Die Frau, die um sechs kam (Originaltitel: La mujer que llegaba a las seis) ist eine erstmals 1950 in El EspectadorGabriel García Márquez: Augen eines blauen Hundes. Frühe Erzählungen. (= KiWi, Band 26.) Kiepenheuer und Witsch, Köln 1982. ISBN 3-462-01554-0. S. 159. veröffentlichte Kurzgeschichte des kolumbianischen Literatur-Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez und eine Episode in seinem Erzählband Ojos de perro azul. Kurzbeschreibung Eine Frau, die jeden Abend um sechs ein Restaurant betritt, wird dort immer vom Restaurant-Besitzer José gratis versorgt. Sie gibt fälschlich an, schon vor einer Viertelstunde gekommen zu sein, und bittet José später, diese Ankunftszeit gegenüber Dritten zu bestätigen. Im Gespräch wird deutlich, dass José Zuneigung für die Frau empfindet; sie deutet an, er könne ihr als glaubwürdiges Alibi dienen. Die Frau schildert, wie eine eskalierende Situation eine Frau dazu bringen könne, einen Mann zu töten, und fragt, ob José sie dann mit einem Alibi versehen würde. Als sie ankündigt, ihr Leben zu ändern und die Stadt zu verlassen, bereitet José ihr ein Abschiedsessen; am Ende verlangt sie noch eine weitere Viertelstunde für ein Alibi. Inhalt Eine Frau, die immer um sechs Uhr abends das Restaurant von José betritt, kommt in Josés Restaurant, „wie jeden Tag zu dieser Stunde“. Sie hat seit drei Monaten kein Geld, „und noch immer habe ich dir etwas Anständiges vorgesetzt“, so José zu der älteren Frau, deren Haar „auftoupiert mit fettiger, billiger Vaseline“ ist und die auch ansonsten wie eine ältere Lebedame oder Prostituierte wirkt. Im Laufe des Gesprächs behauptet die Frau wahrheitswidrig, seit einer Viertelstunde in dem ansonsten noch leeren Restaurant zu sein, José gibt zu, dass er die Frau mag, die Frau erwidert, sie möge José so sehr, „daß ich nicht mit dir schlafen würde“, und José entgegnet: „Ich mag dich so gerne, daß ich jeden Abend den Mann töten würde, der mit dir geht.“ Die Frau verspottet ihn daraufhin ein wenig: „Wer hätte gedacht, daß hinter dem dickbäuchigen, scheinheiligen Herrn, der mich nie zahlen läßt, der mir jeden Tag ein Beefsteak brät und sich mit mir unterhält, ein Mörder steckt“. Im weiteren Gesprächsverlauf wird die Frau wieder ernst: „Dann würdest du mich verteidigen, wenn ich ihn umbrächte?“, nämlich einen Mann. José hat als Alibi-Geber noch einen weiteren Vorteil aus Sicht der Frau: „Ich möchte wetten, du hast nie eine Lüge ausgesprochen [...] Die Polizei weiß das und glaubt dir alles, ohne dich zweimal zu fragen.“ In der Folge schildert die Frau sehr emotional aber sprachlich als Hypothese formuliert, wie es zu einem Mord einer Frau an einem Mann kommen kann, wenn eine Situation eskaliert und „die Frau fühlt, daß er sie so sehr anwidert, daß sie sterben könnte, und sie weiß, die einzige Möglichkeit, Schluß zu machen mit all dem, ist, ihm ein Messer in den Wanst zu jagen“. Schließlich wiederholt die Frau, die immer um sechs kommt, ihre wahrheitswidrige Behauptung, an diesem Abend seit viertel vor sechs in dem ansonsten noch leeren Restaurant zu sein, und bittet José, diese Behauptung dritten Personen gegenüber zu bestätigen, woraufhin José meint: „Wie du willst. Ich mache immer alles, wie du‘s willst.“ Da die Frau angibt, ihr Leben zu ändern und die Stadt verlassen zu wollen, bereitet José ihr ein „anständiges Abschiedsbeefsteak“ zu. Am Ende der Geschichte fordert die Frau, die immer um sechs kommt: „Ich will noch eine Viertelstunde. [...] Denk daran, daß ich seit halb sechs hier bin.“ Textanalyse Bei Die Frau, die um sechs kam handelt es sich um eine auktorial erzählte Kurzgeschichte. Zeit und Ort der Handlung bleiben ungenannt. Themen Themen des Textes sind die Armut und die Abhängigkeit der Frau, die Einsamkeit und die Suche nach menschlicher Nähe bei ihr und José. Hinzu kommt die mutmaßliche Kriminalhandlung um Mord und Alibi-Fingierung, die auch den Unterschied zu den anderen Erzählungen des Sammelbandes Ojos de perro azul ausmacht und sich aus der Entstehungsgeschichte des Textes erklärt: „Im Zuge der schrittweisen Veröffentlichung der Erzählungen […] erläutert der Autor [=García Márquez] in einem Begleitschreiben, dass der Text das Ergebnis einer Wette war über sein Talent, einen Kriminalroman zu schreiben, und sich daher in seinen wesentlichen Merkmalen von den anderen unterscheidet.“„Vale aclarar que esta irregularidad tiene una explicación biográfica, pues en el proceso paulatino de publicación de los cuentos, la mayoría de ellos en el Magazín Dominical del periódico El Espectador, el mismo autor aclara, en una carta que adjuntó a la publicación, que el texto fue producto de una apuesta que realizó sobre su capacidad para escribir un cuento policíaco y que es ésta la razón por la cual el texto difiere de los otros en sus características esenciales“ – Paola Cadena Pardo: Ojos de perro Azul. La muerte como mecanismo de lo poético a partir de la repetición deleuzina. In: Hipertexto, Jg. 20, Verano, 2014, , S. 64–75. Hier S. 64. (pdf). Figuren Die Frau, die um sechs kam: Diese Frau hat üppiges Haar, „auftoupiert mit fettiger, billiger Vaseline“, und „einen schwermütigen Gesichtsausdruck. Von angewiderter, vulgärer Schwermut.“ Schilderungen ihrer „welken Brust“, ihrer „schlaffen traurigen Brüste“ machen ihr fortgeschrittenes Alter deutlich. „Sie war ernst, gelangweilt, weich, verschönt von einer Wolke aus Trauer und Müdigkeit.“
José: Dieser „fette rotgesichtige Gastwirt“ hat einen „riesigen Schweinskopf“, ein „aufgedunsenes Gesicht“ und „gesunde, sanfte“ Wangen. Das Beefsteak für die Frau bereitet er mit „bäuerlichen, haarigen Händen“ zu. Adaption Im Jahr 1983 entstand beim WDR eine gut 18-minütige Hörspielfassung dieser Episode von Klaus Mehrländer. Unter seiner Regie sprachen Curt Bock (Erzähler), Gert Haucke (José) und Gisela Trowe (Frau). Die Erstsendung fand am 28. Mai 1983 statt. Literatur Donald McGrady: La mujer que llegaba a las seis. In: Thesaurus, Jg. 27, Nr. 2, 1972, S. 310–312. (pdf). Deutschsprachige Textausgaben (Auswahl) Die Frau, die um sechs kam. In: Gabriel García Márquez: Die Erzählungen. Aus dem kolumbianischen Spanisch von Curt Meyer-Clason. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1990. ISBN 3-462-02054-4. S. 64–76. Die Frau, die um sechs kam. In: Gabriel García Márquez: Augen eines blauen Hundes. Frühe Erzählungen. (= KiWi, Band 26.) Kiepenheuer und Witsch, Köln 1982. ISBN 3-462-01554-0. S. 92–112. Weblinks Volltext des Einzelwerks, originalsprachig Volltext des übergeordneten Werks Ojos de perro azul, deutschsprachig Einzelnachweise Gabriel García Márquez: Die Frau, die um sechs kam. In: Gabriel García Márquez: Augen eines blauen Hundes. Frühe Erzählungen. (= KiWi, Band 26.) Kiepenheuer und Witsch, Köln 1982. ISBN 3-462-01554-0. S. 92–112.
Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Spanisch) Kategorie:Erzählung Kategorie:Werk von Gabriel García Márquez Kategorie:Kolumbianische Literatur