mini|Trinkkuranlage, Haupteingang, 2014 Die Trinkkuranlage in Bad Nauheim ist ein weiträumiges, denkmalgeschütztes Brunnengebäude mit Trinkhalle, Wandelgängen und Musikmuschel. Sie wurde 1910 bis 1911 gebaut und gehört zu den Kur- und Badeanlagen im Jugendstil, die unter der Leitung des Architekten Wilhelm Jost im Auftrag von Kurfürst Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein entstanden. Ihr Zweck ist die Trink- oder Brunnenkur.
Geografische Lage Die Anlage liegt am westlichen Ufer der Usa, zwischen dem westlich gelegenen Altstadtzentrum und dem ehemaligen Inhalatorium, jetzt Stadtbücherei, auf der anderen Flussseite. Der Sprudelhof liegt nördlich in etwa 500 Metern Entfernung. Mit dem Inhalatorium und dem Sprudelhof mit seinen Badehäusern ist die Trinkkuranlage durch Parkanlagen verbunden.
Geschichte mini|Frühere Eisenhalle, vor 1883 Vorgänger der Trinkkuranlage war eine eiserne Wandelhalle mit 107 Metern Länge aus den 1850er Jahren, die zwischen dem 1849 erbohrten Kurbrunnen und dem nahegelegenen 1952 erbohrten Salzbrunnen stand. Die neue, stark erweiterte Anlage wurde vom Herbst 1910 bis Frühjahr 1911 unter der Leitung des Architekten Wilhelm Jost im Auftrag von Kurfürst Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein erbaut und die Ausstattung bis 1912 fertiggestellt. Die Baukosten beliefen sich auf 608.480 Goldmark. Die Trinkkuranlage ist nach dem Inhalatorium (heutige Stadtbücherei) und dem Sprudelhof das dritte und letzte Kurgebäude, das Jost in Bad Nauheim gestaltete.
2005 ging die Trinkkuranlage in das Eigentum der Stadt Bad Nauheim über, die damals außer dem Sprudelhof alle Liegenschaften des Hessischen Staatsbads Bad Nauheim vom Land Hessen übernahm. 2008 begann die umfassende Sanierung der Anlage, die sich weitaus aufwendiger und teurer gestaltete als erwartet. Die Arbeiten mussten deshalb schrittweise durchgeführt werden. Von 2009 bis 2010 wurde der Innenhof neu gestaltet und der Haupteingang saniert. Anfang 2011 erfolgte die offizielle Wiedereröffnung des Westflügels. Der Ostflügel war zu diesem Zeitpunkt noch nicht saniert. Ab 2015 folgte eine zunächst zurückgestellte aufwendige Dachsanierung mit Spezialziegeln. 2016 wurde die Technik des Kurbrunnens saniert und 2019 die Auslaufschale restauriert. Von 2021 bis 2025 wurde der Ausschankbrunnen in der Trinkhalle wiederhergestellt.
Die Anlage wird von der Stadt Bad Nauheim seit 2011 für Konzerte, Ausstellungen und Veranstaltungen genutzt. Seit der Schließung der inneren Fläche des Sprudelhofs zur Renovierung im Jahr 2021 finden jährlich unter anderem ein Adventsmarkt, das Jugendstil-Festval, die Quellendankfeier, Teile des Elvis-Festivals sowie andere Open-Air-Events im Hof der Trinkkuranlage statt.
Anlage Gesamtanlage Eine hufeisenförmige Anlage aus Gebäuden und Wandelgängen umschließt den Innenbereich mit Wasserbecken und der Konzertmuschel im Norden. Der Haupteingang liegt im Scheitelpunkt des Hufeisens im südlichen Torbau, der antikisierend die Form eines Propylon aufgreift und den Gesamteindruck eines antiken Forums unterstreicht. Er ist vom Ernst-Ludwig-Ring über eine Freitreppe zugänglich. Haupteingang, Wasserbecken und Konzertmuschel bilden die Mittelachse der Anlage in Nord-Süd-Richtung. Der östliche Wandelgang folgt dem Verlauf der außen vorbeifließenden Usa. Der westliche Wandelgang ist doppelt angelegt und bildet einen zweiten, kleinen Kolonnadenhof. Ursprünglich waren alle Wandelgänge offene Säulengänge, dies ist heute nur noch der innere westliche. Die beiden äußeren Wandelgänge wurden verglast und haben dadurch Gebäudecharakter. Eine hölzerne Pergola schließt im Norden die offene Seite des Hufeisens ab, mit der Konzertmuschel in der Mitte. Dahinter führt ein Weg im Park zwischen den jeweils etwas seitlich liegenden Gebäuden Dankeskirche und Inhalatorium vorbei in Richtung Sprudelhof. Dies sollte zu kontemplativen Spaziergängen zwischen den Kurgebäuden und in den Wandelgängen anregen.
Musikmuschel und Wasserbecken An der nördlichen, offenen Seite des Hufeisens liegt die Musikmuschel mit dem südlich anschließenden Wasserbecken und dem westlich eingebauten Muschelsaal. Bühne und Muschelsaal werden von jeher für Konzerte genutzt. Ursprünglich war die Rückwand der Muschel offen, wurde aber in den 1920er Jahren geschlossen. Das Bassin ist seit 2021 aus Kosten- und Umweltgründen wasserlos und wird bei Konzerten für Bestuhlung genutzt. Eine Pergola schließt nach Westen und Osten das nördliche Ende des Hufeisens zum Park hin ab. Direkt hinter der Muschel, außerhalb der Anlage im angrenzenden Park, wurde ein kleiner Rosengarten angelegt.
Kurbrunnen und Brunnenhaus mini|Kurbrunnen (Auslaufschale), 2021 Im Nordwesteck des Hufeisens liegt der Kurbrunnen. Er wurde bereits 1849 erbohrt, 1911 neu gefasst und mit dem Brunnenhaus überbaut. Der achteckige Bau mit offenen Schmuckgittern und unter dem äußeren Bodenniveau liegendem Brunnenbecken erinnert an ein sakrales Baptisterium und greift romanische Formen auf. Der Brunnenauslass schließt mit einer vergoldeten, mit Spiralen verzierten Halbkugel ab. Die Wände schmücken nur wenige Reliefs von auf Tieren reitenden Kinderfiguren. 2016 wurde die Technik unter dem Brunnen saniert, da Salze zur Korrosion geführt hatten und auch die Statik beeinträchtigt war. Die Rohre verbinden den Brunnen auch direkt mit der anschließenden Trinkhalle. 2019 wurde der rund 50 Kilogramm schwere, vergoldete Brunnenaufsatz abgenommen und in einer Spezialwerkstatt restauriert.
Trinkhalle Die Trinkhalle schließt direkt an das Brunnenhaus an. Sie dient dem Ausschank der Heilwasser aus Kur- und Karls- und Ludwigsbrunnen für die innerliche Kuranwendung. Die Natrium-Chlorid-Säuerlinge regen Magen- und Darmfunktion sowie den Stoffwechsel an. Nach vierjähriger Schließung und Renovierung werden seit April 2025 wieder Wasser von Kurbrunnen und Karlsbrunnen kostenlos ausgeschenkt. Der Ludwigsbrunnen wird noch saniert. Die Halle zeigt innen große Flächen scharrierten Sichtbetons mit wenigen Elementen von nüchternem, glasiertem Steinzeug. Im Zentrum der Halle steht der von allen Seiten zugängliche achteckige Quellenausschank, mit vergoldeter Kuppel, acht Becken, sowie graubraun und grünbraun geflammten Fliesen. Diese Jugendstilkeramik stammt von Jakob Julius Scharvogel aus der Großherzoglichen Keramischen Manufaktur. Einige Elemente, wie einzelne Becken und Fliesen, fehlten und mussten neu den noch vorhandenen Originalen nachgebildet werden. Nicht erhalten sind die Jugendstilausstattung der Gurgelräume und sechs kleinere Quellenauslässe im Bereich der Wandelgänge.
Wandelgänge mini|Mittlerer Wandelgang, 2012 Die an die Trinkhalle anschließende westliche Kolonnade wurde mit Fensterfronten geschlossen und enthält ein Café. Die am südlichen Ende liegende Wandelhalle wurde 1954 ebenfalls geschlossen und zu einem Konzertsaal, dem Großen Saal, umgebaut.
Der mittlere Wandelgang ist als einziger noch in der ursprünglichen, offenen Fassung als Kolonnade erhalten. Er schließt die Terrasse des Cafés zum Hof hin ab.
Der östliche Wandelgang wurde ebenfalls durch Fensterfronten geschlossen und hat dadurch Gebäudecharakter. Im südlichen Eck wurde 1976 ein Café eingerichtet, das inzwischen als Bar genutzt wird. Im nordöstlichen Ende des Hufeisens war ursprünglich die Milchkur eingerichtet, wo Milch und Molke zu Kurzwecken als innere Anwendung gereicht wurden. Dort befinden sich jetzt Ausstellungsräume, die „Galerie in der Trinkkuranlage“.
Literatur
Weblinks
Trinkkuranlage, im Dehio-Handbuch (online), Kunstdenkmäler Deutschland
Einzelnachweise
Kategorie:Kuranlage Kategorie:Bauwerk in Bad Nauheim Kategorie:Kulturdenkmal in Bad Nauheim Kategorie:Bauwerk des Jugendstils in Hessen Kategorie:Erbaut 1911