mini|Kastell- und Wachturmkette der Gask Ridge sowie Verlauf der Militärstraße (85 n. Chr.) mini|Münzportrait des Domitian mini|Strageath Mill, 1,5 km nordwestlich des Kastellgeländes Das Kastell Strageath war ein römisches Militärlager des sogenannten Gask-Ridge-Limes – der ältesten befestigten Grenzlinie des Römischen Reiches im Norden Britanniens. Es liegt in der Gemeinde Muthill, Unitary Authority Perth and Kinross, Region Tayside in Schottland.
Bei den Ausgrabungen konnten drei Bauphasen aus dem ersten Jahrhundert n. Chr. identifiziert werden. Die erste Nutzungsphase dürfte der dritten Feldzugsaison Agricolas zuzuordnen sein und wurde demnach im Sommer 80 n. Chr. errichtet. Das Kastell wurde um 85 n. Chr. vorübergehend aufgegeben, als die Glen-Blocker-Kastelle gegründet wurden. Es wurde danach wieder aufgebaut und zweimal erneut mit Soldaten belegt, nachdem diese äußeren, an der Militärstraße gelegenen Kastelle nach dem Abzug der Legio XX Valeria Victrix aus dem Legionslager Inchtuthil nach kurzer Zeit aufgegeben worden waren. Heute ist die Stätte als Scheduled Monument eingestuft. Besucher können den Ort über den Heritage Trail der Innerpeffray Library erreichen, die sich in der Nähe des ehemaligen Kastells befindet.
Name Manche Forscher vermuten, dass es sich bei diesem Ort um das von Ptolemäus erwähnte Victoria handelte. Man nimmt an, dass die Benennung an den Sieg der Legio IX Hispana über die Caledonier am Mons Graupius erinnern sollte, der, laut Tacitus (Agricola 26), nur einen Nachtmarsch von einem anderen römischen Lager entfernt lag. Dieses (zweite) Lager könnte in Dornock oder möglicherweise in Dalginross gestanden haben. Kastell Dalginross selbst wäre jedoch ein weiterer wahrscheinlicher Kandidat für Victoria.John Wilkes, Sheppard Frere: Strageath. Excavations within the Roman Fort 1973-86 (= Society for the Promotion of Roman Studies. Britannia Monograph series, Nr. 9). 1989., S. 7. Der heutige Ortsname Strageath findet sich auch in Strageath Mains, Strageath Mill und Strageath Hallr, er stammt aus dem gälischen und bedeutet „Sumpfstraße“.Osbert Crawford: Topography of Roman Scotland north of the Antonine Wall. Cambridge, 1949, S. 40–41
Lage und Funktion Das Kastell Strageath liegt nördlich der Landenge zwischen Firth of Forth und dem Clyde. Es stand am westlichen Ende der Gask-Ridge-Linie, nahe dem rechten Ufer des River Earn, einem Nebenfluss des Tay, etwa 5,2 km südöstlich von Crieff, auf einer Höhe von ca. 36,6 m über dem Meeresspiegel. Die nächsten römischen Stützpunkte waren Kastell Ardoch 9,5 km südwestlich sowie das Kastell Bertha am Tay westlich von Perth 22,5 km nordöstlich. Das Lager stand auf einer Terrasse oberhalb des Flusses, am östlichen Ende eines kleinen, ebenen Plateaus. Dort hat sich der Earn im Lauf der Jahrhunderte sein Bett durch die Gletscherablagerungen gegraben. Letztere bei Strageath weisen einen schweren, bewuchsreichen Boden auf; das Plateau, auf dem das Kastell steht, besteht jedoch aus fluvioglazialen Sandablagerungen, die nur mit Heidevegetation bewachsen sind. Es präsentierte sich den römischen Landvermessern dadurch als vergleichsweise offene Fläche inmitten eines geschlossenen Waldgebietes und erregte wohl deswegen ihre Aufmerksamkeit. Der Standort ist auch taktisch gut gewählt, da er im Süden durch ein zwar relativ schmales, aber tief eingeschnittenes Tal eines kleinen Baches, im Osten durch die Earn-Schleife und im Norden durch steile Hänge, die bis zum Flussufer hinabreichen, gut geschützt ist. Das Plateau konnte nur im Westen betreten werden, dort stand ein befestigter Annex; über dieses Gelände führt auch die Militärstraße von Ardoch. Strageath ist jedoch nur über eine eigene Zufahrtsstraße erreichbar, die quer durch den Annex führt; die Militärstraße hingegen umgeht das Kastell, indem sie in nordöstlicher Richtung zum Fluss über die Hänge verläuft. Dieser Befund legt nahe, dass das Kastell ursprünglich, wenn auch nur für kurze Zeit, den Endpunkt der Militärstraße gebildet haben könnte. Unmittelbar südlich der Innerpeffray Library befindet sich eine – heute stark verbuschte – Geländerinne, die durch das Steilufer hinunter zum Fluss führt, dem mutmaßlichen Standort der römischen Brücke. Diese Stelle ist nur 325 m vom Kastell entfernt und kann von dort aus gut eingesehen werden. Vom Bibliotheksgebäude führte die Militärstraße geradewegs zur Kastell- und Wachturmkette entlang des Gask-Ridge-Limes.
In flavischer Zeit beherbergte es eine der Garnisonen, die die Militärstraße zum Legionslager Inchtuthil und Kastell Stracathro sichern sollten; im 2. Jahrhundert war es der nördliche Vorposten des Antoninuswalls, direkt an der Straße zum Tay. Sowohl im 1. als auch im 2. Jahrhundert gehörte der Schutz der östlich davon gelegenen Region der Halbinsel Fife vor Einfällen der kaledonischen Stämme höchstwahrscheinlich zu den Aufgaben der Garnisonen entlang dieser Straße. Das Kastell Strageath stand an einer Furt; eine seiner taktischen Funktionen war der Schutz der Earnbrücke. Tatsächlich dürfte die Notwendigkeit, diesen Übergang während der römischen Besatzung der Region zu sichern, da der Fluss das mit Abstand größte Hindernis zwischen Ardoch und Bertha am Tay darstellt, der Grund für den großen zeitlichen Unterschied zwischen den Bauphasen des Kastells sein. Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass dort eine feste Holzbrücke existierte, denn obwohl man den Fluss bei Niedrigwasser an einigen Stellen in der Nähe problemlos durchwaten kann, ist dies im Winter oder nach starken Regenfällen fast unmöglich. Die dem Kastell zugewiesene Überwachungszone dürfte mindestens 22,8 km betragen haben. Eine weitere Aufgabe seiner Besatzung war daher wohl die Besetzung der Gask-Ridge-Türme zu gewährleisten. Aufgrund der Lage des Kastells an der Militärstraße könnte es anfangs auch die Straßenbautrupps beherbergt haben.John Wilkes, Sheppard Frere: Strageath. Excavations within the Roman Fort 1973-86 (= Society for the Promotion of Roman Studies. Britannia Monograph series, Nr. 9). 1989, S. 6–7.
Forschungsgeschichte Das Lager von Strageath wurde erstmals von Robert Sibbald in The Thule of the Ancients (1695) und seinen Historical Enquiries (1707) erwähnt. Der Antiquar Alexander Gordon schreibt im Itinerarium Septentrionale (1726):
„Die große Militärstraße … führt am Fuße des Hügels entlang in Richtung Innerpeffery; in der Nähe dieses Ortes, in einem sehr kleinen Dorf namens Strageth, befindet sich ein weiteres römisches Kastell, dessen Fläche gut erkennbar ist, ebenso wie drei Reihen von Gräben und Wällen im Südwesten; an den anderen Seiten des Kastells sind sie jedoch flach und zerstört. Obwohl die Abmessungen des Kastells in etwa denen von Ardoch entsprechen, hielt ich es dennoch für angebracht, eine Abbildung davon anzufertigen“.
Er fertigte daraufhin eine Planskizze an, die einen nahezu quadratischen Grundriss mit vier Toren zeigt, wobei die Porta Praetoria an der Nordostseite eingezeichnet ist. William Roy veröffentlichte in seinen Military Antiquities of the Romans in Britain (1793) zwar einen sehr genauen Befundplan, doch sein Bericht lieferte nur wenige neue Informationen:
„Eine weitere [Einheit] könnte wahrscheinlich zum Übergang des Earn bei Strageth, etwa fünf Meilen entfernt, entsandt worden sein, wo sich deutliche Überreste einer Station befinden, obwohl das Lager inzwischen untergepflügt ist. [Strageath] besteht aus zwei Teilen, von denen der ursprüngliche Teil flussnah zu sein scheint; und an den die Römer westlich davon einen weiteren, wiederum in zwei Teile gegliederten Anbau vorgenommen oder zumindest geplant hatten. Aus dem Stil dieser letzten Arbeiten und insbesondere aus der abrupten Art und Weise, wie sie abgebrochen werden, lässt sich schließen, dass der Plan nie vollständig ausgeführt wurde; doch wie wahrscheinlich diese Vermutung auch sein mag oder ob sie nicht gänzlich imaginär ist; die Art der Arbeiten im Allgemeinen, der Verlauf der Römerstraße und der Abzweig, von dem sie zur Station führt, lassen sich am besten anhand des Plans erahnen.“Military Antiquities of the Romans in Britain, 1793, S. 82 und 128–129.
Robert Stuart hatte in seiner Caledonia Romana1845; 2. Auflage 1852 dem nur wenig hinzuzufügen. Mit Osbert Crawfords Topography of Roman Scotland north of the Antonine WallCambridge 1949 beginnt die Ära der modernen wissenschaftlichen Erforschung dieser archäologischen Stätte, in der insbesondere Luftbilder die Feldbeobachtungen wesentlich ergänzen sollten. Crawford selbst äußerte sich zwar nur wenig zum Kastell, veröffentlichte aber ein aufschlussreiches Luftbild. 1951 und 1958 fertigte John Kenneth Sinclair St. Joseph weitere Luftbilder und eine Kurzbeschreibung des Kastells an und besuchte Strageath 1957. Dadurch war es auch möglich, die Lage der Wehrgräben anhand des unterschiedlichen Wachstums des Gerstengürtels zu erkennen (den die Erntehelfer vorübergehend stehen gelassen hatten) und so einen vollständigen, vermessenen Querschnitt von Norden nach Süden über die Festung und ihre Verteidigungsanlagen zu erstellen. 1976 veröffentlichte er im Glasgow Archaeological Journal ein weiteres Luftbild, eines von mehreren aus dem Jahr 1962, auf denen die Bewuchsmerkmale besonders deutlich zu erkennen waren, zusammen mit einem Plan der noch sichtbaren römischen Baustrukturen.
Von 1973 bis 1986 wurden am Kastellareal von einem Team der Scottish Field School of Archaeology jährlich Ausgrabungen unter der Aufsicht von Sheppard Frere durchgeführt. Gründe dafür waren die fortschreitende Veränderung des Geländes durch die Landwirtschaft, die Erwartung einer stratigraphischen Abfolge von Fachwerkbauten und die große Wahrscheinlichkeit, dass diese archäologische Funde für die Ausbildung in deren Handhabung und Konservierung enthalten würden. Darüber hinaus warf die Komplexität der Bewuchsmerkmale auf den Luftaufnahmen die Frage auf, ob das Kastell aus dem ersten Jahrhundert nicht etwas weiter westlich seiner Nachfolgebauten gelegen haben könnte, was sich aber während der Grabungen als Irrtum herausstellte. Die zuerst angewandte Methode, bei der vergleichsweise kleine Suchgräben in verschiedenen Teilen der nördlichen retentura und der principia ausgehoben wurden, führte aber nicht zu einer vollständig zufriedenstellenden Rekonstruktion des Kastells. 1977 wurde daher eine neue Vorgehensweise erprobt: Mit einem Bagger wurde ein 3,66 m breiter Graben über die gesamte Länge der nördlichen (rechten) Praetentura im rechten Winkel zu den Walllinien ausgehoben. Im folgenden Jahr wurde dann ein zweiter Graben parallel, aber in einiger Entfernung, angelegt. Nachdem der Oberboden abgetragen worden war, wurde der Bereich, der näher untersucht werden sollte, am Grund der Ausgrabungsstätte abgesteckt. Anhand der in diesen Gräben gefundenen Überreste gelang es, die Grundrisse der Kastellgebäude mit recht hoher Wahrscheinlichkeit zu rekonstruieren, insbesondere wenn Nebengräben im rechten Winkel dazu angelegt wurden, um damit ihre Giebelwände zu lokalisieren. Diese neue Vorgangsweise wurde anschließend sowohl in der südlichen (linken) retentura als auch in der linken prätentura angewendet und lieferte ein klareres Bild der aufeinanderfolgenden drei Festungsbauphasen. Die Verteidigungsanlagen konnten jedoch nur wenig untersucht werden: Lediglich eines der vier Tore konnte näher untersucht werden; und obwohl der Wall in Abschnitte unterteilt wurde, wurde auch das komplizierte Wehrgrabensystem, das nur auf Luftbildern sichtbar ist, – abgesehen von Schlussfolgerungen – kaum erforscht. Auch über die Zwischentürme ist fast nichts bekannt. Bei den ausgegrabenen Gebäuden handelte es sich ausschließlich um Holzkonstruktionen, deren Funktion oft schwer zu interpretieren war.