Der Vogelsang, oder die drey Lehren ist eine Verserzählung von Christoph Martin Wieland, die er 1778 in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Der Teutsche Merkur veröffentlichte. Zudem erschien sie 1796, neben sechs weiteren Erzählungen und Märchen, als Ausgabe letzter Hand im 18. Band der Sämmtlichen Werke. Als Quelle des Stoffes gibt Wieland den mittelalterlichen Lays de l’Oiselet in den „Fabliaux et Contes“ an, die erstmals 1756 von Étienne Barbazan veröffentlicht worden waren.

Inhalt Vor langer Zeit lebte ein Mann, der von allen „der reiche Hans“ genannt wurde, in einem Schloss, das in einem paradiesischen Garten lag. Jeden Morgen und jeden Abend besucht ein kleiner Vogel den Garten und hält ihn durch seinen zauberhaften Gesang lebendig – würde er nicht wiederkommen, würde alles nach und nach absterben.

Hans kommt zwar täglich in den Garten, hat aber keinen Sinn für dessen Schönheiten: Ihm genügt es, sich mit Essen, Schlafen, der Hasenjagd und dem Kartenspiel zu vergnügen. Der Vogel singt Hans ein Lied über wahre Liebe, Ehre und Treue vor – Gefühle, zu denen Hans nicht fähig ist. Stattdessen überlegt er, den Vogel zu fangen und dem König zu schenken, weil er sich davon eine große Belohnung erhofft. Der Vogel beklagt, von so einem „Schuft“ besessen zu werden, der „vom Genießen nichts versteht“, und fliegt davon. Als er am Abend zurückkehrt, hat Hans in einer Linde Schlingen versteckt, damit fängt er den Vogel und steckt ihn in einen Käfig. Der Vogel weigert sich, in Gefangenschaft zu singen, woraufhin Hans ihn töten und verspeisen will. Doch der Vogel macht ihm ein Angebot: im Tausch gegen die Freiheit will er Hans „drei Dinge lehren, die nie ein Mann von eurem Stamm gewußt“ und von denen Hans reich profitieren werde. Dieser lässt sich darauf ein, lässt den Vogel frei und folgende Lehren: „Glaub nicht gleich Alles, was du hörst!“ „Weine nicht um etwas, das du nicht gehabt!“ „Narr, was du in den Händen hast, halt fest und lass' es nimmer fahren!“

Hans ist enttäuscht über die Trivialität dieser Ratschläge, die er alle schon längst gewusst habe. Der Vogel sagt ihm nun, er hätte ihn doch lieber töten und essen sollen, denn dann hätte er im Magen des Vogels einen verzauberten Edelstein entdeckt, der seinem Besitzer jeden Wunsch erfüllt. Aus Wut, dem Vogel die Freiheit geschenkt zu haben, zerreißt Hans seine Kleider. Der Vogel sieht gelassen zu und sagt Hans erst hinterher, dass die Geschichte mit dem Edelstein eine Lüge war. Er verspottet Hans dafür, durch seinen Hochmut und seine Habgier in kurzer Zeit gegen alle drei Ratschläge verstoßen zu haben. Er fliegt weg, worauf der ganze Garten verdorrt, und Hans „bleibt nichts als dürrer Sand.“

Form Die Erzählung besteht aus 443 gereimten, überwiegend jambischen und vier- bis sechshebigen Versen, die in ungleich lange Strophen unterteilt sind. Kadenz und Reimschema wechseln unregelmäßig.

Rezeption Der Wieland-Biograph Jan-Philipp Reemtsma ordnet Der Vogelsang einer zweiten, Weimarer Schaffensphase von Verserzählungen zu, die im Vergleich zu den früheren, noch in Biberach entstanden Comischen Erzählungen und Musarion weniger innovativ und avantgardistisch seien.Jan Philipp Reemtsma: Christoph Martin Wieland. Die Erfindung der modernen deutschen Literatur. Beck, München 2023, S. 381ff.

2015/16 komponierte Steffen Wolf (* 1971) zu der Erzählung eine „Rezitationsmusik“ für Sprecher und Streichquartett.Steffen Wolf Der Vogelsang, Rezitationsmusik für Sprecher und Streichquartett. Jan Philipp Reemtsma (Rezitation), Kizuna-Quartett das Orchester, März 2022, abgerufen am 28. März 2026

Literatur Herbert Rowland: Wieland’s Der Vogelsang: Prodesse Between Enlightenment and Idealism. In: Modern Language Notes (MLN), deutsche Ausgabe, Bd. 95, Nr. 3 April 1980. .

Weblinks Digitalisat der Erstveröffentlichung im Teutschen Merkur vom März 1778 beim Münchener Digitalisierungszentrum Der Vogelsang im Projekt Gutenberg-DE Sämmtliche Werke Band 18 bei Google Books, Der Vogelsang S. 363–387.

Einzelnachweise

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