mini|St.-Gatianus-Kathedrale in Tours mini|Ein Relief, das das Jüngste Gericht Jesu über die Sünder in der Kathedrale von Amiens, einem Weltkulturerbe, darstellt
Religion in Frankreich, die Religionslandschaft in Frankreich ist vielfältig. Das Christentum stellt die größte Glaubensgruppe dar, während ein erheblicher Teil der Bevölkerung konfessionslos ist. Zudem gibt es bedeutende Minderheiten, die sich zum Islam oder anderen Religionen bekennen.
Rechtliche Grundlagen Die Religions- und Gedankenfreiheit ist historisch tief verwurzelt. Sie stützt sich auf:
Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789. Das Prinzip der Laizität (Trennung von Kirche und Staat), das maßgeblich durch die Jules-Ferry-Gesetze (1880er Jahre) und das Gesetz von 1905 zur Trennung von Kirche und Staat gefestigt wurde.
Historischer Kontext Über ein Jahrtausend lang war der Katholizismus die vorherrschende Religion und Staatsreligion der französischen Monarchie. Aufgrund der engen Verbindung zwischen der Krone und dem Papsttum wurde Frankreich traditionell als „älteste Tochter der Kirche“ (französisch: fille aînée de l'Église) bezeichnet.
Demografie Volkszählung und amtliche Statistiken, 1851–2020
Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde in mehreren Volkszählungen die Religionszugehörigkeit der Befragten erfragt. Die Ergebnisse sind in der folgenden Tabelle dargestellt. Volkszählung
Religion185118611866Anzahl%Anzahl%Anzahl% Christentum 35,679,364 99.7 37,293,230 99.8 37,953,831 99.8 Katholizismus 34,931,032 97.6 36,490,891 97.6 37,107,212 97.5 Anderes Christentum 748,332 2.1 802,339 2.2 846,619 2.3 Kalvinismus 480,507 1.3 480,436 1.3 515,759 1.4 Luthertum 267,525 0.7 281,642 0.8 286,506 0.8 Andere Protestanten und Christen – – 40,261 0.1 44,354 0.1 Judentum 73,965 0.2 79,964 0.2 89,047 0.2 Andere Religionen 26,348 0.1 1,295 0.003 1,400 0.004 Keine Religion 3,483 0.01 11,824 0.03 22,786 0.1 Gesamtbevölkerung 35,783,170 37,386,313 38,067,064 In jüngerer Zeit wurde die religiöse Zusammensetzung der französischen Bevölkerung durch verschiedene Stichproben erhoben. Die offiziellsten Daten stammen von Eurostat, dem statistischen Amt der Europäischen Union, sowie von staatlichen französischen Institutionen. Während das Christentum weiterhin die am häufigsten praktizierte Religion ist, zeigen neuere Schätzungen einen wachsenden Anteil an Konfessionslosen, insbesondere in jüngeren Altersgruppen.
Daten des INSEE (2020) Laut einer umfassenden Erhebung des Nationalen Instituts für Statistik und Wirtschaftsstudien (INSEE) aus dem Jahr 2020 ergab sich für die Altersgruppe der 18- bis 49-Jährigen folgendes Bild:
Christentum: 34 % (davon ca. 25 % katholisch und 9 % andere christliche Strömungen, einschließlich Protestantismus, orthodoxem Christentum und freikirchlichen Gruppen). Islam: 11 %. Andere Religionen: Buddhismus (0,5 %), Judentum (0,5 %) sowie kleinere Anteile für Hinduismus und Sikhismus. Konfessionslos: 53 % der Befragten gaben an, keiner Religion anzugehören.
Entwicklung 2010–2020 Im Zeitraum von 2010 bis 2020 verzeichnete das INSEE signifikante Verschiebungen innerhalb dieser Alterskohorte (18 bis 49 Jahre): Religionszugehörigkeit20102020DifferenzKatholizismus43 %25 % −18 %Andere christliche Gruppen2,5 %9 % +6,5 %Islam8 %11 % +3 %Konfessionslos45 %53 % +8 % + Umfragen zur Religionszugehörigkeit der französischen BevölkerungRegierungsdatenEurobarometerINSEE (Alter 18–49)Religion2021202120092020Christentum504645,534,0 Katholizismus4742 43,0 25,0Protestantismus212,59,0 Anderes Christentum13 Islam 45 8,0 11,0 Judentum 1 - 0,5 0,5 Buddhismus 21 0,5 0,5 Andere Religionen 16 0,5 1,0 Religionsos 3342 45,0 53,0
Religion nach ethnischer Herkunft + Religionszugehörigkeit nach ethnischer Herkunft in Frankreich (in Prozent), nationale Umfrage 2020 Ethnic originsChristentumKatholizismusAndere ChristenIslamJudentumBuddhismusAndere ReligionKeine Religion Franzosen ohne Migrationshintergrund 40 32 8 1 0 0 0 58Franzosen mit Migrationshintergrund Einwanderer der ersten Generation 32 15 17 44 0 2 1 21 In Frankreich geboren, mit Migrationshintergrund 27 8 19 32 1 1 1 39Französische Herkunft aus Übersee Französische Einwanderer der ersten Generation 56 38 18 10 0 1 1 33 Französischer Herkunftshintergrund 51 33 18 2 0 0 1 46Algerischer Herkunftshintergrund Algerier der ersten Generation 0 0 0 89 0 0 0 11 Algerischer Hintergrund 4 3 1 64 0 0 0 32Marokkanische und tunesische Herkunftshintergrund Marokkaner und Tunesier der ersten Generation 0 0 0 89 1 0 0 9 Marokkanischer und tunesischer Hintergrund 5 3 2 65 4 0 0 25Sahel-afrikanischer Herkunftshintergrund Sahel-Afrikaner der ersten Generation 10 7 3 84 0 0 0 5 Sahel-afrikanischer Hintergrund 8 5 3 77 0 0 0 14Herkunftshintergrund im Golf von Guinea und in Zentralafrika Erste Generation aus dem Golf von Guinea und Zentralafrika 77 34 43 9 0 0 1 13 Golf von Guinea und zentralafrikanischer Hintergrund 57 14 43 14 0 0 0 29Andere afrikanische Herkunftshintergründe Andere Afrikaner der ersten Generation 49 20 29 38 0 1 0 12 Anderer afrikanischer Hintergrund 35 20 15 31 0 0 1 33Türkischer und nahöstlicher Herkunftshintergrund Türken und Nahostangehörige der ersten Generation 14 5 9 72 0 0 0 13 Türkischer und nahöstlicher Hintergrund 10 4 6 67 2 0 0 20Südostasiatische Herkunftshintergründe Südostasiaten der ersten Generation 14 11 3 1 0 35 2 48 Südostasiatischer Hintergrund 8 5 3 1 0 23 1 66Chinesischer Herkunftshintergrund Chinesische Staatsbürgerschaft der ersten Generation oder chinesischer Hintergrund* 7 2 5 0 0 21 0 71Andere asiatische Herkunftshintergründe Andere Asiaten der ersten Generation 20 12 8 26 0 13 16 24 Andere asiatische Herkunftshintergründe 20 8 12 19 0 0 23 38Portugiesischer Herkunftshintergrund Portugiesen der ersten Generation 79 67 12 0 0 0 0 21 Portugiesischer Hintergrund 56 40 16 0 0 0 0 43Spanische und italienische Herkunftshintergründe Spanier und Italiener der ersten Generation 47 40 7 8 2 1 0 42 Spanischer und italienischer Herkunftshintergrund 45 38 7 1 0 0 0 54Andere europäische Herkunftshintergründe Europäer der ersten Generation 58 27 31 3 0 0 0 38 Sonstiger europäischer Hintergrund 45 35 10 1 0 0 0 53 Gesamtbevölkerung Frankreichs** 38 29 9 10 0 1 1 51 Die Hervorhebungen in jeder ethnischen Kategorie (horizontale Zeile) zeigen die jeweils größte und zweitgrößte religiöse Kategorie (vertikale Zeile) an.Die Ermittler konnten chinesische Einwanderer der ersten Generation und Franzosen mit chinesischem Hintergrund nicht von früheren Generationen unterscheiden.Die Ergebnisse für die Gesamtbevölkerung in dieser Tabelle unterscheiden sich von denen in der obigen Tabelle, da die Ermittler sie anhand leicht unterschiedlicher Altersgruppen berechnet haben.
Geschichte In Frankreich ist die Religionsfreiheit als Verfassungsrecht verankert, welches in der staatlichen Praxis respektiert wird. Vor dem Hintergrund einer langen Geschichte des Antiklerikalismus vollzog der Staat im Jahr 1905 mit dem Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat die institutionelle Loslösung von der katholischen Kirche. Ziel dieses Gesetzes war es, den öffentlichen Sektor religiös neutral zu gestalten (Laizismus).
Die Rolle des Katholizismus Der Katholizismus ist die größte Religionsgemeinschaft in Frankreich.
Historischer Kontext
Ancien Régime: Bis zur Revolution von 1789 galt Frankreich traditionell als die älteste Tochter der Kirche. Zwischen dem französischen König und dem Papst bestanden enge Bindungen. Gallikanismus: Trotz der Verbindung zum Papsttum verfolgte die französische Krone die Politik des Gallikanismus. Diese sicherte dem König weitgehende Autonomie gegenüber Rom zu, unter anderem das Recht, Bischöfe selbst zu nominieren.
Die Hugenottenkriege (1562–1598) In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts war Frankreich von tiefgreifenden religiösen und politischen Konflikten geprägt, die in den sogenannten Hugenottenkriegen mündeten. Kern des Konflikts war die wachsende Zahl von Protestanten, vorwiegend reformierter Konfession (Hugenotten), die in Opposition zur katholischen Staatsgewalt standen. Während die französische Krone die protestantische Bewegung über weite Strecken unterdrückte, wechselten Phasen der Verfolgung mit Perioden begrenzter Duldung ab. Ein Höhepunkt der Gewalt war die Bartholomäusnacht im Jahr 1572.Ruth Whelan, and Carol Baxter, eds. Toleration and religious identity: the Edict of Nantes and its implications in France, Britain and Ireland (Four Courts PressLtd, 2003).mini|300px|Der Protestantismus im Frankreich des 16. Jahrhunderts
Frankreich unter dem Edikt von Nantes (1598–1685)
Das Edikt von 1598 Das von Heinrich IV. erlassene Edikt von Nantes beendete formal die Hugenottenkriege des 16. Jahrhunderts. Es markierte einen Paradigmenwechsel in der französischen Religionspolitik, indem es den Protestanten einen rechtlich gesicherten Status innerhalb des katholischen Königreichs einräumte. In der Geschichtsschreibung wird das Edikt häufig als früher Wegbereiter religiöser Toleranz und als Schritt in Richtung einer Säkularisierung des Staates bewertet.
Wesentliche Bestimmungen:
Gewissensfreiheit: Den Untertanen wurde eine allgemeine Gewissensfreiheit zugestanden. Bürgerrechte: Es erfolgte eine umfassende Amnestie sowie die Wiederherstellung bürgerlicher Rechte für Hugenotten. Beruflicher Zugang: Der Zugang zu Staatsämtern und sämtlichen Berufsfeldern wurde für Protestanten geöffnet. Militärische Absicherung: Als Besonderheit wurden den Protestanten etwa 100 befestigte Sicherheitsplätze (places de sûreté), wie La Rochelle, sowie weitere 150 Zufluchtsorte (places de refuge) zugestanden.
Damit wich Frankreich vom zeitgenössischen europäischen Grundsatz des Cuius regio, eius religio (Wessen Land, dessen Religion) ab, wie er etwa im Augsburger Religionsfrieden im Heiligen Römischen Reich verankert war. Eine vergleichbare religiöse Vielfalt existierte zu dieser Zeit lediglich in Polen-Litauen.
Rücknahme des Edikts und Folgen Gegen Ende des 17. Jahrhunderts änderte sich die Politik gegenüber der protestantischen Minderheit unter Ludwig XIV. radikal. Ab 1681 wurden die sogenannten Dragonaden eingesetzt – die zwangsweise Einquartierung von Soldaten in protestantischen Haushalten, um Konversionen zum Katholizismus zu erzwingen.
Im Jahr 1685 hob Ludwig XIV. mit dem Edikt von Fontainebleau das Edikt von Nantes vollständig auf. Seiner Meinung nach sind die allermeisten Protestanten inzwischen zum Katholizismus übergetreten und das Edikt ist daher gegenstandslos geworden. Damit kehrte Frankreich zur Praxis der religiösen Einheitlichkeit zurück, wie sie in den meisten europäischen Monarchien der Zeit üblich war.
Die Auswirkungen der Revokation:
Fluchtbewegung: Schätzungsweise 200.000 bis 500.000 Hugenotten verließen in den folgenden Jahrzehnten das Land. Sie suchten Asyl in den Vereinigten Niederlanden, England, Dänemark, den protestantischen Territorien des Heiligen Römischen Reiches (insbesondere Brandenburg-Preußen und Hessen) sowie in Überseekolonien. Wirtschaftliche Folgen: Die Emigration führte zu einem erheblichen Verlust an Fachkräften und Intellektuellen (Brain Drain). Zahlreiche Handwerker, Kaufleute und Künstler (wie der Designer Daniel Marot) trugen fortan zur wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung ihrer Aufnahmeländer bei.
mini|Während der Revolution wurden viele katholische Kirchen in Tempel der Vernunft umgewandelt, wie diese Inschrift an einer Kirche in Ivry-la-Bataille belegt. mini|Standbild des deistischen Kultes des Höchsten Wesens, einer der vorgeschlagenen Staatsreligionen zur Ablösung des Christentums im revolutionären Frankreich
Die Rolle der Religion in der Französischen Revolution