mini|200px|Luís Fernando Cirne Lima Luís Fernando Cirne Lima (* 1. Januar 1933 in Porto Alegre, Rio Grande do Sul) ist ein brasilianischer Agrarwissenschaftler, Hochschullehrer und Politiker, der unter anderem zwischen 1969 und 1973 Landwirtschaftsminister war.
Leben Luís Fernando Cirne Lima ist ein Sohn des Juristen und Hochschullehrers Rui Masson Cirne Lima (1908–1984) sowie Maria Velho Cirne Lima sowie ein Enkel des Zahnmediziners und Hochschullehrers Elias Cirne Lima (1882–1966). Sein älterer Bruder war der Philosoph und Hochschullehrer Carlos Cirne Lima (1931–2020). Nach seinem Schulabschluss am Colégio Anchieta in seiner Heimatstadt Porto Alegre begann er ein Studium an der Fakultät für Agronomie und Veterinärmedizin der dortigen Universidade Federal do Rio Grande do Sul (UFRGS) und schloss dieses 1954 als Agraringenieur ab. Er absolvierte zusätzlich Praktika an Universitäten in den USA sowie Argentinien. 1955 begann er seine Lehrtätigkeit im Fachbereich Tierzucht an der Fakultät für Agronomie und Veterinärmedizin der UFRGS und qualifizierte sich in den Auswahlverfahren für Lehrbeauftragte und außerordentliche Professoren. Später wurde er auch Professor an der Fakultät für Tierzucht in Uruguaiana und war Jurymitglied bei verschiedenen Viehausstellungen in Brasilien und im Ausland, insbesondere in England, und Redakteur der Landwirtschaftsbeilage der Tageszeitung „Correio do Povo“ in Porto Alegre. Er wurde Teilhaber mehrerer landwirtschaftlicher Betriebe und Berater großer Viehzüchter in Rio Grande do Sul und arbeitete zudem für das Landwirtschaftsministerium seines Bundesstaates.
Im Juli 1966 wurde sein Vater, ein langjähriges Mitglied der alten Libertären Partei PL (Partido Libertador), von der Brasilianischen Demokratischen Bewegung MDB (Movimento Democrático Brasileiro) als Kandidat für die indirekte Gouverneurswahl in Rio Grande do Sul aufgestellt und erhielt dabei die Unterstützung eines Flügels der Nationalen Erneuerungsallianz ARENA (Aliança Renovadora Nacional). Um die Mehrheit für die Kandidatur des regierungsnahen Walter Peracchi Barcelos in der Legislativversammlung von Rio Grande do Sul zu sichern, entzog Präsident Marschall Humberto Castelo Branco vier Abgeordneten der MDB die Mandate. 1968 wurde er zum Präsidentin des Landwirtschaftsverbandes von Rio Grande do Sul FARSUL (Federação da Agricultura do Rio Grande do Sul) gewählt. In dieser Position folgte er nicht der traditionellen Linie der radikalen Ablehnung von Agrarreformen durch die Organisation, sondern betonte den Vorschlag der Industrialisierung landwirtschaftlicher Regionen als Lösung zur Nutzung überschüssiger Arbeitskräfte.
mini|200px|In der Regierung General Emílio Garrastazu Médici war Cirne Lima zwischen 1969 und 1973 Landwirtschaftsminister. Mit der Amtseinführung von General Emílio Garrastazu Médici, als Präsident der Republik am 30. Oktober 1969 wurde Cirne Lima zum Landwirtschaftsminister (Ministro da Agricultura) ernannt und gab seine Universitätslehrtätigkeit sowie den Vorsitz von FARSUL auf. Im Dezember 1969 kündigte er den baldigen Beginn einer Agrarreform an, die „auf Kolonisierung und Landaufteilung“ ausgerichtet sei. Er war einer der wenigen Minister, die damals die Abgeordnetenkammer (Câmara dos Deputados) besuchten, welche nach einer langen Sitzungspause infolge des Inkrafttretens des Institutionalisierungsgesetzes Nr. 5 AI-5 (Ato Institucional N.º 5) vom 13. Dezember 1968 wiedereröffnet worden war. Im April 1970 traten Meinungsverschiedenheiten zwischen Cirne Lima und dem damaligen Finanzminister Delfim Netto auf, die später in einen offenen Konflikt mündeten. Streitpunkt war die von Netto geplante Steuer auf Fleischexporte zur Inflationsbekämpfung. Der Landwirtschaftsminister widersprach der Position seines Kabinettskollegen und argumentierte, dass die Fleischproduktion in Rio Grande do Sul, von der über 70 Prozent exportiert wurden, nicht auf dem zentralen Markt des Landes ankam, wo die von der Regierung angestrebten Preissteigerungen stattfanden. Daher müsse die Produktion von der Besteuerung ausgenommen werden. Die Meinungsverschiedenheiten wurden vorläufig durch die Verabschiedung zweier anderer Maßnahmen zur Bekämpfung der hohen Fleischpreise beigelegt, die keine Exportsteuer vorsahen.
mini|200px|Als Landwirtschaftsminister geriet Cirne Lima wiederholt in Konflikt mit dem Hauptverantwortlichen für die Wirtschaftspolitik, Finanzminister Delfim Netto. Im selben Jahr suchte eine schwere Dürre die Nordostregion heim, deren Probleme für die Bundesregierung Priorität erhielten. Während eines Besuchs von Präsident Garrastazu Médici bei den Betroffenen sprach Cirne Lima von der Notwendigkeit, eine große Migrationsbewegung zu fördern. Dies sollte die offizielle Strategie sein, die damals umgesetzt wurde: „Der Nordosten umfasst eine Fläche von 1,6 Millionen Quadratkilometern und hat 30 Millionen Einwohner. Pará hat 1,2 Millionen Quadratkilometer und 1,2 Millionen Einwohner.“ („O Nordeste tem uma área de 1,6 milhão de quilômetros quadrados e 30 milhões de habitantes. O Pará tem 1,2 milhão de quilômetros quadrados e 1,2 milhão de habitantes.“) Da die Gebiete der ersten Gruppe „trocken und im Allgemeinen ungeeignet für die Landwirtschaft“ und die der zweiten Gruppe fruchtbar waren, „liegt es nahe, dass die Migration der verarmten Nordostbewohner nach Süd-Pará, in die feuchten Täler von Maranhão und in die nördliche Region des Zentralplateaus eine hervorragende Lösung wäre.“ Ende Juni verkündete die Regierung ihren Beschluss zum Bau der Fernstraße Transamazônica. Er sah darin „eine mögliche Wiederholung des Epos der amerikanischen Pioniere Mitte des 20. Jahrhunderts“. Am 9. Juli 1970 wurde das Nationale Institut für Kolonisation und Agrarreform INCRA (Instituto Nacional de Colonização e Reforma Agrária) gegründet, dessen Hauptaufgabe die Leitung der Kolonisierung des Amazonasgebiets als ein wichtiger Bestandteil der sogenannten „nationalen Integrationspolitik“ (Política de integração nacional) war. Ein Jahr später wurde 1971 das Landumverteilungs- und Agrarindustrie-Förderprogramm für den Norden und Nordosten PROTERRA (Programa de Redistribuição de Terras e de Estímulo à Agroindústria do Norte e do Nordeste) ins Leben gerufen, um das Problem der großen Landbesitzungen im Nordosten zu lösen.
Cirne Lima, der zwischen 1972 und 1978 auch Mitglied des Kuratoriums des Internationalen Zentrums für Mais- und Weizenforschung (CIE) in Mexiko war, geriet weiterhin in Konflikt mit dem Hauptverantwortlichen für die Wirtschaftspolitik der Regierung, Delfim Netto. Der Landwirtschaftsminister befürwortete eine Reduzierung des durchschnittlichen jährlichen Wirtschaftswachstums des Landes bei gleichzeitiger gerechterer Verteilung des Nationaleinkommens. Dies, so argumentierte er, würde eine größere Wirkung erzielen als ein sehr schnelles Wachstum, das keine nennenswerten sozialen Verbesserungen mit sich brächte. Da er die offizielle Richtung nicht ändern konnte, reichte Cirne Lima im Januar 1973 seinen ersten Rücktrittsantrag ein, der vom Präsidenten jedoch abgelehnt wurde. Die Meinungsverschiedenheiten hielten jedoch an. Um die Inflation 1973 bei 12 Prozent zu halten, ordnete Minister Delfim Netto unter anderem die Rationierung von Fleischexporten, die Beschlagnahmung von 15 Prozent der daraus erzielten Deviseneinnahmen und die Einführung strenger Preiskontrollen für Fleischverarbeitungsbetriebe auf dem Inlandsmarkt an. Am 26. April 1973 kam es zur Gründung der Agrarforschungsgesellschaft EMBRAPA (Empresa Brasileira de Pesquisa Agropecuária), ein Forschungsinstitut, das Technologien für die brasilianische Landwirtschaft entwickelt, welche Produktionskosten senken, die Nahrungsmittelproduktion erhöhen, Ressourcen und Umwelt schonen sowie die Abhängigkeit von externen Technologien, Produkten und genetischem Material reduzieren sollen. Cirne Lima war mit diesen Maßnahmen nicht einverstanden und sandte am 9. Mai ein neues Rücktrittsschreiben an den Präsidenten, das er gleichzeitig an die Telex-Dienste der Bundesregierung und an Nachrichtenagenturen weiterleitete. In dem Schreiben lobte er die ersten drei Jahre der Regierung Médici, in denen „Landwirtschaft, Wohlergehen und die Interessen der ländlichen Bevölkerung eine in unserer republikanischen Geschichte beispiellose Bedeutung erlangten.“ („colocaram-se a agricultura, o bem-estar e os interesses do homem rural em uma posição incomparável em nossa história republicana.“) Dies sei der Kolonisierung des Amazonas durch INCRA, dem PROTERRA-Programm – „der wertvollsten Landverteilungsmaßnahme, die jemals in Brasilien durchgeführt wurde“ – und der Einrichtung von Versorgungszentren zu verdanken. Er wies jedoch darauf hin, dass der Kampf gegen die Inflation zu Verzerrungen „im System und in den Regierungsmethoden“ geführt habe, da „die Lasten und Verantwortlichkeiten dieser Aufgabe nicht gleichmäßig verteilt wurden“. Infolgedessen habe die Landwirtschaft, „die weder Inflation wollte noch von ihr profitierte, eine unvergleichlich größere Last zu tragen“.
Der Brief kritisierte auch das Vorgehen ausländischen Kapitals, insbesondere multinationaler Konzerne: „Leider haben die staatlichen Maßnahmen zur Sicherung der Binnenversorgung, ohne die von den städtischen Konsumenten gewünschte Stabilität zu erreichen, den zunehmend ausländischen Exportsektor begünstigt und den Wohlstand des Landes immer weniger brasilianisch geprägt.“ („Infelizmente os mecanismos governamentais visando o abastecimento interno, sem atingirem a estabilidade desejada pelo consumidor urbano, mais têm favorecido o setor industrial e comercial da exportação, crescentemente estrangeiro, e tornado cada vez menos brasileiros os resultados da prosperidade do país“) Er erklärte außerdem: „Das größte Problem liegt in der Schwäche unserer Institutionen, die in keinem Verhältnis zum Wachstum einiger weniger Interessengruppen im Land steht.“ („o maior problema advém da debilidade das nossas instituições, desproporcional ao crescimento de alguns poucos interesses dentro do país“) Der bekannteste Auszug aus dem Brief bezog sich auf Minister Delfim Netto: „Ein Kollege, ebenfalls Minister Eurer Exzellenz, bekräftigte mir gegenüber erneut, dass die Regierung im Kern unethisch sei und daher alle Mittel zur Erreichung der angestrebten Ziele zulässig seien… Zwischen dieser Aussage und meinen Überzeugungen klafft eine tiefe Kluft; ich kann sie nicht überbrücken. Ich habe immer geglaubt, dass die Wahrheit besser ist als die Lüge und der Mut besser als die Feigheit. Heute werde ich mit meinen eigenen Prinzipien konfrontiert.“ („Reiterou-me, mais uma vez, um colega, também ministro de Vossa Excelência, que o governo é um ente essencialmente aético, e como tal são válidos todos os meios para atingir os fins desejados… Há entre essa afirmativa e minhas convicções um grande abismo, não posso atravessá-lo. Sempre acreditei que a verdade é melhor que a falsidade, e a coragem melhor que a covardia. Hoje, confronto-me com meus próprios princípios“)