Hirbemerdon Tepe ist ein Tell am linken Ufer des Tigris im Landkreis Bismil der Provinz Diyarbakır. Die Siedlung war zwischen dem vierten Jahrtausend v. Chr. (Kupfersteinzeit) bis in die Zeit des Osmanischen Reiches bewohnt. Die früheste gefundene Keramik ähnelt der mit Spreugesichten bedeckten Ware der Uruk-Zeit (Chaff-faced ware). Hirbemerdon Tepe gilt aufgrund seiner strategischen Lage in der Nähe von landwirtschaftlichen Terrassen am Tigris und lokalen Hochland als eine wichtige archäologische Stätte. Infolgedessen liefert Hirbemerdon Tepe laut Archäologen wertvolle Informationen über die Beziehung zwischen landwirtschaftlichen Gemeinschaften und nomadischen pastoralistischen Gesellschaften in Nordmesopotamien.
Der heutige Name Hirbemerdon Tepe ist kurdisch/türkisch mit kurdisch Hirbe Merdon für Ruinen der Menschen und türkisch Tepe für Hügel.
Geographie und Geologie
Die nördliche Seite von Hirbemerdon Tepe wird sowohl von trockenem Flussbett (Wadi), als auch von einem steilen Hang begrenzt, der auch die westliche Seite begrenzt. Dieser Hang erstreckt sich in Richtung der Flüsse Tigris und Batman Cay. Hirbemerdon Tepe wurde auf einer kontinentalen klastischen Felsstruktur aus der Zeit des Pliozäns erbaut. Diese Felsstruktur besteht meist aus weißlichem, hellgrauem oder beigem Kalkstein.
Der Ort lässt sich in drei Abschnitte unterteilen, ein hoher Hügel, eine äußere Stadt und eine untere Stadt. Diese Flächen sind jeweils 4 Hektar, 3,5 Hektar und 3 Hektar groß. Der nördliche Abschnitt des Hochhügels hat ein Karstbecken, das gebildet wurde, als das Grundwasser das darunter liegende Kalksteinfundament erodierte, was den Zusammenbruch der oberen Sedimentformation verursachte. Dies bildete ein natürliches Becken aus felsigem Gelände mit einem großen Hang. Um diesen Hang auszugleichen, haben die Menschen hier zahlreiche künstliche Terrassen errichtet. Sie wurden entweder durch Einschneiden in das Grundgestein oder durch das Ausfüllen der natürlichen Lücken im Gelände geschaffen.
Die lokalen Flussterrassen in der Nähe des Geländes erleichterten die landwirtschaftliche Aktivität, wobei die Hochlandgebiete in der Nähe für die Jagd und die Weiden genutzt wurden.
Erforschung
Der Standort wurde von 2003 bis 2011 ausgegraben, wobei der Großteil der archäologischen Arbeiten im Jahr 2008 stattfand. Die Ausgrabung erfolgte unter der Schirmherrschaft des türkischen Ministeriums für Kultur und Tourismus und in Zusammenarbeit mit dem Archäologischen Museum von Diyarbakir sowie dem Istituto Italiano per l’Africa e l’Oriente (Italienisches Institut für Afrika und Orient).
Stratigraphie
Die Stratigraphie von Hirbemerdon Tepe umfasst sieben Hauptphasen vom späten Chalkolithikum (4. Jt. v. Chr.) bis in die osmanische Zeit, wobei die intensivste Nutzung im 3. bis 2. Jt. v. Chr. erfolgte. Ausgrabungen in Areal A (Oberstadt) und B (Unterstadt) belegen eine Abfolge vom Chalkolithikum über die Bronze- und Eisenzeit bis hin zur islamischen und osmanischen Wiederbesiedlung. Die folgende Datierung stammt aus den Forschungen von Laneri & Schwartz (2008) und Laneri (2014):
Schicht (Level) Epoche Datierung Level I Spätchalkolithikum 1. Hälfte 4. Jt. v. Chr. Level IIa Frühbronzezeit I ca. 3100–2750 v. Chr. Level IIb Frühbronzezeit II ca. 2750–2500 v. Chr. Level IIIa Frühbronzezeit III/IV ca. 2500–2000 v. Chr. Level IIIb Mittelbronzezeit I ca. 1950–1750 v. Chr. Level IIIc Spätbronzezeit ca. 1550–1350 v. Chr. Level IVa Frühe Eisenzeit ca. 1150–900 v. Chr. Level IVb Mittlere Eisenzeit (Neo-Assyrisch) ca. 900–610 v. Chr. Level V Späte Eisenzeit ca. 610–350 v. Chr. Level VI Mittelalter (Islamisch) ca. 11.–13. Jh. n. Chr. Level VII Osmanische Zeit 18.–19. Jh. n. Chr.
Materielle Kultur Töpferei mini|Fundstück aus Hirbemerdon Tepe ausgestellt in İçkale Diyarbakır Archäologiemuseum (2024).
In Hirbemerdon Tepe wurden große Mengen an Keramik und Gefäßen gefunden. Engobierte oder bemalte Ware bildete den häufigsten Typ und machte 72 % aller in diesem Gebiet gefundenen Keramikbeispiele aus. Es gibt zwei Varianten der engobierten/bemalten Ware, die als Red Brown Wash Ware (RBWW) und Band Painted Ware (BPW) bekannt sind. Die RBWW war stark geglättet (poliert), wies einen ein- oder zweifarbigen Stil auf und besaß eine rote oder dunkelrote Farbe. Die RBWW besteht häufig aus einer kugelförmigen Schüssel mit einem keulenförmigen Rand und einer Rinne unterhalb des Randes. Dieser Keramikstil wurde am häufigsten vom späten 3. Jahrtausend v. Chr. bis zum 2. Jahrtausend v. Chr. sowie während des neuassyrischen Reiches in der Eisenzeit verwendet. 70 % aller in der Fundstelle entdeckten Exemplare der RBWW datieren in die Eisenzeit.
Gebrauchskeramik und Feinkeramik waren zwei weitere Keramiktypen, die in Hirbemerdon Tepe gefunden wurden. Die Gebrauchskeramik war gekennzeichnet durch Vorratsgefäße wie Töpfe und Krüge mit ausladendem Rand und flacher Lippe, Brandspuren auf der Oberseite, halbkugelförmige Schüsseln sowie Ring- oder Flachböden. Gefäße der Feinkeramik bestanden meist aus Bechern und Schalen mit Farbtönen, die von blassgelb bis blassbraun reichen. Sie können entweder einen einfachen Boden oder einen Ringboden aufweisen; einige besaßen Wulst- oder Perlenringe und gerundete Gefäßkörper. Andere Exemplare der Feinkeramik wiesen zwei oder drei parallele, eingeritzte Rinnen entlang der Mitte des Gefäßkörpers auf.
Eine weitere Keramikform, die in Hirbemerdon Tepe häufig vorkommt, ist als Pseudo-Chabor-Ware bekannt. Dies liegt an ihren Ähnlichkeiten mit der Chabor-Ware, einem antiken Keramiktyp, der nahe dem Fluss Chabor südlich von Hirbemerdon Tepe gefunden wurde. Diese Warenart besteht aus Töpfen/Krügen mit einem weiten Bauch, einem ausladenden Kragenrand, Flachböden und einem verengten Hals. Sie weisen zudem gemalte und verzierte Muster auf.
Einige der an der Fundstelle entdeckten Töpfe tragen Rollsiegelabdrücke. Diese Siegel könnten auf eine Art Organisationssystem und eine mögliche zentrale Verwaltung hinweisen, die die Produktion und den Vertrieb dieser Güter regelte. Es wurden jedoch nur sehr wenige dieser Stempelgefunden. Die bandbemalte Ware (Band Painted Ware, BPW), ein weiterer an der Fundstelle vertretener Keramiktyp, war eine bemalte Variante der RBWW. Die BPW ist für ihre charakteristischen Bänder bekannt, die horizontal um das Gefäß herum aufgemalt wurden.
Hirbemerdon Tepe wurde erstmals im vierten Jahrtausend v. Chr., während des Chalkolithikums, besiedelt. Die materielle Kultur, die primär mit dieser Periode assoziiert wird, war eine Warenart namens häckselgemagerte Ware (chaff-faced ware). Die häckselgemagerte Ware ist durch einen gräulich-braunen Ton gekennzeichnet, der aufgrund unvollständiger Oxidation beim Brennen oft geschwärzt ist. Das häufigste Beispiel für häckselgemagerte Ware ist ein Schüsseltyp, der als Hammerkopfschüsseln (Hammerhead bowls) bekannt ist. Diese Warenart besteht aus Schüsseln mit schrägem Rand, der entweder auf der Innenseite oder sowohl auf der Innen- als auch auf der Außenseite verdickt ist. Es wurden zwei Typen von Hammerkopfschüsseln identifiziert. Der erste ältere Form hat einen einfachen Rand, der im Vergleich zur späteren Variante gerundeter und weniger stark ausgeprägt ist. Die andere, spätere Variante weist einen Rand mit einer markanten Verdickung sowohl auf der Innenseite als auch auf der Außenseite auf.
Die Graue Uruk-Ware (Uruk grey ware) war ein häufiger Typ der häckselgemagerten Ware. Sie ist oft grob, primär pflanzlich gemagert, mit einer grauen und leicht geglätteten Oberfläche. Orangefarbende Schalen mit dunklem Rand sind ein Keramiktyp, der charakteristisch für die Frühe Bronzezeit ist. Die meisten Exemplare dieser orangen Schalen sind halbkugelförmig. Sie können variierende Randtypen aufweisen: Einige Exemplare haben einen leicht ausgebogenen Rand, andere einen eingezogenen Rand. Weitere Exemplare besitzen oft einen rötlich-gelben Gefäßkörper und ein dunkles Band, dessen Farben von dunklem Rotgrau bis Braun reichen. Ein Exemplar einer solchen Schale weist eine Reihe von Rillen auf, die den Rand umreißen.
Keramik für Kochzwecke ist in Hirbemerdon Tepe ebenfalls häufig. Die an dieser Fundstelle gefundene Kochkeramik ist gekennzeichnet durch Töpfe mit kugeligen Formen, kurzen Hälsen, gerundeten Rändern und dreieckigen Lappenhenkeln, die am Rand ansetzen. Der für diese Warenart verwendete Ton ist meist grob und mit Glimmer (Mika) sowie Häcksel gemagert. Er hat meist eine schwarze oder rote Farbe und eine geglättete Oberfläche. Die Kochtöpfe lassen sich in fünf Kategorien unterteilen, darunter: halslose Töpfe, Töpfe mit niedrigem Hals, Töpfe mit sehr kurzem Hals und Weitmund-Kochtöpfe.
Schüsseln mini|Fundstück aus Hirbemerdon Tepe ausgestellt in İçkale Diyarbakır Archäologiemuseum (2024).
Die am Standort gefundenen Schüsseln können in vier Gefäßtypen unterteilt werden: flache Schalen, flache Knickwandschüssel, tiefe Schalen und mittelgroße Knickwandschüsseln. Die flachen Schalen gehören zur Kategorie der Keramik, die mit Engobe überzogen waren. Manchmal waren sie poliert oder geglättet, einige Beispiele waren eingeschnitten oder dekoriert. Die Ränder der flachen Schüsseln variieren zwischen verdickt, rund, spitz und umgekehrt. In der Klasse der flachen Schüsseln sind abgerundete Schalen mit hohen konvexen Wänden und ein Rand mit einem abgerundeten Oberteil und einem abgeflachten Außenteil enthalten. Es gibt Beispiele für flache Keramik mit einem gekrümmten Profil, einem verdickten Rand und einem abgeflachten Oberteil. Einige haben ein gebogenes oder abgerundetes Profil und eine leichten Knick.
Die flache Knickwandschüsseln gehörten ebenfalls zu den engobierten Waren, und sie waren auch manchmal glatt und poliert. Schüsseln dieser Art könnten entweder kurze oder verdickte Ränder haben. Einige hatten einen „schnabelförmigen“ Rand mit einem flachen oberen Teil. Nur wenige Exemplare dieses Schüsseltyps weisen eine Ritzverzierung auf.
Metall mini|Fundstück aus Hirbemerdon Tepe ausgestellt in İçkale Diyarbakır Archäologiemuseum (2024).
Die Metallproduktion war eine wichtige Komponente der Wirtschaft und Gesellschaft von Hirbemerdon Tepe. Diese Fundstelle könnte ein Zentrum der Metallproduktion für die bronzezeitliche Welt gewesen sein. Roh- oder Verhüttungsmaterialien wurden wahrscheinlich nicht in Hirbemerdon Tepe selbst hergestellt, sondern stattdessen importiert und weiterverarbeitet. Dies wird durch das Fehlen von unraffinierten Verhüttungsprodukten und Erzen im Fundgebiet belegt.
Insgesamt wurden in Hirbemerdon Tepe neun Gussformen gefunden. Diese Gussformen wurden aus Materialien wie gebranntem Ton, Sandstein, Basalt, Kalkstein und Steatit (Speckstein) hergestellt. Die Gussformen werden in zwei Subtypen unterteilt. Der erste Typ ist eine einteilige Gussform, die aus einer Platte oder einem Block mit einer Matrix (Negativform) besteht, die der Form des zu gießenden Objekts entspricht. Sie wurde teilweise mit einer flachen Abdeckung versehen, um die Gasbildung zu reduzieren und Oxidation zu verhindern. Dieser Typ wurde hauptsächlich für die Herstellung von Schmuck, einfachen Werkzeugen, Barren (Gussbarren) und flachen Waffen verwendet. Die Matrizen wurden direkt in die Formen eingearbeitet.
Der zweite Typ von Gussform, der an der Fundstelle entdeckt wurde, bestand aus zwei Blöcken oder Platten mit spiegelgleichen Matrizen (zweiteilige Gussform / Zweischalige Form). In spezielle Löcher wurden Passstifte (Dübel) eingesetzt, um die beiden Formhälften miteinander zu fixieren. Dünne Rillen für das Entweichen der Gase und ein Eingusskanal waren an einer Seite der Gussform angebracht. Dieser Typ wurde für die Herstellung komplexerer Gegenstände und Waffen verwendet.
Tiere und Landwirtschaft mini|Knochenschnitzerei aus Hirbemerdon Tepe ausgestellt in İçkale Diyarbakır Archäologiemuseum (2024).