Der Fachbegriff Rothenburger Weg beschreibt die besondere Stadtentwicklung der Stadt Rothenburg ob der Tauber in Mittelfranken (Bayern) vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Der Begriff beschreibt die Bildwerdung und bauliche Entwicklung einer im Kern mittelalterlichen Stadt, die ab 1900 internationale Berühmtheit erlangte und nach dem Zweiten Weltkrieg im Altstadtbereich zu ca. 40 % wiederaufgebaut werden musste.

Tradition und Bildwerdung der Stadt seit dem 19. Jahrhundert

mini|Das Klingenthor zu Rothenburg ob der Tauber (1869)Beginn der medialen Verbreitung von Rothenburg-Motiven: „Das Klingenthor zu Rothenburg ob der Tauber“, Lithografie aus der Illustrirten Zeitung vom 24. April 1869, Seite 304. mini|Klingentorturm (um 1900)Aufnahme des Klingentorturms von Barry Parker (um 1900) – ein Kanon an immer wiederkehrenden Rothenburg-Motiven in visuellen Medien hatte sich vor dem Ersten Weltkrieg auch international bereits etabliert. Im engeren Sinn umfasst der Begriff „Rothenburger Weg“ den besonderen Wiederaufbauprozess nach 1945, im kultur- und bildwissenschaftlichen Verständnis allerdings die spezifische Geschichte der mittelfränkischen Stadt Rothenburg ob der Tauber seit dem 19. Jahrhundert. Seit mehr als 150 Jahren gilt Rothenburg als die mittelalterliche, die romantisch-märchenhafte, ja malerische Stadt schlechthin – in Deutschland und auch international. Das Stadtbild ist weltbekannt – und weltweit publizierte Bilder nehmen auf die Selbstwahrnehmung der Stadt Einfluss, die sich als Gesamtkunstwerk versteht und damit immer wieder die Aussage des Architektur- und Kunsthistorikers Georg Dehio über die Stadt bekräftigt:

„Die Stadt als Ganzes ist Denkmal“ (1908).

Seit 1902 besteht ein durchgehender rechtlicher Schutz für das Rothenburger Stadtbild und die Rothenburger Altstadt – „eine bewusste Entscheidung der Rothenburger Bürger für den Erhalt ihres Stadtbildes“, so der Historiker Dr. Markus Naser, Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Fränkische Landesgeschichte der Universität Würzburg. „Neue Gebäude müssen sich einfügen und auch ein wenig unterordnen.“

mini|Titelblatt einer Broschüre (um 1950).Ein Rothenburger Appell zum Wiederaufbau der zu ca. 40 % zerstörten Altstadt: Broschüre des Peters Verlags von 1950. mini|Gerlachschmiede (1946/51)Die Gerlachschmiede (1946/51) zählt zu den bis heute umstrittenen Beispielen der Wiederaufbaus, zitiert sie doch erkennbar Motive der Laube von Hans Sachs („Die Meistersinger von Nürnberg“, Bühnenbild 2. Akt von Michael Echter 1868). mini|Erkerlösung in der Rosengasse 9 (1960/63)Es ging bei dem Wiederaufbau darum, ein Stadtbild zurückzugewinnen, anders sind die Erkerlösungen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht zu erklären. . Der Wiederaufbau seit 1945 sichert Rothenburg ob der Tauber unter den wiederaufgebauten Altstädten eine Alleinstellung: Stadtstruktur und Stadtbild sind weitgehend unverändert wiederentstanden. Kein Stadtbild in Deutschland ist derart mustergültig in den ersten Jahren des Wiederaufbaus erstanden. So urteilte der Berliner Kunsthistoriker Adrian von Buttlar 2020 über den Rothenburger Weg des Wiederaufbaus:

Mit diesem von Adrian von Buttlar angesprochenen „outstanding universal value“ will sich Rothenburg erneut um eine Aufnahme ins UNESCO-Weltkulturerbe bewerben. Auch an anderen Orten Deutschlands hat man sich für den „Rothenburger Weg“ entschieden: in der Neuen Frankfurter Altstadt, auf dem Dresdner Neumarkt oder dem Alten Markt in Potsdam etwa. Das Ziel ist auch hier, wie es der Architekturkritiker Ulrich Brinkmann ausdrückt, „Rückgewinnung des vertrauten Stadtbilds“.

mini|Die Frankfurter Neue Altstadt im Neubau (2017)„Altstadt“ als Erfindung der Moderne: Die Frankfurter Neue Altstadt im Neubau (2017) mini|Ensemble des Dresdner Neumarkts, 2012Rückgewinnung des vertrauten Stadtbildes – Ensemble des Dresdner Neumarkts, 2012

Begriff

„Mit dem Begriff ‚Rothenburger Weg‘ fassen wir die bewahrende Tradition der Stadt Rothenburg ob der Tauber in den letzten rund 120 Jahren zusammen. Im engeren Sinne ist damit die bauliche Entwicklung angesprochen, allerdings schimmern immer wieder auch Anklänge an eine damit verbundene Geisteshaltung durch, die viele Entwicklungen bedingt und befördert, andere aber auch rigoros abgelehnt hat“, so formuliert es Markus Naser, im Tagungsband „Der Rothenburger Weg“.

Als forschungsleitenden Fachbegriff erfasst er die wirkungsgeschichtliche Besonderheit Rothenburgs vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die Nachkriegszeit des 20. Jahrhunderts und erlangt besondere Virulenz im Rahmen einer neuerlichen Bewerbung Rothenburgs um das UNESCO-Weltkulturerbe im Jahre 2020. Nach Jörg Christöphler, der in seiner Forschungsarbeit zur Stadtentwicklung Rothenburgs einen prononciert bild- und medienwissenschaftlichen Forschungsansatz verfolgt, ist den Beginn des Rothenburger Weges bereits in der Mitte des 19. Jh., in der Zeit der Medienrevolution erkennbar. „Der Rothenburger Weg ist nichts anderes als Rothenburgs Stadtentwicklung seit dem frühen 19. Jahrhundert. Der Rothenburger Weg beantwortet die Frage, wie und wieso diese Stadt bis auf den heutigen Tag das geworden ist was sie ist: der Inbegriff der romantisch-malerischen, märchenhaften und mittelalterlich-alten Stadt Deutschlands, wenn nicht gar Europas […] Der Rothenburger Weg ist die Bildwerdung einer Stadt als Stadtbild, eines Stadtbildes, welches ab 1900 im internationalen Maßstab Berühmtheit erlangte – und vor allem eines Stadtbildes, welches nach dem Zweiten Weltkrieg auf die Stadtstruktur derart zurückwirkte, dass 40 % der kriegszerstörten Altstadt selbstähnlich wieder aufgebaut wurden.“

Dauerausstellung im RothenburgMuseum

mini|Treppenaufgang zur Ausstellung „Der Rothenburger Weg“ im RothenburgMuseum Der Begriff „Der Rothenburger Weg“ ist auch Titel einer Dauerausstellung im RothenburgMuseum die seit 2025 zu sehen ist. Die Ausstellung beleuchtet den Wiederaufbau des historischen Stadtkerns von Rothenburg nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und dokumentiert, wie es gelang, das Stadtbild zu bewahren und gleichzeitig behutsam zu erneuern.

Die Ausstellung verarbeitet Erkenntnisse zweier wissenschaftlicher Kolloquien (2019 und 2021) sowie Inhalte der Ausstellungen „Pittoresk“ und „Rothenburg in London“. Zu sehen sind Gemälde, Grafiken und Radierungen, die das malerisch-pittoreske Rothenburg zeigen. Postkarten und Reiseführer veranschaulichen, wie sich ein visueller Motivkanon international durchgesetzt hat und Touristen aus aller Welt nach Rothenburg führt.

Zusammenarbeit mit dem UNESCO Chair für Kulturerbe und Städtebau In Zusammenarbeit mit dem von Christa Reicher verantworteten UNESCO Chair für Kulturerbe und Städtebau an der RWTH Aachen hat die Stadt Rothenburg ein Postgraduate-Zertifikatsprogramm (Zertifikatsprogramm – Stadtplanung & Denkmalschutz –RWTH International Academy) zu „StädteBauKultur“ entwickelt. In diesem sind Rothenburg ob der Tauber und der Rothenburger Weg zugleich Reallabor und Lernort. Es werden Zukunftsfragen einer denkmalgerechten, sozialverträglichen und klimaresilienten Stadtentwicklung verhandelt.

„Der Rothenburger Weg“ als zeitgemäßes Vorbild für nachhaltige Stadtentwicklung

Für Christöphler ist der „Rothenburger Weg“ zeitgemäßes Vorbild für nachhaltige Stadtentwicklung:

Anmerkungen

Literatur Hanns-Jürgen Berger und Tobias Lauterbach: Rothenburg ob der Tauber – der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg : eine städtebaulich-denkmalpflegerische Analyse, 2 Bde. (Verl. des Vereins Alt-Rothenburg e.V.) Rothenburg ob der Tauber 2009, ISBN 978-3-927374-77-5 (Band 1), ISBN 978-3-927374-78-2 (Band 2). Sigrid Brandt und Hans-Rudolf Meier (Hg.): Stadtbild und Denkmalpflege, JOVIS, Berlin 2008, ISBN 978-3-939633-73-0 Jörg Christöphler und Florian Huggenberger (Hg.): Der Rothenburger Weg (Schriften des RothenburgMuseums 10), Rothenburg ob der Tauber 2023, ISBN 978-3-00077339-6. Jörg Christöphler und Hellmuth Möhring (Hg.): Pittoresk –Rothenburg als Landschaftsgarten. Symposiumsband zur Tagung vom 5. und 6. April 2029 (Jahrbuch des Vereins Alt-Rothenburg e.V. 2020), Rothenburg ob der Tauber 2021, ISBN 978-3-944109-48-0. Deutsches Nationalkomitee für das Europäische Denkmalschutzjahr 1975: D 3 Rothenburg ob der Tauber. Europäisches Denkmalschutzjahr 1975, Bertelsmann-Fachzeitschriftenverlag, Berlin 1975. Carmen M. Enss und Gerhard Vinken (Hg.): Produkt Altstadt. Historische Stadtzentren in Städtebau und Denkmalpflege, transcript, Bielefeld 2016, ISBN 978-3-8376-3537-9. Joshua Hagen: Preservation, Tourism and Nationalism. The Jewel of the German Past, Aldershot/Burlington, Hampshire/Ashgate 2006, ISBN 978-0-75464324-1. Gisela Mettele und Sandra Kerschbaumer (Hg.): Romantische Urbanität, Böhlau, Köln 2020, ISBN 978-3-412-51738-0 Hellmuth Möhring (Hg.): Pittoresk! – Rothenburg on London. Katalog zu den Sonderausstellungen 2020/2021, Verein Alt‑Rothenburg e.V., Rothenburg ob der Tauber 2020, ISBN 978-3-944109-48-0. Michael Kamp: Die touristische Entdeckung Rothenburgs ob der Tauber im 19. Jahrhundert, Schillingsfürst, 1996, ISBN 978-3-00000491-9.

Einzelnachweise

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