mini|Botho Strauß Der junge Mann ist der Titel eines 1984 publizierten experimentellen Romans von Botho Strauß, der der Postmoderne zugeordnet wird.Boshidara Deliivanova: Ein Bildnungsroman der Postmoderne. Der junge Mann von Botho Strauß. In: Pavel Petkov [u. a. Hrsg.]: Germanica. Jahrbuch der Germanistik in Bulgarien. 2. Jg./3. Jg. 1995/1996 (1997), 159–174. Erzählt werden Stationen der Persönlichkeitsentwicklung Leon Prachts: seine Beziehungsprobleme und Identitätssuche bei Theaterinszenierungen, die Erforschung einer synkretistischen-Aussteigergruppe, die Beteiligung an einer kleinen Gesellschaft, die sich gegenseitig Geschichten vorträgt, seine Wiederbegegnung mit seinem ehemaligen Schauspielleiter und der Theaterszene im exklusiven Hotel-Turm. In die Haupthandlung eingeschoben sind thematisch und intertextuell miteinander verknüpfte Erzählungen und Skizzen.

Inhalt Überblick Der Roman ist eine Textsammlung aus der in Ich-Form geschilderten Entwicklungsgeschichte Leon Prachts und elf eingeschobenen Binnenerzählungen.

Im ersten Kapitel (Die Straße) inszeniert der 22-jährige Jung-Regisseur nach einem abgebrochenen Theologiestudium Genets Zofen in Köln. Dort werden in wenigen Probewochen die großen Ideen des in Freiburg als talentierter Anfänger gefeierten Künstlers von zwei bühnenerahrenen Diven zerrieben und er beendet seine kurze Theaterkarriere. Im dritten Kapitel (Die Siedlung) beobachtet und erforscht Leon für eine Kommission die Lebensweise des Aussteigervolkes der Syks. Er gerät in den Sog ihrer Philosophie, will sich der Gruppe anschließen, wird abgewiesen und verstrickt sich in sexuelle Abgründe. Die nächste Station (Kp. 4: Die Terrasse) spielt auf einem Schlossareal. Nach dem durch den Tod des Königs abgebrochenen Fest trifft Leon auf der Palastterrasse einige verbliebene Gäste und der kleine Kreis erzählt sich abwechselnd selbst erlebte oder erfundene Geschichten. Eine Erzählerin ist Yossica, mit der Leon im letzten Kapitel (Kap. 5: Der Turm) zusammenlebt. Nach unbeständigen, wechselvollen Wanderjahren arbeitet der inzwischen 37-Jährige als Foto- und Bildarchivar bei einer Zeitung. Yossica nimmt in ihrem Studio eigene Lieder auf und bastelt, trotz ihrer kleinen Stimme, an ihrer Karriere als Sängerin. Die beiden führen ein bürgerliches Leben und fahren in ihrer Freizeit zum Entspannen und Angeln in ihre Wochenendhütte. In dieser Situation wird Leon, 15 Jahre nach seiner Kölner Inszenierung, wieder an seine Theaterzeit erinnert, als er Alfred Weigert, seinen ehemaligen Schauspielleiter, im Turm-Hotel wiedersieht. Inzwischen ist Weigert als asketisch wirkender Komiker Ossia ein berühmter Filmschauspieler geworden, doch Leon trifft ihn dickleibig in einer Schaffenskrise an. Der Filmemacher bittet ihn, ihm bei der Suche nach neuen Ideen und beim Schreiben eines Drehbuchs zu helfen. Leon lehnt jedoch das Angebot ab und verlässt erleichtert und glücklich den Turm der Kunst mit seinem „trügerischen Licht und der schalen Kühle“.Botho Strauß: Der junge Mann. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1987, S. 388.

In diese Stationen-Handlung eingeschoben sind Binnenerzählungen, die entweder in die Haupthandlung einbezogen sind (Der stehende Liebespfeil, Die Frau meines Bruders, Der Prinz und der Kojote) oder als Parallelgeschichten (Der Wald) assoziativ thematisch (Identitäts- und Beziehungsprobleme, erotische Phantasien, Suchwanderungen) mit ihr korrespondieren.

Einleitung Der Erzähler stellt in der Einleitung seine aus der Analyse der Zeit entwickelte Poetik vor:

Durch das „große Medium und sein weltzerstückelndes Schalten und Walten“ wird „das Gespräch, das wir über Jahre hin mit wenigen Menschen führen wollten, […] nicht durchgehalten“. Man hört nicht zu, man lässt nicht ausreden. Und das zerstört die „elementare Situation, jemandem etwas zu erzählen“. Ein „empfindlicher Chronist“ wird sich „der vorgegebenen Lage stärker noch anpassen, statt sich ihr verhalten entgegenzustellen“. Er wird versuchen, „die Dinge im Maß ihrer erhöhten Flüchtigkeit zu erwischen“. Statt Geschichte wird er den geschichteten Augenblick erfassen, die gleichzeitige Begebenheit. Er wird Schauplätze und Zeitwaben anlegen oder entstehen lassen anstelle von Epen und Novellen“: „Wo mancher nur den glitzernden Zerfall erkennt, da sieht er viele Übergänge und Verwandlungen, sieht den verschwenderischen Markt der Differenz, der aus der wesentlichen Unsicherheit und Offenheit dieser Gesellschaft hervorgeht“. Anstelle der linearen Vorwärts-, der Fortschritts- und Utopievorstellungen brauchen wir „weitere Wahrnehmungen“: „Rückkoppelungswerkzeuge […] Schaltkreise, die zwischen dem Einst und Jetzt geschlossen sind […] die lebendige Eintracht von Tag und Traum, von adlergleichem Sachverstand und gefügigem Schlafwandel“. Man darf nicht immer die „Gesellschaft in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen“. Denn man kann in dieser Gesellschaft „nicht fruchtbar leben, wenn man unentwegt nur gesellschaftlich“ denkt. Man muss zu „jenen lautlosen und ruhenden Ereignissen zurückfinden und sie zum Leben erwecken: „Allegorien, Initiationsgeschichten. RomantischerReflexionsRoman. […] abgehauene Wurzeln, die von neuem ausschlagen, alte Sachen, die wiederkehren, verkannte Wahrheiten, die sich wieder zur Geltung bringen.“Botho Strauß: Der junge Mann. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1987, S. 9, 10, 11, 12, 15.

In Gesprächen der Romanfiguren der Haupthandlung und der Binnenerzählungen werden einzelne Aspekte aufgegriffen und diskutiert.

Die Straße Der junge Mann, Leon Pracht, erzählt im ersten Kapitel Die Straße von seiner Genet-Inszenierung 1969 am Theater in Köln: Er ist in Kandern aufgewachsen und von seinem Vater, einem Professor für Religionsgeschichte an der Universität Freiburg, sozialisiert und in der Wahl seines Studiums beein-flusst worden. Er studiert ebenfalls Theologie in Freiburg und arbeitet als Hilfskraft seines inzwischen emeritierten Vaters an dessen Montanus-Forschung. Neben seinem Studium entwickelt er der fast 22-Jährige auch andere Interessen. Durch die Freundschaft eines Dramaturgen knüpft er Kontakte mit dem Stadttheater, beobachtet die Proben und den Theaterbetrieb, übernimmt zuerst kleine Aufgaben und wird dann Regieassistent. Als ein Gastregisseur ausfällt und man keinen Ersatz findet, bietet man ihm die Regie für Strindbergs Fräulein Julie an. Er erfüllt seine Aufgabe innerhalb von drei Wochen zur Zufriedenheit aller Beteiligten und erhält in der Lokalpresse viel Lob für seine vielversprechende Anfängerarbeit. Offenbar hat man die Rezensionen auch am Theater in Köln gelesen, denn eines Tages bekommt Leon Besuch von zwei Schauspielerinnen, Margarethe (Mag) Wirth und Petra Kurzrok (Pat), die ihm das Angebot machen, Genets Die Zofen zu inszenieren.

Damit beginnt die 1969 in Köln spielende Haupthandlung des Kapitels: Obwohl ihn sein Vater vor diesem Experiment warnt, ein Regisseur sei doch nur ein „Handlanger und ein Affendressierer“,Botho Strauß: Der junge Mann. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1987, S. 31. er solle bei seiner Wissenschaft bleiben, ist Leon von den Möglichkeiten des „Regietheaters“ fasziniert: Er könne „Gestalter“, „Visionär“ sein. Er beschäftigt sich intensiv mit dem Stück, entwickelt eine Inszenierungs-Idee und detaillierte Abläufe. Den Theaterleiter Alfred Weigert überzeugt er nach einem langen Gespräch schließlich von seinen Vorstellungen: Er müsse „etwas Neues machen“, daher hätte dessen Erfahrungen für ihn „nur eine beschränkte Gültigkeit“, denn „etwas Neues“ müsse „man doch wollen, wenn man am Anfang“ stehe.Botho Strauß: Der junge Mann. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1987, S. 54. Er erklärt bei den Leseproben den beiden Protagonistinnen, Mag als Zofe Solange und Pat als deren Schwester Claire, seine Idee: Das Stück spiele in seiner Konzeption in „einer nicht allzu fernen Zukunft“, nach dem „Zusammenbruch aller menschlichen Kommunikation“. Die Menschen hätten sich „in ihre Zeremonien zurückgezogen“.Botho Strauß: Der junge Mann. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1987, S. 32. Er wolle nicht die psychologische, sondern die kulturelle Dimension erarbeiten, den tieferen „symbolischen Grund“, die Schritte „hinter die Dinge“, die „aus fernem, altem Gedächtnis durchdringenden Zeichen am Menschen“.Botho Strauß: Der junge Mann. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1987, S. 51, 59. Seine Ausführungen stoßen auf Unverständnis und Ablehnung und ihm wird klar, dass die beiden Diven sich nur als Schauspielerinnen in Szene setzen wollen und einen unerfahrenen Neuling angeworben haben, um ihr Spiel durchzusetzen. Er ist mit ihrer konventionellen „Mimenmentalität“ unzufrieden, kann ihnen aber die Umsetzung seiner Ideen nicht verständlich machen und schon gar nicht handwerklich vorspielen. Ihm wird dabei klar, dass er „keine Lehre, keine Theorie, keine Vision von einer neuen Schauspielkunst“ hat und er fragt sich: „Ist nicht, was mir vorschwebt, ganz einfach das perfekte Spiel“, aber „ist es nicht gerade ihre Perfektion, die mich so heftig abstößt […] wenn sie ihre hohlen Gesten abperlen“?Botho Strauß: Der junge Mann. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1987, S. 57.

Nach heftigen Auseinandersetzungen findet er sich mit der Situation ab. Er will nicht mehr seine Ideen durchsetzen und nicht mehr die Individualität der Darstellerinnen überfordern, er will nur noch durchhalten und seine Prüfung bestehen. Von der Kritik wird die Inszenierung des, wie der Rezensent schreibt, im Laufe der Zeit „staubgrauen“ Genet-Stückes „trotz überragender Schauspielerleistungen“ als „im ganzen ein wenig bieder“ bewertet.Botho Strauß: Der junge Mann. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1987, S. 52. Leon ist schon vorher bewusst geworden, dass er nicht am Theater bleiben wird: „Es war [ihm] nur als ein Übergang von Nutzen“. Schon zieht es ihn „in die Straße hinein […] in diesen blinkenden Fluss der Augen und Waren, die [ihn] erst verschlungen und dann wieder hatte aufle-ben lassen.“Botho Strauß: Der junge Mann. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1987, S. 60. Am Ende der Straße schaut er den auf ihren Start wartenden Leichtathleten, zwei Frauen und zwei Männer zu, zwischen denen „der stehende Liebespfeil“ schwirrt (s. u. Binnenerzählungen).

Der Wald Leon ist im zweiten Kapitel nur eine Episodenfigur im Traum einer jungen Kölner Frau (s. u. Binnenerzählungen). Im surrealen Wald trifft sie den als Wächter arbeitenden jungen Mann und ist von seinen warmen, kräftigen Augen angetan. Nach ihrer Intimität mit dem „aus heiterem Himmel eines Blicks Erwünschten“, erklärt er ihr bei einer Abschiedszigarette im Wächterhäuschen, bevor sie weiterzieht: „Es gibt doch immer wieder Menschen, denen öffnet überhaupt nur die Liebe die Augen. Erst dann sehen wir, wo genau sie sich auf der Welt befinden…“ Da sie ihn nicht liebe, wie sie ihm versichert, werde sie „nun weiter im Unbekannten herumtappen.“Botho Strauß: Der junge Mann. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1987, S. 96.

Die Siedlung