Automatisierung ist ein Begriff aus der Lernpsychologie. Ab einer bestimmten Lerntiefe entsteht Automatisierung. Der Volksmund bezeichnet das als „Etwas aus dem Ärmel schütteln“ oder „Etwas ist in Fleisch und Blut übergegangen“ oder „Das macht man mit links“. Gut bekannt ist das Thema z. B. im Sport. Eine wichtige Frage ist z. B., wie oft ein Judogriff geübt werden muss, damit er wirklich „sitzt“. Auch in der Fahrschule ist es ein Thema, wenn es z. B. darum geht, rückwärts einparken zu lernen. Dabei sind mehrere Dinge zu beachten, z. B. wie nah man neben das vordere Fahrzeug fährt, ab wann man dann rückwärts fährt, wie weit man dafür das Lenkrad dreht und wie man es schafft, dass das Fahrzeug zuletzt maximal 10 cm vom Bordsteinrand entfernt steht. Bei einem versierten Autofahrer läuft dies alles „automatisch“ ab. Er muss gar nicht mehr darüber nachdenken. Im Gegensatz zu automatisiertem Verhalten steht das bewusst kontrollierte Verhalten, das einen Lernvorgang zu Beginn kennzeichnet und Schritt für Schritt erfolgt. Der Unterschied zwischen bewusst kontrolliertem Verhalten und automatisiertem Verhalten lässt sich über bildgebende Verfahren nachweisen.
Kennzeichen von automatisiertem Verhalten Die amerikanischen Wissenschaftler Walter Schneider und Richard M. Shiffrin haben 1977 zwei Aufsätze in der renommierten Fachzeitschrift Psychological Review zum Thema Automatisierung veröffentlicht. „Diese beiden Arbeiten werden in der psychologischen Grundlagenforschung als Jahrhundertarbeiten eingeschätzt (Schneider und Shiffrin 1977; Shiffrin u. Schneider 1977).“
Kennzeichnend für automatisches Verhalten ist, dass es weitgehend unbewusst erfolgt, also keiner Aufmerksamkeit bedarf, dass es mühelos erfolgt und daher als wenig anstrengend erlebt wird, dass es nahezu fehlerfrei ist, dass es um ein Vielfaches (um 1000 bis 2000 %) schneller ist als bewusstes Verhalten und dass mehrere Prozesse parallel, also gleichzeitig, durchgeführt werden können.
Damit Automatisierung erreicht wird, müssen nach Schneider und Shiffrin zwei Bedingungen erfüllt sein.
Zum einen muss auf einen Reiz immer mit dem gleichen Verhalten reagiert werden. Das bedeutet für einen Lernprozess, dass ein Kind z. B. ein Wort möglichst immer gleich – und zwar richtig – schreiben sollte. Damit prägt es sich mit der Zeit die richtige Schreibweise ein. Eine Falschschreibung jedoch verlangsamt oder verhindert die Automatisierung. Das ist wie ein Trampelpfad, der entsteht, wenn man den immer gleichen Weg durch eine Wiese mit hohem Gras oder durch hohen Schnee geht. Jede Abweichung von diesem Trampelpfad – in diesem Beispiel wäre das eine Falschschreibung – verhindert, dass der Trampelpfad immer besser ausgetreten wird.
Zum anderen ist eine hohe Zahl von Wiederholungen unabdingbar. Allerdings sind für die Automatisierung eines Verhaltens um ein Vielfaches mehr Wiederholungen nötig als zum Erreichen einer Langzeitspeicherung. Jansen und Streit beschreiben dies am Beispiel der Rechtschreibregel für die Groß- und Kleinschreibung:
„Wenn eine bestimmte Regel einige Male wiederholt wurde und das Kind dabei motiviert und aufmerksam war, dann hat es diese Regel in seinem Langzeitgedächtnis abgespeichert. Wird es gefragt, ob ein bestimmtes Wort groß oder klein geschrieben wird, so kann es – bei bewusstem Nachdenken – antworten: ‚‹Blume› ist ein Namenwort, also wird es groß geschrieben‘. Auch hier wird die Lösung noch in Form einer bewussten Verarbeitung gefunden. Dies erfordert hohe Konzentration, und es ist nicht möglich, andere Verarbeitungsschritte gleichzeitig durchzuführen. Soll das Kind nun im Rahmen einer Diktates einen ganzen Satz schreiben, so muss es noch eine Vielzahl weiterer Verarbeitungsschritte gleichzeitig ausführen: Es muss den Satz verstehen und speichern, es muss die richtige Rechtschreibung für die einzelnen Wörter abrufen usw. Wenn hier nicht jeder einzelne Verarbeitungsschritt automatisiert wurde, kommt es sehr schnell zu einer Überforderung. Dies ist noch mehr der Fall, wenn das Kind beim Schreiben eines Aufsatzes auch noch den gesamten Zusammenhang sowie die Formulierung der einzelnen Sätze finden muss. Deshalb sieht man gerade in diesem Bereich bei vielen Schülern ein völliges Zusammenbrechen der Rechtschreibleistung, obwohl sich die Regeln und die Rechtschreibung der einzelnen Wörter bereits im Langzeitspeicher befinden.“
Anzahl der nötigen Wiederholungen für die Automatisierung Für Lehrkräfte und Lerntherapeuten ergibt sich nach diesen Erkenntnissen die zentrale Frage, wie viele Wiederholungen es braucht, um eine neue Aufgabe so gut zu beherrschen, dass sie automatisiert abgerufen werden kann. Darauf kann es jedoch keine allgemein gültige Antwort geben, weil das eine Kind mehr Wiederholungen benötigt als ein anderes.
Allerdings lässt sich inzwischen eine ungefähre Größenordnung angeben, denn es gibt eine Reihe von Untersuchungen zu der Frage, wie viele Wiederholungen es braucht, damit eine Bewegung voll automatisiert ablaufen kann. Zum Karate-Training der Tiger Kwon Kids wird z. B. geschrieben, dass nur durch kontinuierliches Üben und Wiederholen die Bewegungen in Fleisch und Blut übergehen: Perfektion durch Wiederholung – 10.000 Mal bis zur Meisterschaft.
Die Europäischen WingTsun Organisation führt aus: Ab 500 Wiederholungen wird Gelerntes bewusst wahrgenommen und abgerufen. Ab 2000 Wiederholungen beginnt die Automatisierung einer Bewegung. Bei bis zu 10.000 Wiederholungen kann man auf automatisierte und anpassungsfähige Bewegungssequenzen hoffen.
Konsequenzen für die Lernförderung Automatisierung entsteht nur dann, wenn beide oben genannten Bedingungen erfüllt sind, nämlich gleiches Verhalten bei gleichem Reiz und eine sehr hohe Zahl von Wiederholungen. Im Anfangsunterricht Mathematik ist es z. B. wichtig, dass jedes Kind nach wenigen Schulwochen zumindest im Zahlenraum bis 20 sicher zählen kann. „Sicheres Zählen in einem Zahlenraum (Vorwärts- und Rückwärtszählen, auch beginnend von beliebigen Zahlen an und in Zweierschritten) ist eine wesentliche, unabdingbare Voraussetzung für die Rechenfertigkeit in diesem Zahlenraum.“
Klaus Hasemann, Professor für Mathematik-Didaktik, nennt Beispiele für Zählübungen, die dieses „sichere Zählen“ mit der Zeit automatisieren können: im Chor zählen, sich im Stuhlkreis einen Ball zuwerfen und eine Zahl nennen: von dieser Zahl ab zählt das Kind vorwärts oder rückwärts, und der Ball wird weitergeworfen. Im Förderunterricht kann man mit 4–6 Kindern, von denen jedes einen Zollstock hat, im Kreis abwechselnd vorwärts (oder später auch rückwärts) zählen und mit dem Finger auf die jeweilige Zahl zeigen. (Damit werden alle drei Module des Triple-Code-Modells geübt.) Bei der deutschen Rechtschreibung ist eine wichtige Grundvoraussetzung die Fähigkeit, lautgetreue Wörter sicher automatisiert korrekt schreiben zu können. Erst dann macht ein Training der Rechtschreibregeln Sinn. So führt z. B. Norbert Sommer-Stumpenhorst aus: „Am Anfang des Rechtschreiblernprozesses kommt es darauf an, den Kindern ein Gespür für die regelhaften und häufig vorkommenden Zuordnungen zu vermitteln. Indem die Kinder beim Schreiben mitsprechen und sich gegenseitig die Wörter so vorsprechen, wie sie geschrieben werden, bilden sie ein inneres Ordnungssystem für die Laut-Buchstaben-Zuordnung aus. Dieses Ordnungssystem ist die Grundlage für alle weiteren Differenzierungen, Besonderheiten und das Erlernen von Abweichungen (Ausnahmen).“
Praktisch bedeutet das, dass man Kindern zum Training der Laut-Buchstaben-Zuordnung häufig lautgetreue Wörter nennt, wie z. B. Garten, weich, Rose, graben, pflanzen, die sie dann möglichst korrekt schreiben müssen. Haben sie fünf Wörter geschrieben, haben sie fünfmal die Laut-Buchstaben-Zuordnung geübt. Und dies sollte sehr, sehr häufig geschehen, damit die Kinder dieses Grund-Prinzip immer sicherer beherrschen.
In der Lerntherapie wird beim Üben für die Automatisierung der Begriff „Null-Fehler-Grenze“ verwendet. Damit wird der Schwerpunkt auf solche Aufgaben gelegt, die das Kind oder der/die Jugendliche im Prinzip korrekt lösen können müsste – notfalls mit einem angemessenen Hilfsmittel. Damit wird die erste – wichtige – Bedingung für die Automatisierung in der Regel erfüllt.
Kritik Der von Fritz Jansen und Uta Streit beschriebene Ansatz wurde von dem Bildungsforscher Hans Brügelmann untersucht, der 2009 im Auftrag des Landesinstitus für Schule und Medien Berlin-Brandenburg ein Gutachten erstellte. Brügelmann kritisiert darin unter anderem den veralteten behavioristischen Ansatz, das Außerachtlassen eines analytisch-synthetischen Zuganges beim Lese- und Schreiblernprozess, die Abkopplung der Lesehandlung vom Sinnverständnis sowie das Vorschreiben eines gleichen Lernweges für alle Kinder und warnt vor didaktischen Allaussagen und pädagogischen Heilsversprechen. Umstritten ist das Konzept auch wegen der rigorosen Nullfehlertoleranz, die einem gesunden Umgang mit Fehlern entgegensteht. Beim Zentrum zur Therapie der Rechenschwäche in Potsdam sieht man durch das Konzept den Aufbau eines logischen Mengen- und Zahlenverständnisses behindert, stattdessen käme es zu einem mechanischen Reiz-Reaktions-Lernen (Drill) ohne Entwicklung eines mathematischen Verständnisses.
Literatur
Einzelnachweise
Kategorie:Didaktik Kategorie:Lernpsychologie