † 1960), Tochter des norwegischen Schiffsmaklers Christian Johansen Erfjord und dessen englischer Ehefrau Catalina Furlong. Gunnar und Bertha hatten einander auf einem Ball in La Plata kennengelernt, der von den skandinavischen Eisenbahningenieuren in Argentinien organisiert worden war.

Das Ehepaar hatte neun Kinder, von denen zwei Söhne früh starben (Alejandro mit sechs Monaten, Oscar mit zwei Jahren). Es blieben ihnen ein Sohn (Juan Carlos) und sechs Töchter (Irma, Norah, Ruth, Haydée, Maria Cristina, Chichina).

Als junge Erwachsene, in den 1920er-Jahren, wurden Norah und Haydée Lange durch einen gemeinsamen Cousin (Guillermo Juan Borges Erfjord) mit Jorge Luis Borges bekannt. Borges knüpfte mit Haydée, die später als Übersetzerin arbeiten sollte, ein Liebesverhältnis an, während er die literarischen Ambitionen von Norah förderte. Norah Lange wurde später „eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen Argentiniens.“

Festlegung der Grenze zu Chile mini|Die Grenzkommissionen von Argentinien (Rand) bzw. Chile (Mitte) 1898 1881 war durch vertragliche Regelung die Anden-Kordillere als Grenze zwischen Argentinien und Chile festgelegt worden. Die Grenzlinie sollte entlang der höchsten Berge, die als Wasserscheide zwischen dem Pazifischen und dem Atlantischen Ozean fungieren, gezogen werden. Seit 1892 war Gunardo Lange als „rechte Hand Morenos“ mit der Vermessung der Gebirgsregion befasst. Er „war derjenige, der die zahlreichen und großen Expeditionen in den Anden plante und organisierte, an denen er oft selbst als Leiter teilnahm.“

Viele von Langes Mitarbeitern als Topografen und Assistenten waren norwegische Ingenieure, die er größtenteils selbst angeworben hatte. Einer von diesen, Eilert Sundt, nennt in seinen Erinnerungen eine Namensliste: Theodor Arneberg, Back, Ulrik Greiner, O. Jansen, Alf Schiørbeck, Einar Soot, Hans Peter Waag, Henrik Wolff, Carlos Zwilgmeyer.

1897 (oder 1898) wurde schließlich offiziell je eine argentinische und chilenische Grenzkommission eingesetzt. Lange leitete bis 1903 als Stellvertreter Morenos die praktische Arbeit der argentinischen Kommission. Er legte damit die Grundlage für den argentinischen Vorschlag zur Grenzziehung, der von Moreno 1902 dem Schiedsgericht in London vorgelegt wurde. Der noch im selben Jahr gefällte Schiedsspruch akzeptierte im Wesentlichen die argentinischen Ansprüche, als die geografisch besser begründeten.

Bewässerungsprojekte in Patagonien mini|Río Limay, Río Neuquén, Río Negro und Río Colorado im nördlichen Patagonien Gunardo Lange war mehrere Jahre lang mit der Erforschung des Wasserstandes der Flüsse im nördlichen Patagonien beschäftigt und arbeitete an Projekten, die Flüsse zu regulieren und ihr Wasser zur Bewässerung in der Landwirtschaft zu nutzen. Dazu bereiste er das System der Flüsse Río Limay, Río Neuquén, Río Negro und Río Colorado. Die Quellen sind uneinig über den Beginn von Langes Patagonienforschung; genannt werden die Jahre 1897, 1902 bzw. 1903. Jedenfalls veröffentlichte Lange im Jahre 1904 eine große Studie über den Río Negro und seine Nebenflüsse, die 72 Seiten umfasste und eine ausklappbare Karte enthielt, und die seine Arbeiten ab Sommer 1902 detailliert beschrieb. Bereits 1900 hatte er eine Karte des Río Negro und des Unterlaufs des Río Colorado publiziert.

Im Juli 1902 wurde in Buenos Aires das Hydrometrische Institut (Oficina Hidrometrica) als Abteilung des Argentinischen Meteorologischen Dienstes gegründet, und Gunardo Lange, der schon zuvor beim Wetterdienst angestellt war, wurde zum Institutsleiter befördert. Er blieb in dieser Position als Direktor des Wasserwirtschaftsamtes bis 1909.

Von 1905 bis 1909 war er zudem Professor für Topografie und Kartografie an der Universität von La Plata. Grundlage für seinen Unterricht war ein eigenes Werk, Manual de Topografía, das er bereits 1898 veröffentlicht hatte. Dieses Handbuch wurde noch viele Jahr lang an dieser Universität und an anderen in den Nachbarländern verwendet.

Erforschung des Río Pilcomayo mini|Río Pilcomayo (rot) im Einzugsgebiet des Río Paraná Mit Beurlaubung von seinen Ämtern unternahm Lange 1905/1906 im Auftrag einer Unternehmergruppe aus Buenos Aires eine Expedition entlang des Río Pilcomayo, der an der Grenze zwischen Argentinien und Paraguay verläuft. Sie sollte die Frage beantworten, ob der Fluss bis nach Bolivien kommerziell schiffbar sei.