Die Himmelfahrt Christi (fr. L’Ascension du Christ, it. L’Ascensione di Cristo) und Segnender Gottvater mit Cherubim und Engeln (fr. Le Père éternel entre deux anges, it. L’Eterno benedicente) in Form einer Lünette sind zwei in Öl auf Pappelholz ausgeführte Gemälde des italienischen Renaissancemalers Pietro Perugino (* um 1450; † 1523) und seiner Werkstatt. Sie entstanden zwischen 1496 und 1499 als Haupttafel und obere Bekrönung des San-Pietro-Polyptychons (fr. Polyptique de Saint Pierre, it. Polittico di San Pietro), eines im Laufe der Zeit in seine einzelnen Elemente zerlegten monumentalen Altarretabels für die Basilika San Pietro in Perugia.
Die beiden großformatigen Tafeln kamen nach ihrer Beschlagnahmung durch die französischen Truppen im Jahr 1797 nach Paris und befinden sich im Musée des Beaux-Arts in Lyon.
Elemente des San-Pietro-Polyptychons Die hier behandelten Werke bildeten als Haupttafel und darüber befindliche Lünette das theologische und künstlerische Herzstück des Altarwerks. Die Predella unterhalb der Haupttafel setzte sich aus drei narrativen Bildern mit der Anbetung der Könige, der Auferstehung Christi und der Taufe Christi zusammen, die heute im Musée des Beaux-Arts in Rouen aufbewahrt werden. Ebenfalls zur Predella gehörten acht kleinere Heiligenbildnisse, die zwischen der Pinacoteca Vaticana in Rom und der Sakristei von San Pietro in Perugia aufgeteilt sind. Schließlich vervollständigten zwei Tondi mit Prophetenbildnissen das Ensemble, ausgestellt im Musée des Beaux-Arts in Nantes.
Da die hölzerne Rahmenkonstruktion nicht mehr existiert und auch keine zeitgenössischen Skizzen oder Zeichnungen dazu vorliegen, ist eine völlig exakte Rekonstruktion des ursprünglichen Altarwerks nicht möglich. Insbesondere die Anordnung der Heiligenbildnisse in der Predella sowie die räumliche und konstruktive Beziehung der Prophetentondi zum Retabel sind weiterhin Gegenstand des kunstwissenschaftlichen Diskurses.
Die weiteren Bestandteile des Altarwerks werden in vier separaten Artikeln behandelt: San-Pietro-Polyptychon – Zwei Prophetentondi San-Pietro-Polyptychon – Drei Szenen aus dem Leben Christi San-Pietro-Polyptychon – Acht Heiligenbildnisse San-Pietro-Polyptychon (der übergeordnete Hauptartikel, der das Retabel als Ganzes behandelt mit einer detaillierten Chronologie, der theologischen Deutung sowie einer Darstellung heutiger Rekonstruktionsvorschläge für das Altarwerk)
Himmelfahrt Christi Motiv Perugino illustriert die Himmelfahrt Christi, wie sie im Lukasevangelium geschildert wird: „Dann führte er sie hinaus in die Nähe von Betanien. Dort erhob er seine Hände und segnete sie. Und es geschah, während er sie segnete, verließ er sie und wurde zum Himmel emporgehoben“ .
Bildbeschreibung Aufbau Das Gemälde ist annähernd achsensymmetrisch aufgebaut und in zwei horizontale Register unterteilt. Im oberen Register schwebt zentral, umgeben von einer Mandorla, die Figur Christi. Er wird beiderseits von insgesamt vier musizierenden Engeln begleitet, unter denen zwei weitere Engel mit Schriftbändern schweben. Im unteren Register steht die Jungfrau Maria; ihr schließen sich zur Linken eine Gruppe aus sechs Aposteln sowie zur Rechten der heilige Paulus von Tarsus und sechs weitere Apostel an.
Oberes Register (Himmlische Sphäre) Christus ist im Kontrapost wiedergegeben, einer harmonischen Standbein-Spielbein-Haltung, die ein charakteristisches Stilmerkmal in Peruginos Œuvre darstellt. Er hat beide Hände erhoben, seine Rechte vollführt eine Geste des Segnens, während die Linke nach oben zum Himmel und somit auf Gottvater in der darüber befindlichen Lünette weist. Sein Blick ist nach unten auf die Schar der Heiligen gerichtet. Sein rechter Fuß steht auf einer Wolke, während der linke auf dem Kopf eines der ihn umgebenden Seraphim Halt gefunden hat – eine bildliche Lösung, die aus moderner Sicht eine beinahe naive Unbekümmertheit ausstrahlt. Bei genauem Hinsehen sind an Händen und Füßen die Nagelwunden sowie an der rechten Brustseite die Seitenwunde erkennbar. Sein Umhang, der die rechte Schulter sowie den Unterkörper bedeckt, ist in Purpur gehalten, der traditionellen Farbe Gottes und Christi, der nach seiner Auferstehung den Purpurmantel trägt.
Die Christusfigur ist von einer Mandorla umschlossen. Diese wird aus zwei konzentrischen mandelförmigen Ringen gebildet, welche in den Farben des Regenbogens gehalten sind: Der innere Ring gleicht einem Hauptregenbogen (innen grün, außen rot), der äußere einem Nebenregenbogen mit umgekehrter Farbanordnung. Die Fläche zwischen den beiden Bögen ist mit dreizehn symmetrisch angeordneten sechsflügeligen Seraphim besetzt. Diese sind jeweils als kleiner Kinderkopf dargestellt; unter dem Kopf befindet sich ein verschränktes Flügelpaar, während zwei weitere Flügelpaare den Kopf seitlich und nach oben hin umschließen.
Um Christus herum hat Perugino sechs Engel platziert, die im Vergleich zu den Hauptfiguren etwa halb so groß dargestellt sind. Wie die Seraphim besitzen sie identische idealisierte Gesichtszüge. Auch ihre Kleidung ist weitgehend uniform, variiert jedoch in der Farbgebung. Sie tragen ein enges Untergewand, das meist nur an den Armen sichtbar wird, sowie ein weites, oberhalb der Hüfte gegürtetes Obergewand.
Vier dieser Engel stehen auf Wolken in Höhe der Hüfte Christi und musizieren. Die Instrumente lassen sich von links nach rechts wie folgt identifizieren: eine Lira da Braccio (oder eine frühe Form der Viola da Braccio?), eine tragbare Harfe, die mit einem Gurt am Körper befestigt ist und häufig bei Prozessionen Verwendung fand, eine Rebec (ein dreisaitiges Streichinstrument mit einer markanten Stufe am Wirbelkasten) und eine Laute, die mit ihrem rechtwinklig abgeknickten Wirbelkasten als das „klassische“ Saiteninstrument der Renaissance gilt.
Darunter schweben zwei Engel, die im Halbprofil in einer dynamischen Pose zwischen raschem Laufen und Fliegen dargestellt sind. Sie streben der Bildmitte zu und sind – bis auf die Farbgebung ihrer Gewänder – exakt spiegelsymmetrisch zueinander gestaltet. Der dem Betrachter zugewandte Arm ist jeweils gesenkt, wobei die Hand ein Schriftband hält, während der abgewandte Arm emporgerichtet ist und die Hand nach oben in Richtung Gottvaters weist.
Über ihren engen Untergewändern tragen die Engel weite Obergewänder mit für Perugino charakteristischen trichterförmigen Flügelärmeln. Dieses Motiv ist an die zeitgenössische Mode angelehnt und wird vom Maler benutzt, um durch den aufgebauschten Faltenwurf Dynamik und Bewegung zu suggerieren.
Der Text auf dem Schriftband des Engels links lautet:
Das Schriftband des rechten Engels zeigt die Fortsetzung:
Diese Passage stammt aus der Apostelgeschichte (Apg 1,11). In der lateinischen Vulgata lautet der Vers: „viri galilaei quid statis aspicientes in caelum hic Iesus qui adsumptus est a vobis in caelum sic veniet“. Die deutsche Einheitsübersetzung gibt den Sinn wie folgt wieder: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch fort in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen“.
Unteres Register (Irdische Sphäre) Exakt in der Bildmitte, unmittelbar unter der Mandorla Christi, steht die Jungfrau Maria in frontaler Ausrichtung; ihre Hände sind im Gebet vor der Brust zusammengelegt. Ihr Kopf ist leicht nach hinten geneigt, ihr Blick nach oben auf ihren Sohn gerichtet. Ihr Heiligenschein, dargestellt als goldfarbene halbtransparente Scheibe, ist das einzige Element der unteren Bildhälfte, das sich mit einem Element der oberen Bildhälfte – der Mandorla – überschneidet, und wird im Raum vor dieser dargestellt. In dieser räumlichen Anordnung kann Mariens Blick strenggenommen nicht auf Christus fallen; auch die meisten der Apostel nehmen Positionen ein, von denen aus sie keine direkte Sichtachse auf das Geschehen haben. Peruginos bewusster Verzicht auf eine räumlich korrekte Darstellung ist ein Stilmittel, das dazu dient, das Ereignis aus der realen in eine transzendente Welt zu übertragen: Das Gemälde ist nicht als bloße historische Erzählung, sondern als ins Bild gesetzte Summe der Christologie zu verstehen.
Identifizierung der Figuren Aus dem textlichen Zusammenhang der Apostelgeschichte lässt sich auf elf namentlich genannte Apostel schließen, die Zeugen der Himmelfahrt wurden ; Judas Iskariot hatte sich bereits zuvor das Leben genommen. Im unteren Register der Himmelfahrt sind jedoch dreizehn männliche Personen dargestellt. In der rezipierten Literatur werden vier von ihnen identifiziert: Der heilige Paulus: Die Figur mit dem Schwert unmittelbar rechts neben Maria lässt sich mit Gewissheit als der heilige Paulus von Tarsus identifizieren. Das Schwert – sein Heiligenattribut – verweist auf sein späteres Martyrium durch Enthauptung. Gemäß der biblischen Chronologie wurde Paulus erst nach der Himmelfahrt zum Gefolgsmann Christi berufen. Da der Hochaltar von San Pietro jedoch den Hll. Petrus und Paulus geweiht war, war seine bildliche Darstellung auf dem Altarbild obligatorisch. Perugino rechtfertigt diese ahistorische Darstellung des Paulus mit einem Kunstgriff: Paulus blickt weder zur Himmelfahrt empor noch zum Betrachter, sondern schaut zur Seite. Damit erhält seine Anwesenheit einen überzeitlichen Charakter.
Der heilige Matthias: Eine weitere Person, die im Kontext der Himmelfahrt in der Apostelgeschichte namentlich nicht erwähnt wird, ist der heilige Matthias. Er wurde erst später per Losentscheid zum Nachfolger des Judas Iskariot bestimmt. Da die Apostelgeschichte offenlässt, ob noch weitere Jünger der Himmelfahrt beiwohnten, führt seine Darstellung als dreizehnter männlicher Zeuge zu keinem Widerspruch. Er wird von einem Autor mit der einzigen Figur identifiziert, die – nahe dem linken Bildrand – mit dem Rücken zum Betrachter steht.
Der heilige Petrus: In der Fünfergruppe auf der linken Bildseite, die – etwas zurückgesetzt – eine fortlaufende Reihe vom linken Bildrand bis zu Maria formt, lässt sich die der Maria am nächsten stehende Figur mit der vor die Stirn erhobenen Linken eindeutig bestimmen. Es handelt sich um den hl. Petrus, erkennbar an dem Schlüssel in seiner Rechten, den Jesus ihm als „Schlüssel des Himmelreichs“ verheißen hatte.
Der heilige Lukas: Rechts von Maria steht eine Reihe von sechs Aposteln, die weitgehend symmetrisch zur linken Fünfergruppe den Raum zwischen Maria und dem rechten Bildrand füllen; ein siebter ist etwas in den Vordergrund gerückt. Während der Apostel direkt neben Maria bereits als Paulus identifiziert wurde, wird die im Bildvordergrund leicht isoliert stehende Figur mit dem roten Buch dem Evangelisten Lukas zugeordnet.
Hinsichtlich der Identifizierung der neun anonym gebliebenen Apostel liegen keine gesicherten Informationen vor. Diese weitgehende Anonymisierung könnte von Perugino bewusst angelegt worden sein, um durch Uniformität der Kleidung, der Haltung und der Figurentypen und Verzicht auf überflüssige Details ein harmonisches, rein ästhetisches Gesamtbild zu erzeugen. Die Gewänder – bestehend aus der klassischen Aposteltracht von Tunika und weitem Pallium (Mantel) – leuchten in stark kontrastierenden Farben. Diese farbliche Abwechslung ist vermutlich nicht ikonographisch begründet, sondern dient dazu, die Reihe der Figuren visuell zu beleben.
Fast alle Apostelköpfe präsentieren sich in Frontal- oder Dreiviertelansicht und folgen zwei sich wiederholenden Grundtypen: Die Apostel sind entweder als jugendlich-bartlose oder als ältere bärtige Männer charakterisiert, und ihre Gesichter weisen kaum individuelle Züge auf. Diese Standardisierung scheint eine namentliche Identifizierung unmöglich zu machen, spiegelt aber die effiziente Arbeitsweise der Werkstatt wider.