David Eisenstadt (, ; * 1890 in Nasielsk; † 1942 im Vernichtungslager Treblinka) war ein polnisch-jüdischer Dirigent, Komponist, Musikpädagoge und Musikkritiker. Er leitete fast zwanzig Jahre lang (1921–1939) den Knaben- und Männerchor der Großen Synagoge an der Tłomackie-Straße in Warschau und gilt als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Chorkunst im Vorkriegspolen. Er war der Vater von Maria Ajzensztadt, die als „Nachtigall des Ghettos“ bekannt wurde.
Leben Jugend und Ausbildung Eisenstadt wurde in Nasielsk geboren, einer Stadt mit jahrhundertealter jüdischer Tradition. Sein Vater war Schochet (ritueller Schlachter) und gelegentlich auch als Chasan tätig. Er zog nach Nowy Dwór Mazowiecki, um Musiktheorie, Gesang und kantoriale Traditionen bei Eliezer Boruchowicz zu studieren, und setzte seine Gesangsausbildung anschließend in Berlin fort.
Karriere vor Warschau Ab 1909 war Eisenstadt Dirigent des Synagogenchors in Homel. Drei Jahre später zog er nach Riga, bereiste anschließend mit einem Wandertheater Belarus und die Ukraine. 1918 ließ er sich in Rostow am Don als Chorleiter der dortigen Großen Synagoge nieder.
Der Chor der Großen Synagoge 1921 ließ sich Eisenstadt dauerhaft in Warschau nieder und übernahm die Leitung des Chors der Großen Synagoge an der Tłomackie-Straße, die er fast zwanzig Jahre lang innehatte. Seine Familie wohnte hinter der Synagoge.
Der von ihm geleitete Chor bestand aus etwa 80 Knaben im Alter von 9 bis 13 Jahren (Sopran und Alt) sowie etwa 20 erwachsenen Männern (Tenöre, Baritone und Bässe). Neben den Gottesdiensten gab der Chor zahlreiche weltliche Konzerte und nahm für das Polnische Radio auf. In der Synagoge sang der Chor zur Begleitung eines Harmoniums, allerdings erwähnen einige Quellen auch eine Orgel.
Die jährlichen Konzerte jüdischer Musik, die Eisenstadt organisierte, zogen das gesamte musikalische Establishment Warschaus an. Unter den Zuhörern befanden sich u. a. Ignacy Jan Paderewski, Emil Młynarski und General Bolesław Wieniawa-Długoszowski.
Weitere Tätigkeiten Eisenstadt leitete auch Chöre des Vereins zur Förderung jüdischer Bildung und Kultur (Szul-Kult) und der Kultur-Lige. 1936 wurde er zum Direktor der Kantorenschule am Warschauer Musikinstitut ernannt. Er war Mitbegründer der Jüdischen Musikgesellschaft und Mitautor des Algemajner muzik-leksikon, einer geplanten jüdischen Musikenzyklopädie, von der vor dem Krieg nur drei Hefte erschienen.
Kompositionen Obwohl lange angenommen wurde, dass Eisenstadts Kompositionen nicht überlebt hätten, sind mehrere Werke erhalten und es werden weiterhin neue entdeckt.
Sein bekanntestes Werk ist die Pessach-Kantate Chad Gadya (Ein Zicklein), die auf dem Text und der Melodie eines Kinderliedes basiert, das während des Seder gesungen wird. Sie besteht aus vier Sätzen: Allegro scherzando; Andantino über talmudische Motive; Largo, das den Kampf des Todesengels mit dem Schochet darstellt; und ein Finale, das den Triumph der Gerechtigkeit über das Böse beschreibt.
Weitere Kompositionen sind u. a. die Kantate Iz awek cum krig der melech nach einem Gedicht von Maria Konopnicka, die orchestrale Hebräische Suite, die Musik zu Halpern Leivicks Drama Golem (Uraufführung 1928) sowie Chorlieder auf Jiddisch.
Warschauer Ghetto Nach der deutschen Besetzung erwog Eisenstadt die Flucht in die Sowjetunion, blieb aber auf Drängen seiner Frau in Warschau. Im Warschauer Ghetto lebte die Familie in der Ceglana-Straße. Im Femina-Theater in der Leszno-Straße gründete er ein Symphonieorchester, bei dessen Konzerten sich das Talent seiner Tochter Marysia voll entfaltete. Emanuel Ringelblum notierte: „Die junge, schöne, dunkelhaarige Marysia war die populärste Person in ganz Warschau.“
Tod Die letzten Augenblicke der Familie beschrieb Jonas Turkow: Im August 1942 trennten deutsche Soldaten Marysia am Umschlagplatz von ihren Eltern. Als Marysia zu dem Waggon ihrer Eltern zurücklief, wurde sie von einer deutschen Kugel getroffen. Der Transport fuhr nach Treblinka, wo David und seine Frau Fajga (geb. Goldman) in der Gaskammer ermordet wurden.
Wiederentdeckung des Manuskripts von Chad Gadya In den 1920er Jahren sandte Eisenstadt das Manuskript der Kantate an Kantor Froim Spektor, der 1928 nach Kapstadt auswanderte und die Noten mitnahm. 2011 wurde das Manuskript in Kapstadt von Dr. Stephen Muir von der University of Leeds entdeckt. Die moderne Erstaufführung der Kantate fand am 14. März 2014 in der Clothworkers Concert Hall der University of Leeds statt.
Moderne Aufnahme Am 17. November 2024 wurde im POLIN-Museum in Warschau die erste Tonaufnahme von Eisenstadts Musik vorgestellt – eine Vinylplatte mit dem Titel Music of David Eisenstadt, aufgenommen vom Vokalensemble Match Match, Tenor Wojciech Parchem, Organist Jakub Stefek und Dirigentin Lilianna Krych.
Familie Ehefrau – Fajga Goldman (gest. 1942, Treblinka) Tochter – Marysia (Maria, Miriam) Ajzensztadt (1921–1942), Sängerin, „Nachtigall des Ghettos“
Siehe auch Große Synagoge (Warschau) Maria Ajzensztadt
Einzelnachweise
Weblinks Website über David Eisenstadt Profil beim Institut Européen des Musiques Juives Biografie im Virtuellen Schtetl
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