mini|Václav Kolář im Jahre 1890 Václav Kolář (; * 17. Juli 1841 in Baschnitz (), im Königgrätzer Kreis, Königreich Böhmen, Österreich-Ungarn; † 30. Dezember 1900 in Sofia, Fürstentum Bulgarien) war ein böhmisch-bulgarischer Ingenieur, Architekt und Stadtplaner. Die längste Zeit seines Berufslebens verbrachte er in Bulgarien. Durch den von ihm 1878–79 erarbeiteten Stadtentwicklungsplan für Sofia legte er die Grundlagen für den Bau der neuen Hauptstadt. Er gilt heute als Vater des modernen Sofia.

Biographie Eltern und Jugend Václav Kolář wurde am 17. Juni 1841 in Baschnitz im altböhmischen Königgrätzer Kreis als Sohn des Dorfrichters Václav Kolář und der Anna, geborene Novotná geboren. Seine Schwester hieß Anna.Nikolay Brankov, 2021, S. 293. Sein Geburtsort gehört seit dem 1. Januar 1961 zum Okres Jičín (Bezirk Jitschin) in Tschechien. Nach Besuch der Grundschule in Milovice ging er nach Prag, um dort das Gymnasium zu absolvieren. Danach schloss er sich dem 1863 ausgebrochenen polnischen Aufstand gegen Russland an. Dort stieg er bis zum Rang eines Leutnants auf. Nach Niederschlagung des Aufstandes wurde er in sein Heimatdorf zurückgeschickt.

Leben in Serbien und Rumänien Einige Zeit später verließ er Bašnice ohne seinen Eltern zu sagen, wohin er gehen wollte. Erst zwei Jahre später informierte er sie, dass er in Belgrad im Fürstentum Serbien lebt und bei einem Baumeister Anstellung gefunden hat. Dies ist durch einen Eintrag im Kirchenbuch vom 5. März 1865 belegt. Nach einigen Jahren in Serbien zog er nach Bukarest und arbeitete als Zeichner bei einem Architekten. Im Fürstentum Rumänien gelang es ihm, ein staatliches Stipendium zu erhalten, das ihm ein Studium der Ingenieurwissenschaften in Paris und Wien ermöglichte. Nach Abschluss des Studiums kehrte er 1877 nach Bukarest zurück und arbeitete beim Ministerium für öffentliche Arbeiten ().Národní Politika, XIX, 5, S. 5, Prag 1901: (tschechisch, Übersetzung: Tod eines Landsmanns in Bulgarien) Zusammen mit seinem Landsmann Jiří Prošek projektierte er das Kanalisationssystem der Stadt.Marcella Stern, 1998, S. 37.Nikolay Brankov, 2021, S. 294

Leben in Bulgarien Nach Ausbruch des Russisch-Osmanischen Kriegs (1877) meldete er sich freiwillig zur Kaiserlich Russischen Armee. Er wurde dem Generalstab zugeteilt und leitete den Übergang über die Donau bei Swischtow über eine Pontonbrücke. Am 3. Januar 1878 erfolgte die Befreiung von Sofia durch Truppen unter General Josef Wladimirowitsch Gurko. In Folge wurde General Pjotr Wladimirowitsch Alabin () als Gouverneur eingesetzt. Dieser erließ bereits im März 1878 den Befehl, einen Stadtentwicklungsplan zu erstellen.Bulgarian Development Bank, 2018, S. 7 Er schlug auch dem Stadtrat Václav Kolář als Kandidaten für das Amt des Stadtarchitekten vor.

Václav Kolář wurde am von der Sofioter Stadtverwaltung als Stadtarchitekt () angestellt.Marcella Stern, 1998, S. 36Nikolay Brankov, 2015, S. 7 Sein Gehalt belief sich auf 40 Silberrubel. Er besaß gute Kenntnisse des antiken Sofia.: (www.sofia.bg, 2018; bulgarisch, Übersetzung: Arch. Antonin Kolar, der Sofia zur europäischen Hauptstadt machte) Seine Arbeit begann mit der Kartierung des Ist-Zustandes und dem Aufbau des ersten Stadtentwicklungsplans. Die Schritte dazu umfassten die Reinigung der Straßen von Schlamm, die Registrierung baufälliger Häuser sowie die Planung eines besseren Straßennetzes. Am 10. Oktober 1878 erfolgte die Verlegung des Sitzes der russischen Provisorischen Verwaltung für Bulgarien von Plowdiw nach Sofia. Nur sieben Tage nach Ankunft des Generalgouverneurs, Fürst Alexander Michailowitsch Dondukow-Korsakow, bestätigte dieser den Plan von Václav Kolář.

Danach begann Kolář mit dem Entwurf eines Denkmals für den Freiheitskämpfer Wassil Lewski und der Planung erster Gebäude in Sofia.Nikolay Brankov, 2021, S. 295 Am 25. Januar 1879 wurde Václav Kolář zum Techniker in die Regierung berufen. Seine Position als Stadtarchitekt übernahm Václav Roubal. Daneben war eine Reihe verschiedener Architekten mit der Erstellung von Detailplänen für einzelne Quartiere betraut.Nikolay Brankov, 2021, S. 296

Zwischen dem 10. Februar 1879 und dem 16. April 1879 tagte in Weliko Tărnowo die konstituierende Nationalversammlung. Professor Marin Drinow plädierte dort für Sofia als neue Hauptstadt. Am stimmten die Abgeordneten seinem Vorschlag zu.Sofia marks 143 years since becoming the capital of Bulgaria (bnt.bg, 2020) Der in Weliko Tărnowo gewählte Fürst Alexander I. traf am in Sofia ein. Ein Monat später wurde ihm der Stadtentwicklungsplan, ausgearbeitet nach Vorgaben von Václav Kolár vom Chef der Bauabteilung, Nikolaj Nikolaewitsch Kopitkin (), vorgelegt. Er wurde von Alexander gebilligt und seine Umsetzung angeordnet. Der Plan ist daher auch unter dem Namen "Battenberg-Plan" () bekannt.

mini|Battenberg-Plan von Nikolaj Kopitkin (1881) mit altem und neuem Straßen­netz Der Stadtentwicklungsplan geht davon aus, dass Sofia in verschiedene Quartiere mit schachbrettartiger Straßenführung gegliedert wird. Diese sollten vorrangig als Wohnstraßen dienen. Seine Realisierung wurde wiederum Václav Kolář übertragen. Die Wertschätzung dem Stadtarchitekten gegenüber zeigte sich dadurch, dass dessen Gehalt mit 18.000 Lewa doppelt so hoch war, wie das des Bürgermeisters. (www.archdesign.info; bulgarisch, Übersetzung: Einblicke in die Entwicklung Sofias als Hauptstadt, gewidmet dem Leben und Werk des ersten Chefarchitekten Adolf Kolář) Insgesamt waren 2000 Häuser abzureißen. Dies führte zu erbittertem Widerstand von Hausbesitzern und Grundeigentümern, gegen den sich Václav Kolář erfolgreich durchsetzte. Zu dieser Zeit wurde auch mit den Bauten verschiedener Architekten begonnen und Sofia langsam in eine paneuropäische Stadt umgestaltet. Auch Václav Kolář wandte sich dem Entwurf öffentlicher und privater Gebäude zu. Seine Bauten gehören vom Stil her zur Neorenaissance und zum Neobarock.

Nach der Abdankung Fürst Alexanders I. am 7. September 1886 wurde ein Regentschaftsrat eingesetzt. Dessen Vorsitzender, Stefan Stambolow, verfolgte eine dezidiert russlandfeindliche Politik. Von dieser Haltung ging er auch später als Ministerpräsident (1887–1894) nicht ab. Darunter hatte auch Václav Kolář zu leiden. Er überlegte in sein Heimatland zurückzukehren, übernahm aber, nach Abschied von Stambolow, die Bauleitung der Alexander-Newski-Kathedrale an. 1894 schenkte er seine archäologische Sammlung dem Museum in Hořice v Podkrkonoší.Nikolay Brankov, 2021, S. 300 Die letzten Jahre seines Lebens arbeitete er für ein privates Unternehmen.Eliza Iltschewa, 2018, S. 20

Als er am in seinem Haus in Sofia an Pneumonie verstarb, war sein Name nahezu vergessen. Nur die Prager Zeitung Národní politika veröffentlichte einen längeren Nachruf. Er wurde vermutlich im katholischen Teil des Sofioter Zentralfriedhofs bestattet. Die Lage seiner Grabstelle ist nicht bekannt. Da er keinen Erben hatte, kam es dazu, dass sein Nachlass zerstreut wurde.

Sein Leben lang benutzte Václav Kolář die Pseudonyme Adolf, Adolf Václav, Antonin, Antonin Václav oder Jan.: (zheleva-martins.com, 2024; bulgarisch, Übersetzung: Zentraler Militärklub in Sofia) Über die Gründe dafür liegen nur Zeit nur Spekulationen vor.

Bauten (Auswahl) 1878–1895: mini|Denkmal für Wassil Lewski (2006) Denkmal für Wassil Lewski, pl. Wassil Lewski, Sofia (). Kurz nach Ernennung zum Stadtarchitekten schuf Václav Kolář einen ersten Entwurf für ein geplantes Denkmal für Wassil Lewski.Bulgarian Development Bank, 2018, S. 57 1884 richtete die Stadtverwaltung eine Kommission ein, um den Bau zu organisieren. Kolář erarbeitete eine vergrößerte Version, die schließlich genehmigt wurde. Zum Baubeginn 1885 konstatierte man jedoch, dass die Mittel für das Projekt nicht ausreichen und stellte die Arbeiten ein. Erst die 5. Ordentlichen Nationalversammlung (15.10.1887 – 17.12.1889) bewilligte die benötigte finanzielle Unterstützung, so dass das Werk am 22. Juni 1891 fertig gestellt werden konnte. Seine feierliche Enthüllung erfolgte am 22. Oktober 1895.Bulgarian Development Bank, 2018, S. 59–61

1877–1878: Stadtgarten, Sofia (). Der heutige Stadtgarten wurde bereits 1864 von Midhat Pascha als Park eröffnet. Er befand sich vor dem Eingang des Konaks, der später zum Fürstenschloss ausgebaut wurde. 1877 übernahm Václav Kolář die Leitung der Umgestaltung des Bereichs. Dazu gehörte neben einer Neubepflanzung der Bau eines Musikpavillons als auch die Umfriedung mit einem Gitterzaun. Die Eröffnung des nun „Alexander II. Garten“ genannten Parks fand am 4. April 1878 statt.Bulgarian Development Bank, 2018, S. 27–33

1880–1885: Ehemaliges Grand Hôtel Bulgaria, uliza Diakon Ignatij 1, Sofia, heute Bulgarische Entwicklungsbank (). Das Hotel war das erste Haus in Sofia, das Annehmlichkeiten und Service wie vergleichbar Häuser in Mittel- und Westeuropa bot. Es entwickelte sich schnell zu einem Treffpunkt internationaler Gäste.Bulgarian Development Bank, 2018, S. 35–42 Das Gebäude hatte zwei Stockwerke. Seine Fassade ist im Stil der Neorenaissance ausgeführt und zeigt daneben auch neobarocke Ornamente. 1938 wurde der Nachfolgebau am Boulevard Zar Oswoboditel 4 eröffnet. Das alte Gebäude diente seitdem als Geschäfts- und Bürohaus für verschiedene Firmen und Wirtschaftsorganisationen.Administrative Building of Bulgarian Development Bank (gbs-bg.com) Nach längerem LeerstandGabriele Reiterer: „Egal, wie tief die Pfützen sind“ (www.diepresse.com, 2008) übernahm es die Bulgarischen Entwicklungsbank und baute es ab 2007 zu ihrem Firmensitz um. Dabei wurde das authentische Erscheinungsbild der Fassade Václav Kolářs erhalten. Zwischen September 2014 und Oktober 2016 wurde das Bauwerk nach Entwurf von Jeko Tilew um drei Etagen aufgestockt. (govoriotkrito.bg, 2021; bulgarisch, Übersetzung: Die Bulgarische Entwicklungsbank kaufte ein historisches Anwesen im Zentrum von Sofia für einen Rekordpreis von über 3000 Euro/m2.)

1885: Kriegsministerium, heute Verteidigungsministerium, ul. W. Lewski 3, Sofia (). Das Ministerium wurde als zweistöckiger Bau errichtet.Grigor Doytchinov & Christo Gantschev, 2001, S. 147 Sein heutiges Erscheinungsbild erhielt es, als es zwischen 1939 und 1945 von den Architekten Iwan Wassilow und Dimitar Tsolow umgebaut wurde.Verteidigungsministerium (about-sofia.com)

1885–1888: mini|Erster Bahnhof von Sofia (1907) Erster Bahnhof Sofia, bul. Knjagina Marija-Luisa 102, Sofia (). Das Empfangs­gebäude wurde von Václav Kolář in Zusammenarbeit mit Václav Prošek, dessen Bruder Bogdan Prošek und Todor Markow im Stil der Neorenaissance entworfen. Der Bahnhof wurde am im Rahmen einer Feier eröffnet.Bulgarian Development Bank, 2018, S. 21–25 Nach 1908 wurde das Gebäude mehreren Erweiterungen unterzogen. Es überstand die Bombardierung im Zweiten Weltkrieg nahezu ohne Schäden. Zu Beginn der 1970er Jahre fasste man einen Neubau ins Auge. Der neue, von Milko Betschew () und Swetosar Brankow () im Stil des Brutalismus entworfene Hauptbahnhof wurde am 6. September 1974 im Rahmen eines Festakts dem Verkehr übergeben. (socbg.com, 2024; bulgarisch, Übersetzung: Wie vor 50 Jahren der neue Bahnhof von Sofia gebaut wurde)

1886: Haus von Georgi Georgow, bul. Knjas Aleksandăr Dondukow 13, Sofia (). Bauherr war der wohlhabende Händler und Direktor der Versicherungsgesellschaft "New York". (www.archdesign.info, 2018; bulgarisch, Übersetzung: Architekt Adolf Václav Kolář – der erste Chefarchitekt von Sofia ab 1878) Das Haus wurde 1909 durch den Architekten Karl Heinrich aufgestockt. Aufgrund des bekrönten Turms ist es als "Haus mit der Krone" bekannt. (terminalno.bg, 2018; bulgarisch, Übersetzung: Das Haus mit der „Krone“ und die Geschichte der jungen Bulgaren, die ihr Schicksal beherrschten)

1887: