Als „Petersilienmassaker“ wird eine von der Diktatur Rafael Trujillos angeordnete Massentötung bezeichnet, bei der im Oktober 1937 entlang der dominikanisch‑haitianischen Grenze zehntausende Haitianer und Dominikaner haitianischer Herkunft getötet wurden. Die Gewalt richtete sich vor allem gegen in der Grenzregion ansässige ländliche Gemeinschaften und wurde überwiegend von Einheiten der dominikanischen Armee sowie zwangsverpflichteten Zivilisten mit Hieb- und Stichwaffen ausgeführt. Ihre Bezeichnung leitet sich von einem Sprachtest mit dem spanischen Wort „perejil“ () ab, das mutmaßliche Haitianer korrekt aussprechen sollten, wobei die Rolle dieses Schibboleth-Motivs in der Forschung teilweise als Mythos eingeschätzt wird. Das Massaker gilt als Kulminationspunkt einer unter Trujillo verschärften antihaitianischen Ideologie und markierte eine grundlegende politische, demografische und symbolische Neuordnung der Grenzregion zwischen Dominikanischer Republik und Haiti.
Historischer Hintergrund Beziehung zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik mini|Haiti und die Dominikanische Republik teilen sich die Insel Hispaniola Die Insel Hispaniola, auf der sich die Staaten Haiti und die Dominikanische Republik befinden, war seit der Kolonialzeit Schauplatz von Territorialkonflikten zwischen den spanischen und französischen Kolonialmächten. Nachdem Haiti 1804 als erste schwarze Republik die Unabhängigkeit erlangt hatte, besetzte es von 1822 bis 1844 den östlichen, spanischsprachigen Teil der Insel. Die Dominikanische Republik erklärte ihre Unabhängigkeit 1844 nicht von einer europäischen Kolonialmacht, sondern von Haiti, was die Beziehung zwischen beiden Staaten nachhaltig prägte. In einem zweiten Unabhängigkeitskrieg, dem Restaurationskrieg von 1865, befreite sich die Dominikanische Republik von einer erneuten spanischen Herrschaft, wobei Haiti dem Nachbarstaat Unterstützung leistete.
Trotz der politischen Spannungen war die rund 360 Kilometer lange Grenze zwischen beiden Staaten über Jahrzehnte hinweg eine weitgehend durchlässige Zone. Kinder überquerten die Grenze täglich, um auf der einen Seite die Schule zu besuchen und auf der anderen Seite zu wohnen. Ausgedehnte Viehwirtschaftsbetriebe erstreckten sich über die Grenze hinweg, und Dominikaner und Haitianer lebten in einer bikulturellen, zweisprachigen Gemeinschaft zusammen, in der auch Mischehen keine Seltenheit waren. Viele Haitianer waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die dünn besiedelte westliche Region der Dominikanischen Republik eingewandert, um dort als Kleinbauern Land zu bewirtschaften. Ihre Nachkommen, obwohl ethnisch und kulturell haitianisch geprägt, waren auf dominikanischem Boden geboren und betrachteten das Land als ihre Heimat.
Trujillos Aufstieg und die antihaitianische Politik mini|Die Präsidenten Trujillo (re. mit Hut) und Vincent (m.) bei Grenzvertragsgesprächen 1933 zwischen der Dominikanischen Republik und Haiti Rafael Leónidas Trujillo Molina gelangte 1930 durch einen Militärputsch an die Macht und errichtete eine brutale Diktatur über die Dominikanische Republik. Obwohl Trujillo mütterlicherseits haitianische Vorfahren hatte – seine Großmutter Ercina Chevalier war Haitianerin –, vertrat er eine ausgeprägt anti‑haitianische, rassistisch-nationalistische Ideologie. Der Kulturanthropologe Robert Lawless vermerkte, dass Trujillo Kosmetik verwendete, um die phänotypischen Merkmale zu kaschieren, die er von seiner schwarzen haitianischen Großmutter geerbt hatte.
Die dominikanische nationale Identität wurde unter Trujillo in strikter Abgrenzung zu Haiti definiert. Die dominikanische Elite identifizierte sich als weiße, hispanische Nation in Gegensatz zum schwarzen, afrikanisch geprägten Haiti. Trujillo und seine Regierung betrieben ein Programm der Nationenbildung, das auf eine strenge geographische und kulturelle Abgrenzung zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik abzielte. Der US-amerikanische Historiker Edward Paulino vom John Jay College in New York beschreibt die Politik Trujillos als „Dominicanización“ (Dominikanisierung), ein Projekt, mit dem die dominikanischen Grenzgebiete physisch und kulturell für den dominikanischen Staat beansprucht werden sollten.
Im März 1936 unterzeichnete Trujillo mit dem haitianischen Präsidenten Sténio Vincent einen Grenzvertrag, der die bislang vorwiegend auf dem Papier existierende Grenze formalisieren sollte. Trujillo befürchtete, die offene Grenze könnte exilierten Revolutionären als Einfallstor für einen Angriff auf sein Regime dienen.
Wie die US-amerikanische Historikerin Amelia Hintzen von der Yale University dargelegt hat, versuchte das Trujillo-Regime vor dem Massaker zunächst, haitianische Migranten auf legalem Wege durch verdeckte Deportationspläne zu entfernen. Diese Pläne scheiterten jedoch am Widerstand lokaler Beamter und dominikanischer Bauern in der Grenzregion, die sich weigerten, die antihaitianischen Gesetze des Regimes umzusetzen. Archivmaterial zeigt, dass der Widerstand der ländlichen Bevölkerung gegen die Zentralisierungsversuche Trujillo dazu veranlasste, auf Gewalt zurückzugreifen, um die Gehorsamkeit der örtlichen Autoritäten zu erzwingen und die haitianisch-dominikanischen Netzwerke in der Grenzregion zu zerstören.
Die Grenzreise Trujillos im August 1937 mini|hochkant|Präsident Rafael Trujillo (1933) Im August 1937 begann Trujillo eine ausgedehnte Reise durch die nördlichen Grenzprovinzen der Dominikanischen Republik. Die Reise führte ihn durch die gesamte nördliche Hälfte des Landes, sowohl durch die fruchtbare zentrale Cibao-Region als auch durch die nördlichen Grenzgebiete. Die Cibao-Region galt traditionell als Zentrum der Elitenrivalität mit Trujillo, und die nördliche Grenzregion war seit jeher ein Gebiet lokaler Autonomie und Zufluchtsort für lokale Machthaber, die Caudillos. Die US-amerikanische Gesandtschaft in Santo Domingo ging davon aus, dass die Augustreise dazu diente, die Opposition einzuschüchtern. Wie bei früheren Grenzreisen und Besuchen in ländlichen Gebieten schüttelte Trujillo Hände, verteilte Lebensmittel und Geld, besuchte Tänze und Feiern zu seinen Ehren und bemühte sich, politische Loyalität in bislang widerspenstigen Gebieten zu sichern.
Verlauf des Massakers Beginn am 2. Oktober 1937 Am Abend des 2. Oktober 1937 hielt Trujillo während eines zu seinen Ehren veranstalteten Tanzes in der Grenzstadt Dajabón eine Ansprache, die gemeinhin als Auftakt des Massakers gilt. In seiner Rede erklärte Trujillo: „Den Dominikanern, die sich über die Verwüstungen durch unter ihnen lebende Haitianer beklagten – Viehdiebstähle, Diebstähle von Vorräten, Früchten usw. –, und die dadurch daran gehindert wurden, in Frieden die Früchte ihrer Arbeit zu genießen, [...] Ich werde das in Ordnung bringen! Wir haben bereits begonnen, Abhilfe zu schaffen. 300 Haitianer sind jetzt tot. Dieses Mittel wird fortgesetzt!“ Damit bestätigte Trujillo, dass bereits Ende September erste Tötungen stattgefunden hatten.
In der ausführlicheren überlieferten Fassung der Rede formulierte Trujillo das Massaker als Reaktion auf angeblichen Viehdiebstahl und Ernteplünderungen durch Haitianer, die in der Dominikanischen Republik lebten. Der US-amerikanische Historiker Richard Lee Turits von der University of Michigan identifizierte diese Rede als den Beginn einer Reihe wechselnder Rechtfertigungen, mit denen das Massaker als spontaner Konflikt zwischen dominikanischen Bauern und haitianischen Viehdieben dargestellt wurde.
Massentötungen Die Massentötungen dauerten zwischen fünf und acht Tagen, vom 2. Oktober bis etwa zum 8. Oktober 1937. Einheiten der dominikanischen Armee aus verschiedenen Landesteilen führten die Tötungen durch, unterstützt von zwangsverpflichteten Zivilisten. In den Städten wurden die Opfer in der Regel abgeführt, bevor sie getötet wurden. Auf dem Land fanden die Tötungen offen und vor aller Augen statt.
Als Mordwaffen kamen vorwiegend Macheten, Bajonette und Knüppel zum Einsatz. Schusswaffen wurden nur selten verwendet, hauptsächlich bei der Tötung von Fliehenden. Mehrere Historiker interpretieren die Wahl der Waffen als bewusste Strategie Trujillos, um den Anschein eines Volksaufstands zu erwecken und die staatliche Urheberschaft des Genozids abstreiten zu können. Die offizielle Darstellung des Regimes lautete, das Massaker sei ein spontaner Aufstand patriotischer dominikanischer Bauern gegen haitianische Viehdiebe gewesen.
Einige dominikanische Augenzeugen aus der nördlichen Grenzregion berichteten, dass Haitianern zunächst eine Frist von 24 Stunden zum Verlassen des Landes eingeräumt wurde. In manchen Fällen wurden die Leichen von Haitianern an prominenten Stellen, etwa am Eingang von Ortschaften, öffentlich aufgehängt, um andere einzuschüchtern. Während der ersten Tage des Massakers war es Haitianern, die die Grenze erreichten, noch gestattet, über die offizielle Brücke am Grenzübergang Dajabón nach Haiti zu gelangen. Am 5. Oktober wurde die Grenze jedoch geschlossen. Danach mussten Fliehende den Grenzfluss Río Dajabón – auch Río Masacre (Massacre River) genannt, wobei der Name nicht auf dieses Massaker, sondern auf ein früheres kolonialzeitliches Blutbad zurückgeht – durchwaten, während das Militär systematisch Haitianer am östlichen Ufer niedermetzelte.
Einige Soldaten gestanden später, dass sie die Tötungen nur unter dem betäubenden Einfluss von Alkohol hatten durchführen können. Einzelne Dominikaner riskierten ihr eigenes Leben, um haitianischen Nachbarn zur Flucht zu verhelfen, während andere dem Militär bei der Identifizierung von Haitianern halfen. In der Grenzregion von Loma de Cabrera versteckten sich Haitianer der lokalen Überlieferung zufolge in Höhlen hinter einem Wasserfall.
Zielgruppe der Tötungen Ziel des Massakers waren Haitianer und Dominikaner haitianischer Abstammung in der nordwestlichen Grenzregion und in Teilen der Cibao-Region. Haitianische Arbeiter auf den Zuckerrohrfeldern im östlichen Teil des Landes wurden mit wenigen Ausnahmen nicht angegriffen. Die Grenzregion war zuvor durch eine fließende Koexistenz ethnischer Haitianer und Dominikaner gekennzeichnet gewesen, die überwiegend als unabhängige Kleinbauern lebten. Viele der Opfer waren auf dominikanischem Boden geboren und besaßen gemäß der dominikanischen Verfassung die dominikanische Staatsangehörigkeit.
Der Sprachtest mit dem Wort „Petersilie“ mini|Petersilie, als „perejil“ auf Spanisch für kreolischsprachige Haitianer praktisch nicht aussprechbar Die Bezeichnung „Petersilienmassaker“ geht auf einen Sprachtest zurück, der bei der Identifizierung der Opfer angewandt worden sein soll. Verdächtige Personen wurden aufgefordert, das spanische Wort „perejil“ () auszusprechen. Kreolischsprachige Haitianer konnten den gerollten spanischen Buchstaben „r“ und den Laut „j“ typischerweise nicht korrekt artikulieren und sagten stattdessen das kreolische Wort „pèsi“. Wer das Wort nicht zur Zufriedenheit der Soldaten aussprechen konnte, wurde als Haitianer eingestuft und getötet.
Dieser Sprachtest wird in der Forschung häufig als Schibboleth bezeichnet, in Anlehnung an die alttestamentarische Erzählung im Buch der Richter (Kapitel 12), in der die Gileaditer die Ephraimiter anhand ihrer Aussprache des Wortes Schibboleth identifizierten und töteten. Die Bikulturalität und sprachliche Durchlässigkeit der Grenzregion machte es für die Soldaten schwierig, Haitianer von Dominikanern zu unterscheiden, weshalb neben dem Sprachtest auch äußere Merkmale und rassisch konstruierte Stereotype zur Anwendung kamen.